Recht
05.11.2009Umfrage
Ein zukunftsfähiges Urheberrecht?
KD Wolff, Stroemfeld Verlag
"Nach den Äußerungen von Staatsminister Neumann (CDU) und Hans Joachim Otto (FDP) im Sommer 2009 ist zumindest zu hoffen, dass ein gewisses Problembewusstsein auch in der neuen Regierung besteht und dass sie, national wie international, insbesondere im Blick auf das Google Settlement, im Bedarfsfall auch handeln wird. – Internetsperren halte ich nicht für das richtige Sanktionsmittel bei illegalen Downloads."
Wulf D. v. Lucius, Verlag Lucius & Lucius
"Dass beim Urheberrecht von hohem Schutzniveau und wirksamer Durchsetzbarkeit die Rede ist, entspricht genau der Richtung, in die wir denken."
Carola Müller, Vandenhoeck & Ruprecht
"Die Äußerungen zum Urheberrecht sind sehr pauschal und unpräzise. Und ich bin mir gar nicht mal sicher, ob diese starren Positionen sehr zukunftsweisend sind."
Rudolf Braun-Elwert, Buchhandlung Elwert, Marburg
"Beim Urheberrecht geht es nicht, wie einst bei den Webern, um den ›Kampf gegen die Webstühle‹, sondern um Diebstahl. Dieses Bewusstsein ist in den Köpfen nicht verankert."
Dorothea Düsedau, Frauenbuchladen, Düsseldorf
"Im Koalitionsvertrag ist von der Weiterentwicklung des Urheberrechts die Rede. Das sind Absichtserklärungen, an die ich keine großen Erwartungen knüpfe."
Gabriele Swiderski, Jumbo Neue Medien & Verlag
"Bestehende Gesetze reichen möglicherweise aus, wenn sie konsequent angewendet werden. Nach wie vor gibt es die starke Lobby der Telekommunikationsindustrie. Traffic bedeutet ihnen alles. Die Inhalte, (die Künstler und Autoren)? Legal, illegal, scheißegal."
Vittorio E. Klostermann, Vittorio Klostermann Verlag
"Dass das Urheberrecht überhaupt Eingang in den Koalitionsvertrag gefunden hat, zeigt, wie brisant und wichtig das Thema ist. Nun warte ich gespannt auf die Ausgestaltung."



1. Andreas Herkommer 05.11.2009 12:05h
Bislang sagen die (meisten) Verleger den Kundinnen und Kunden nur, was sie mit den erworbenen Inhalten alles nicht dürfen sollen > sie sollen nicht frei darüber verfügen dürfen, aber den vollen Preis dafür bezahlen.
Wenn ich nur ein Leserecht vergeben will, müssen die Preise entsprechend sein - eine Leihgebühr wie in den Bibliotheken.
Digital aufbereitete Inhalte werden aber erst interessant, wenn ich als Kundin und Kunde mehr damit machen kann als mit dem gedruckten Buch > mehr als nur lesen = passiv konsumieren.
Die Verleger sitzen auf "ihren" Inhalten, die ja gar nicht die Ihren sind, sondern immer noch die der Urheber > der Autorinnen und Autoren - und tun so, als sprächen sie im Namen der Urheber.
Warum äußern sich so wenige der Urheber zum Thema? Oder sind die aufgeweckteren von ihnen schon dabei, den direkten Weg zu Leserinnen und Lesern zu suchen, wie es ja auch in der Musikbranche längst der Fall ist?
2. Stefan 05.11.2009 13:53h
Was wir brauchen, ist ein "Urheberrecht" und kein "Verwerterrecht".
Solange sich (primär unkreative) Verwerter als Dreh- und Angelpunkt des Marktes und nicht als schlichter Logistiker und Vermittler begreifen, kann der Markt keinen eigenen, modernen Weg gehen.
Wer mal sehen will, wie moderne Verlagsarbeit aussehen kann, sollte sich Baen Books in den USA anschauen. Natürlich "nur" ein Spartenverlag, aber dort gehört die kostenlose Weitergabe von Büchern zum (durchaus tragfähigen) Konzept...
