Medien
30.12.2009Urheberrecht
Kein Denkmalschutz
Das Internet ist eine große Chance: Noch nie konnten Inhalte so schnell verbreitet und ausgetauscht werden wie heute, noch nie konnten so viele Kontakte gleichzeitig hergestellt und mit Informationen versorgt werden. Doch die quasi-simultane Verbreitung von Inhalten hat bei vielen Nutzern – nicht nur den Digital Natives – die Vorstellung genährt, dass alles, was sich digitalisieren lässt, zu jeder Zeit in vollem Umfang überall zugänglich und verfügbar sein müsse. Das Internet hat sich für viele Surfer in eine Wunschmaschine verwandelt, in die man nur über ein Suchfenster eine Zeichenkombination eintippen muss, um den begehrten Text, ein Buch, ein Musikstück oder ein Video sofort sehen zu können. Möglichst kostenlos. Zum »radical price« von 0,00 Euro, wie Chris Andersen es in seinem Buch »Free« formuliert hat. Schon ein Micropayment von 0,01 Cent lässt viele User zurückschrecken.
Es wäre heuchlerisch, wenn man von sich behaupten würde, es gehe einem selbst wesentlich anders. Wer etwas im Netz sucht – sei es privat oder beruflich – wird so lange recherchieren, bis er eine Plattform findet, die das Gewünschte unentgeltlich liefert. Die Frage, ob das entsprechende Text-, Bild- oder Audioangebot legal ist, kommt vielen Nutzern womöglich gar nicht in den Sinn. Niemand würde sich fragen, ob bei einem Clip auf YouTube die Rechtefrage wirklich geklärt ist. Lawrence Lessig, der zu den Kritikern des geltenden Copyrights in den USA gehört, hat dies im Selbstversuch erfahren und in seinem jüngsten Buch »Remix« beschrieben.
Im digital gekrümmten Raum gelten andere Weltsichten als in der physischen Bücherwelt – und das verändert auch die Anforderungen, die an das Urheberrecht und den Urheberrechtsschutz gestellt werden. Der durchschnittliche User im Netz erwartet totale Verfügbarkeit. Er will Dinge sofort. Und wenn er sich Inhalte herunterlädt, hat er auch nicht das Gefühl, jemandem etwas wegzunehmen.
Das Kopieren geschützter Inhalte entzieht sich der Selbstwahrnehmung. Es vollzieht sich lautlos, an keinem national begrenzbaren Ort, bleibt unsichtbar und hinterlässt in der Regel keine Spuren (es sei denn, das Dokument ist mit einem digitalen Wasserzeichen versehen). Die kopierte Originaldatei bleibt scheinbar unberührt – selbst wenn es sich um ein unerlaubtes Digitalisat aus der Piratenwerkstatt handelt, das nun als PDF ins Netz gestellt wird.
Die Verletzungshandlung ist abstrakt wie das Hinterziehen von Steuern. Man richtet damit nur mittelbaren Schaden an, indem man dem Fiskus und damit auch der Allgemeinheit finanzielle Ressourcen vorenthält. Doch beim Raubkopieren werden Autor und Verlag um ihre (angemessene) Vergütung gebracht – auch wenn das Anfertigen in der Regel gar kein Unrechtsbewusstsein auslöst. Der »Täter« hat nicht das Gefühl, eine »Tat« zu begehen, er besitzt kein urheberrechtsspezifisches Gewissen.
Wegen seines immateriellen Charakters hat der Schutz geistigen Eigentums immer schon Probleme aufgeworfen. Nun, im Internetzeitalter, scheint sich das Urheberrecht, der Urheberrechtsschutz mehr und mehr zu verflüchtigen. »Schrankenloser Austausch und kostenlose Inhalte«: Diese Freiheit verspricht das Internet den Bürgern – das zumindest gaben 20 Prozent bei einer Umfrage des Trend Büros zu Protokoll.
Schutzmaßnahmen wie Digital Rights Management (DRM) oder Sanktionen wie Internetsperren (in Frankreich und demnächst auch in England) sind zwar notwendig, doch in vielen Fällen nicht wirksam. Sie trocknen nicht den Sumpf aus, in dem die Piratenkultur gedeiht, sondern ermuntern eher zum Hacken oder zum Klauen auf One-Click-Hoster-Plattformen. Sie sind auch nicht durchsetzbar – so wie zahlreiche andere Verbote, die massenhaft missachtet werden. Zudem beeinträchtigt DRM die Nutzungsqualität ebenfalls bei legalem Download von Inhalten.
Flucht nach vorn: Das könnte ein Weg aus dem digitalen Dilemma sein, in das Autoren und Verleger angesichts entfesselter Verbraucher geraten, die kein Urheberrecht im Netz mehr akzeptieren. Diese Botschaft überbringt jedenfalls Chris Andersen in »Free«. Auch mit freien Inhalten lässt sich Geld verdienen. Ein Buch beispielsweise, das vor dem Verkauf in der Buchhandlung mehrere Tage zum kostenlosen Download auf einer Website angeboten und auf diese Weise bei einer riesigen Zielgruppe bekannt wird, kann bei vielen Nutzern die Begehrlichkeit wecken, es physisch zu besitzen und zu kaufen. Auf diese Weise sind schon zahlreiche Bücher zu Bestsellern geworden, ob von Tim O’Reilly, Chris Andersen oder anderen Autoren.
Vielleicht hat diese Form des Internet-Marketing auch dem Buchverkauf des jüngsten Dan Brown gutgetan, der praktisch in dem Moment, wo die Exemplare ausgeliefert wurden, online umsonst zu haben war. Eine andere Möglichkeit: Novitäten könnten in abgespeckter Preview-Qualität ins Netz gestellt werden – verbunden mit der Hoffnung, dass die Bücher später in gedruckter »Premium«-Qualität gekauft werden. Damit würde man den Hunderttausenden von Anbietern illegaler PDFs das Wasser abgraben.
