Interview mit Dirk Baecker

"Bücher müssen nervöser werden"

Der Kulturtheoretiker und Ökonom Dirk Baecker behauptet eine Formatkrise der Bücher. Er sieht hohen Konkurrenzdruck durch andere Medien – und neue Akteure am Markt, die die Buchbranche verändern werden.

Dirk Baecker

Dirk Baecker © Daniel Hintersteiner

Lesen wird gerne als die zentrale Kulturtechnik bezeichnet. Sie sehen das anders. Warum?

Die gesamten Bildungsanstrengungen der Moderne sind darauf gerichtet, dass alle Menschen lesen lernen. Dabei ist das Nicht-Lesen-Können eine Tugend. Die Fürsten haben es sich bis ins 17. Jahrhundert hinein geleistet, nicht schreiben und lesen zu können. Und warum? Wenn man dabei erwischt wird, dass man etwas gelesen hat, dann kann man hinterher gefragt werden, wie man sich dazu verhält. Wenn man aber erst gar nichts gelesen hat, kann man auch nicht festgelegt werden. Aber dass dies für Fürsten galt, heißt natürlich nicht, dass es auch für alle anderen galt. Lesen ist zur zentralen Kulturtechnik geworden, und dies schon deswegen, weil man sonst wehrlos Leuten ausgeliefert war, die ihrerseits gelesen hatten und nun ihre oft kritische Meinung in allen möglichen Situationen zur Geltung bringen mussten. Das ist nicht wirklich vorbei, aber das Lesen von Büchern tritt mittlerweile in den Hintergrund, weil es wichtiger geworden ist, mit dem Computer und seinen Netzwerken umgehen zu können.

Demnach wäre es nicht schlimm, dass viele Kinder und Jugendlichen Lesedefizite haben - so sie enn nur mit den elektronischen Medien umgehen können?

Sicherlich ist es entscheidend, mit den Multimediaangeboten des Computers umgehen zu können, so bedauerlich es auch ist, dass die meisten Kinder und Jugendlichen keinerlei Bedürfnis zu haben scheinen, etwas von den Rechenmaschinen zu verstehen, die sich hinter den Bildschirmen verbergen. Im Übrigen ist es wie früher mit den allzu leicht konsumierbaren Abenteuergeschichten und Comics: Nichts ist schwieriger, als Jugendliche dazu einzuladen, den distanzierten Blick eines Philologen einzunehmen, sei es auf einen Text, ein Bild, einen Film oder ein Musikstück. Aber wenn man heute etwas lernen muss, dann sicherlich nicht Textkritik, sondern Multimediakritik. Und wie immer ist es dazu entscheidend, Vergleiche vornehmen zu können und eigene Entscheidungen für oder gegen dieses oder jenes Medium treffen zu können.

Leser haben bei Ihnen nicht den besten Ruf. Sie seien biestig, beharrlich und pedantisch.

Als Pedant galt man im 18. Jahrhundert, wenn man bei einem geselligen Zusammentreffen nicht das Thema wechseln konnte. Man verletzte die wichtigste Regel der Konversation, nämlich, dass den anderen sich in der eigenen Gesellschaft wohlfühlen zu lassen. Der Leser, der die Gesellschaft der Aufklärung beim Wort nahm und annahm, nichts sei wichtiger, als ein Thema mit aller nötigen Sachkenntnis und unterstellten Vernunft in der erforderlichen Ausführlichkeit zu entfalten, machte sich schnell als Störenfried unmöglich und vor allem unzugänglich. So schützte sich die Interaktion vor ihrer eigenen Überforderung durch jene Aufklärer, die meinten, alle wichtigen gesellschaftlichen Fragen seien durch Interaktion, also durch ein Gespräch zu klären.

Finden Sie Bücher langweilig?

