Operation gelungen, Patient tot oder Mehr Lust aufs E-Book

Zwei Hauptkritikpunkte sind es, die derzeit immer wiederkehren, wenn sich Kunden und solche, die es werden wollen, zum aktuellen E-Book-Angebot äußern (ganz gleich bei welchem Anbieter):

Das Thema DRM wird zunehmend als Zumutung empfunden und kann als klassisches Beispiel dafür angesehen werden, wie eine vermeintliche Notwendigkeit vom Kunden nicht nur nicht verstanden, sondern auch zunehmend nicht akzeptiert wird.

Nachdem das Thema DRM an dieser Stelle bereits in verschiedenen Beiträgen ausführlich diskutiert wird (wobei ich hoffe, dass die Diskussion noch nicht zu Ende ist) möchte ich aber zumindest noch anmerken, dass ich nur wenige Beispiele kenne, wo es gelungen ist, Kunden zu „erziehen“.
 
Der zweite Kritikpunkt ist – natürlich – der Preis: E-Books werden von den meisten Kunden derzeit noch als deutlich zu teuer empfunden.
Dieses Empfinden ist auf den ersten Blick naheliegend, mutet das E-Book doch wesentlich „schlanker“ und sparsamer an (zumindest was den Materialwert betrifft). Da hilft es wenig, wenn die wenigen Eingeweihten mit viel Plausibilität erläutern können, warum die Herstellkosten für ein E-Book bisweilen genauso hoch sein können wie für ein gedrucktes Buch – von der höheren Mehrwertsteuer einmal ganz abgesehen. Solange der Kunde an seiner haptischen Empfindung festhält (was man nicht anfassen kann, muss ganz einfach billiger sein), wird er sich auch hier schwerlich erziehen lassen. Schon gar nicht, wenn er bis dahin noch wenig Gelegenheit hatte, die Vorteile von E-Books selbst zu erleben und sich an sie zu gewöhnen.
 
Sicher, der Kunde ist König, aber heißt das auch, dass er alles fordern kann? Besteht Anlass zu der Hoffnung, dass es nur einer gewissen Zeit bedarf, bis er sich an die Mechanismen des neuen Marktes gewöhnt (auch wenn das vielleicht ein bisschen länger dauert)? Oder erarbeitet die Branche gerade mit deutscher Gründlichkeit das perfekte Angebot, das zwar allen Erfordernissen der Branchenteilnehmer Rücksicht trägt, das aber auf absehbare Zeit hinaus (und vielleicht eben doch noch etwas länger) keiner haben will? Operation gelungen, Patient tot, nennt man das dann wohl.
 
Der entscheidende Punkt ist doch, dass wir – und damit meine ich die gesamte Branche – eine größere Lust aufs E-Book erzeugen müssen. Und dazu brauchen wir sie in allererster Linie bei uns selbst. Damit meine ich kein Abspulen eines Pflichtprogramms („ja, ja, wir wissen, dieser Markt kommt, also sollten wir auch dabei sein, mal schauen, was wir machen können…“), sondern die Art von Enthusiasmus und Entdeckerfreude, die sich auch davon nicht entmutigen lässt, dass auf absehbare Zeit wohl (noch) niemand mit E-Books allein reich und berühmt wird.
 
Stimmt es, dass ein befristet angebotener kostenloser Download die Chance, den Titel später als E-Book zu verkaufen, hemmt? Oder hilft das sogar? Führt kostenloses online-Lesen eher dazu, ein Buch zu kaufen oder gerade nicht? Und gilt das für gedruckte Titel wie für E-Books gleichermaßen? Kannibalisiert ein E-Book die Printauflage? Und gilt das für alle Warengruppen gleichermaßen? Was passiert eigentlich, wenn man ein E-Book in einem Shop ohne und in einem anderen Shop mit DRM anbietet? Sind die Verkaufszahlen wirklich so unterschiedlich?
 
All dies sind Fragen, deren Antworten uns, und da wiederhole ich mich gern, nicht reich und berühmt machen. Aber noch sind die Fehler, die wir bei ihrer Beantwortung machen und die Lehren, die daraus zu ziehen sind, relativ günstig zu haben. Wir sind erst dabei, die Straßen (sprich: die Vertriebskanäle) zu bauen und wir tun das sinnvollerweise, bevor der Verkehr richtig rollt. Und Experimentierfreude und die Lust am Neuen waren auch in unseren ersten Fahrstunden nicht die schlechtesten Ratgeber – nicht zuletzt, weil uns der Reiz des Neuen eher beflügelt als gehemmt hat.

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8 Kommentar/e

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  • Bernd Sonneck

    Bernd Sonneck

    UVK handelt: Als einer der ersten Verlage überhaupt veröffentlicht UVK ein aktuelles Buch kostenlos komplett online. Es handelt sich um den Band »Humboldts Albtraum. Der Bologna-Prozess und seine Folgen« (UVK 2008) [http://www.uvk.de/buch.asp?ISBN=9783867641296].

