Piraten und die Psychologie von DRM

In meinem letzten Blog-Beitrag (Piraten lieben DRM) habe ich dargestellt, warum eine ‚hartes’ Digital Rights Management (DRM) Raubkopieren eher fördert als verhindert. Welche Optionen haben nun Verleger? Den Content komplett ungeschützt ins Netz stellen und somit ein ziemlich gewagte Wette auf ihren Verlagsumsatz eingehen? Oder erst einmal abwarten und weiterhin nur P-(Print)-Books verkaufen? VON IHR RONALD SCHILD

Natürlich kann es keine Lösung sein, naiv auf das Gute im Menschen (es sei mir verziehen, dass ich das ‚Gute’ in diesem Zusammenhang auf die Zahlungsbereitschaft für Geistiges Eigentum einenge) zu vertrauen und E-Books ohne jeglichen Schutz ins Internet zu stellen. Genau aus diesem Grund hat libreka! schon immer für ein psychologisches DRM geworben und dies für das EPUB-Format sogar erst entwickelt.
 
Was heißt nun psychologischer Kopierschutz? Kurz zusammengefasst handelt es sich um eine Kennzeichnung des Dokuments (Watermarking), mit der sich der Käufer identifizieren lässt. Dieses Wasserzeichen wird für jedes E-Book individuell generiert und in verschiedenen Formen eingebaut: sichtbar und unsichtbar.
 
Das sichtbare Wasserzeichen stellt ganz explizit dar, dass dieses Buch registriert und der Käufer identifizierbar ist. Der sichtbare Eintrag ist das eigentlich Psychologische an dieser Form von DRM: es führt dem Nutzer klar vor Augen, dass er eine persönliche Kopie in den Händen (oder eher: im Lesegerät) hält.
 
Weil das sichtbare Wasserzeichen klar erkennbar ist, kann es mit einem gewissen Maß an Hacker-Energie und bestimmten Methoden auch entfernt werden. Bei dem neuen Branchenstandard EPUB ist dies sogar noch einfacher als beim PDF-Format, weil sich bei ersterem um eine reine Textdatei handelt, die wie jedes Word-Dokument bearbeitet werden kann. Aus diesem Grund wird das sichtbare durch ein unsichtbares Wasserzeichen ergänzt. Es ist offensichtlich, dass letzteres deutlich schwerer zu finden ist und damit das E-Book sehr viel sicherer macht.
 
Aber wie kann ein unsichtbares Wasserzeichen in eine EPUB-Datei integriert werden? Hier hat die MVB das weltweit erste Verfahren entwickelt, wie durch nicht sichtbare Textmanipulationen (der Leser sieht lediglich den Originaltext) ein Wasserzeichen im Dokument kodiert werden kann, so dass hier ein sogar noch höherer Sicherheitsstandard als beim PDF erreicht wird.
 
Verhindert ein psychologisches DRM das Kopieren? Technisch gesehen: nein, soll es aber auch nicht. Ein psychologisches DRM vermittelt lediglich das Gefühlt, ein persönliches E-Book zu besitzen – und erlaubt im Nachhinein den Verursacher von Raubkopien zu ermitteln.
 
Um es mit einer Analogie zu vermitteln: Das psychologische DRM funktioniert wie eine Diebstahlsicherung im Kaufhaus. Natürlich kann ein versierter Ladendieb den auf der Ware angebrachten Chip, der den Alarm am Ausgang auslöst, entfernen und so die Ware stehlen. Aber der Großteil der Ladendiebstähle, die aus Gelegenheit, Impuls oder anderen Beweggründen geschehen, werden auf diese Art wirksam unterbunden. Und wer mutet es heute dem Kunden noch zu, beim Verlassen des Ladens die Tasche durchsuchen zu lassen?
 
Zurück zum E-Book: Psychologisches DRM bietet keine 100 %-ige Sicherheit, ebenso wenig wie ein ‚hartes’ DRM. Es belohnt vielmehr den ehrlichen Kunden, indem er (immerhin ein Kunde, der für geistiges Eigentum zahlen möchte) ein vollfunktionales, einfach zu bedienendes E-Book erhält. Und es stellt für den Verlag die bestmögliche Balance zwischen Schutz vor Raubkopien und Kundenorientierung dar.
 
Ich freue mich auf eine angeregte Diskussion

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6 Kommentar/e

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  • Steve Jones

    Steve Jones

    Erfolgreich im Einsatz auf comicstars.de! Kopiert wird leider immer. Aber gibt man auch etwas freiwillig jedem Preis was man wirklich Besitzt? DRM nimmt dem Kunden das Gefühl Herr über sein Eigentum zu sein. Ein Wasserzeichen verstärkt eher das Gegenteil! Wenn mein Name darauf ist, gehört es mir. Und meine eMailadresse oder ähnliches möchte ich ja nun auch nicht einfach einer Tauschbörse hergeben.