Nein, ich finde nicht Bücher langweilig, sondern ich merke, dass sie meist nicht in der Lage sind, dem Konkurrenzdruck mit anderen Medien standzuhalten. Bücher müssen nervöser werden. Sie müssen selber zwischen den Medien wechseln. Sie dürfen nicht mehr auf jenen langen Atem vertrauen, den man allenfalls noch in den Winterferien, fern aller Internetanschlüsse, aufbringt.

Wie würde solch ein nervöses Buch aussehen?

Ich weiß nicht genau, wie dieses nervöse Buch aussieht, möglicherweise ist es den Fragmenten der Romantiker verwandt. Aber wichtig ist, dass man es an verschiedenen Stellen aufschlagen kann und nicht gezwungen ist, es linear von Anfang bis Ende zu lesen, nur um eine Geschichte zu verstehen, die in jedem ihrer Züge konstruiert wirkt und schon deshalb nicht mehr überzeugt. Ich habe von Philologen gelernt, dass man heutzutage nur die ersten 10 Seiten eines Buches lesen muss, um bereits den Rest erraten zu können. Für das nervöse Buch würde das nicht gelten. Es entscheidet sich gegen die Redundanz und sucht die Varietät.

Entspricht der Mangel an nervösen Büchern wirklich Ihrer persönlichen Leseerfahrung?

Ich war lange Zeit nicht mehr in der Lage, Romane zu lesen, das ändert sich allerdings im Moment wieder, weil man Bücher von Denis Johnson oder Roberto Bolaño lesen kann, ohne sofort zu wissen, worauf sie hinauswollen.

Sind also die Autoren nicht fähig, Bücher so zu schreiben, dass die Leser dabei bleiben?

Die richtigen Textproduzenten haben wir längst, wenn man etwa an die Teilnehmer von Poetry Slams oder auch an die Pecha Kucha Nächte denkt, die Powerpoint-Wettbewerbe, auf denen es darum geht, Themen beliebiger Komplexität auf 20 Folien zu präsentieren, von denen jede einzelne nur 20 Sekunden lang gezeigt werden darf, macht 6 Minuten und 40 Sekunden für jeden Vortrag. Hier bereiten sich Kenntnisse im Umgang mit Multimediaformaten vor, von denen wir bislang kaum eine Vorstellung haben. Wir wissen ja kaum, was lineare Texte mit uns gemacht haben, ganz zu schweigen die bewegten Bilder von Film und Fernsehen.

Sie haben eine ungewöhnliche Lesevorliebe: Sie lesen gerne Mathematikbücher. Wieso gerade die?

Das ist etwas übertrieben, weil ich von der Sache leider viel zu wenig verstehe. Aber im Gegensatz zu Sätzen haben Gleichungen die faszinierende Eigenschaft, einen unter Umständen komplexen Strukturzusammenhang für einen Blick darzustellen, der sich seinen Weg ähnlich wie bei einem modernen Gedicht selber suchen muss. Es gibt keine Subjekt/Objekt/Prädikat-Logik, die den Leser so erbarmungslos an die Hand nimmt und nur durch Parataxen aller Art wieder in eine gewisse Schwebe, also Unentschiedenheit, also Faszination gebracht werden kann. Hinzu kommt, dass Mathematiker einen Weg gefunden zu haben scheinen, aus den ellenlangen Texten auszusteigen, die die europäische Wissenschaftstradition von uns verlangt. Sie bringen ihr Problem mit einer Gleichung oder Ungleichung auf den Punkt.

Was kann man tun, um Bücher zu kreieren, die möglichst viele Leser ansprechen?