    Das Buch kann ab sofort bei Libreka! [http://www.libreka.de/9783867641296/FC] ohne Einschränkungen online gelesen werden.

    UVK testet mit diesem ersten Selbstversuch, ob und wie sich die Möglichkeit, ein Buch uneingeschränkt online lesen zu können, auf den Abverkauf der gedruckten Version auswirken wird. Der Verlag arbeitet darüber hinaus an einem E-Book-Shop, der das Lesen der Bücher auch auf mobilen Endgeräten unterstützen wird.

    Das Buch selbst entwickelt sich übrigens – ganz im Gegensatz zum gegenwärtigen Hochschulstudium – keineswegs zum Albtraum. Laut Libreka -Statistik steht es seit einer Woche auf Platz 1 der UVK-Online-Statistik... Und das, obwohl wir den Selbstversuch vor einer Woche lediglich per dürrer Twitter-Meldung kommuniziert hatten.

  • Stefan Krause

    Stefan Krause

    Siehe dazu eine aktuelle Studie (vgl. http://tinyurl.com/nn6mzh). Wir befinden uns mit E-Books danach in einer sehr frühen Marktphase, weshalb das Experimentieren mit verschiedenen Modellen ein Gebot der Stunde ist. Ich danke Herrn Gerschlauer für seinen Impuls, möge er gehört werden. Mehr Experimentierfreude, mehr Lust am Neuen!

  • Alexander Knopf

    Alexander Knopf

    Aus Kundensicht ist ein ebook eben kein normales Buch. Kann ich ein ebook verleihen ? Kann ich es gebraucht verkaufen, wenn ich nach 1x Lesen kein Interesse mehr daran habe ? Nein !
    Ich würde mir auch wünschen vielleicht etwas phantasievoller an die neuen elektronischen Möglichkeiten ranzugehen. Hätte man ein Abrechnungssystem, dass zum Beispiel das Umblättern mit 1-5 Cent berechnen würde - und sich die Gesammtsumme bis maximal zum normalen Buchpreis hochaddieren würde, hätten Kunden die Möglichkeit zu Hause/unterwegs in Bücher hineinzulesen, ohne sie sofort total kaufen zu müssen. (und es werden für den Verlag Einnahmen generiert, die er normal (in der Buchhandlung) nicht hätte). Ebenso verbesserte Kundenzufriedenheit, da er für ein Buch, dass er nach 20 Seiten nicht mehr weiterlesen will nicht den vollen Preis bezahlen muss.

  • Thomas Rohde

    Thomas Rohde

    Dieser Ruf nach Enthusiasmus, Optimismus und Experimentierfreudigkeit spricht mir aus dem Herzen: Wenn die Branche gegenüber den Konsumenten vor allem als Spaßbremse auftritt, wird das ihrem Ansehen nicht gut tun. Der mächtige Verband der amerikanischen Musikindustrie RIAA macht vor, wie man sich als Branche unbeliebt macht, wenn man neuen Technologien, denen die Verbraucher offener gegenüberstehen als man selbst, vor allem mit Ängsten und Restriktionen begegnet. Arrogante Äußerungen von Branchenvertretern können ja geradezu Lust auf Piraterie machen.

    Sauertöpfisches Auftreten und bremsende Bedenkenträgerei, wie sie in der deutschen Buchindustrie bei E-Book-Themen leider verbreitet sind, ebenso. Insofern täte sich die deutsche Buchbranche mit einer offeneren, positiveren Haltung zur technologischen Innovation tatsächlich selbst einen Gefallen: Wer will, dass die Verbraucher Kunden bleiben, muss freundlich und offen auftreten.

  • Jakob

    Jakob

    Sie haben es auf den Punkt gebracht. Dann fangt mal an, liebe Verlagsmenschen!

  • Volker Oppmann

    Volker Oppmann

    Da kann ich mich meinen Vorrednern nur anschließen! Denn was passiert, wenn ein waches Kundeninteresse ungebremst auf ein nicht vorhandenes Angebot trifft, konnten wir alle lebhaft am Beispiel der Musikindustrie sehen.

    Insofern halten wir es mit Tim Renner: Das Angebot muss attraktiver sein als das der Tauschbörsen – und zwar in erster Linie, was die Qualität und die Nutzerfreundlichkeit des angebotenen Materials anbelangt.

    Denn wenn der Kunde Spaß am Produkt hat, nutzt er es auch und zahlt dafür!

  • occ

    occ

    Die E-Books sind viel zu teuer da kauf ich mir gleich eins was ich in der Hand halten kann

  • Traditionalist

    Traditionalist

    "Der entscheidende Punkt ist doch, dass wir – und damit meine ich die gesamte Branche – eine größere Lust aufs E-Book erzeugen müssen. Und dazu brauchen wir sie in allererster Linie bei uns selbst. ..."

    Ich HABE aber KEINE Lust aufs E-Book .... und will auch keine bekommen ...

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