27.10.2009
Ersetzen Blogs bald den klassischen Journalismus?
Diskussionsteilnehmer auf der Frankfurter Buchmesse: Dennis Schmolk, Leander Wattig, Veronika Kreitlmeier, Christoph Bläsi, Michael Roesler-Graichen (v.l.)© Hanna Hartberger
Im Idealfall sind Blogger Experten auf ihrem Gebiet. Als Fachleute beschäftigen sie sich intensiver und längerfristig mit der Materie. Augenzeugen und persönlich Betroffene liefern zudem ganz andere Einblicke und Erfahrungen als Journalisten. Der Leser bekommt somit eine Innenansicht geboten.
Gerade aus Sicht der Blogger liefert dieses Angebot auch weitreichende Vorteile. Ohne Einstiegshürde kann ein potentiell breites Publikum erreicht werden. Das weite Spektrum an unterschiedlichen Nutzern macht die Diskussion so interessant und vielfältig, wie kaum ein anderes Medium sie zulässt. Hinzu kommen die ständige Aktualität und die zeitnahe Berichterstattung. Blogs sind nicht zwangsläufig an Erscheinungstermine gebunden. Somit kann stets auf aktuelle Geschehnisse Bezug genommen werden und die Diskussion läuft bereits, bevor die Fachpresse die Möglichkeit hat, in ihren Printausgaben darüber zu berichten.
Wird der klassische Journalismus damit überflüssig?
Auch die Zeitung kann durch die Bereitstellung der Inhalte auf den Homepages ebenso orts- und zeitunabhängig erreicht werden. Außerdem stellt die Fülle des Angebotes und die Menge der ungefilterten Informationen im Internet eine Gefahr dar, die nicht kontrollierbar ist.
Fundierte Fachpresse, gedruckt oder digital, liefert uns objektive, umfassend recherchierte und aufbereitete Informationen. Diese können durch die subjektive Berichterstattung von Bloggern nicht ersetzt werden. Da journalistische Beiträge innerhalb einer Zeitung oder Zeitschrift veröffentlicht werden, erlangen wir über den Wahrheitsgehalt der Meldungen mehr Sicherheit. Auf die Weitsichtigkeit des Journalismus kann also nicht verzichtet werden.
Damit zeigen sich die Grenzen und Chancen dieser beiden Informationsangebote ganz deutlich: persönliche, subjektive Meinung auf der einen und klassische, objektive Berichterstattung auf der anderen Seite. Eigeninitiative und Partizipationsmöglichkeit gegenüber der reinen Information. Kostenlose, schnelle und jederzeit erreichbare Informationen aus dem Netz gegenüber der mitunter teuren, wöchentlich/monatlich erscheinenden Printausgabe der Fachpresse.
Es ist also weder das eine, noch das andere das optimale Angebot. Im heutigen Mediengeschehen spielen beide Möglichkeiten eine wichtige Rolle. Klassischer Journalismus und Blogs müssen stets nebeneinander als Informationsquellen genutzt werden, um einen umfassenden Blick zu erlangen.
Damit zeigt sich die unerlässliche Pflicht des Konsumenten: Selbst aktiv werden, eine bewusste Auswahl angesichts der Fülle des Angebotes treffen, Informationen prüfen und sich trotz der schnellen Informationsmöglichkeit die Zeit nehmen, weiter zu lesen. Vor allem wird aber das Weiterdenken auch in Zukunft oberste Prämisse sein.


1. Franz wanner 27.10.2009 15:54h
1842 sinniert in den Debatten über Preßfreiheit Karl Marx auch über befugte und unbefugte Autoren...
In der FAZ vom 27.10.09 wird über Unverzichtbarkeit multimedialer Dauerpräsenz und deren Technikanforderungen gerätselt...
In Brand eins 11/2009 wird an der omipotenten Informationsfülle der Verlust eigenen Nach-Denkens befürchtet...
und wahrscheinlich hat die grassierende "Reiseliteratur" im 19. Jh nur wenige eigene Reisen ersetzt.
Insofern können sich Blogs und Journalismus ergänzen, aber nicht ersetzen.
Dabei scheint mir gerade die Entwicklungsrichtung der Blogs noch unentschieden, denn wenn über die Meinungsäußerung hinaus Thematik vertieft wird, scheiden viele Teilnehmer aus und das Anliegen wird wirkungslos. Kenntnisgabe allein reicht weder für Journalismus noch Blog aus, weil allein diese schon eine Wirkungsabsicht impliziert, auch wenn diese nicht plakatiert wird.
Die Lyrik um den Obama-Wahlkampf täuscht nicht darüber hinweg, daß Journalismus und Blog ganz unterschiedlichen Öffentlichkeitswelten zugehören und anderen Verantwortlichkeiten folgt. Demnach ist Journalismus heute jedenfalls unersetzbar.
2. Stefan 28.10.2009 06:54h
"Demnach ist Journalismus heute jedenfalls unersetzbar."
Kommt aber auch gleichzeitig immer seltener vor. Das, was sich heute hinter dem Titelblatt einer Zeitschrift verbirgt, wäre vor einigen Jahren noch "Pressemappe" genannt worden...