Doch stattdessen befällt in der Diskussion um das Urheberrecht fast alle Teilnehmer Fantasielosigkeit, wenn es um Veränderungen des rechtlichen Status quo geht. Warum eigentlich? Mit dem Internet hat eine neue Zeitrechnung begonnen, die auch einen anderen Umgang mit dem Urheberrecht erfordert. Die Entwicklungen im Netz sind kein isoliertes, abgekoppeltes Geschehen mehr, sie sind längst Teil unserer gesellschaftlichen (und zunehmend auch politischen) Wirklichkeit geworden, treten mit gesellschaftlichen Prozessen in Wechselwirkung.
Es wäre zu einfach, die »Piraten« als politischen Stoßtrupp der Open-Access-Bewegung zu »Wirrköpfen« zu erklären. Man muss mit ihnen reden und ihre möglicherweise unrealistischen Forderungen auf Aspekte abklopfen, die für eine Entwicklung des Urheberrechts nützlich sein könnten. Natürlich wäre eine hemmungslose freie Nutzung von Inhalten schädlich. Sie entspränge einer Tendenz zur Infantilisierung in der Konsumgesellschaft: Bedürfnisse sollen möglichst sofort, ohne Umweg und ohne (finanzielle) Belastungen befriedigt werden. Aber dieses Phänomen lässt sich nicht einfach ignorieren – man muss Antworten darauf suchen.
Mit einem elitären Rückzug auf Verhältnisse, wie sie in der Vor-Internet-Welt geherrscht haben, ist nichts gewonnen. Manchmal gewinnt man den Eindruck, dass sich starre Fronten gebildet haben und jede Seite sich hinter ihren Argumentationsketten verschanzt. Hier stehen die Dogmatiker, da die Reformer, wie in der katholischen Kirche vor dem Zweiten Vaticanum. Was die Synode der Bischöfe damals forderte, war ein »aggiornamento« der Kirche angesichts der modernen Welt. Es wäre verwunderlich, wenn die Verlage 15 Jahre nach dem Beginn der massenhaften Nutzung des Internets immer noch nicht zu einem solchen »aggiornamento« fähig wären. Auch der Kirche ging es nicht darum, Glaubensgrundsätze zu opfern, sondern ihre Anwendung mit der modernen Welt in Einklang zu bringen – ohne sich bedingungslos anzupassen. Zu einem ähnlichen Schritt – nur ein paar Nummern kleiner – sollten auch die Verteidiger des Urheberrechts fähig sein.
Dazu gehört die Erkenntnis, dass die Interessen von Inhalteproduzenten und Inhalteverwertern zunehmend auseinanderlaufen. Autoren profitieren von der »Free Culture« im Netz möglicherweise mehr als Verlage. Für sie könnte eine zu restriktive Durchsetzung des Urheberrechts womöglich schädlich sein, indem sie die Verbreitung von Inhalten behindert oder sogar verhindert. In der Musikindustrie zeichnet sich ein ähnlicher Trend ab: Viele Musiker verdienen heutzutage dank Internet besser als die Tonträgerindustrie, deren Erlöse weiterhin zurückgehen. Geschäftsmodelle – und das gilt auch für Verlage – stehen eben nicht unter Denkmalschutz.
Warum befällt so viele Autoren – die auch im Netz unterwegs sind – beim Thema Copyright und Urheberrecht Atemnot? Könnten nicht auch Urheber manchmal tiefer durchatmen, wenn sie sich nicht nur von Schutzüberlegungen leiten ließen, sondern ihre Inhalte bis zu einem gewissen Grade freigeben würden? Als künstlerische und literarische Schöpfungen, die nicht nur der Persönlichkeit des Schaffenden gehören, sondern Bestandteil der Kultur sind, für die man als Künstler oder Urheber arbeitet?
Hier steht der im deutschen Urheberrecht ausgeprägte Gedanke des Urheberpersönlichkeitsrechts einer Neubewertung im Wege. Doch warum sollte man eigentlich an dieser überdehnten Rechtsfigur festhalten, die möglichst jede Verfügung über den Inhalt der Allmacht eines Urhebers unterordnet? Es ist doch beim geistigen Eigentum so wie bei anderen Dingen, die man erwirbt: Sie sollten auch dem Gemeinwohl zugute kommen und zu einer gesellschaftlichen Balance beitragen. Schließlich verdanken sich viele künstlerische Schöpfungen nicht nur dem Genie und der Arbeitskraft des Einzelnen, sondern überdurchschnittlichen Vermögensverhältnissen, einer generösen Kulturförderung oder einer großzügigen Ausstattung eines wissenschaftlichen Instituts. Ist der Gedanke verwerflich, dass der Urheber der Allgemeinheit etwas von dem zurückgibt, was ihm gegeben wurde? Muss man da gleich, wie Peter Sloterdijk im Kontext der Sozialstaatsdebatte, von Kleptokratie oder Enteignung sprechen?
Ohne juristischen Diskussionen vorgreifen zu können: Welche Veränderungen in der Urheberrechtspraxis wären denkbar, ohne dass der Schutz der kreativen Leistung gefährdet würde? Könnte man eine temporäre Urheberrechtsschranke einführen, die unter bestimmten Bedingungen das Recht auf eine befristete Vorschau neuerschienener Titel einräumt? Wäre es nicht bei Fach- und Wissenschaftsbüchern sinnvoll, die Schutzdauer zu verkürzen? Auf 20 statt auf 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers? Wären nicht günstige Lizenzierungen von Inhalten für Schüler und Studenten sinnvoll, die es Verlagen ermöglichen könnten, die Verbreitung ihrer Inhalte besser zu steuern als dies in der Bibliothekspraxis geschieht? Wäre das Problem der verwaisten Werke nicht so zu lösen, dass man Rückstellungen bildet für Rechte, die möglicherweise nach einem längeren Zeitraum der freien Nutzung geltend gemacht würden? Urheberrechtsexperten schlagen solche Modelle durchaus vor.
