Verlage

Georg SiebeckGeorg Siebeck© Harald Schröder

16.07.2009Meinung

Frost kann ihm nichts anhaben

Warum das traditionelle Buch nicht nur schön, sondern auch unschlagbar gut ist. Von Georg Siebeck.

Wir können inzwischen Milliarden Dokumente aus dem Internet herunterladen oder sie in Sekundenbruchteilen durchsuchen. Aber was bekommen wir da zu lesen? Erfreut, erschüttert oder belehrt uns das wirklich? Oder rauscht das eher an uns vorbei oder durch uns hindurch?
Auf das, worauf wir uns wirklich einlassen wollen oder von dem wir uns zusammenhängende Belehrung erhoffen, das lesen wir doch lieber in Form eines persönlich ausgesuchten oder empfohlenen Buches, und zwar aus vielen Gründen.
Begriffe und Zusammenhänge lassen sich erwiesenermaßen besser erfassen und merken, wenn sie mit der stabilen Anmutung des Gedruckten präsentiert werden: Worte eines gedruckten Textes stehen im mehrfachen Sinne des Wortes unverrückbar da. Womöglich deshalb bekommen wir sie besser in unseren eigenen »Langzeitspeicher«.
Wenn es darum geht, längere Texte aufzunehmen, sei es aus Freude oder um sich zu informieren, dann ist ein guter Druck auf geeignetem Papier das Bequemste und Augenschonendste, was es gibt. Die in Jahrhunderten entwickelte Kunst der Typografie, die einen Text »inszeniert« und ihn so dem Leser näherbringt, kommt nur in dieser Form uneingeschränkt zur Geltung.
In seiner Körperlichkeit ist ein Buch, wenngleich das Wichtigste sein Inhalt ist, etwas ganz Reales, das wir anfassen, begreifen können. Sein Material, seine Gestaltung, ja sein Geruch geben sinnliche Qualitätssignale. Ungelesen im Regal ist ein Buch eine stete Aufforderung, es zu lesen, und zwar, je nachdem, wo wir es hinstellen, mehr oder weniger dringend. Ein Lesezeichen in einem noch nicht fertig gelesenen Buch zeigt uns den Fortschritt oder den Punkt des Abbruchs. Und wenn wir darin lesen, können wir es uns tätig aneignen, indem wir darin anstreichen oder Notizen anbringen.
Ein gedrucktes Buch bildet eine dauerhaft verbundene Einheit. Es lässt einzelne Sätze in ihrem vom Autor bedachten Zusammenhang; sie herauszureißen, erfordert einige Anstrengung: Wer etwas herausnimmt, zerstört das Buch. Deshalb möchten Autoren in der Regel, dass aus ihrem Manuskript ein »richtiges« Buch wird.
Schließlich ist das gedruckte Buch auch die bewährte Form, Gedanken und Fantasien über die Jahrhunderte dauerhaft festzuhalten. Frost kann ihm nichts anhaben, Hitze und Feuer nur, wenn sie länger einwirken. Vor allem aber kann es auch nach Jahrhunderten noch von jedem problemlos gelesen werden, der überhaupt lesen kann.
Auf Textdateien oder Datenbanken trifft das alles nicht oder nur eingeschränkt zu: Sie lassen sich nicht anfassen, sie riechen nicht, sie nehmen keinen sichtbaren Platz ein, sie präsentieren ihren Text mit weniger Schärfe und Kontrast und in liebloser Automaten-Typografie, sie lassen höchstens maschinelle Notizen zu, sie laden zum »Copy & paste« geradezu ein und ihre Lesbarkeit in der Zukunft hängt von sehr viel komplexeren Voraussetzungen ab. Sie sind zwar um Klassen maschinengerechter, aber eben auch um Klassen weniger menschengerecht.
Ich will nicht als Maschinenstürmer missverstanden werden. Es gibt Arten von Veröffentlichungen, die früher als Bücher erschienen und die heute besser als Datenbanken oder auch als lineare Dateien zugänglich gemacht werden sollten: Telefon­bücher, auch Kursbücher und Bibliografien mussten in schneller Folge neu gedruckt werden, um mit der Änderung der Angaben Schritt zu halten.
Für unsere Herzensbildung sowie für unseren über das Schlucken von Einzelergebnissen hinausgehenden Fortschritt der Erkenntnis müssten wir so etwas wie das gedruckte Buch aber schleunigst erfinden, wenn wir es nicht schon hätten. Es wird deshalb nach wie vor für viele das maßgebende Medium sein und bleiben: für viele Autoren, für viele Leser und auch für viele Verlage.

Artikelservice

Anzeige

6 Kommentar/e

1. Volker Hühn 16.07.2009 16:40h

Lieber Herr Siebeck,
Gratuliere! Ein kluges Wort gegen den Strom. So wie man das von Ihnen erwarten darf.
Ihr
Volker Hühn

2. ebook-freund 17.07.2009 08:54h

Sehr geehrter Herr Siebeck,
Sie schreiben: "das gedruckte Buch ... wird deshalb nach wie vor für viele das maßgebende Medium sein und bleiben: für viele Autoren, für viele Leser und auch für viele Verlage."

