29.06.2009
Autor: Ronald Schild: MVB-Geschäftsführer
Rubrik: Kopierschutz
Piraten lieben DRM
Ein mutiges Statement, werden Sie möglicherweise nun sagen, und widersprüchlich noch dazu. Aber ist es wirklich ein Widerspruch, Kopierschutz als förderndes Element von Piraterie zu betrachten?
Treten wir doch mal einen Schritt zurück und übersetzen das, was wir dem Kunden mit DRM (Digital Rights Management) zumuten, in die Welt der gedruckten Bücher. Stellen Sie sich vor, Sie kaufen ‘The Road’ von Cormac McCarthy (was ich Ihnen unbedingt empfehlen möchte, unabhängig von Ihren Ansichten zu DRM) als Hardcover in Ihrer Buchhandlung vor Ort. Der freundliche Buchhändler klärt Sie darüber auf, dass Sie das Buch an maximal drei Familienmitglieder weitergeben können, nicht aber an andere Verwandte, Freunde oder Bekannte. Darüber hinaus können Sie das Buch noch nicht auf dem Weg nach Hause in der U-Bahn lesen, weil Sie es erst über eine kostenfreie Hotline registrieren müssen. Letztlich bekommen Sie den Hinweis, dass das Buch mit einem neuen Spezialdruckverfahren hergestellt wurde, das das Kopieren auf Fotokopierern unterbindet. Dummerweise können Sie das Buch daher nicht mehr bei besonders hellem Licht lesen und sollten Ihre Leselampe leicht dimmen.
Was Sie vielleicht spontan als unsachliche Verunglimpfung der DRM-Technologie empfinden werden, ist aber genau das, was wir dem Kunden antun: Während das Einschränken der Kopiervorgänge möglicherweise bei E-Books noch nachvollziehbar wäre, ist der technische Aufwand für den Kunden schlichtweg eine Zumutung. Selbst computeraffine Menschen haben immer wieder Probleme, kopiergeschützte E-Books zugänglich zu machen. Und wir sollten uns darüber klar sein, dass nach wie vor nur eine verschwindend geringe Zahl an Lesegeräten Kopierschutz überhaupt unterstützt.
Sie werden nun möglicherweise sagen, dass doch auch die Geschäftsmodelle von Apple und Amazon hervorragend mit Kopierschutz funktionieren. Dem sei auch in keiner Weise widersprochen. Allerdings haben wir es hier mit geschlossenen Systemen zu tun, bei denen Shop-System, Content und Endgerät aus einer Hand kommt. Nur in einem solchen Ökosystem funktioniert DRM problemlos – und hat für die Anbieter den nicht uninteressanten Nebeneffekt, dass nicht nur die Inhalte, sondern auch die Kunden geschützt sind. Diese können (vereinfacht dargestellt) nur im Shop dieses einen Anbieters kaufen und die E-Books auch nicht auf die Endgeräte anderer Hersteller übertragen.
Inwiefern profitieren nun Raubkopierer von DRM? Nun, die Antwort liegt auf der Hand: Raubkopierte E-Books (die im Übrigen heute schon flächendeckend vorhanden und praktisch nie Raubkopien von elektronischen, sondern immer von gedruckten Ausgaben sind) unterliegen keinerlei Kopierschutz. Sie können frei von jeden Beschränkungen genutzt und ohne Installations- bzw. Kompatibilitätsproblemen auf jedem Lesegerät gelesen werden. Und sie sind kostenlos. Nun erwartet man von seinen treuen, rechtmäßig handelnden Kunden, dass sie für ein Produkt mit signifikanten Einschränkungen auch noch fast den gleichen Preis wie für die gedruckte Ausgabe zahlen. Wie sollen wir das unseren Kunden erklären?
Sollten wir nicht vielmehr darüber nachdenken, wie wir unseren Kunden den legalen Download schmackhaft machen? Sollten wir nicht eher jede Hürde beseitigen, die zwischen unseren Kunden und unseren Büchern steht? Sollten wir denjenigen Kunden, die ohnehin bereit sind, für Inhalte zu bezahlen, einen Vertrauensvorschuss geben?
Bei libreka! akzeptieren wir durchaus, dass Verlage gezwungen sind, DRM zu verwenden. Teilweise ist es die Natur der Titel, teilweise bestehen Autoren oder Agenten auf Kopierschutz. Daher bieten wir den Verlagen auch ab Mitte Juli an, ihre Titel DRM-geschützt zu verkaufen. Unsere Empfehlung könnte aber klarer nicht sein: Verzichten Sie auf DRM und versehen Sie Ihre E-Books mit einem psychologischen Kopierschutz, dem Wasserzeichen.
Fortsetzung folgt.