Es geht darum, argumentative Blockaden zu beseitigen, Lockerungsübungen zuzulassen, die scheinbar zementierte Positionen verändern könnten. Das Unerlaubte muss nicht nur gedacht, sondern auch ausgesprochen werden. Nur so kann die Position des Autors, der immer noch an eine unumschränkte Autonomie seines Schaffens und Denkens glaubt, ins Wanken geraten. Das Internet ist – auch wenn es einem nicht gefällt – eine interaktive, kollektive Veranstaltung, an der die Gesellschaft, und auch der Urheber, nicht vorbeikommt. In der neuen »sharing culture«, so der Urheberrechtsexperte und Verleger Wulf D. v. Lucius, verschwinden die Grenzen zwischen Erstellern und Nutzern, verschmelzen Produktion und Konsumtion gar zum »Prosuming«.
Auch wenn sich nicht alle pessimistischen Annahmen bewahrheiten: Es wird enorme Kraft kosten, die eigenschöpferische Leistung in zehn, 20 oder 50 Jahren zu bewahren. Internet-Textplattformen wie Scribd und Echtzeit-Plattformen im Social Web wie Google Wave werden alle Teilnehmer heutiger Urheberrechtsdebatten noch das Fürchten lehren.
Michael Roesler-Graichen



1. erich colling 30.12.2009 11:15h
,Habe meinejugnderrinnerung von 1933 bis 1950 in einem Buch niedergeschrieben .Mein lektor erhebt
für seine Schreibarbeiten das Autoren und Urheberrecht,Obwohl der innhalt mein geistiges Eigentum ist.Wie kann ich da vorgehen. das buchheist damals in der Rappengasse von Erich Colling
2. Roland Reuß 30.12.2009 12:23h
Lieber Herr Michael Roesler-Graichen,
opportunistisch und prinzipienlos und vor allem ohne historische Perspektive, so kommt mir Ihr Artikel vor.
Der Gier, alles und sofort umsonst haben zu wollen, muß niemand freiwillig entgegenkommen. Sie können auch sicher sein, daß eine zeitliche Modifizierung der bestehenden Fristen zu nichts führt -- nur zu noch mehr Begehrlichkeiten. Und noch weniger Rechtsbewußtsein.
Zu dem kardinalen Punkt, die Produktion *neuer* Kulturgüter zu fördern und zu schützen, fällt Ihnen nichts ein -- ich finde es geschmacklos, daß jemand, der in seinem Leben noch kein Buch geschrieben hat, dem Gesetzgeber den Rat gibt, in die Rechte von Autoren einzugreifen. Ich kann mir das nur als Resultat einer Gehirnwäsche erklären.
Ein wenig mehr Selbstbewußtsein täte der Buchbranche sicher gut. Was ich hier lese, hat die Anmutung vom Maikäfer, wenn es blitzt. Konformismus ist für die publizierende Branche kein »Geschäftsmodell«.
Nichts für ungut, aber das da oben, das ist getret’ner Quark (wird breit, nicht stark).
Mit freundlichen Grüßen,
Roland Reuß
3. KeinLektor 30.12.2009 12:28h
Naja, wenn man Ihren Kommentar so liest kann man sich gut vorstellen, dass das eigentliche Werk vom Lektor geschrieben wurde... Da wird er wohl Recht haben...
4. Roland Reuß 30.12.2009 12:29h
PS: Es wäre prima, wenn die Scripts der Kommentarfunktion auf der Börsenblatt-Seite es auch schafften, einen korrekt codierten Apostroph zu übernehmen: ’ ist jedenfalls keiner. So läßt sich jedenfalls keine typographische Qualität produzieren. Wollen wir die auch gleich mitabschaffen?
5. KeinLektor 30.12.2009 12:30h
zu 3.: Der Kommentar galt Nr. 1.
6. Volker Rieble 30.12.2009 12:49h
Sehr geehrter Herr Roesler-Graichen,
ich bin wissenschaftlicher Autor und stelle meine Inhalte gern ins Netz. Allerdings möchte ich entscheiden, wann das geschieht und in welcher Form. Ich möchte gern selbst scannen und mich nicht irgendwelchen selbsternannten Freunden der Informationsfreiheit ausliefern. Und ich möchte alte Dinge, die ich heute nicht mehr vertrete, nicht "senden". Darin schützt mich nach einhelliger Meinung die Wissenschaftsfreiheit des Grundgesetzes. Sie müßten also erst einmal das Grundgesetz ändern. Für das Urheberrecht müßten sie - zur gewünschten Verkürzung der Schutzfristen - zudem internationale Übereinkommen ändern, die eine Mindestschutzdauer von 50 Jahren vorgeben.
Netzpublikationsfreiheit kann es nur mit und nicht gegen die Autoren geben.
Wenn das Plündern überhand nimmt, dann droht eine ganz andere Reaktion: Die Abwanderung von fachspezifischen Inhalten in geschlossene Benutzergruppen, die für den Zugang zahlen. Dann fehlt auch die Papierversion, von der man scannen kann.
Mit freundlichen Grüßen
Ihr Volker Rieble
7. Hans-Joachim Schulz 30.12.2009 16:59h www.fabula-online.de
Nun: Geiz ist geil, und haben will (fast) jeder, am besten umsonst. Catch as catch can. Daran wird sich so schnell nichts mehr ändern: das Urheberrecht etc. wird ausgehöhlt, ad absurdum geführt werden. Da hilft kein Jammern mehr.