Mir fällt auf, dass in der gegenwärtigen Verlagslandschaft jedes Element der Wertschöpfungskette jedes andere zu kennen glaubt, ohne diese Kenntnis je zu überprüfen beziehungsweise weiterzuentwickeln. Ich wage nicht, mir vorzustellen, auf welche Ideen zu welchen Büchern man käme, wenn man einmal Autoren, Lektoren, Verleger, Buchhändler, Leser und Kritiker in den heute so beliebten Open-Space-Formaten zusammenbringen und gemeinsam an etwas arbeiten lassen würde. Ich denke, das Experiment könnte sich lohnen, und zwar im Bereich der Romane ebenso wie bei Sachbüchern und, ganz besonders, Schulbücher. Wir pflegen stattdessen Phantasien übereinander, die sich auf eine eher langweilige Art und Weise wechselseitig bestätigen. Wir glauben, wir würden alle von denselben Büchern reden, doch ich glaube, dass das ein Irrtum ist.

Findet nicht dieser Austausch schon längst statt?

Heute sind es ja ganz neue Akteure, die auf den Markt drängen und andere Zugänge untereinander pflegen. Da werden die Inhalte, die contents, zum Köder, um Lesegeräte zu verkaufen. Aber es könnte sich um Akteure handeln, die schneller als der klassische Schulbuchverlag in der Lage sind, auf die Bastelbedürfnisse von Lehrern und Schülern zu reagieren, die sich ihre Lehr- und Lernmaterialen gerne unabhängig vom Zwang der Verlage, ein Buch gebunden auf den Markt zu bringen, zusammenstellen würden. Das elektronische Buch wird vermutlich eher einem Zettelkasten ähneln, durch den man mithilfe von tags navigiert. In der Computerbranche kam man irgendwann dahinter, dass man zu wenig über den Umgang der Benutzer in verschiedenen Situation, bei der Arbeit wie bei der Freizeit, mit dem Computer wusste und entwarf eine ganze Ethnologie des Computergebrauchs, mit der das Palo Alto Xerox Research Center seinerzeit berühmt wurde. So etwas steht uns für das vermeintlich so alte Medium Buch vermutlich erst noch bevor. Wir kennen den rezitierenden Mönch des Mittelalters und den einsamen Leser der Moderne: Ist damit das Repertoire des Umgangs mit Büchern erschöpft?

Ist das Buch also in einer Format-Krise?

Wir müssen es lernen, hier wie auch in anderen Branchen die Formatfrage wieder zu stellen. Was schließt das Buch in der gegenwärtigen Form ein, was schließt es aus. Seine Variationsbreite ist ja bereits enorm, wie jeder Blick in einen gut sortierten Buchladen bestätigt. Und dennoch haben wir es immer wieder mit denselben Texten und Paratexten zu tun: Autor, Titel, Verlag, Erscheinungsort, Inhaltsverzeichnis, Kapitel, Absätze, Sätze, ab und an von einem Bild unterbrochen. Warum hört man nichts? Warum bewegt sich nichts? Warum kann man das Buch nicht sofort umschreiben und ausprobieren, ob und wie das geht? Warum kommt man als Leser nur so selten vor? Es gibt ja Autoren wie Lawrence Sterne, Jean Paul, Georges Perec oder Italo Calvino, die mit dem gewohnten Format experimentiert haben. Aber im Moment erlebt man wie in vielen anderen Bereichen eher einen konservativen Rückzug auf die vermeintlich so bewährte Form. Das wird sich meines Erachtens nicht lange halten lassen.

Hat das Buch Ihrer Meinung nach eine Zukunft?

Das Buch hat eine mindestens so große Zukunft vor sich wie Vergangenheit hinter sich, auch wenn es nicht mehr die zentrale Kulturtechnik der modernen, das heißt der Buchdruckgesellschaft ist. Aber ich nehme an, dass die Verlage bald ganz anders aussehen werden als heute.

Zur Person

Dirk Baecker, geboren 1955, studierte Soziologie und Nationalökonomie. Forschungsaufenthalte führten ihn etwa an die Stanford University und die London School of Economics. Baecker lehrte in Witten / Herdecke und ist Mitbegründer des Management Zentrums in Witten. Seit 2007 hat er den Lehrstuhl für Kulturtheorie und -analyse an der Zeppelin University in Friedrichshafen inne.

