Handyromane

Knappe Sätze, reduzierte Dialoge

Die E-Book-Industrie will vorhandene Inhalte auf neue Reader bringen, Handyroman-Autoren möchten neuen Content schaffen. Doch was zeichnet diesen Content aus? Und verändern die Endgeräte den Text und – mittelfristig – unser Leseverhalten? Nils Kahlefendt ist dieser Frage nachgegangen.

© Nicole Hoehne

Zeit ist Geld, manche Autoren können ein Lied davon singen. Als der Butler des unsterblichen Edgar Wallace einem Anrufer beschied, der Meister sei wegen der Arbeit an einem neuen Roman nicht zu sprechen, knurrte dieser: "In Ordnung, dann warte ich so lange am Telefon." Bei Oliver Bendel, der Romane für’s Telefon schreibt, dauert die Sache etwas länger; in der Regel "zwischen zwei und vier Wochen". Der Wahlschweizer, Professor an der Hochschule für Wirtschaft in Basel, hat die üblichen Stationen einer mittelerfolgreichen nebenberuflichen Schriftstellerlaufbahn hinter sich: Gedichte und Erzählungen in Zeitschriften, später Romane zwischen Fantasy und SciFi in diversen Kleinverlagen.

Zu einigem medialen Ruhm brachte es Bendel indes seit 2008 mit Titeln wie "Lucy Luder und der Mord im studiVZ" als einer der wenigen Handyroman-Autoren im deutschsprachigen Raum. Für den umtriebigen Technik-Freak ein Genre, das dank seiner niedrigen Investitionskosten das Potenzial zu flächendeckender Verbreitung hat. Innerhalb weniger Tage ist das Text-File des Autors in eine Java-Anwendung konvertiert und auf einen Server gestellt. "Anspruchsvolle Groschenromane" nennt Bendel, was so entstehen kann, oder griffiger "Underground Mainstream" – und schiebt eine Visitenkarte über den Tisch, mit der seine zur letzten Leipziger Buchmesse gestartete Serie "Handygirl" beworben wurde: Dort finden die Kids den Code eines Premium-SMS-Dienstes, mit dem sie sich die aktuelle Folge wie einen Klingelton oder ein Video aufs Handy holen können.

Wer mit dem guten, alten Buch, dem Leitmedium der Gutenberg-Galaxis, aufgewachsen ist, wird im Handyroman ein Pop-Phänomen sehen; angesiedelt zwischen Technologieentwicklung, Literatur, Jugendkultur und Kommerz. In seinem Ursprungsland Japan, wo 96 Prozent aller Schüler mit dem eigenen Mobiltelefon ständig online sind, ist der keitai shosetsu inzwischen ein boomendes Genre, und auch dort begann alles mit Visitenkarten. Tausende verteilte ein junger Tokioter im Jahr 2000 an Schulmädchen im Szeneviertel Shibuya, aufgedruckt war die Homepage, von der aus er seinen ersten Handyroman "Deep Love" vertrieb. Der Rest ist Legende: Durch Mundpropaganda und SMS-Links wurde "Deep Love" zum Bestseller; die nachgeschobene Print-Version verkaufte  sich 2,7 Millionen Mal, es folgten Film, TV-Serie und Manga-Adaption. Bereits 2007 war die Hälfte der zehn meistverkauften japanischen Romane ursprünglich fürs Handy geschrieben; für die kommenden Jahre erwartet die Branche, die mit der Ausschreibung von Handyroman-Preisen gezielt Nachwuchsautoren sucht, ein Umsatzvolumen von rund 100 Millionen Dollar.

Während hierzulande konkurrierende E-Book-Anbieter noch auf den großen Durchbruch warten, entsteht in Ländern mit hoher Handydichte – neben Japan unter anderem Korea oder Südafrika – ein aufstrebender Markt, der die Mobilfunkindustrie mit klassischen Verlagen und anderen Entertainment-Sektoren amalgamiert. "Die E-Book-Industrie will vorhandene Inhalte auf neue Reader bringen", meint Bendel, "wir möchten eigentlich neuen Content machen". Doch was zeichnet diesen "Content" aus? Verändern die Endgeräte den Text und – mittelfristig – unser Leseverhalten?