Die Folgen?
Die geistigen Leistungen werden zurückgehen, der Fortschritt sich verlangsamen, da ja keiner mehr einsehen wird, dass er sich für "die Deppen" sein Hirn zermartert....
Verlangsamen bis zum Stillstand.
Und da Stillstand in "unserem" Verständnis Rückschritt sein soll, können wir uns die Folgen denken.....
8. Roland Reuß 30.12.2009 17:39h
Lieber Herr Schulz,
Pessimismus ist fehl am Platz, Aufklärung tut not. Und Kritik an solchen kurzsichtigen Kommentaren wie dem des Börsenblatts. Irgendwie kommt da immer etwas feige Akkomodierendes hinein.
Ein Konzept einer Buchbranche, das nicht das Individualrecht des Autors als Basis behauptet, ist Quark und nicht zu retten, daher auch meine Intervention. Die Hektik, auf Teufel komm raus irgendwas »auf digital« zu machen, ist völlig unangebracht.
Es wäre an der Zeit für die Strategen des Blatts, einmal ihre »endgadgets« ab- und den Verstand einzuschalten (fast hätte ich gefragt: ja sind wir denn hier beim Perlentaucher und seinen mittelfristig suizidalen Abfeierungen jedes digitalen Schickimickizeugs?).
Was man von den Strategen der Branche (und der Clacqueurspartei hier im Blatt) erwarten kann, darüber bin ich zuletzt gestolpert, als hier das Projekt abgefeiert wurde, nun ausgerechnet »pilotmäßig« die Digitalisierung der von der Stiftung Buchkunst ausgezeichneten Bücher in Angriff zu nehmen. Das ist so hirnimäßig dämlich (und zeugt von so wenig Bewußtsein davon, was man eigentlich herstellt), daß es einem die Haare zu Berge stehen läßt. Gibt es denn bei nüchterner Überlegung etwas, was weniger geeignet ist zur Digitalisierung als die herstellerischen Spitzenprodukte der Buchproduktion? Wie ist es mit der Medienauflösung derjenigen Personen bestellt, die auf so einen Gedanken kommen?
Einer Branche, der man erklären muß, was genau sie produziert, ja, der wäre dann wohl wirklich nicht mehr zu helfen. Aber so weit sind wir noch nicht.
Mit freundlichen Grüßen,
Roland Reuß
9. Dennis Schmolk 30.12.2009 17:59h http://www.anouphagos.com/
Niemand muss der "Gier" (oder eher: dem Bedürfnis) nach Gratis-Inhalten entgegenkommen - darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn er nichts mehr verdient. Auf den alten Produzenten- oder eher Verwertungsrechten zu ruhen ist vielleicht für manche Marktteilnehmer ein einträgliches Geschäft - aber vermutlich für immer weniger. Bei allen anderen verhindert es das Entstehen neuer Geschäftsmodelle, die vom alten, nicht mehr tragfähigen "Content-gegen-Geld"-Konzept abweichen. Der Kommentar von Herrn Roesler-Graichen geht mir punktuell noch nicht weit genug, aber ist im Böbla endlich wieder kühlend frischer Wind.
10. Roland Reuß 30.12.2009 18:13h
Lieber Herr Schmolk,
Sie schreiben, was man von Ihnen erwartet (»geht mir punktuell noch nicht weit genug«) -- logischer wird es dadurch nicht. Siehe den Einleitungssatz (ich lasse mal Ihre Inchzeichen unplugged stehen): »Niemand muss der "Gier" (oder eher: dem Bedürfnis) nach Gratis-Inhalten entgegenkommen - darf sich dann aber auch nicht wundern, wenn er nichts mehr verdient«. Diesen Satz können Sie gerne durch ein Logik-Modul laufen lassen.
In zwei, drei Jahren, wenn die Blase, die Sie pusten, geplatzt ist, sprechen wir uns noch einmal und dann werden wir ja sehen, wie dolle und zukunftsträchtige »Geschäftsmodelle« das Web 2.x so geliefert hat.
Servus,
Roland Reuß
11. Peter Blomert 30.12.2009 18:32h
Kinder, Kinder,
nun beruhigt Euch doch! Ein paar Lockerungsübungen täten der ausstehenden Debatte um Neugestaltung des Urheberrechts und damit einhergehend um neue Geschäftsmodelle unzweifelhaft gut. Die Anerkennung, dass auch die Autorenschaft nur in seltenen Fällen eindeutig einem Individuum zuzuschreiben ist, sondern dass im Gegenteil meist durchaus relevante Teilhabe den Netzen und sozialen Kontexten geschuldet ist, in denen sich der Autor/die Autorin bewegt, kann doch durchaus den Kopf für neue Überlegungen öffnen ...
12. Roland Reuß 30.12.2009 18:46h
Lieber Herr Blomert,
was Sie einfordern, ist bereits seit über hundert Jahren geschehen. Konsultieren Sie eines der Standardwerke zur Geschichte des Urheberrechts -- Sie werden erstaunt sein. Es ist längst begriffen, daß man im Sinne der Produktivität Personen ermutigen muß, etwas Vernünftiges und Neues zu produzieren, und daß sie dafür vom Staat sehr weitgehend geschützt werden müssen. Wir brauchen diese Debatte mE nicht noch einmal zu führen, sie ist bereits geführt und vernünftig entschieden worden. Die Argumente zum Schutz der Produktivkraft haben sich auch nicht sonderlich geändert -- nur die historischen Kenntnisse und der Grad der Einsicht haben drastisch abgenommen.
Mit freundlichen Grüßen,
Roland Reuß
13. Andreas 30.12.2009 19:15h http://www.andy69.com
Ich bin ja immer noch der Meinung, dass Micro-Payment nicht *generell* abgelehnt wird. Das Problem sind allerdings die umständlichen Zahlungsmethoden, undurchschaubare Abläufe, komplizierte Anbieterverhältnisse, etc.