  • Dirk Fleckenstein

    Dirk Fleckenstein

    Wie schon der letzte Blog-Beitrag (Piraten lieben DRM) bringt auch dieser Artikel die ganze Diskussion um das Thema DRM endlich in die richtige Richtung.

  • Hans-Jörg

    Hans-Jörg

    Vorweg: Dieses 'weiche' DRM würde mich tatsächlich nicht vom Kauf abhalten, insofern ist es schon einmal lobenswert, wenn es von Herrn Schild zur Diskussion gebracht wird.

    Trotzdem halte ich auch diese Form des DRM für überflüssig und eine unnötige Ressourcenbindung. Die negativen Folgen für den Kunden entfallen, aber wo sind die Vorteile?

    Erstens kann ich mir schlecht vorstellen, dass diese unsichtbaren Markierungen nicht mit ein bisschen Forscherdrang in einem ePUB-Dokument zu finden sind. Zwei gleiche Bücher von unterschiedlichen Käufern vergleichen, und man ist schlauer.

    Zweitens sind eBooks kein materielles Produkt. (Entschuldigung, das weiß jeder.) Indem ich dreißig, fünfzig, siebzig oder sogar neunzig Prozent der Feierabend-Piraten davon abhalte, die Datei zu vervielfältigen, verringert sich die Verbreitung illegaler Kopien nicht im gleichen Maße. Theoretisch genügt ein geknacktes Exemplar, um ein Werk in jeder Tauschbörse und jeder Suchmaschine auffindbar zu machen, und dieses Exemplar kann nach wie vor einer eingescannten Druckfassung entstammen.

    Also, so schön es auch ist, wenn für den ehrlichen Käufer die Restriktionen des harten DRM entfallen, den psychologischen Effekt sehe ich doch größtenteils auf Seiten der Verlage. Da können sich die ängstlichen Naturen damit beruhigen, dass ihre Werke DRM-geschützt sind, auch wenn es - wie bei der harten DRM - nichts bringt.

    Nach wie vor schwingt bei dem weichen DRM die Unterstellung mit, man müsste den ehrlichen Käufern ein paar Hindernisse in den Weg legen, damit er das gekaufte Werk nicht vervielfältigt. Die Nutzbarkeit leider nicht mehr unter dem DRM, sensible Naturen könnten sich jedoch weiterhin an diesem grundsätzlich entgegengebrachten Misstrauen stören.

  • Thomas Knip

    Thomas Knip

    Oh, das ist bei einer so offenen Einstellung gar nicht einmal einfach, darüber zu diskutieren.

    Ist ein weiches DRM nicht eher ein psycologisches Placebo für die Verlage?
    Denn solch ein Wasserzeichnen stellt doch nur fest, wer der Käufer des E-Books ist. Es verhindert aber in keinster Weise Kopien, auch unbeabsichtigte, falls man einem Freund einmal den Reader ausleiht oder dieser Freund auf den eigenen PC zugreift, sich die Dateien herunterkopiert und frei verteilt. Will man denn dafür dann den Erstkäufer haftbar machen? Das wird schlecht möglich sein. Also wozu sich überhaupt die Mühe machen, selbst einen weichen Kopierschutz zu implementieren, der genauso wie ein harter Kopierschutz de facto keinen wirklich wirksamen Schutz darstellt?

    Und an das Gute im Menschen glauben Buchhändler bereits seit Generationen, indem sie ihre Bücher frei im Laden ausstellen und darauf hoffen, dass z.B. heutzutage in vielen der modernen, großen, weitläufigen Buchhandlungen mit wenig Personal die Kunden die Bücher nicht einfach in die Tasche stecken, sondern sie auch brav an der Kasse bezahlen.
    Jeder Händler muss an das Gute bzw. Kaufwillige im Menschen glauben, sonst hätte sich das Gewerbe als solches in der Menschheitsgeschichte nicht durchsetzen können.

    Und das bereits lange vor dem digitalen Zeitalter.

  • Johannes Gutenberg jun.

    Johannes Gutenberg jun.

    ... und die vielen Bücher in den Leihbüchereien und öffentlichen Bibliotheken werden auch neu psychologisch vercodet?
    Viel Tamtam um die - noch nicht mal ausgereiften - EBooks ...

  • Saskia Schmidt

    Saskia Schmidt

    Ich beschäftige mich gerade auch für meine Studienarbeit im Fach Psychologie mit Thema Raubkopien und Internet und bin beider Recherche auf diesen älteren Beitrag gestoßen. Wie der Autor damals schon richtig erläutert hat, hat dieser "psychologische Kopierschutz" laut vieler Studien tatsächlich dazu geführt, dass die Zahl der Raubkopien zurückgegangen ist (zumindest im nordeuropäischen Raum und den USA).

    Mittlerweile haben einige Verlage schon weitere Formate auf dem Markt gebracht, die das illegale Kopieren verhindern sollen. Man darf also gespannt sein wie sich dieser Markt in Zukunft noch entwickeln wird.

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