Herta Müller im Porträt

Die Worte perlen und leuchten

Herta Müller hat mit »Atemschaukel« einen atemberaubenden, sprachmächtigen Roman geschrieben, mit dem sie für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Jetzt hat sie den Literaturnobelpreis erhalten. Ein Porträt der Schriftstellerin. VON IRENE BINAL

Herta Müller mit Oskar Pastior

Herta Müller mit Oskar Pastior © Christian Hahn

Wenn man Herta Müller begegnet, fällt vor allem ihre Fragilität auf. Klein ist sie und zart, und fast fürchtet man beim Händedruck, ihre Finger zu zerbrechen. Aber die in Rumänien geborene Autorin hat mehrfach bewiesen, dass dieser Eindruck täuscht. Unter der grazilen Oberfläche schlummert eine erstaunliche Kraft – jene Kraft, die Herta Müller in ihren Büchern in Sprache umwandelt. Wie kaum eine andere Schriftstellerin versteht sie es, mit Worten zu malen, Prosa und Poesie zu vermengen. So auch in ihrem bislang letzten Roman, »Atemschaukel«, in dem sich Müller mit der Deportation der Deutschen in Rumänien auseinandersetzt, mit dem Leben im Lager und den Folgen für die Betroffenen. Ein Thema, das schon in ihrer Kindheit eine große Rolle spielte: »Meine Mutter wurde deportiert, wie alle ihrer Generation. Ich habe als Kind Unterhaltungen mitbekommen und verstanden, dass die Leute verstört waren. Darum hat mich das beschäftigt.«

Herta Müller nippt an ihrem Kaffee und bedauert, dass man im Kaffeehaus nicht rauchen darf. Dann beginnt sie zu erzählen: von der Arbeit an dem Roman, von den Gesprächen, die sie mit Überlebenden führte, und vor allem von der engen Zusammenarbeit mit dem Lyriker Oskar Pastior, die das Fundament und das Gerüst für ihren Roman bildete: »Zuerst wollte ich ihm das nicht zumuten«, erinnert sich Müller, »ich dachte, dieser große Autor wird nicht seine Zeit mit mir verschwenden. Aber dann kamen wir auf das Projekt zu sprechen und er war sofort einverstanden, mir zu helfen.« Drei Tage später besuchte sie Pastior das erste Mal und entdeckte schnell, dass er genau jene Details beisteuern konnte, die ihr bis dahin gefehlt hatten: »Seine ganze Erinnerung basierte auf Einzelheiten. Er hat mir viele Fragen beantwortet, etwa über die Selbstwahrnehmung, wie man sich zu anderen verhält. Wann hört man auf, eitel zu sein? Oder verrutscht die Eitelkeit nur? Gab es im Lager einen Spiegel? Will man sich überhaupt noch sehen? Über all das haben wir gesprochen.«

Pastior erklärte sich auch bereit, mit Müller in die heutige Ukraine zu fahren, wo er damals interniert war. »Ich hatte Angst, dass er zusammenbricht«, erzählt Müller, »dass ich ihn nicht auffangen kann. Aber es geschah das Gegenteil. Ich übertreibe nicht, wenn ich sage, dass er bei diesem Besuch glücklich war. Er hat von ›unserem Lager‹ gesprochen, von ›meinem Kühlturm‹.  Am ersten Abend habe ich geheult, heimlich, damit er es nicht sieht. Weil mich diese Eindrücke erschlagen haben.«
Und so ist auch die Hauptfigur des Romans, der junge Leopold Auberg, an Oskar Pastior modelliert. »Wir haben viele sehr private Gespräche geführt«, sagt Müller und ihre Stimme wird bei der Erinnerung brüchig. »Oskar Pastior ist nicht die literarische Person Leo Auberg, aber wenn ich an Oskar Pastior dachte, konnte ich imaginieren.« Nie zuvor hatte Pastior so direkt über seine Zeit im Lager gesprochen, erst Herta Müller gegenüber konnte er sich öffnen, auch von seinen ständig wiederkehrenden Träumen erzählen, die Müller in veränderter Form in ihren Roman aufnahm: »Er hat mir oft erzählt er habe wieder geträumt, etwa dass er Kekse für das Lager einpacken muss, ganz verrückte Dinge.«

Die Zusammenarbeit nahm 2006 ein jähes Ende als Pastior starb, und noch heute ist es für Herta Müller schwierig, über diesen Tod zu sprechen. Sie rutscht auf die äußerste Sesselkante und hält sich an ihrer Kaffeetasse fest, während sie versucht, die Tränen zu unterdrücken: »Ich konnte erst nach einem Dreivierteljahr weiterarbeiten. Denn ich musste in den Tod von Oskar Pastior hineinschreiben. Er hat mir so gefehlt, ich habe um diesen Verlust so sehr getrauert. Andererseits hat mir das auch Kraft gegeben. Er hat viel Zeit investiert, um mit mir zu sprechen. Darum spürte ich die Pflicht, ihm das Buch zu schenken.«
Diese innere Kraft, die Herta Müller benötigte, um ihr Romanprojekt zu beenden, zieht sich wie ein roter Faden durch ihr Leben. Immer wieder geriet sie in Grenzsituationen, etwa Ende der siebziger Jahre, als sie als Übersetzerin in einer rumänischen Maschinenfabrik arbeitete und eine Aufforderung des Geheimdienstes, mit ihm zusammenzuarbeiten, rundweg ablehnte. Sie verlor ihren Job, wurde als der Spitzel diskreditiert, der sie nicht sein wollte, sah sich endlosen Verhören ausgesetzt, wurde mehrmals auf der Straße aufgegriffen, geschlagen, getreten, bedroht. Dennoch kam es für sie nie in Frage, sich mit dem Regime zu arrangieren: »Ich konnte nicht anders. Ich habe so viel Unglück gesehen, ich hätte nie so tun können, als hätte ich etwas für dieses System übrig. Das ist für mich noch heute das Wichtigste. Aus diesem Impetus heraus sind alle meine Texte entstanden.«