Gerade in Zeiten in des Informationsüberflusses ist eine schnell gefundene Information durchaus Micro-Payments wert. Und dass Leute selbst für Schwachsinn Unsummen ausgeben, wenn es ihnen nur einfach gemacht wird, wissen wir nicht nur erst seit Klingeltönen.
Dass allerdings Marketing im "Internet-Zeitalter" anders aussehen muss als noch vor 30 Jahren, ist auch klar (unabhängig vom Businessmodell).
14. Wittkewitz 30.12.2009 20:39h http://www.digitalpublic.de
Ich bin sehr froh, dass sich unter diesem Artikel Kommentare befinden, die mit vollem Klarnamen gekennzeichnet sind. Man kann sich dann immer sehr gut vor Augen führen, was der Unterschied zwischen einem Zeugnis der Armut und einem Armutszeugnis ist. Bisher dachte ich immer, Vulgarien gäbe es nur im Film. Bin ich um eine Erkenntnis reicher.
Si latet ars, prodest
15. Dr. Michael Roesler-Graichen 30.12.2009 23:37h
Sehr geehrter Herr Reuß,
Sie sollten sich informieren, bevor Sie Dinge über den Verfasser dieses Essays behaupten, die nicht stimmen (in puncto Publikationen).
Ihre Tonlage ist decouvrierend. Und Ihre Erwiderungen tragen nichts zur Diskussion der "Prinzipien" bei, auf die Sie bauen.
Das ist reine Abwehrrhetorik.
Ich verstehe unter Essay auch einen Text, in dem man - und das ist durchaus nicht ohne Risiko - Abstand zu liebgewordenen Positionen einnimmt. Das heißt noch lange nicht, dass man diese auch aufgibt.
Man setzt sich damit auch unqualifizierter Kritik aus.
Zu Ihrer Beruhigung: Ich war nicht Teilnehmer eines Lawrence-Lessig- oder Piratenpartei-Camps.
Guten Rutsch (mit oder ohne Quark) wünscht Ihnen Dr. Michael Roesler-Graichen
16. Dr. Klaus Graf 31.12.2009 00:15h http://archiv.twoday.net
Guter Artikel! Zur Problematik siehe auch mein Buch und dort insbesondere das Nachwort "Urheberrechtsfibel" (Contumax: 2009). Gibts auch als kostenlosen Download.
"Mehr desselben" (hier: noch schärferer Schutz des Urheberrechts, obwohl es schon an fast allen Ecken und Enden absurd scharf genug ist) ist ein Katastrophenrezept (Watzlawick).
17. Kalt 31.12.2009 09:06h
Komisch, warum diese Herren -- genau diese Herren -- mit ihren Dr-Titeln davor erscheinen. Das hat wohl auch seine Bedeutung.
18. Wittkewitz 01.01.2010 02:13h http://www.digitalpublic.de
Es läßt sich zusammenfassen, dass der Unterschied zwischen Hartz4-Einkommen und C4-Einkommen offenbar ausschließlich im Betrag liegt und weniger im volkswirtschaftlichen oder gar kulturellen Nutzen.
19. Heiß 01.01.2010 21:46h
Ob es bald wieder den Karzer gibt? Für unbotmäßige Google-Benutzer? Und endlich wieder Talare für C4-Profe$$oren? Wann wird Brecht und Hesse frei zur Edition für profe$$ionelle Editionen, für die Freiheit der Wi$$enschaft?
Cui bono?
20. Matthias Ulmer 02.01.2010 09:46h
Lieber Herr Roesler-Greichen,
Ihr Essay erstaunt mich, weil er so wenig Neues enthält. Sie beklagen die verhärteten Fronten. Aber Sie selbst bleiben in den Fronten stecken. Vielleicht ist es eben in der Kultur auch nicht anders als in der Politik: die Welt unterteilt sich in die, die Inhalte oder Wohlstand schaffen, und die, die sie verteilen. Letztlich muss beides in einem ausgewogenen Verhältnis stehen. Das leistet das deutsche Urheberrecht. Ihre nicht sehr neuen Vorschläge dagegen tragen dazu nichts bei.
Sie liefern eine Situationsbeschreibung, die mit allen Farben der Katastrophe voll ist. Das ist eine beliebte aber auch abgegriffene Ouvertüre um mit einem Revolutionsstück zu beginnen. Ich kann die Katastrophe nicht erkennen. Weder bricht die Welt am illegalen Download zusammen, noch zermalmt ein starres Urheberrecht Autoren und Leser. Und auch das Unrechtsbewusstsein der digitalen Nativen macht mir keine Sorgen. Solche Warnungen hat noch jede Vätergeneration vorgetragen.
Was sind nun Ihre bahnbrechenden Vorschläge? Sie empfehlen den vorübergehenden freien Download zu Marketingzwecken. Toll. Wie Sie richtig sagen: viele machen das schon, Libreka zum Beispiel. Jeder experimentiert damit und es wird ein Element des Marketingmix sein.
Das reicht Ihnen aber nicht. Über eine temporäre Schranke soll dieses Marketinginstrument gesetzlich verpflichtend werden. Das ist absurd, eine Zwangswerbung also?
Weiter schlagen SIe vor, die Schutzdauer von Fachbuch und Wissenschaft auf 20 Jahre zu reduzieren. Auch das ist Unsinn, denn ein Fachbuch, das 20 Jahre alt ist, hat heute nahezu keinerlei Bedeutung. Das wäre also eine Revolution, die noch nicht mal den Vorgarten erreicht. Ein Eingriff ins Urheberrecht ohne jede Wirkung.
