Antiquariat

Bananenkartons als Antiquariats-Grundlage

Von Paletten hat damals noch niemand gesprochen: Der Bananenkarton als Grundlage des Antiquariatsbuchhandels. Eine fast schon klassische volkswirtschaftliche Studie von Friedrich Hirsefelder (d. i. Rainer Theobald).

Diese Pappe bleibt: Szene aus Rotterdam, August 2009

Diese Pappe bleibt: Szene aus Rotterdam, August 2009 © Matthias Glatthor

Bekanntlich dienen fast alle Maßnahmen der Europäischen Gemeinschaft jeweils dem Nutzen einer und dem Schaden vieler Nationen. So erregte, als die EG auf Betreiben Frankreichs die Einfuhr südamerikanischer Bananen zu drosseln begann, dies mit Recht viel Aufsehen, weil eine Verknappung, Verteuerung und vielleicht Verschlechterung des Bananen-Angebots in Deutschland zu erwarten war. Unter den zahlreichen kritischen Stimmen, die sich scheinbar mit allen Aspekten dieses protektionistischen Eingriffs zugunsten eines einzelnen EG-Mitglieds beschäftigten, war jedoch nicht eine, die die allgemeine Aufmerksamkeit auf die möglicherweise verheerende Auswirkung jener Maßnahme auf einen wesentlichen deutschen Wirtschaftszweig gelenkt hätte: den Antiquariatsbuchhandel. Ich bin überzeugt, dass nicht einer der EG-Kommissare auch nur einen Gedanken darauf verschwendet hat, was in den Lagern von Hunderten deutscher Antiquariate geschähe, wenn plötzlich Bananenkartons mit einem geänderten Format auf den Markt kommen würden.

Schon einmal, gegen Ende der 60er Jahre, als die Zeichen überall auf 'Revolution' standen, hatte das deutsche Antiquariatswesen durch eine Revolution in der Herstellung von Bananenkartons eine schwere Krise zu bestehen. Jahrelang hatte der Verfasser vorliegender Abhandlung, der sich mit Stolz zu den Erfindern des bananenkartongestützten Antiquariatsbuchhandels (abgekürzt BKA) zählen darf, als mittelloser Student die Antiquariate heimgesucht, um in einem bescheidenen Tauschhandel durch Abgabe von Büchern fremder Wissensgebiete seine eigene kleine Spezialbibliothek aufzubauen. Als das hierfür geeignetste Aufbewahrungs- und Transportmittel erwiesen sich Bananenkartons. Sie waren bei großer Stabilität leicht und stapelfähig, hatten Griff- und Lüftungsöffnungen, und sie waren jederzeit wieder zu beschaffen. Die Dimensionen, ein Quader von 57 x 30 x 21 cm Kantenlänge, eigneten sich vortrefflich zum Einlegen von zwei Bücherstapeln in Quartformat oder vier Bücherstapeln in Oktav. Lediglich Folianten mussten separat getragen oder, noch besser, zurückgelassen werden. Länge und Volumen des Bananenkartons hatten die Idealmaße für den Transport vor der Antiquarsbrust, und der Marsch vier Treppen abwärts oder eine gewundene Kellerstiege aufwärts stellte für den geschulten Altbuchhändler kein Problem dar, zumal es in den 60er Jahren noch Parkplätze vor dem Hause gab. Der sogenannte Kofferraum im VW-Käfer war (oder wurde?) von den Wolfsburger Planern so eingerichtet, dass vorn unter der Haube einer und hinter den Rücksitzen zwei Bananenkartons mit Büchern untergebracht werden konnten. Der gefüllte Karton hatte, wenn nicht gerade Kunstdruck- Bände oder Jahrgänge der Zeitschrift 'Theater heute' eingelegt waren, genau das Gewicht, das der Antiquar ohne anschließenden Hexenschuss oder Bandscheibenvorfall bei seinen ständigen Transporten als 'Kultur-Träger' zu bewältigen vermochte. Wurde der Verfasser vorliegender Abhandlung von den Antiquaren anfangs wegen seiner Bananenkartons belächelt, so machte sein Beispiel doch bald Schule, und gegen Ende der 60er Jahre gehörte der Bananenkarton bereits zur Grundausstattung des Antiquariats.

