Hausmittel gegen Piraterie: viele, viele E-Books

Die alte Regel, dass der beste Produkttest das direkte Gespräch mit dem Kunden ist, gilt im Internet-Zeitalter mehr denn je: Vor einigen Wochen habe ich einen E-Book-Reader an einen Bekannten weiter gegeben, der das Leseverhalten testen wollte. Gestern erreichte mich dann eine frustrierte E-Mail, dass mein Bekannter auf dem Weg in den Urlaub sei und sich noch schnell mehrere Romane von Martin Walser auf sein Lesegerät laden wollte – aber keinen einzigen auf libreka! gefunden habe. Natürlich hat er viele interessante E-Books zu Martin Walser gefunden: Biografien, Aufsätze, Briefe und die Friedenspreisbroschüre. Aber eben keinen einzigen Roman!

Eigentlich nicht verwunderlich, denn von Martin Walser wurde noch kein einziges E-Book veröffentlicht. Schade, könnte ich sagen und meinem Bekannten empfehlen, doch einen anderen Autor zu lesen. Doch wird eine solche Antwort einen Kunden zufrieden stellen. Auch wenn bei libreka! mittlerweile eine ganze Reihe von E-Books bekannter Autoren wie Bodo Kirchhoff, Thomas von Steinaecker, Stieg Larsson oder Richard David Precht zu finden sind.

Ein Leser ist nun einmal ein anspruchsvolles Wesen: Wer Walser sucht, will auch Walser lesen. Und genau darin besteht eine gewaltige und von den meisten Verlagen massiv unterschätze Gefahr: Wenn der Kunde Walser sucht, wird er ihn auch als E-Book finden! Wenn schon nicht auf libreka! oder anderen legalen Plattformen, dann eben auf Tauschbörsen oder Download-Sites.

Im Selbstversuch durchgeführt sieht das ungefähr so aus:
Eine Google-Suche nach Martin Walser und dem beliebten Filesharing-Dienst BitTorrent ergibt nahezu 3.000 Treffer. Die Installation einer entsprechenden Download-Software dauert dank ausführlicher Anleitung auf Wikipedia keine 15 Minuten. Und schon geht los mit einem fast vollständigen Angebot. Noch einfacher geht es auf Websites wie ebook30.com. Dort finde ich zwar nicht die aktuellsten Walser Romane, kann aber Werke wie ,Augenblick der Liebe’ oder ,Ein fliehendes Pferd’ sofort, kostenfrei und ohne weitere Software-Installation herunterladen.

Was heißt das nun für Verlage: Jedes Buch, das nicht auch als E-Book veröffentlicht wird, stellt eine erhebliche Gefahr für das zukünftige Umsatzpotenzial des Verlages dar. Dabei ist der entgangene Umsatz (E-Book wird illegal herunter geladen anstatt gekauft) nur der kleinste Teil des Verlustes. Vielmehr gewöhnt sich der Kunde an die Situation, dass er auf illegalen Tauschbörsen ein wesentlich besseres, umfangreiches Angebot vorfindet – und dies noch kostenfrei.

Auch hier zeigt sich wieder, dass das Ignorieren/Wegdiskutieren/Vermeiden des Trends zu E-Books eher das gegenteilige Ergebnis erzielt: Piraterie wird gefördert, die zukünftige Umsatzerosion durch Raubkopien wird verstärkt. Dabei ist die Lernkurve des Internet-Nutzers nicht einmal besonders steil: Man könnte sogar argumentieren, dass das Raubkopieren von Musik bereits gelerntes Verhalten ist. Aber das vielfältige Kundenfeedback auf libreka! zeigt vor allem eins: die Kunden wünschen sich ein einfaches und vollständiges Angebot. Es ist eben nicht vermittelbar, dass Martin Walser fehlt, Bodo Kirchhoff aber fast vollständig vertreten ist. Das würde in keiner noch so kleinen Stadtteilbuchhandlung passieren. Genauso wie Verlage versuchen, in allen physischen Distributionskanälen möglichst vollständig vertreten zu sein, sollten sie dies umso mehr für die elektronischen Kanäle anstreben. Denn anders als in der Welt des gedruckten Buches warten auf jedes nicht veröffentlichte E-Book Dutzende, Hunderte, ja sogar Tausende illegaler Kopien in Tauschbörsen.

Als ,Hausmittel’ für Verlage ließe sich formulieren: das gesamte Programm – Bestseller wie Backlist – möglichst schnell und komplett als E-Books anbieten. Und zu vernünftigen Preisen (hierzu mehr im kommenden Blog-Beitrag).