Auch die Schüler und Studenten sollen in den Genuß von Zwangs-Sonderpreisen kommen. Es ist sicher unbestritten, dass die Gesellschaft Schüler und Studenten fördern muss. Aber wäre der Weg hier nicht die Diskussion um Förderung der Bildung von staatlicher Seite, über Subventionen und entsprechende Steuern, statt den Autoren und Verlegern diese Förderung alleine zu übertragen?
Ihr letztes Argument ist dann die Regelung für verwaiste Werke. Sie schreiben, dass diese Regelung von Urheberrechtsexperten vorgeschlagen wird. Das überrascht mich. Als Redakteur waren SIe bei mindestens vier Ausschusssitzungen der letzten beiden Jahre dabei, als der Verlegerausschuss die Arbeit an einer Lösung für verwaiste Werke über die VG Wort in Zusammenarbeit mit der DNB vorgestellt hat. Haben Sie das vergessen oder hat es nicht ins Konzept Ihres Essays gepasst, dass diese Lösung von Verlegern angeregt wurde?
Die Diskussion ums Urheberrecht ist wichtig und zweifellos anregend. Zumindest, wenn die Argumente gut sind.
Oder um in Ihrem Bild zu bleiben: Lockerungsübungen werden normalerweise in der Garderobe gemacht. Auf offener Bühne vor Publikum wirken sie peinlich.
21. Jörg Hopfgarten 02.01.2010 12:33h http://www.joerghopfgarten.de
Ich gehe einfach mal davon aus, dass der Troll, der hier unter dem Namen Roland Reuß postet, ein Identitätsdieb ist. Professor Reuß würde doch niemals auf einen argumentativen Artikel mit inhaltsfreien Beleidigungen reagieren, oder?
22. Mario Berschinski 02.01.2010 13:59h http://www.fernstudiumbwl.com
Textklau scheint im Internet schon zu einer Selbstverständlichkeit geworden zu sein. Ich lasse teilweise von Fachjournalisten für meine Seiten Texte erstellen. Sobald eine Webseite besser gelistet ist, wird kopiert und geklaut was das Zeug hält.
Selbst wenn diese Diebe anschrieben werden, löschen einige die Texte trotzdem nicht.
Das Problem könnte meiner Meinung nach nur eingedämmt werden, wenn die Gesetze verschärft werden. Jedoch wird nur eine internationale Gesetzgebung diese Problematik eindämmen können.
Mit freundlichen Grüßen
Mario Berschinski
23. Andreas Praefcke 02.01.2010 14:25h
Herr Berschinski, das ist mit Verlaub dummes Zeug. Kümmern Sie sich um guten Rechtsbeistand, oder schalten Sie die Staatsanwaltschaft ein. Wenn Sie schon bisher nicht in der Lage sind, Ihnen schoin bislang eindeutig und unstrittig zustehenden Rechte durchzsuetzten, wird das nach einer Gesetzesverschärfung genau gleich aussehen. Oder wollen Sie etwa ein Recht auf Selbstjustiz?
24. Andreas Praefcke 02.01.2010 14:29h
Aber nochmal zum Artikel:
"Natürlich wäre eine hemmungslose freie Nutzung von Inhalten schädlich. "
Was ist daran natürlich? Konsum von Information verbraucht nicht die Information, mehr ist hier mehr. Hemmungslose Nutzung von Inhalten könnte man übrigens auch als Belesenheit oder Bildung bezeichnen.
"Sie entspränge einer Tendenz zur Infantilisierung in der Konsumgesellschaft: Bedürfnisse sollen möglichst sofort, ohne Umweg und ohne (finanzielle) Belastungen befriedigt werden. "
Diese ach so schlimme Infantilisierung gibt es nun auch schon geraume Zeit. Schon mal was von öffentlichen Bibliotheken gehört? Zum Untergang des Abendlands haben sie jedenfalls bislang kaum beigetragen. Und nur weil jetzt der Fußweg (oder auch auf dem Land die lange Anreise) zur Bibliothek entfällt, wird das Abendlang genausowenig untergehen.
25. Mario Berschinski 02.01.2010 15:31h
Andreas Praefcke, Recht zu haben und Recht bekommen sind zwei paar Stiefel. Ich möchte nicht meine wertvolle Zeit ständig vor Gericht verbringen, da die Rechtssprechung in Sachen Urheberrecht von Gericht zu Gericht unterschiedlich ausgelegt wird. Außerdem haben kleine Unternehmen nicht die finanziellen Mittel wie vielleicht große Verlagshäuser, um sich ständig mit Urheberrechtsklagen auseinander zu setzen.
Und was ist an einer eindeutigen internationalen Rechtssprechung dummes Zeug? Macht Einheitlichkeit nicht stark? Nur weil jemand eine andere Meinung als Sie hat, muss es noch längst kein dummes Zeug sein.
26. Andreas Praefcke 02.01.2010 16:11h
@Berschinski: Also bitte mal ganz konkret: Wie könnte eine "Gesetzesverschärfung" aussehen, die Sie zu Ihrem Recht kommen lässt, ohne Rechtsanwalt und Gericht? Und ohne eklatante Grundrechtseinschränkungen? (Will heißen: Internet verbieten oder alle Filesharer am nächsten Laternrenmast aufhängen gildet nicht). Das Urheberrecht ist bereits strafbewehrt, und zwar eher zuviel als zuwenig, wenn man das mal mit Gewaltdelikten vergleicht.
27. Mario Berschinski 02.01.2010 16:47h
Herr Praefcke, je empfindlicher die Strafen für eine Urheberrechtsverletzung sind (z.B. Erhöhung von den Geldstrafen - dadurch wird kein Grundrecht eingeschränkt), desto höher ist die Hemmschwelle.
