Verlage
04.09.2009Offener Brief von Klaus Sander
"Eure 'Hotlist' ist eine Farce"
Liebe Kolleginnen und Kollegen,so unpassend die Anrede in diesem Fall auch erscheinen mag, führt sie uns doch gleich mitten hinein: Eure selbsternannte "Hotlist" ist eine Farce.
Mehr noch als das, ist sie allerdings eine Respektlosigkeit, ja eigentlich eine Unverschämtheit den zahllosen, nicht in Kenntnis gesetzten unabhängigen Verlagen gegenüber, auf deren Schultern Ihr 20 nun einen Tanz aufführt.
Eine eigentlich gute Idee mit viel Charme und Potential, nach internationalem Vorbild auch hierzulande einen Buchpreis für unabhängige Verlage ins Leben zu rufen, verpufft durch diesen Schnellschuss leider schon im Ansatz.
Formale, ästhetische oder sonstige qualitative Gründe für Auswahl und Erstellung Eurer Hotlist im Namen "der Independents" sind nicht ersichtlich. Genau die werden aber mit einer derartigen Liste suggeriert. Einziges Kriterium war offenbar der schnelle und laute Ausruf: Hier! Icke! (weiss leider nicht, wie man in Hessen sagt) Indie!
Nicht einmal die Kurt-Wolff-Stiftung wurde informiert. Stattdessen Pressemitteilungen lanciert, Händler aufmerksam gemacht, Medienpartner gesucht. Diese springen natürlich dankbar an, verspricht eine "Hotlist" doch endlich eine repräsentative Auswahl im unübersichtlichen Wirrwarr der Veröffentlichungen aus kleinen, unabhängigen Verlagen. Dass es sich stattdessen um eine Selbstermächtigung einiger weniger im Namen vieler vieler handelt, wird verschwiegen.
Lange Rede, kurzer Sinn: Selbsternannte Hotlist-Indieaner - es müffelt.
k.
- 19.08.2009
- Verlage: Die Hotlist 2009 – Empfehlungen der Independents



1. Karl Kraus 04.09.2009 12:51h
"...daß der Tantièmensegen immerzu die Mittelmäßigkeit befruchtet und
daß das Genie die einzige Auszeichnung genießt,
keinen Schiller-, Grillparzer- oder Bauernfeldpreis
(oder wie die Belohnung für Fleiß und gute Sitten
sonst heißen mag) zu bekommen, man ist gewohnt,
es als etwas selbstverständliches hinzunehmen." (gefunden von MH, Berlin)
2. Andreas Reichardt 04.09.2009 14:53h http://www.ubooks.de
Ich sehe das ganz genauso. Besonders die Frechheit sich als Stellvertreter für alle unabhängigen Verlage aufzuspielen ist ein starkes Stück.
Aber solange die Buchhändler diese 'Independents' sehen und meinen, damit wäre der Markt der kleineren Verlage abgedeckt, liegt in der Branche wohl einiges im Argen.
3. Karl Fuchs 04.09.2009 15:24h
Ah, jetzt kommen sie, die wie Herr Sander nach über zwei Wochen schon gemerkt haben, daß es es eine solche Liste gibt. Und meinen, irgendwo gelesen zu haben, daß sich die 20 als Stellvertreter für alle aufgeschwungen haben. Wo, bitte, haben das die "Hotlister" behauptet? Haben Sie da nicht zufällig eine etwas fremde Lesart übernommen?
4. Jerzovskaja 04.09.2009 16:34h http://www.herzglut.com
Lieber Klaus Sander,
Ihren offenen Brief finde ich etwas verbittert: Sollte man den Kollegen und Kolleginnen nicht einfach gratulieren zum frischen Elan?
Etwas Gutes haben Sie aber bewirkt: Ich habe mir Ihr Programm genauer angeschaut und einige Perlen gefunden, die ich mir nun gerne bestelle.
Ich hoffe, Sie finden zurück zum Humor und gehen mit den Kollegen an der Buchmesse das eine oder andere kühle Bierchen trinken. Die Luft im Buchhandel ist ja so schon dick genug, da müssen wir "Independents" uns nicht auch noch gegenseitig beschimpfen.
Gute Grüsse aus der Schweiz,
Jerzovskaja, Herzglut Verlag
5. Löcher im Käse 04.09.2009 18:42h
Jede Liste ist per definitionem Quatsch, weil sie immer unvollständig etc. sein wird und bleibt. - wichtiger und nachhaltiger wäre ein Marketingzusammenschluss der Indies, um eine gemeinsame Markektingplattform zu schaffen, die mit so viel Elan und Spritzigkeit das dumpfbackene Werbekostenzuschuss-fressende Grossbuchhändlertum glatt an die Wand spielt (und wir sehen mit Frohlocken den Untergang der Dinosaurier, denen mehr als Masse nicht eingefallen ist, um den Markt zu erobern und nun merken, dass die Felle davonschwimmen. Gut so). Also: Tut was Gutes für die Indies im Land, die täglich hinter dem Tresen stehen und mit viel Charme und Witz die Kunden zu den Büchern hinführen, die ihr - Indie-Verlage - auch produziert.
6. Brett 04.09.2009 18:43h www.yahuugle.com
Was heißt denn bitter? Ich hatte mir die Liste als Leser angeschaut, in 4 oder 5 Sachen hineingelesen, und war enttäuscht: Soll das die Qualitätsspitze der Kleinverlage sein?! Dann aber gute Nacht. Und insofern trifft die Kritik natürlich, dass hier (zumindest im ersten Anlauf) eine Chance durch Übereiltheit vertan wurde. Die Idee einer partiell gemeinsamen Vermarktung ist gut. Und auf die Qualitätsspitzen aufmerksam zu machen erst recht. Aber da muss man sich auch dem Prinzip der kritischen Auswahl stellen, auch wenn's für einige schmerzhaft wird.
7. Andreas 08.09.2009 23:52h http://www.daswortreich.de
Kulinarisch übersetzt handelt es ich bei der "Farce" um eine Pastetenfüllung, bestehend aus Fisch, Fleisch oder Gemüse. Nun können sich die Köche in der Küche streiten, anbrüllen und mit messerscharfen Worten bedrohen. Wichtig, viel wichtiger jedoch ist, wie diese Literaturpastete dem lesenden Feinschmecker präsentiert wird oder noch besser: Wie neue Gäste hinzugewonnen werden können.