3. Matthias Ulmer 05.11.2009 16:37h
@Andreas Herkommer:
Die Urheber äußern sich sehr vernehmlich und eindeutig. Und zwar im Gespräch mit ihrem Verleger oder Lektor. Das Thema ist in fast jedem Gespräch mit Autoren Thema. Und in der Regel haben die Autoren Angst, dass ihre Inhalte im Netz geklaut oder kostenlos verbreitet werden. Da müssen wir viel Erklären und Beschwichtigen. Die Diskussionen um Pirate Bay oder in vielen Blogs erzeugen keine Situation des Vertrauens.
Wir raten den Autoren mutig zu sein, die neuen Möglichkeiten zu testen, die Freigabe für Volltextsuchen wie Google, Libreka oder Amazon zu ermöglichen, die Vermarktung als E-Book zuzulassen. Das gelingt in der Regel auch.
Die Position, die Sie sich allerdings vorstellen, dass der Autor seinen Verleger beschimpft, dass er zu vorsichtig mit seinen Inhalten umgeht, dass er sie zu gut vermarktet und zu wenig verschenkt, die existiert nur in der Phantasie. Das habe ich bestenfalls mal von einem Autor eines wissenschaftlichen Aufsatzes gehört.
@Stefan:
Wenn Sie Verlage für schlichte Logistiker halten, dann zeigt das nur, dass Sie keine Ahnung haben, was Verlage tun.
Dass das Konzept von Baen für Sie attraktiv ist, das kann ich gut verstehen. Ob das tragfähig ist, das wissen Sie doch nicht wirklich. Und ob es sich als Modell durchsetzt und ein Verlag wie Baens irgend wann Random House von der Spitze der Verlage verdrängt? Ich habe da meine Zweifel. Aber den sportlichen Wettstreit der Geschäftsmodelle kann man mit Neugier und einer Tüte Popcorn in der Hand in den nächsten Jahrzehnten beobachten.
4. Dennis Schmolk 06.11.2009 19:36h http://www.anouphagos.com/
Lieber Herr Ulmer, freilich haben Sie ganz recht, dass auch Verlage als "Liberalisierungsmotor" auftreten und Hemmnisse bei Autoren abbauen können. Aber letztlich geht es nicht um die Verleger- und Autoreninteressen, also die Anbieterseite; es geht um die Kundeninteressen. In vielen Bereichen wird es kaum mehr zu vermitteln sein, dass für Content Geld ausgegeben werden soll. Jedenfalls dann nicht, wenn das Buch als Medium konkurrenzfähig bleiben will. Kostenfreie und qualitativ dennoch hochwertige Inhalte stehen zur Verfügung, wenn auch in anderer medialer Präsentation.
Außer in Sparten (STM, Lehrbuch, Wirtschaft, Recht) wird auch der Buchmarkt um das Konzept Free nicht herumkommen. Warum? Weil diese Sparten durch Aktualität o.ä. nicht nur Content, sondern einen Mehrwert bieten. Dieselbe Information könnte am nächsten tag frei verfügbar sein - der Kunde braucht sie aber jetzt. Dafür bezahlt er auch gerne. Dieses Konzept funktioniert im belletristischen Publikums- und Unterhaltungsbereich jedoch nicht, und auch bei Ratgebern, Fach- und Sachliteratur etc. wird es schwer, mit Gratisangeboten zu konkurrieren. Einen Mehrwert aber hat der Kunde heutzutage bei eBooks nicht, dank DRM häufig sogar weniger Nutzen. Freemium-Modelle, Zusatzdienstleistungen, multimediale "Bücher", individualisierter Direktverkauf von Content vom Autor an den Leser: darüber ließe sich vllt. noch Geld machen.
Verlage sollten natürlich keine reinen Logistiker sein, das ist aber viel zu häufig ihre Rolle. Baen wird RH nicht überrunden, hat das auch nicht ernsthaft vor; und muss es auch nicht. Es reicht, wenn Baen überlebt. Dann hat sich das Modell als tragfähig erwiesen.
ich vermute, wir werden Dienstag Gelegenheit haben, das weiter zu erörtern.
Gruß
Dennis Schmolk