Ich freue mich auf die Diskussion mit Ihnen
Ihr Ronald Schild

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5 Kommentar/e

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  • Joghurt

    Joghurt

    Genau so sehe ich das auch. Ich würde mir sehr gerne alle meine Bücher in Zulunft als EBooks anschaffen, schon allein, weil sie viel weniger Platz brauchen, wenn ich das erste Mal mit ihnen fertig bin, aber im Moment geht das ja vom Angebot her noch nicht wirklich... :(

    Und ich hoffe sehr, dass sich die Preise dem tatsächlichen Aufwand der Herstellung anpassen, wenn ein EBook zwei ganze Euro weniger kostet als die gebundene Hardcover-Version, dann ist zwar zuerst einmal gut und schön, dass es das Buch überhaupt als E-Book gibt, aber bedeutet das, dass irgendwer keine Ahnung von der Realität hat.

    Ich hoffe sehr, das gibt sich kurz- bis mittelfristig, sonst ist der Büchermarkt die nächste Sparte der Unterhaltungsbranche, in der Vertreiber sich gegenseitig bedauern und Raubkopierern für schlechte Umsatzzahlen veranwortlich machen...

  • Ansgar Warner

    Ansgar Warner

    Eigentlich müsste man von einer doppelten Blockade sprechen: E-Book-Reader sind noch viel zu teuer, und das Angebot an E-Books ist spärlich und auch noch viel zu teuer. Doch auf Dauer wird man sich in Deuschland so das Problem neuer Vermarktungs- und Warenformen nicht vom Hals halten können: genau das zeigen ja inzwischen die "inoffiziellen" Downloads. Mit jedem verkauften Reader steigt der zudem das legitime Bedürfnis der Leserinnen und Leser nach aktuellem digitalem Lesestoff. Dabei gibt es durchaus intelligente Antworten auf das Piraterie-Problem: z.B. kostenlose legale E-Book-Downloads bei einer Buchhandelskette, verbunden mit einem Gutschein für ein preislich um vielleicht 10% ermäßigtes Hard-Cover-Buch beim Kauf bei derselben Kette. Kosten-Risiko: gering. Chancen: riesig. Oder umgekehrt: die Koppelung von HardCover plus kostenlosem E-Book als Zugabe. Nicht jeder E-Reader-Besitzer möchte ja noch zusätzlich einen Rucksack mit aktuellen Bestsellern schultern, wenn es auf zum Strand geht. Kosten-Risiko: Null. Chancen: Groß. Das sind nur zwei Beispiele. Doch was passiert bisher? Nicht mal bei Chris Andersons Bestseller in spe "Free" wird in Deutschland mal etwas ausprobiert. Statt dessen: Griff in die marketingtechnische Mottenkiste. "E-Books sind ein Vertriebskanal, kein Marketinginstrument", heißt es beim Campus-Verlag, der "Free" im September auf deutsch herausbringt. Ich habe noch mal genau hingeschaut: die Online-Beauftragte hatte weder eine Augenklappe noch einen Papageien auf der Schulter. Trotzdem war der Satz perfektes Marketing für ganz andere Vertriebskanäle als die des Campus-Verlags...

  • Molly chills

    Molly chills

    Ich verstehe nicht, warum illegale Plattformen so gelobt werden. Mein Versuch sieht folgendermaßen aus:
    Ich habe auf ebook30.com nach 4 verschiedenen deutschen Büchern gesucht und kein einziges wird als eBook angeboten (z.B. Verblendung von Stieg Larsson). Ich habe auch nicht gefunden, dass man irgendwo die Sprache einstellen kann, um gezielt in deutschen eBooks zu stöbern. Selbst die Suche nach Krimi liefert nur 4 Treffer. Außerdem poppt bei jeder neuen Suche ein weiteres Fenster auf, wonach man gerne meine Handynummer orten würde.

    Ich kann da nichts mit anfangen und finde die Plattform sehr unübersichtlich und nervig. Illegale Plattformen sind nicht der Weisheit letzter Schluss und können für mich persönlich mit guten legalen Plattformen nicht mithalten.

  • Jürgen Jung

    Jürgen Jung

    @Molly chills
    Wo sehen Sie Lob für illegale Plattformen im Weckruf von Herrn Schild?
    Kommt da nicht vielmehr eine nachhaltige Sorge um die aktuelle Situation zum Ausdruck?

  • Molly chills

    Molly chills

    @Jürgen Jung: Im vierten Absatz bekomme ich den Eindruck vermittelt, dass man bei illegalen Plattformen besonders einfach und bequem eBooks in großer Auswahl bekommt. Mit meinen Versuchen deckt sich das überhaupt nicht. Ich habe den Eindruc, dass deutsche eBooks kaum vertreten sind.

    Von Sorge kann keine Rede sein. Ich bin vorwiegend begeisterte eBook-Kundin und habe nur nebenbei einen kleinen eBook-Verlag. Mich hat lediglich genervt, dass meiner Meinung nach illegale Plattformen für eBooks in den Medien zu positiv wegkommen. Ich finde z.B. die eAusleihe der Stadtbüchereien sehr viel besser, wo ich kaum Geld ausgebe und aktuelle Bestseller bekomme.

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