Sie sind viel zu sehr auf die deutsche Gerichtsbarkeit fixiert.
Angenommen: Jemand aus einem nicht EU-Land kopiert sämliche Inhalte von einer Webseite und erstellt damit eine eigene. Wie wollen Sie dann vor einem deutschen Gericht eine Klage anstreben? Dieses Beispiel ist gängige Praxis. Deshalb lässt sich ohne Vereinheitlichung von einem internationalen Urheberrecht dieser Mißstand nicht eindämmen.
28. Joachim Losehand 03.01.2010 19:06h http://www.losehand.net/
Es dürfte sicherlich darüber Konsens bestehen, daß das Internet, also www, E-Mail und Datentransfers die Lebens-, Kommunikatrions-, Arbeits- und Konsumgewohnheiten der Menschen verändert, je intensiver die Nutzung des Internets, desto nachhaltiger ist diese Veränderung.
Weit vor der vieldiskutierten "Kostenlos"- oder "Gratis"-Mentalität verändern zwei Phänomene meiner Meinung nach wesentlich grundsätzlicher und umfassender die Szene und die Bedingungen für das Urheberrecht bzw. das copyright:
1) die prinzipiell unbeschränkte Verfügbarkeit durch das unendliche Vervielfältigungspotential digitaler bzw. digitalisierter Information - der Wert des einzelnen identischen Vervielfältigungsstücks (bei dem somit nicht mehr zwischen Original und Kopie unterschieden werden kann) tendiert gegen "0";
2) die Aufhebung der bislang scharfen Grenzen zwischen Urheber, Vermittler und Nutzer: wenn "jeder Narr einen Blog oder ein Video ins Internet stellen kann", dann kann auch jeder Narr Urheber, ja Vermittler bzw. Publizist werden. Die von Joseph Beuys aufgestellte Theorie, daß "jeder Mensch ein Künstler" sein könne, bedeutet im Internetzeitalter, daß jeder Mensch ein Urheber sein kann - und mit seiner aktiven Teilnahme am Internet auch jeder Mensch Urheber ist.- Das überkommene, wenn wir so wollen "top-bottom"-Verhältnis zwischen Urheber und Nutzer verändert sich prinzipiell bzw. potentiell zu einem horizontalen Verhältnis, "Professionelle" treten mit "Dilettanten" bzw. "Amateuren" in Konkurrenz.
Damit ändert sich auch die Erwartungshaltung der Nutzer gegenüber den Urhebern bzw. den Vermittlern.
Wenn Volker Rieble schreibt, er stelle seine "Inhalte gern ins Netz", möchte "allerdings [selbst] entscheiden, wann das geschieht und in welcher Form", dann ist das nur die "halbe Wahrheit". Denn jeder (wissenschaftliche) Autor bzw. Urheber kann und wird nicht die Erwartungshaltung seiner Leser, Hörer, Seher ignorieren können. Natürlich kann man prinzipiell immer selbst entscheiden, ob, wo und in welcher Sprache man publiziert, möchte man jedoch (wissenschafts-)öffentlich und in einem rennomierten Umfeld wahrgenommen werden und dort veröffentlichen, wird man sich den Usancen der Fachdisziplin beugen bzw. ihnen nachkommen müssen. Zudem stehen wir einer neuen Generation des studentischen Nachwuchses gegenüber, der immer deutlicher alles ignoriert bzw. "nicht mehr auf dem Schirm hat", was ausschließlich gedruckt vorliegt und stattdessen Digitalisate (über Google Books u., a.) vorzieht.
Kurzum: Wie auch die Debatte um "paid content" bzw. die "Krise des Journalismus" zeigt, sind die Nutzer aufgrund des vielfältigen Angebots an Information und ihrer nicht mehr vorhandenen (bislang den materiellen Beschränkungen geschuldeten natürlichen) Verknappung bereit, den Erwartungen von Urhebern und Vermittlern zu entsprechen, sondern sie haben eigene Erwartungen, die sie an beide Gruppen richten.
Bei der Preisgestaltung der E-Books wird seitens der Verlage oftmals die Argumentation vertreten, das E-Book müsse sich preislich an der Hardcover-Ausgabe orientieren, um den Wert des Textes und seines Urhebers hochzuhalten und herauszustreichen, eine Begründung, auf die bei den Preisunterschieden von bis zu 50% zur Paperback-Ausgabe bislang nicht zurückgegriffen wurde. Wofür bezahlen Leser, wenn sie 19,90 für eine HC-Ausgabe oder 9,90 für eine PB-Aushabe bezahlen? Haben sie den Lohn des Autors im Hinterkopf oder den Wert des materiellen "Dings", des Buches in unterschiedlicher Ausstattung?
Mit der industriellen Massenproduktion ist - neben einer häufigen qualitativen Verschlechterung von Produkten - vor allem die Verbilligung des Wertes, des Einzelpreises für das einzelne Vervielfältigungsstück einhergegangen. "Je billiger, desto besser" ist in den letzten hundert Jahren die Maxime gewesen und der Preis ein gängiges Verkaufsargument. Wer will da den Konsumenten verargen, daß sie nun alles möglichst billig bekommen wollen, sei es im Lebensmitteldiscounter oder eben im Internet? Und wer wird bestreiten können, daß nichts billiger - und damit süßer - ist als "kostenlos"?
Kurzum:
1) die Ansprüche und Erwartungen der Nutzer steigen und diejenigen, die mit der Vermittlung von kreativen Leistungen Geld verdienen wollen bzw. entsprechende Dienstleistungen als unternehmerische Initiative erbringen (wollen), müssen anders argumentieren, um ihre Käufer- und Nutzerschichten zu überzeugen. Denn die Konkurrenz sind nicht andere Dienstleister, Verlage etc., sondern die kostenlosen Versionen ihrer Produkte, die im Internet zirkulieren - denn auf Produkte wie E-Books, die die Konsumenten für zu teuer und zu nutzerunfreundlich (DRM, Datenschutz etc.) halten, muß ja eigentlich niemand verzichten, genausowenig wie auf journalistische Informationen. Das Internet mit seinen von Journalisten geführten Blogs macht deutlich: nicht alles, was nichts kostet, ist auch nichts wert. Aber: was etwas wert ist, darf auch etwas kosten.