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18 Kommentar/e

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  • Leser

    Leser

    Man kann Sie nur bedauern, wenn es Ihre Nervosität nicht mehr erlaubt, einen guten Roman bzw. eine gute Geschichte von Anfang bis zum Schluss durchzulesen, auch ohne Geräusche, Videos, Bilder und Gerüche. Bei einem echten Leser entstehen diese Dinge nämlich beim Lesen im eigenen Kopf.
    Alles andere, was Sie hier an Zukunftsvisionen aufzählen, ist v.a. im Bereich von wissenschaftlichen Veröffentlichungen sowie Fach- und Schulbüchern bereits Realität.

  • Franz wanner

    Franz wanner

    Man kann darüber denken, was man will, auf den ersten Blick besticht die Polarisierung. Dann kann man sich auch nicht dagegen wehren, daß hier zeitgemäß "Buch" in "moderne" Lebensanforderungen eingebettet wird. Spontane Reaktion verbietet sich fast....
    Und trotzdem ist die beschriebene Haltung grundfalsch!
    "Lesen" und "Buch" sind mitnichten nur Kommunikation oder Unterhaltung und auch längst nicht nur konserviertes Wissen etc. Sie sind auch nicht nur das Ergebnis eines Entwicklungsprozesses, über den man hinweggehen kann, es geht um den Prozeß selber:
    Wie strukturiert sich das menschliche Denken? Sprache formt das Denken!
    Hocheffiziente Schwarmsysteme brauchen natürlich weder noch!
    Aber in dieser Sache erweist sich eben Ökonomie schlicht als grundsätzlich inkompetent.

  • Schlotter

    Schlotter

    Hallo, sie haben Recht, die meisten Verlage pennen bis heute. Bitte erklären SIe Ihre Perspektive besser. Nervöses Buch. Whattt!? Sollen wir Bücher über Google Wave während des schreibens lesbar machen und parallel lektorieren lassen und unter common copyright digital verfügbar machen. Statt eine Stadt liest ein Buch nun eine Welt macht alles auf einmal.
    Bringt alles nix glaub ich, dafür ist das Fernsehen einfach zu mächtig. Und den Verlagen muss man vorwerfen, dass die kommenden Generationen total versaut wurden.

  • Leser

    Leser

    Diese Aussage von "Schlotter" ist schlicht und ignorant, wird dadurch aber auch nicht richtiger.

  • Schütz

    Schütz

    Rollenspielverlage sind mit ihren Büchern, Rollenspielforen, Downloadmöglichkeiten für Erweiterungen und der engen Zusammenarbeit mit den Nutzern schon nahe daran, alle Anforderungen an so ein nervöses Buch zu erfüllen.
    Beobachten Sie das doch mal, liebe Kollegen! Vor allem jene, die sich so erbittert gegen die Erweiterung des Buchs ins Multimediale wehren.

  • Leser

    Leser

    Kein Mensch wehrt sich gegen die Erweiterung des Buches ins Multimediale, wo es Sinn macht. Das Problem sind tumbe Vorwürfe gegen Verlage und Autoren sowie langweilige Gemeinplätze sogenannter Experten, die nicht mal Romane durchlesen wollen aber dennoch darüber urteilen.

  • Franz wanner

    Franz wanner

    Homo digitalensis vernetzt sich. Sapiens sapiens wehrt sich. Überzeugungen und Auschauungen erwachsen aus Auseinandersetzung und kontemplative Verinnerlichung, egal wie "bewegt" oder aufregend die Sachverhalte sind. Da halfen Mythen, Epen und Buch. In einer Clipkultur ohne Erinnerungswert geht das nicht mehr. Buch wird zu anstrengend.
    Aber darum gehts ja gar nicht, stimmts? Da soll nur verkauft und verhökert werden, egal was, Hauptsache viel und noch ein wenig mehr. Was und an wen ist egal.
    Dann ist obiges ein Muss und jedwedes Lamentieren nur Zweifel am eigenen Können. Die zu verkaufenden Waren sind beliebig und ohne Bestand. Welchen "Menschen" interessiert dies schon?