Handyliteratur jenseits der Digitalisierung herkömmlicher Printinhalte muss zwar nicht zwingend mit dickem Daumen am Handy eingegeben werden, ist jedoch zuerst ausschließlich für die Lektüre auf Mobiltelefonen und Smartphones verfasst. Technische Beschränkungen wie die geringe Displaygröße ziehen sprachliche Besonderheiten nach sich: Statt Proustscher Satzperioden dominieren kurze, parataktische Konstruktionen und reduzierte, umgangssprachliche Dialoge. Häufig werden Emoticons und ASCII-Art einbezogen, eine moderne Form "konkreter Poesie", wie man sie auch in SMS oder Chats findet. Web-Links sind Pflicht, nicht selten leben die Texte von der interaktiven Mitarbeit ihrer Leser, die dem Autor Anregungen geben oder neue Wendungen für den Plot vorschlagen. Die fiktionale Wirklichkeit vieler Texte, in der Technik- und Medienphänomene, Liebe und Sexualität eine große Rolle spielen, korreliert eng mit der Lebenswirklichkeit der angepeilten Zielgruppe; die Handlungen sind meist simpel gestrickt und ermöglichen identifikatorische Lektüre auch in Häppchenform, etwa auf dem Weg zu Schule oder Arbeit. Bei Handyroman-Serien, abgeschlossenen Folgen von kaum mehr als 20 Manuskript-Normseiten, kommen Geschäftsmodell und Erzählform zur Deckung.

Ist der Handyroman nun tatsächlich, wie Autor Bendel nahe legt, ein neues, aufregendes Genre, das geschickt auf der Klaviatur multimedialer Möglichkeiten spielt – oder alter Wein in neuen Schläuchen? Während sich Bildungsforscher und Soziologen noch streiten, lohnt ein Blick aufs – derzeit spärliche – Angebot, das ein wenig an die Frühphase der einst schwer gehypten "Netzliteratur" erinnert: Es dominieren Freizeitliteraten und Hobby-Texter, deren Hervorbringungen sich kaum vom schwer verdaulichen "usergenerated Content" des Web 2.0 unterscheiden. Was fehlt, sind renommierte Autoren, die nicht nur, wie Ingo Schulze oder Daniel Kehlmann, über’s Handy schreiben – sondern sich wirklich auf neue Formate einlassen. Selbst Rainald Goetz’ "Klage"-Blog oder Elfriede Jelineks kapitelweise im Netz veröffentlichter Roman "Neid" boten ja, rein formal, nichts Neues. Die jungen Schriftsteller in spé schauen neidvoll auf Musiker, die ihren Myspace-Erfolgen erste Plattenverträge verdanken; klassische Verlage denken das "Handybuch" eher als weitere Verwerungsstufe und Plattform für virales Marketing.

Doch gerade die revolutionäre Entwicklung des AppStores oder Googles Ankündigung, eine Million Bücher kostenlos im E-Pub-Format zur Verfügung zu stellen, lassen die Dinge - gut 25 Jahre nach der Markteinführung des ersten, damals noch 800 Gramm wiegenden Motorola-Mobilchens - in Bewegung geraten. Kaum ein Tag vergeht mehr ohne News aus dem mobilen Web. "Smartphones", so der Trendforscher Peter Wippermann, "sind schon heute für viele so etwas wie ein zweites Zuhause, eine Art Bedienungsoberfläche für das eigene Leben geworden." Muss es einen da wundern, wenn der Rockmusiker Nick Cave seinen neuen Roman "Der Tod des Bunny Munro" (KiWi) auf dem iPhone zu schreiben begann – und das um audiovisuelle Komponenten erweiterte Werk nun auch, neben Print- und Hörbuchversion, im AppStore feilbietet? Volker Oppmann, Chef von Textunes und Verleger von Onkel & Onkel, ist zwar sicher, dass sich das japanische Handyliteratur-Wunder "nicht 1:1 auf deutsche Verhältnisse übertragen lässt." Wenn er jedoch junge Autoren auf die nahezu grenzenlosen Möglichkeiten des Mediums anspricht, reagieren diese unisono "aufgeschlossen bis euphorisch." Textunes wird die iPhone-Version von Sebastian Horsleys "Dandy in der Unterwelt" (Blumenbar) mit einer Videobotschaft des Autors herausbringen – (noch) kein Handyroman, gewiss, aber das Beispiel zeigt, wie das Thema in den Köpfen von Kreativen und IT-Profis Kreise zieht. "Wir alle sind in einer Findungs- und Orientierungsphase", sagt Nils Later von Bookrix. Das Internetportal, das als eine Art Myspace für Hobbyautoren begann und sich in diesem Jahr erstmals mit sieben anderen Start-ups am Gemeinschaftstand Bits & Bytes der Frankfurter Buchmesse präsentierte, baut derzeit eine eigene Seite fürs mobile Web.