2) Urheberrecht 2.0 muß weit mehr als bislang die Ansprüche der (privaten) Nutzer berücksichtigen, denn Nutzer sind nicht nur passive Konsumenten, sondern im und durch das Internet aktive Teilnehmer. Dem durch das Internet eingeläuteten Mentalitäts- und Kulturwandel muß das Urheberrecht entsprechen. Die auf dem Originalgenie des Sturm und Drang beruhende Dogmatik der "souveränen Urheberrechtspersönlichkeit" ist - wenigstens - in die kritische Diskussion geraten. Für die Wissenschaften, in denen der horizontale und kollaborative Ansatz verfolgt wird, galt diese Theorie ja noch nie in dieser Form. Der von manchen Urheberrechtsexperten diagnostizierten "Legitimationskrise" (vgl. Kreutzer) kann man gerade nicht dadurch entgegenwirken, indem man die Ursachen der Krise durch deren Verschärfung anheizt und so berechtigte Interessen einiger weniger zulasten der ebenso berechtigten Interessen der Vielen infrage stellt.
2010 wird spannend. Tanti Auguri!
29. Franz wanner 04.01.2010 10:35h
Angesichts dieser interessanten Debatte öffnete sich mir das Gedankenfeld.
Was wird eigentlich für wen, vor wem und von wem geschützt und seit wann ist es denn so?
Seit 200 Jahren? Ist nicht eigentlich mit dem Schutz von zerhackstückten "Rechten" erst eine fatale Kanalisierung mit potentierten (auch finanziellen) Abhängigkeiten entstanden?
Jede Leistung sollte ganz sicher ein angemessenes und ehrenwertes Entgelt erhalten. Das scheint mir schon heute nicht gesichert... falsch: gerade heute.
weder hat der "Erbe" irgendeine tantiemeberechtigende Leistung erbracht, noch hat ein Verleger für "sein" Buch eine Jahrhundertkalkulation vorgenommen... Auch der vermeintlich kostenfreie Internetcontent ist keineswegs kostenfrei (Server- und Energiekosten) aber es werden die Kosten über Werbeeinnahmen so diffizil auf andere Warenpreise umgelegt, daß Nutzer und Zahler auseinanderfallen. Was das mit Rechten zu tun hat? Da wird Verbraucherrecht gebrochen. Niemand, wirklich niemand hat heute die Möglichkeit, sich diversen Preisumlagen zu entziehen und tatsächlich nur die gewünschte und erhaltene Leistung zu entgelten. Also versucht er sich dauernd zu entziehen... Denn was hat welchen Wert? Preise sind ja nicht Werte! Und Rechte nicht Ewigkeiten. Und Rechtehandel schließt ja zwingend einen Rechteausschluß mit ein... der eine hat es, der andere nicht. Da sollte man genauer hinschauen und den blütenreichen Schindluder zur Kenntnis nehmen.
frage also: Ist Rechteausschluß heute tatsächlich durchzusetzen?
30. Dominique Conrad 04.01.2010 12:02h
Eine kleine Anregung: Sollte man bei diesen Diskussionen um das geistige Eigentum neben den Symptomen wie Piraterie und Kostenlosmenatlität im Internet nicht auch die Ursachen betrachten? Wäre es nicht sinnvoll, wenn schon in den Schulen das Thema Urheberrecht angesprochen und ein Bewusstsein für die Thematik geschafft werden würde?
31. Arne Babenhauserheide 27.01.2010 00:46h http://draketo.de
Ich habe ein Online Taz-Abo, obwohl ich alle Inhalte auch Gratis kriegen könnte (auf taz.de ). Warum? Weil ich die Taz toll finde und unterstützen will.
Ich bezahle Dinge, wenn ich sie mag - nachdem ich sie "konsumiert" habe.
Was mir bei ihnen fehlt ist ein Grundvertrauen in die Qualität der eigenen Werke. Ein Vertrauen darein, dass ihre Kunden ihre Werke so unterstützenswert finden, dass sie ihnen Geld geben wollen, damit sie weitermachen.
Solange sie ihre potentiellen Kunden erstmal als potentielle Feinde behandeln ("wir brauchen DRM" = "Wir müssen unsere Kunden ihrer digitalen Freiheit berauben"), können sie kaum erwarten, dass die sie unterstützen wollen.
Statt "ihr müsst uns bezahlen" würde ich mir wünschen, dass sie sagen "so könnt ihr uns mit nur einem Klick geben, was euch das Werk wert war".
Es gibt sogar Restaurants, die genau damit gut verdienen.
Ein Gesetz, das dafür einen sinnvollen Rahmen schafft (leichtes, sicheres Bezahlen, wann der Kunde will), könnte wirklich was bewegen.
Und nein: DRM ist nicht notwendig. Es ist gesellschaftsschädigend, weil es uns unsere Handlungsfreiheit nimmt und so das Gewaltmonopol des Staates verletzt.
Und "Kosten für das Hosting" werden durch neue Techniken immer vernachlässigbarer. In p2p Netzen zahlen z.B. die Nutzer selbst für die Bandbreite, weil alle Inhalte von Privatleuten hochgeladen werden. Die Urheber haben keinerlei kosten, erreichen aber Menschen, die ihre Werke anders nie kennengelernt hätten, so aber vielleicht zum gerne zahlenden Fan werden.