  • Unruhig

    Unruhig

    >>Ich war lange Zeit nicht mehr in der Lage, Romane zu lesen<< und daraus leitet man dann eine 'wissenschaftliche' These ab? Konzentrations-Probleme und ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) erfassen immer größere Zahlen von Kindern und Jugendlichen. Und die Antwort darauf sind nervöse Bücher?

  • D. Lehmann

    D. Lehmann

    Herr Wanner,

    ich bin (wieder einmal )erstaunt über Ihr Statement - ist das nun Identifikation mit dem Aggressor, die Sie zu solchen Aussagen wie der letzten veranlaßt? Zynismus gar? Sie pflegen da, scheint mir, so einen auf Weber getrimmten Heroenpessimismus, oder auch ein Bennsches "mit den Beständen rechnen", die "Lage erkennen" - oder aber mir entgehen die subtilen Ironiesignale (Emoticons habe ich hier noch nie gesehen, die einem mangels Personenkenntnis oder mimischer Untermalung den Weg weisen könnten; aber dieses Problem kennt man auch aus der Gutenberg-Galaxis); wie dem auch sei, das ist flott formuliert, den homo digitalensis auszurufen und den dem "sapiens sapiens" gegenüberzustellen: ist es das, was jetzt angesagt ist? Aber ich säße Ihnen wahrscheinlich auf, wenn ich diese Provokation - die sitzt freilich ,so wie in die Sprüche in einem Motivationstrainerseminar - ganz beim Wort nähme. Allerdings: zuweilen nervt mich schon, wie Sie manchmal andere Leute hier imp- oder explizit schuriegeln, die wohl alle Deppen sind, weil sie zunächst einmal auch ihren Emotionen Luft machen und sich nicht in der gebotenen Kühle der "Sache" zuwenden. Aber dies am Rande. "Was und an wen ist egal" - ist das tatsächlich so? Ich melde leise Zweifel an der Gültigkeit des zynischen Allgemeinbefundes an. "Mensch" in Anführungszeichen (klar, die Spur im Sand von F., oder die Kittlerschen Datenströme, sapienti sat) ist dann zu doof und wert, im ökonomischen Wettbewerb zugrunde zu gehen, wenn er nicht einsieht, daß er als Produzent nur content nach Maß zu schaffen, pardon: produzieren hat, als Händler sich nicht um eben jenen zu scheren hat ... Das ist doch alles ein bißchen dünn.
    Und noch zu "Schütz": die Rollenspiele, die Sie anführen, sind schon seit mehr als 2 Dekaden (hier in Deutschland) so "nervös", nur lief's in den 80ern via einschlägigen Magazinen und Spielerfesten (so hieß das noch, ehe man anfing, pompös neudeutsch "Convetion" zu sagen). Aber heute erreicht man sicherlich mehr Leute als damals.
    Zu Baecker: viele Birnen und Äpfel, und gar nichts Neues; das "aphoristische" non-lineare Buch wird halt den nicht befriedigen, der sich nicht nur schnell mal (vielleicht für die nächste Marketing-Aktion) irgendein "piece" Wissen anlesen muß, um ein, zwei Spielmarken auf den Tisch schmeißen zu können, sondern der fundierte Information (im altehrwürdigen Sinne des Wortes) sucht - erzähle mir jemand, daß die entbehrlich sei; und wer keine Romane lesen kann, der greife zur bewährten Short-story oder schlage an beliebiger Stelle, z. B., die Bibel auf. Aber Gleichungen tun's vielleicht auch. Und wer sich dafür interessiert, was Buchdruck mit uns gemacht hat in den letzten Jahrhunderten, der kann ja einmal die Gutenberg-Galaxis lesen - der Schinken ist nun auch schon ein paar Dekaden alt.