Ronald Schild


13 Kommentar/e
Schade auch, dass Sie als Geschäftsführer offensichtlich eine Minderheitsposition in Ihrem eigenen Verband vertreten bzw. es zumindest nicht gelungen ist, die von Ihnen repräsentierten Verlage von einem leserfreundlichen Vorgehen zu überzeugen. Sollte das überhaupt gewünscht sein (s. Link).
Viele Grüße
Johannes Haupt
DRM hat auf dem Musikmarkt versagt - und genau den Effekt gehabt, den der Autor des Blogs beschrieben hat. DRM geschützte Dateien wirkten Verkaufsabschreckend - und nicht wenige haben dann doch lieber auf die frei verwendbaren mp3s aus den Tauschbörsen zurückgegriffen.
Nun rudern alle zurück: es gibt mp3s allerorten - aber der angerichtete Schaden wird noch lange nicht wieder gut gemacht. Kunden, die es erst einmal gewöhnt sind, etwas umsonst zu bekommen und mit den Tauschbörsen erfahren sind, werden die Gewohnheit beibehalten.
Warum nur will man die Erfahrungen mit ebooks unbedingt noch einmal machen?
Der Weg, die Kunden zum Kauf zu animieren geht nicht über DRM sondern über Kaufanreize, z.B. Zugang zu Internetseiten, Experteninformationen, Blogs oder Diskussionsforen - nur so als Beispiel.
Apple und Amazon verzichten bei ihren MP3 Downloads inzwischen auf DRM. Und auch andere Firmen wie Microsoft oder Yahoo haben festgestellt, dass der Aufwand den sie (also die Hotlines) damit haben kaum zu finanzieren ist.
Und das DRM Probleme mit dem Kindle macht kann man wunderbar in diesem Blog nachlesen. Einfach zum totlachen, was da passiert.:
http://www.geardiary.com/2009/06/19/kindles-drm-re ars-its-ugly-head-and-it-is-ugly/
Sie haben übrigens das Paradebeispiel dafür, daß man mit freien Ebooks (also ebooks, die weder DRM noch Wasserzeichen besitzen) hervorragend Geld verdienen kann, nicht erwähnt - den amerikanischen Spartenverlag Baen Publishing und sein Portal Webscription. (Links am Ende des Beitrags)
Dieses Portal gibt es bereits seit 10 Jahren, und von Anfang an hat Baen seine Bücher dort ohne DRM und zu hochattraktiven Preisen verkauft
(gedrucktes Buch im Hardcover: 26-28 USD; zeitgleich erscheinendes ebook: 6 USD; die Produktion eines Monats (5-7 Titel, davon 3-4 echte Neuerscheinungen, der Rest von der Backlist) für 15 USD; Advance Reader Copies - also ebooks, die auf dem unredigierten Text beruhen und bis zu 5 Monate vor der Papierausgabe erscheinen) für ebenfalls 15 USD usw.) - und nicht nur das Portal wächst und gedeiht; auch der Absatz der gedruckten Werke läßt nichts zu wünschen übrig ...
Natürlich könnte man jetzt einwenden "Baen ist ein SciFi- bzw Fantasy-Verlag, der eine ganz spezifische Klientel anspricht; mit den Lesern, die sich z.B. Bücher von Günther Grass kaufen, würde das nicht funktionieren" - aber ich glaube, da unterschätzt man die Leser von, z.B., Günther Grass, ganz gewaltig. Es käme halt nur auf einen Versuch an - und die betreffenden Verlage (und Autoren) müßten bereit sein, in Vorleistung zu treten und auch mal etwas zu riskieren - aber ich bin mir ziemlich sicher: das Ergebnis nach, sagen wir, einem Jahr, würde den "Zauderern" regelrecht ins Gesicht springen (jedenfalls, solange die betreffenden Verlage und Autoren einen solchen Versuch nicht gerade hintenrum blockieren).
Hier nun die versprochenen Links
Baen-Homepage: http://www.baen.com
Webscription-Homepage: http://www.webscription.net
DRM behindert den ehrlichen Kunden und für Raubkopierer ist es kein Problem das DRM zu entfernen.
Es gibt auch deutsche eBook Shops die das schon kapiert haben (siehe http://www.ebook-journal.de/alle-ebooks-ohne-drm )
Das hat aber gedauert, bis diese Aussagen in dieser Klarheit zu lesen waren.
Ich freue mich - und weiter so.
wie haben vor kurzem alle eBooks mit DRM aus unserem ebook Shop entfernt und immer mehr Verlage sind inzwischen bereit diesen kundenfreundlichen Weg mit zu gehen.
Warum sollte ich es also gegen Bezahlung hinnehmen untrennbar mit dem erworbenen Buch verbunden zu sein? Was wenn ich es weiterverkaufen oder verschenken möchte? Was wenn es verloren geht? Wie Sie selbst bereits anmerkten fehlt den Verlagen schlicht das Vertrauen in die eigenen Kunden und die Annahme technischen Fortschritts. Digitalisierung *ist* Kopieren.