Hatte der 2006 gegründete, auf mobile Publishing spezialisierte Wiener Verlag Blackbetty Multimedia zunächst mit rechtefreien Titeln und Handybüchern von Nachwuchsautoren seine Produktions-Werkzeuge verfeinert, bietet er nun ein ehrgeiziges Geschäftsmodell, das Verlage und Buchhandel über Herstellungs-Tools und Kiosk-Systeme am Point of Sale gleichermaßen einbinden soll. Kooperationspartner Vodafone steht für Internationalität und ein erprobtes Billing-System; Random House, Arena, Ueberreuter und Egmont sind bereits mit im Boot. Auch hier gehen die Phantasien wohl eher in Richtung eines weiteren Marketing- und Vertriebskanals – für den nötigen Medienwirbel indes soll ein Handyroman sorgen. "WYRM" heißt die Fantasy-Serie, die von einem Team um Bestseller-Autor Wolfgang Holbein zunächst exklusiv auf Mobiltelefone und Smartphones gebracht wird; Buch und Film sind in Planung. Auch wenn es ein wenig wie der Plot eines neuen Oliver-Bendel-Romans klingt: Mit "WYRM" und dem für den englischsprachigen Markt geplanten Folgeprojekt "The Scout" – eine Art interaktives Geländespiel, für das Hotters Firma den schönen Begriff "Mobile Live Fantasy" erdacht und immerhin Autoren wie Frank Schätzing, Tanja Kinkel und Dan Brown kontaktiert hat - wollen die Wiener "das Mobiltelefon als literarisches Medium erobern" und "einer neuen qualitativen Generation von Mobile Content“ zum Erfolg verhelfen, wie Blackbetty Multimedia-CEO Jörg Hotter sagt. Bücherfresser alter Schule dürften sich schwerlich in Bann ziehen lassen; bei einer Zielgruppe, die auf Serien wie "Lost" oder "24“ steht, könnte es klappen.  

Oliver Bendel hat indes alle Hände voll zu tun: Er wird die Reihe um "Lucy Luder", seine Berliner Privatdetektivin, ebenso fortschreiben wie "Handygirl“. Die Sache mit dem Nachwuchs ist ihm offenbar ernst; es gibt Gespräche mit Institutionen, die ein Ohr für unkonventionelle Leseförderungsideen haben. Augenblicklich sucht er nach einer türkischen Co-Autorin, mit der er unter eigenem Label ("Oliver Bendel featuring ...") eine neue Serie kreieren will. "Süpergül", Superrose, soll sie heißen. Die Herausgabe einer Reihe mit Mundart-Handyromanen kann Tausendsassa Bendel sich auch vorstellen, schließlich mailen und chatten die Eidgenossen ja auch auf Schwyzerdütsch. Handys und Smartphones, da ist sich Bendel sicher, können jeden Tag mehr – momentan treibt ihn das Scannen von 2D-Codes um. Warum nicht einen Roman mit realen Spaziergängen verbinden, die dann auf die Handlung Einfluss nehmen. Verrückt? "Ich möchte die Möglichkeiten des Handys ausreizen. Für viele junge Leute ist es fast der Lebensmittelpunkt. Und damit sollte man mehr anfangen können, als telefonieren und Klingeltöne herunter laden."

Nils Kahlefendt

Wenn Sie mehr zu dem Thema wissen wollen: Hören Sie in den Podcast mit Oliver Bendel hinein:

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