Texte, die sich durch eine Sprache auszeichnen, in der selbst die einfachsten Dinge eine neue Dimension erhalten. »Ich habe meinem Heimweh schon lange trockene Augen beigebracht«, lässt Müller ihren Protagonisten in »Atemschaukel« schreiben: »Und jetzt möchte ich noch, dass mein Heimweh auch herrenlos wird. Dann sieht es nicht mehr meinen Zustand hier und fragt nicht mehr nach denen von Zuhause. Dann sind auch in meinem Kopf keine Personen mehr daheim, nur noch Gegenstände. Dann schiebe ich sie auf dem wunden Punkt hin und her, wie man die Füße schiebt bei der Paloma.« Müllers Sprache perlt und leuchtet, sie setzt eigene Maßstäbe, und umso überraschender ist es, dass Müller selbst ihr nicht unbedingt vertraut: »Ich habe ständig den Eindruck, sie gibt nicht das her, was ich gerne sagen möchte. Manchmal denke ich, sie hätte mich in Ruhe lassen sollen.«

Zum Glück hat die Sprache Herta Müller nicht in Ruhe gelassen, sondern sie gezwungen, immer wieder gegen Gewalt und Diktatur anzuschreiben. Etwa in dem Roman »Der Fuchs war damals schon der Jäger«, in dem sie eine zerstörte Gesellschaft skizziert, in »Herztier«, in dem eine Gruppe Widerstand gegen das Ceausescu-Regime leistet und dafür einen hohen Preis bezahlen muss, oder in »Der König verneigt sich und tötet«, in dem Müller über die politischen und geschichtlichen Bedingungen des Schreibens nachdenkt. »Atemschaukel« reiht sich nahtlos ein, als schonungslose Betrachtung des Lagerlebens, als Versuch, das Schweigen zu brechen, in das sich viele Betroffene geflüchtet haben – und als Hommage an Oskar Pastior, die Herta Müller an ihre Grenzen führte: »Oskar Pastior musste immer aus dem Lager heraus. Und ich musste immer in das Lager hinein, um darüber schreiben zu können. Oft konnte ich gar nichts essen, weil mir das so nahe ging.«

Sie nimmt den letzten Schluck Kaffee, steht auf und greift nach ihrem Zigarettenpäckchen, um gleich vor dem Haus eine Zigarette anzuzünden. Dann plaudert sie noch angeregt mit den vorbeilaufenden Kellnern und wirkt plötzlich ganz jung. Menschen seien wichtig für sie, sagt sie, ohne ihre zahlreichen sozialen Kontakte könne sie gar nicht schreiben: »Ich brauche den Alltag um mich. Diese Balance muss da sein, sonst werde ich sofort in Frage gestellt.« Weshalb sie auch ein höchst ambivalentes Verhältnis zu ihrem Schreibtisch hat und sich gar nicht gern dort niederlässt: »Der Schreibtisch ist ein sehr hinterhältiges Möbelstück. Der heißt schon so, ›Schreibtisch‹, da weiß man genau, was er von einem erwartet.«
Dennoch: die Literatur ist ihre Bestimmung, jene Literatur, der Herta Müller ihren eigenen Stempel aufgedrückt hat. Und so wird sie weiter anschreiben, gegen das Vergessen, gegen Elend und Unterdrückung, gegen Terror und Menschenverachtung, herzzerreißend und ästhetisch, ausdrucksstark und bilderreich. »Ich schreibe keine Historie und keine Zeitzeugenberichte, ich betreibe keine Aufklärung«, fasst sie selbst ihre Arbeit zusammen. »Ich mache Literatur. Ich habe das Problem, dass ich immer wieder besessen werde und Literatur machen muss.«

Auf ein Wort

Sprache hat mir selten den Eindruck vermittelt, dass ich damit etwas für mich erreichen könnte.
Gott  Wenn man nicht an ihn glaubt, dann braucht man etwas anderes
Erinnerungen sind weder gut noch schlecht. Es kommt immer darauf an, inwieweit ich in der Lage bin, sie zu zertrümmern, damit sie künstlich werden und ich sie wieder zusammensetzen kann.
Leben ist das Gegenteil vom Schreiben.
Beschädigungen können nicht aushaltbar sein oder einen hinterrücks an etwas binden
Glück kann tragisch sein

 

Zur Person
Herta Müller wurde 1953 im rumänischen Nitzkydorf geboren. Sie studierte in Timisoara Germanistik und rumänische Literatur. Seit 1987 lebt sie in Deutschland. Sie lehrte an Universitäten im In- und Ausland. Für ihre Arbeiten wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Ihr Roman »Atemschaukel« ist im August bei Hanser erschienen.

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1 Kommentar/e

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  • ralf

    ralf

    Pardon! Wie Perlen tauchen oder schwimmen oder atmen interessiert hier keinen Menschen! Herta Müllers Romane sind grottenschlecht! Sorry! Ein Beckett und sein "Warten auf Godot" würde hier den Kopf schütteln. Die Frage bleibt:
    Warum wird Pseudo-Literatur mit dem Welt-Literaturpreis ausgezeichnet?
    Gut sind Hertas Müller Romane bestimmt nicht! Schreibt hier kein Deutscher besser als dieser Müll?

    • ...

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