3. Steffen Meier 28.10.2009 09:15h www.ulmer.de
Die Frage, was qualitativ guten Journalismus ausmacht, ist gerade in letzter Zeit sehr kontrovers diskutiert worden und hängt mE nicht an einem Medium, diese Diskussionspahse sollten wir eigentlich hinter uns haben. Ebenso die Vereinheitlichung subjektiv/objektiv oder gut recherchiert/nachlässig. Dazu habe ich in den letzten Monaten zuviele sehr gute (objektive und gut recherchierte) Blogartikel gelesen...
4. Kathrin 28.10.2009 10:27h
"Dazu habe ich in den letzten Monaten zuviele sehr gute (objektive und gut recherchierte) Blogartikel gelesen... "
Stimmt, es gibt eine große Anzahl gut recherchierter und objektiver Blogeinträge. So stellen viele Autoren, deren Artikel in Printmedien oder auf Seiten der Fachpresse veröffentlicht werden, ihre Meinung auch auf privaten Blogs ins Netz.
Aber um beurteilen zu können, ob ein Blog-Artikel gut recherchiert ist, muss ich selbst zumindest über ein grundlegendes -und möglichst realitätsnahes- Hintergrundwissen zu dem Thema verfügen.
Artikel in Zeitschriften sollte man zwar auch nicht als reinste Wahrheit "schlucken", -der Vergleich mit der Pressemappe hat etwas für sich-, sie durchlaufen vor ihrer Veröffentlichung aber zumindest eine gewisse Qualitätskontrolle.
Blogs stellen für mich eher eine Ergänzung zum professionellen Journalismus dar, durch die man sich weiter über für einen Interessante Themen informiert und verschiedene Positionen vergleichen kann.
5. Frank Krings 28.10.2009 11:42h
"Fundierte Fachpresse, gedruckt oder digital, liefert uns objektive, umfassend recherchierte und aufbereitete Informationen. " In einer idealen Welt - sicherlich. Ansonsten würde ich die "Objektivität" der klassischen Journalisten schon etwas relativieren.
Aber dafür sind Journalisten immer noch die Nr. 1 in der - ich nenn´s mal - "Primär"-Berichterstattung. Während Blogger erst im 2. Schritt die Berichterstattung klassischer Journalisten bewerten, weiterverbreiten usw.
Das liegt auch daran, dass reine Blogger (ohne zusätzlichen Journalisten-Job) einfach kein Geld für ihre Arbeit bekommen. Statt aufwendiger Recherchen können sie nur über die Primärquellen berichten und eigene (oft sehr interessante) Meinungen dazu verbreiten. Ich schätze dass sehr. Aber ohne "Geld für Content" (Nachrichten, Reportagen etc.) gibt´s irgendwann kaum noch originellen Content. Dann können die Blogger nur noch Meinungen produzieren und gegenseitig ihre kommentieren.. ;o)
6. Franz wanner 28.10.2009 13:24h
wenn für den Normalleser schon nicht unterscheidbar ist, was gut, schlecht oder vorgetäuscht ist, bleibt beim Journalisten etwas wie "Berufshaftung", im Blog steht die Spannbreite der Meinungen... damit sollen gute und sorgfältig aufbereitete Blogbeiträge keinesfalls diskreditiert werden.
Ich stelle mir nur (vielleicht etwas albern) die Quellenangaben vor, wenn Zitierungen erfolgen. Oder ist das nicht mehr üblich?
Aber mal anders gefragt, zwischen Sache und Meinung und Meinungsbildung liegen ja Welten und oftmals, scheint mir, wird heute auf eigene Meinungsbildung verzichtet, wenn man sich beliebig passende "borgen" kann... ist Blog mehr als nur Hilfe zur Meinungsbildung, die dann irgendwo anders im Sachalltag wirksam werden kann? Stichwort: Resonanz auf Medieneklat. Mögen Blogs auch sehr hilfreich sein, sie sind auch sehr "heimlich"... Alibi für die Freiheit der Individualisierung bis zur Hilflosigkeit?
7. Steffen Meier 28.10.2009 13:52h www.ulmer.de
@Kathrin:
"Aber um beurteilen zu können, ob ein Blog-Artikel gut recherchiert ist, muss ich selbst zumindest über ein grundlegendes... Hintergrundwissen zu dem Thema verfügen."
Da sehe ich bei dieser Argumentation ebenfalls keinen Unterschied zwischen Zeitung und Blog...
"Artikel in Zeitschriften...sie durchlaufen vor ihrer Veröffentlichung aber zumindest eine gewisse Qualitätskontrolle."
Dazu gab es in den letzten Jahren zu viele Skandale (und das sind ja nur jene Vorfälle, die öffentlich wurden) um schlechtrecherchierte oder schlicht plagiatorische Journalistenbeiträge.
8. Johannes 28.10.2009 21:06h http://www.lesen.net
Spannende Diskussion, die ich um zwei Einwürfe ergänzen möchte.
