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11.08.2009Interview mit Egon Ammann

»Es ist besser zu verschwinden als zu verwässern«

Warum die Schließung seines Verlags die sauberste Lösung ist und warum die Suche nach einem Nachfolger ohne Erfolg blieb. Ein Interview mit Egon Ammann

Einen Verlag zu schließen, die Möglichkeit bleibt immer. Gab es wirklich keine Alternative?

Egon Ammann: Der Verlag ist sehr persönlich geführt. Das kann man nicht einfach übertragen.

Liegt in der Aufgabe des Verlags nicht auch ein Scheitern, zumindest das, keinen Nachfolger gefunden zu haben?

Egon Ammann: Ich habe ja einen Nachfolger gesucht, seit fast zehn Jahren und viermal Leute hierher geholt. Immer ohne Ergebnis. Das ist eine andere Generation, die ist das Dienen nicht mehr gewöhnt, den persönlichen Einsatz ohne Rücksicht auf das eigene Wollen. Es ghet nicht darum, Pirouetten zu drehen.

Haben Sie darüber nachgedacht, den Verlag zu verkaufen?

Egon Ammann: Auch das ist nicht so einfach. Der Verlag hätte sich zwangsläufig verändert. So ist es die sauberste Lösung. Zu verschwinden ist besser als zu verwässern.

Es war nie leicht für den Verlag. Sind die Aussichten für ein anspruchsvolles literarisches Programm noch schlechter geworden?

Egon Ammann: Ja, die Verluste sind gewachsen. Es hat eine kulturelle Verschiebung gegeben: hin zu Fun und Fantasy. Davon verstehe ich nichts. Für anspruchsvolle Literatur wird es immer schwieriger. Um erfolgreich zu sein, müsste man neue Wege gehen, sich intensiv mit dem Internet befassen. Ich glaube das wird immer wichtiger. Aber das will ich nicht mehr. Dafür bin ich zu alt. Irgendwann wird es eine Rückbesinnung geben, aber das ist zu spät für mich, das werde ich nicht erleben.

Das letzte Programm erschein tim Frühjahr 2010. Was wird aus den Projekten, die zeitlich darüber hinaus reichen?

Egon Ammann: Die will ich mit und in anderen Verlagen machen.

Ist es ausgeschlossen, dass Sie Ihre Entscheidung noch mal überdenken?

Egon Ammann: Ja, wir haben das reiflich, drei Monate lang überlegt. Es spricht einfach sehr vieles dafür, auch gesundheitliche Gründe. Ich hatte zwei Herzinfarkte.

Wie sehr müssen Sie die misslungen Versuche, einen Nachfolger zu finden, sich selbst ankreiden? War und ist einfach keiner gut genug?

Egon Ammann: Natürlich gibt’s da beide Seiten. Meine Frau sagt immer: »Du alter Patron. Dir haben die anderen nicht genügt.« Wir, meine Frau und ich, haben auf sehr viel verzichtet für den Verlag. Diese Bereitschaft gibt es heute nicht mehr.

Bedauern Sie das auch manchmal, diesen Verzicht?

Egon Ammann: Nein. Wir haben ja die Bücher.

Hätte es der junge Egon Ammann unter dem jetzigen Verleger Egon Ammann geschafft?

Egon Ammann: Ja, ich glaube, ich würde durchkommen durch die Mühle. Ich hatte eine harte Schule. Ich war bei Siegfried Unseld. Der hat mir das Dienen beigebracht.

Sind Sie vielleicht noch strenger als Unseld?

Egon Ammann: Nein. Ich habe viel auf die Mütze bekommen. So viel habe ich nicht ausgeteilt.

 

 

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Interview: Holger Heimann

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Schlagworte:
Ammann, Schweiz

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12 Kommentar/e

1. LISA! Sprachreisen 11.08.2009 12:59h http://blog.lisa-sprachreisen.de/

Egon Ammann ist konsequent und verdient Hochachtung. Seine Handschrift ist nicht übertragbar. Das Alter und die gesundheitlichen Gründe sprechen für den geordneten Rückzug. Allerdings kann man sich als Verlag und Unternehmen auch nicht darauf hinausreden, dass junge Menschen nichts mehr leisten möchten. Sie machen es eben anders, so wie Egon Ammann und Marie Luise Flammersfeld ihren Stil seit vielen Jahren verwirklichten. Dass der Markt für "literarisch anspruchsvolle Innovation und Entdeckungen dramatisch jünger wurden" ist Unsinn. Durch die neuen Medien kommt nur an den Tag, was früher der breiten Masse verborgen blieb. Das Medium Internet ist für viele Verlage die große Möglichkeit ihre Programme erfolgreich zu etablieren.

2. Sue Hallan 11.08.2009 14:33h

Da geht ein Patriarch und wundert sich, dass die Jungen (wasauchimmerdasseinmag) nicht mehr dienen können.
So ein Gelaber. Viele junge Menschen arbeiten wie irre aber für ihre eigenen Ideen oder für Projekte, die ihnen wirklich was bedeuten. Höchstwahrscheinlich hat er den potentiellen NachfolgerInnen zu wenig Raum gelassen.
Naja, halb so schlimm, anspruchsvolle und spannenden Literatur wird weiterhin verlegt werden.