  • Franz wanner

    Franz wanner

    Hallo Herr oder Frau Lehmann,
    ich danke Ihnen. Lassen Sie sich nicht von Ihrem Bildungskosmos fangen, da war kein Hintersinn. Wenn Ihnen die Suppe zu dünn war, reichern Sie die doch an! Haben Sie nicht.
    Bücher als Produkt der Warenwelt müssen sich verkaufen, wie Schuhe oder Bier oder Schnickschnack. Da entscheidet, was der Käufer haben will.
    "Bücher" sind aber auch was ganz anderes. Darum der Hinweis auf Mythen und Epen. Und da nicht nur etwas wert, sondern unverzichtbar. Und haben genau die dem sapiens angemessene inhaltliche und strukturelle Erscheinung entwickelt. Zeifellos auch weiterhin wandelbar und entwicklungsfähig. Aber ein Minimum an Konsistenz darf nicht unterschritten werden, damit die biologische Apparatur das verarbeiten kann. Das hat mit Effizienz, Innovation und Funktionalität nichts zu tun.
    Gefühl und Verstand bedürfen als Voraussetzung der Sprache und die eben Ruhe und Zeit. Heute wird die Sprache zunehmend als Hemmnis angesehen und durch Symbol und Bild ersetzt. Damit kann einfach besser "gerechnet" werden. Die Allgegenwärtigkeit von Wissen und Lösungen verhindern die geistige Durchdringung von Problemen, von Problem-Bewußtsein.
    Was ich homo digitalensis nenne, reicht vom hocheffizienten (aber stockstupiden) Funktionsträger bis zu all den Problemfällen der Soziologen, Psychiatern, Medizinern, Pädagogen aber auch Neurologen und Arbeitswissenschaftlern...
    Und ja, ich grenze mich sehr elitär davon ab.

  • hamstone

    hamstone

    "Die richtigen Textproduzenten haben wir längst, wenn man etwa an die Teilnehmer von Poetry Slams oder auch an die Pecha Kucha Nächte denkt, die Powerpoint-Wettbewerbe, auf denen es darum geht, Themen beliebiger Komplexität auf 20 Folien zu präsentieren, von denen jede einzelne nur 20 Sekunden lang gezeigt werden darf, macht 6 Minuten und 40 Sekunden für jeden Vortrag."

    An diesem Zitat zeigt sich Herrn Baeckers Ignoranz eines gesamten Wirtschaftszweiges gegenüber am eindruckvollsten. Denn wenn die Teilnehmer von Poetry Slams und Pecha Kucha Nächten tatsächlich die richtigen Textproduzenten sind, dann haben wir wahrscheinlich zu 99,5% falsche Textrezipienten, nämlich die Leute, die tatsächlich Bücher lesen, anstatt zu Poetryslams etc zu gehen. Das ist selbstredend nicht als Kritik an Poetry Slams zu verstehen, aber die sind zuallererst eine Veranstaltung einer hauptsächlich großstädtischen Avantgarde. Der Großteil der des Lesens mächtigen Bevölkerung zieht aber anscheinend das Buch immer noch oben genannten Veranstaltungen vor.
    Vielleicht mag die Spezies Mensch ja auch einfach linear zu konsumierende Geschichten und Herr Baecker sollte sich mal in der Realitäät umschauen?
    Gleiches betrifft auch die audiovisuellen Medien, namentlich den Kinofilm. Die meisten Menschen wollen unterhalten werden und nicht sich interaktiv beteiligen müssen.
    Es kann natürlich auch sein, dass der Leser eines klassischen Buches einfach ein Hinterwäldler ist, der in der der schönen neuen interaktiven und multimedialen Traumwelt der Akademie bitteschön aussterben soll. Das hätte zumindest den Vorteil, dass man sich mit solchen grenzdebilen Interviews nicht mehr herumschlagen muss.