Da griff die allgemeine revolutionäre Bewegung auch auf das so sensible Gebiet des Bananenkartons über. Der anhaltende Wohlstand der Bundesrepublik ließ den Bananenverbrauch stetig wachsen, und die Bananenproduzenten kamen, wie alle Produzenten bei gutem Absatz, auf den Gedanken, zu Groß-Packungen überzugehen, das heißt die Bananenkartons zu vergrößern. Das längliche Format wurde abgeschafft und durch ein Modell mit der Kantenlänge 52 x 39 x 24 cm ersetzt. Die Antiquariatsbuchhändler waren vor die Wahl gestellt, entweder aufzugeben oder ihre Logistik mit den neuen Maßen abzustimmen. Die meisten entschieden sich für letzteres, weil die neuen Kartons trotz ihrer Unhandlichkeit unbestreitbare Vorteile mit sich brachten: Es passte mehr hinein, alle gängigen Buchformate fanden jetzt Platz, und selbst Folio-Zeitschriften mit Holzstich-Abbildungen, deren Mitnahme sich mittlerweile lohnte, konnten jetzt unauffällig abgeschleppt werden. Ein weiterer Vorzug war die große Stabilität der neuen Kartons. Man konnte Türme von zehn und mehr Kisten stapeln und notfalls darauf herumsteigen, ohne ein Zusammenknicken befürchten zu müssen. Mit der rapiden Vermehrung der Antiquariate in den 70er und 80er Jahren breitete sich auch die Lagerhaltung auf Bananenkartonbasis aus, und es kam schon gelegentlich zu Engpässen, so dass Lagerverwalter von Supermärkten ihre sinkenden Realeinkommen durch Schutzgebühren für Bananenkartons aufbessern konnten. Heute ist der Bananenkarton das selbstverständliche Transport- und Lagermittel des Antiquars; er gehört neben den drei großen R (Rechner, Radtke und Radiergummi) zu den wichtigsten Utensilien des Metiers. Das Gewicht des gefüllten Kartons pflegt den Antiquar unter 40 nicht zu schrecken, und die Zahl der Buchhändler mit irreparablem Rückenleiden, entstanden durch den Transport von Bananenkartons, ist Legion. Der erfahrene Antiquar weiß heute, wie viele Onkel-Tuca-Kartons die Sophien-Ausgabe von Goethes Werken erfordert und wie viele Bände der Stefan-George-Ausgabe, endgültige Fassung, in einen Chiquita-Karton passen. Der erfahrene Antiquar versucht nicht, einen Del-Monte-Deckel mit runden Löchern auf einen Dole-Karton mit Schlitzen zu stülpen. Er weiß, die Maße der Kartons sind so millimetergenau berechnet wie der Stauraum seines Lagers, und wenn der Antiquar hochstapelt, so geschieht dies weniger in seinem Katalog als in seinem Hinterzimmer. Auf Flohmärkten lässt sich mühelos der Trödler vom Antiquar unterscheiden. Während ersterer seine Bücher wesensfremd in Plastik-Kästen aufbewahrt, sie mit dem Rücken nach oben aufstellt, so dass die Gelenke reißen und die Bücher im Einvernehmen mit der geheimen Einschätzung von Seiten des Trödlers kontinuierlich zu Altpapier verarbeitet werden, baut der Antiquar sinnreiche Konstruktionen und Türme aus Bananenkartons, in denen sich Pappe zu Pappe gesellt und das Kulturgut bei hereinbrechendem Unwetter schnell mit schützendem Deckel versehen werden kann.

Zwar haben Experten auch Nachteile der Lagerhaltung per Bananenkarton herausgefunden (z. B. das Verbiegen und Verziehen der Buchblöcke bei längerer Lagerung), aber was bedeuten diese im Vergleich mit der ungeheuren wirtschaftlichen Relevanz dieses bewährten Container-Systems im deutschen Antiquariatsbuchhandel? Tausende von Bananenkartons stapeln sich in deutschen Antiquariatslagern; jeder Händler hat heute die Maße im Kopf und erkennt auf einen Blick, wie viele Bücher welcher Kategorie in der Pappe aus Ecuador unterzubringen sind. Kluge Verleger wissen längst, welche Formate für Taschenbücher, für Kunstbände und für Belletristik zu wählen sind, wenn sie bananenkartongerecht und damit marktgerecht gestaltet sein sollen. Selbst Auktionshäuser scheuen sich nicht mehr, ihren Kunden zum Abtransport der kostbaren Erwerbungen Bananenkartons anzubieten.

Und da kommt eine ahnungslose Clique von EG-Bürokraten und ändert das System des Bananen-Welthandels. Was geschieht? Schon sind obskure Bananenkartons mit anderen Formaten, anderer Konsistenz aufgetaucht: kürzere, breitere, flachere, lappigere, die zur exakten Turmbildung gänzlich ungeeignet und daher unter Antiquarskollegen nicht mehr kompatibel sind. Ganze Lagersysteme sind bedroht, Transportprobleme treten auf, Handelsstrukturen und Messen sind gefährdet. Auch wenn die kostbaren Onkel-Tuca-Kartons aus Vor-EG-Friedenszeiten so lange wie möglich aufgehoben und wiederverwendet werden, so unterliegen sie doch einem gewissen Verschleiß; manche müssen auch als Kundendienst verschenkt werden, zum Beispiel um 'Beckers Weltgeschichte' loszuwerden. Wie soll die Zukunft mit einer Vielzahl wertloser, weil vielgestaltiger Buchcontainer aussehen? Energische Schritte sind notwendig. Der Verband Deutscher Antiquare muss bei den zuständigen EG-Gremien ebenso wie bei den Bananen-Produzenten in Amerika und Afrika darauf dringen, dass nur noch genormte Bananenkartons auf den Markt kommen, die ihrer eigentlichen Aufgabe gerecht werden und zudem eine Festigkeitsprüfung bestanden haben müssen, zum Beispiel in Form eines Zehnerstapels, gefüllt mit der 'Zeitschrift für Bücherfreunde'. Nur so kann Deutschland seinen Ruf als Bananenrepublik, den es doch gewiss nicht seinen Politikern verdankt, in der richtigen Weise zur Geltung bringen und seine Kulturgüter weiterhin in dem ihnen angemessenen Rahmen hüten und bewahren.

[Es handelt sich bei diesem Text um einen Wiederabdruck von:]

Friedrich Hirsefelder = Rainer Theobald: Der Bananenkarton als Grundlage des Antiquariatsbuchhandels. Eine volkswirtschaftliche Studie. In: Aus dem Antiquariat, Beilage zum Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel, Nr. 34, vom 29. April 1994, A 154–156.

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1 Kommentar/e

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  • harald schablow

    harald schablow

    und so nette beispiele von rathke bis beckers weltgeschichte weiter so fein ironisch und voellig richtig gesehen.

    • ...

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