Das Problem ist nur: die überwiegende Zahl der Leser, für welche das gedruckte Buch eine - ja, nennen wir es ruhig so - Herzensangelegenheit ist, sind heute schon mindestens 40 Jahre oder älter - und werden allein deshalb irgendwann nicht mehr zur potentiellen Kundenschicht der Verlage zählen, weil sie gestorben sind. Nachfolgende Generationen sind bei weitem technikaffiner aufgewachsen und lassen sich von Internet, ebook etc bei weitem nicht so abschrecken, wie das bei vielen Mitgliedern der älteren Generationen immer noch der Fall ist. Dem müssen die Verlage Rechnung tragen, wollen sie ihr langfristiges Überleben sicher stellen - und das geht imho nur, wenn sie die neuen Möglichkeiten, die sich durch die technische Entwicklung vor allem der letzten 20 Jahre aufgetan haben, nicht als Bedrohung und Gefahr, sondern als Chance begreifen, die es mit beiden Händen zu ergreifen und festzuhalten gilt. Denn ansonsten wird es ihnen über kurz oder lang ergehen wie den Pferdekutschen, die vom allgegenwärtigen Anblick auf den Straßen bis ins frühe 20. Jahrhundert hinein heute zu einer echten Rarität geworden sind ...

3. Dr. Andreas Selling 17.07.2009 10:45h www.hubertundco.de; www.e-cademic.de

Sehr geehrter Herr Siebeck,

ein schöner Beitrag, dem in vielen Punkten zuzustimmen ist. Balsam auf der Seele, nicht nur von Autoren, Lesern und Verlagen, sondern auch von denen, die sich wie wir um die Produktion des traditionellen Buches kümmern.

Wichtig finde ich Ihren Hinweis auf das Buch und den Text als zusammenhängendes Ganzes. Das scheinen die XML- und Datenbank-Freaks manchmal zu vergessen: Nicht alles kann häppchenweise und beliebig kombinierbar aufbereitet werden; ein über Seiten und Kapitel entwickelter Gedanke ist keine Salami. Manchmal muss man sich halt auch auf längere Texte einlassen, und manchmal tut diese Anstrengung auch weh im Kopf. Das ist zwar auch mit E-Books möglich, wird aber im Digitalisierungs-Hype, in dem jeder Gedanke zum multimedial verwertbaren "Content" wird, gelegentlich vernachlässigt.

Beides hat seinen Platz, das digitale und das Printmedium (weswegen wir als „traditioneller“ Buchhersteller unseren Kunden auch bald die Produktion und den Verkauf von E-Books anbieten). Daraus, wie der Beiträger ebook-Freund, quasi einen Generationenkonflikt zu machen, in dem die über 40-Jährigen (die ja ohnehin bald aussterben!) als ewig-gestrige Traditionalisten abgestempelt werden, ist schon ein wenig flach.

Dr. Andreas Selling
Hubert & Co, Göttingen

4. ebook-freund 17.07.2009 11:43h

Sehr geehrter Herr Dr. Selling,
ich wollte hier keinen Generationenkonflikt lostreten, wie Sie mir unterstellen, sondern lediglich auf eine nicht wegzuleugnende Tatsache hinweisen. Und es ist nun mal Tatsache, daß unter den Menschen jenseits der 40 (oder, wenn Ihnen diese Altersgrenze als zu niedrig angesetzt erscheint, meinetwegen auch jenseits der 50) der prozentuale Anteil derer, die ganz selbstverständlich mit der Vielzahl der heute verfügbaren informations- und unterhaltungselektronischen Geräten umgehen können und diesen Geräten und den dadurch verfügbaren Möglichkeiten auch positiv gegenüberstehen, deutlich geringer ist als bei denen, welche jünger sind. Das soll um Himmels willen kein Vorwurf sein - die entsprechenden Menschen sind schließlich nicht dafür verantwortlich, in einer Zeit geboren, aufgewachsen und in ihren grundlegenden Lebensanschauungen geprägt worden zu sein, in der man sich unseren heutigen Alltag nicht einmal in den wildesten Träumen vorstellen konnte - aber es bringt auch nichts, davor die Augen zu verschließen. Die Zeit wird kommen. wo ebook-Ausgaben ein genauso selbstverständlicher Teil eines jeden Verlagsprogramms sein werden, wie es heute Taschenbuch- oder Hörbuchausgaben sind. Das zu erkennen und danach zu handeln, wird für die Verlage überlebenswichtig werden ...

5. Georg Siebeck 21.07.2009 19:58h

Ach Du lieber ebook-Freund, der DU Dich nicht zu erkennen gibst: Auch ich habe diesen Text nicht mit Gänsefeder auf handgeschöpftem Papier geschrieben, sondern auf einem Computer. Und selbstverständlich bediene ich mich auch sonst der digitalen Technik, so wie auch der ganze Mohr Siebeck Verlag. Sonst gäbe es den kaum noch. Aber einen Generationenkonflikt sehe ich da nicht. Gerade auch unsere jüngeren Autoren und Leser sind nach wie vor dafür, dass wir Bücher, richtige Bücher machen. Und meine Kinder haben Harry Potter im Original und in der Übersetzung verschlungen, und sie waren nicht die einzigen. Es gibt also einige Millionen Bücherfreaks da draussen in der wirklichen Welt!
Unverdrossen grüßt daher Ihr Georg Siebeck

6. Julia Tillmann 30.09.2009 16:54h

Ein schöner Artikel und spannende Kommentare.

Ich arbeite in einer rechtswissenschaftlichen Bibliothek und habe daher auch mehr mit digitalen Medien als mit Büchern zu tun und finde dies auch effizienter bei der Arbeit.

Privat jedoch geht für mich nichts über ein schönes Buch, ich liebe den Geruch eines neuen Buches, wenn man mit den Fingern die gedruckten Buchstaben fühlen kann oder sich vom Cover inspirieren lässt. Ich bin Anfang 20 und kenne berufsbedingt viele junge Leute die das gedruckte Buch weiterhin bevorzugen.

Fortschritt sollte nicht zur Bedingung haben, dass man den "Ursprung" gänzlich verschmäht... die Schallplatten leben auch noch

Kommentar schreiben

Ihr Kommentar

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.