  • Franz wanner

    Franz wanner

    Oha! keinesfalls ging es hier um die Diskriminierung verschiedener Publikationsformate oder einer Verunglimpfung von Rezeptionsformen...
    Erinnern wir uns: »Bücher müssen nervöser werden«
    Gut gemeint, aber unglücklich formuliert und damit falsch.
    Natürlich kann man nur das verkaufen, was Bedarf und Käufer findet. Und da muß man sich an Trends und Moden des Marktes orientieren. Und vom Strickmuster bis zum Fachelaborat, vom Zauberspruch bis zum Roman, der Formalsammlung und dem Fotobuch reicht das Käuferbedürfnis... Heute ein Universallexikon im Oktavband zu drucken, wäre jenseits der Grenze zur Lächerlichkeit, kartografische Erzeugnisse und Atlanten zumindest einer Überlegung wert. Und eine multimediale Verschränkung der Produkte und Wissensbereiche eine ernsthafte Herausforderung und erstrebenswert... (tatsächlich aber nur eingeschränkt und behelfsmäßig zu leisten!)
    Das ist aber nicht "nervös" oder : kurz, schnell, gleichzeitig, erschöpfend umfassend, lösungsorientiert etc. - obwohl dieser Anspruch immer wieder durchschimmert und dadurch minimiert, konformiert, verflacht, vereinfacht, verarmt, hemmt und verblödet!
    Sage mir doch jemand, was dagegen spricht:
    wir liegen intravenös ernährt mit einem vibrierenden Draht im Lustzentrum des Gehirns. Und der Probant haucht nur - ich will eben nichts verpassen und mein Leben ausschöpfen... geht es denn um etwas anderes?
    Solche Visionen hatte vor einigen Jahrzehnten in seinen Erzählungen Primo Levi seziert. Immer noch lesenswert und kann ja zur Vereinfachung verfilmt werden....

  • D. Lehmann

    D. Lehmann

    Hm, noch eine geharnischte Reaktion. Das zeigt, wie emotional besetzt das Thema ist und daß hier mehr verhandelt wird, als nur Fragen des Formats und der ökonomischen Verwertung (und auch Zurichtung) von Inhalten; es geht also auch um Identitäten und (kulturelle) Wertsetzungen. Besser könnte man eigentlich nicht illustrieren, daß das Buch und alles, was damit zusammenhängt, eben weit mehr als ein reines (und austauschbares) Konsumgut ist. So weit, so gut. Mir scheinen aber weder effekthascherische Polarisierungen und pointierte Verkürzungen noch Hysterie und heftige polemische Reflexe hilfreich, wenn es darum geht, Land zu sehen.
    Ist es denn so schwer einzugestehen, daß verschiedene Inhalte eben auch verschiedene Formate bedingen oder geboten scheinen lassen? Warum wird nicht selten so ein überzogenes Entweder-Oder statuiert? Baeckers nervöse Bücher z. B.: das leistet doch ein Blog sehr gut; oder meinetwegen Twitter; oder eben eine gute alte Zeitschrift. Du lieber Himmel, warum muß da immer Buch gesagt werden, wo ein vielleicht ein ephemeres Speichermedium viel eher am Platz ist? Manches taugt vielleicht auch nur, um in ein PDF gesetzt und als Download verfügbar gemacht zu werden, etwa eine wissenschaftliche Arbeit oder ein Aufsatz, und manches bleibt in der Tat vielleiucht besser ungedruckt. Ich glaube, eine Gesellschaft, die sich Infomations-, Wissens-, Mediengesellsachaft nennt, stellt ihre Medienkompetenz am besten durch einen Medienmix unter Beweis und durch einen unverkrampften Umgang damit. In gewisser Weise konzediert Baecker das ja, wenn er sagt, daß das Buch "eine mindestens so große Zukunft vor sich wie Vergangenheit hinter sich" habe, auch wenn er im zweiten Teil des Satzes die zentrale Kulturtechnik des Lesens fälschlicherweise mit dem Medium, dem Buch, verwechselt. Lesen und Schreiben sind in der Tat zentrale Kulturtechniken, und es steht zu erwarten, daß sie es auch im 21. Jahrhundert bleiben werden.
    Eine "Formatkrise" sehe ich nicht, dafür aber die Gefahr einer drohenden Vernichtung von Vielfalt in der Medienlandschaft durch Konzentrationsprozesse auf der Handelsseite, denen kleine Anbieter wenig bis gar nichts entgegenzusetzen haben, auch deshalb nicht, weil sie lieber weiter alleine rumkrebsen, anstatt sich zusammenzutun und über Auswege bzw. Gegenstrategien (pardon: Problemlösungsstrategien) nachzudenken.