- zum Thema "Qualitätskontrolle": http://www.stefan-niggemeier.de/blog/geht-sterben-7/
- zum Thema "aus Zeitgründen keine Recherchen": Mit Blogs lässt sich Geld verdienen, immer mehr auch in Deutschland. Mir sind persönlich einige Blogger bekannt, die monatlich mittel bis hoch vierstellige Beträge nach hause nehmen und dann schon aus ökonomischem Eigeninteresse (gute Inhalte =mehr Aufmerksamkeit =mehr Besucher =mehr Einnahmen) Storys vielleicht sogar mehr auf den Grund gehen als angestellte Journalisten, denen ja auch immer mehr Output in immer kürzerer Zeit (zu immer mieseren Konditionen) abverlangt wird
- viele Blogger schreiben primär aus Reputationsgründen schreiben, hier ist eine maximale Qualität sogar Selbstzweck. Ein aktuelles krasses (aber exemplarische)s Beispiel ist hier kaidiekmann.de mit teilweise superspannenden und einzigartigen Inhalten.
Ciao
Johannes
9. Franz wanner 29.10.2009 14:17h
außer der Ergänzungstatsache und den Abwägungen, daß es gute und schlechte Beiträger gibt, stimme ich nicht zu.
Der "Auftrag" zu informieren verbleibt den Journalisten, sollte solch Auftrag als überflüssig erachtet werden, wäre definitiv ein Stück Gesellschaft aus der Sozialität entschwunden...
Dieser "Auftrag" umfaßt auch die Erstinformation zu wesentlichen relevanten Themen gerade auch für Laien und Leute ohne Hintergrundwissen
Und er umfaßt eben nicht irgendeine Form von Selbstdarstellung, was anderswo völlig legitim ist, aus welchen Gründen auch immer basiert...
Und eine "Haftung" für Relevanz und Gewissenhaftigkeit kann ich nicht überall einfordern aber ohne dieses Einfordern eben auch überall unerheblich
und "Geld verdienen"? wer bezahlt da wen und wofür? ich glaube, mit der Güte der Auseinandersetzung mit einem Thema hat das fast nirgendwo mehr etwas zu tun... Kosten und Einkommen sind schon existentiell wichtig, darüberhinaus aber schon wieder völlig belanglos
Die Frage ist immer: worum geht es? (zumindest "noch" , wenn auch nicht mehr für alle)
10. Kathrin 29.10.2009 15:47h
@ Steffen Meier
(Nicht, dass das hier zur Privatdiskussion ausartet aber)
"Dazu gab es in den letzten Jahren zu viele Skandale (und das sind ja nur jene Vorfälle, die öffentlich wurden) um schlechtrecherchierte oder schlicht plagiatorische Journalistenbeiträge."
Zumindest wurden diese journalistischen Fehltritte aufgedeckt und informiert hat -nehme ich an- darüber wiederum die Fachpresse. Bei einem falsch recherchierten oder stark von der Meinung des Autors beeinflussten Blogeintrag könnte der Leser eventuell beim durchlesen der Kommentare oder anderer Blogs zum selben Thema auf fehlende Objektivität aufmerksam werden. Einen "Bloggerrat" -als Gegenstück zum "Deutschen Presserat"- der solche Beiträge herausstellen könnte gibt es im Internet nicht.
11. Dennis Schmolk 29.10.2009 20:01h http://www.anouphagos.com/
Gerade das Problem der Quellennennung ist doch eher ein Problem der Holzmedien: Wer weigert sich denn beständigm Links zu setzen, wenn es um Webthemen geht? Blogger leben davon, FAZ Online oder SPON wollen aber häufig nicht.
Klassische Beispiele für Blogs wie das BILDBlog zeigen, dass die Unterscheidung qualitative, kritische, gut recherchierte Printmedien/schlecht recherchierte meinungsmedien online nicht haltbar ist. Traurigerweise ist es oft genug umgekehrt.
12. Stefan 14.11.2009 10:18h http://lichtecho.blogspot.com/
@Kathrin: "Zumindest wurden diese journalistischen Fehltritte aufgedeckt und informiert hat -nehme ich an- darüber wiederum die Fachpresse."
Ich fürchte diese Annahme ist falsch. Die Fehltritte werden zunehmend und ausschließlich in der Blogosphäre wahrgenommen und thematisiert. Warum sollte ein zunehmend unkritischer Journalismus, der die Fehler begeht, ausgerecht dann wieder kritisch werden, wenn es um die Kollegenschelte geht? Diese Kompetenz ist im Journalismus einfach nicht mehr vorhanden.
"Einen "Bloggerrat" -als Gegenstück zum "Deutschen Presserat"- der solche Beiträge herausstellen könnte gibt es im Internet nicht."
Der Bloggerrat sind die Leser selbst. Das Schöne am Blog ist die Selbstkontrolle durch die Leserschaft. Sehr oft ist es ja auch so, dass erst die Kommentare einen Blogbeitrag interessant machen. Umgekehrt heißt das aber auch, dass Blogs, die keine Kommentare zulassen oder Kommentare zensieren - und zwar aufgrund des Inhalts, nicht der Umgangsform - nicht gelesen werde sollten. Ich habe aber den Eindruck, dass Blogleser da sensibel sind.