3. Peter Bramböck 11.08.2009 17:59h

Erstaunlich, mit welcher Wortwahl ("Unsinn", "Gelaber") hier auf die Resignation eines verdienstvollen Verlegers reagiert wird. Es bleibt nur die Hoffnung, dass die von Michael Jürgs trefflich gekennzeichneten Seichtgebiete rasch austrocknen...

4. LISA! Sprachreisen 11.08.2009 18:41h http://blog.lisa-sprachreisen.de/

Ref. Peter Bramböck
Auf die Resignation eines verdienstvollen Verlegers wird mit dem Wort 'Hochachtung' reagiert. Unsinn bezieht sich nicht auf das Werk von Herrn Ammann sondern auf seine Schlussfolgerung, dass junge Menschen (also wir) nicht mehr dienen können. Ref. Sue Hallan, das Wort 'NachfolgerInnen' klingt nicht schön, schreiben Sie lieber 'Nachfolger', welches automatisch für Nachfolgerinnen und Nachfolger steht.

5. Antiquariat Marcus Haucke, Berlin 11.08.2009 19:07h

Ein ätzenderer Kommentar als die folgende Meldung: "Thalia legt um 7,5 Prozent zu" ist kaum möglich. Ob das die Frauengruppe lieber hat?

6. Martin Gaiser 12.08.2009 09:48h

Hallo! Wurde das mit dem Dienen schon richtig verstanden? Den Büchern, den Texten, der Kunst dienen ist hier gemeint und somit den Autoren, den Künstlern. Wie irre für die eigenen Ideen und Projekte zu arbeiten, ist ehrenwert, aber eben genau nicht das, was Egon Ammann wohl meint und in seinem Verlag exemplarisch vorgelebt hat. Ich ziehe meinen Hut vor einer der wichtigsten und einflussreichsten Verleger-
persönlichkeiten der vergangenen 30 Jahre (und kann gut auf den Unsinn und das Gelaber der Kommentatoren verzichten; überhaupt: was soll denn der Quatsch aus Kommentar Nr. 5?)

7. suse bal 12.08.2009 10:10h

Ein Verlag ist etwas, das man mit dem eigenen Blut und Schweiß aufbaut. Und das angesprochene "Dienen" bedeutet hier nicht nicht, dem Chef zu dienen, sondern sich der Sache zu beugen und auf vieles verzichten zu müssen und diszipliniert und konsequent ein Projekt bis zum Ende durchzuhalten, damit die Qualität konstant bleibt. Viele Leute, die in Verlagen arbeiten wollen, sehen sich als verhinderte Autoren, und das macht diese Arbeit natürlich im Ammann'schen Sinne unmöglich.
Ich kann das sehr gut nachvollziehen, dass der Ammann Verlag Probleme hatte, einen Nachfolger zu akquirieren: seine eigenen Kinder gibt man eben nicht an andere Eltern ab. Man lässt sie lieber frei...

8. Antiquariat Marcus Haucke, Berlin 12.08.2009 10:59h

Mein Kommentar, lieber Martin Gaiser, hat nichts anderes gewollt, als die Kommentatoren zu kritisieren. Diese haben kein Auge für dies Dienende und die Sorge, welche diese dem „Patriarch“ einfach absprechen. Die Meldung über „Thalia legt um 7,5 Prozent zu“ steht hier nicht mehr in der Folge. Für einen Moment wurde Ursache und Wirkung deutlich, des einen Untergang ist des anderen Aufgang. Wer die bunte Knete von Thalia will (hier ist der Frauenschwachsinn der Bestseller-Listen zu hause) kann mit der buntkräftigen Individualgesetzlichkeit der Ammann nichts mehr anfangen. Eine Kritik des Lesers muß her, nicht nur eine schärfere Kritik der Bücher.

9. Rudermeiser 12.08.2009 12:40h www.rechnr.de

muss schreibt man mit doppelt s Herr Haucke, ihr Beitrag ist sehr fragwürdig...

10. LISA! Sprachreisen 12.08.2009 13:14h http://blog.lisa-sprachreisen.de/

Das Dienen wurde schon richtig verstanden, fragwürdig ist es dennoch zu verkünden, dass junge Menschen einer Sache, einem Werk, einer Idee nicht mehr dienen können.

11. Antiquar M.H. 12.08.2009 14:40h

ad9: Sie müssen vielleicht, ich muß nicht!

12. Joachim Bartholomae 13.08.2009 16:50h www.maennerschwarm.de

Als "erster Diener" hat sich vor längerem bereits ein Preuße unbeliebt gemacht. Ob Herr Ammann auch nur einmal an seine Autoren gedacht hat, deren Werk nach der Liquidierung herrenlos bei der Auslieferung liegt oder verramscht werden wird? Das Verdienst des Verlags besteht in der Backlist, und zur Fortführung literarischer Werke hätte jede noch so halbherzige Nachfolgeregelung mehr beigetragen als diese beleidigte Geste. Ein Ammann-Autor sagte mir, der Verleger sei stets emotional, pathetisch und vage - das Interview ist der beste Beweis dafür. Man sollte ergänzen: und eitel, denn die "Reinerhaltung" seines Lebenswerk ist ihm wichtiger als die Zukunft seiner Autoren!

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