  • Franz wanner

    Franz wanner

    Hallo D. Lehmann (dieter? doris?)
    Hier befinden wir uns Seite an Seite in selber Frontrichtung. Jeder Inhalt findet aktuell die ihm angemessene Form. Aber macher eben auch keine mehr und geht verlustig... und wird vielleicht nicht mehr vermißt. In jeder Hinsicht dann zu teuer! man muß halt Opfer bringen können... Zugegeben, das ist hier vielleicht nicht die richtige Stelle, aber eigentlich ist um der Sache willen, jede Stelle richtig. Es geht um Identität.
    Familienbewußtsein wird nicht mit Kindergeld gerettet.
    Afghanistan nicht durch Soldaten befriedet.
    Lebenssinn nicht durch Wohlstand erzeugt.
    Nazitum nicht durch Abgrenzung verhindert.
    Und Wachstum schafft keine Arbeitsplätze.
    ... wenn man komplexe Zusammenhänge bedenkt!

    Hat mich doch gefreut, daß die Uno-Ernährungsexperten nur 50 Mrd Dollar brauchen, um weltweit den Hunger abzuschaffen. Ist eine Menge Geld, schon, aber das die Lebensmittel fehlen würden, wurde nicht gesagt, fehlt nur an Geld. Die hundertfache Summe wurde im letzten Jahr frisch generiert/gedruckt/erfunden... Nur einen Tag länger durchgehalten und die Welt würde ewig vom Hunger befreit?
    Mit höherer Effizienz, weniger Menschen ein Vielfaches produzieren bei Preis- und Geldwertstabilität heißt "Wachstum", aber weniger Menschen sind eben auch weniger Arbeitsplätze.
    Naja, wenigstens Zeit für Lesen und Hobby... und Ablenkung. Wovon? Wofür?
    Zur Beantwortung braucht man Zeit, Ruhe, Neugier und nicht die Totalvernetzung allen Wissens... retardierende Momente in einer guten Geschichte reichen da aus. Identität findet man nur in sich selber, allerdings als soziales Wesen.

  • D. Lehmann

    D. Lehmann

    Hallo Herr Wanner,

    D. steht für Daniel - wollte Ihre Frage von neulich nicht übergehen, habe es nur vergessen. Na, das freut mich, daß wir uns einig sind in einigen Punkten, aber das gehört nun wirklich nicht mehr zu Herrn Baeckers Ausführungen.

  • Lothar Kleiner

    Lothar Kleiner

    auf jeden Fall: auch wenn die Bücher immer kurzweiliger werden sollen undnervöser, die Kommentare zu diesem Eintrag werden immer länger und literarischer :-)

  • D. Lehmann

    D. Lehmann

    Da kann man mal sehen, was Bücherleser so alles drauf haben! )))))))

  • Franz wanner

    Franz wanner

    oder: Form und Inhalt bedingen sich...
    übrigens: laut EU-Bildungsstudie kann in Deutschland jeder fünfte Jugendliche nicht richtig lesen.
    Wozu auch? Zur Konfiguration technischer Kommunikationsmittel brauchen die sicher nicht mal eine Anleitung und hinterher wird Ihnen "Wortwerk" erspart...
    Interessante Zielgruppe...

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