Marginal-Glosse

14.01.2010

Verliert das Hörbuch seinen Körper?

Sabine HafnerSabine Hafner© privat

Oder mit anderen Worten: Wird das Hörbuch angesichts des Downloads künftig ohne die CD auskommen? Dieser Frage sowie den Auswirkungen des Downloads auf Bibliotheken, Buchbranche und Nutzer widmete sich eine Tagung der Erlanger Buchwissenschaft am 7. und 8. Januar 2010. Die Zukunftsmusik hat bei den meisten Vorträgen mitgespielt und zu kreativen Spekulationen angeregt. Ein Kommentar von Sabine Hafner.

Mit „Sofies Welt“ läutete 2003 der Hörverlag eine neue Ära des Hörbuchs ein – ein Medium, das es zu diesem Zeitpunkt eigentlich schon lange gab, war für den deutschen Buchhandel neu entdeckt, modern präsentiert und mit dem Trägermedium CD in enge Verbindung gesetzt worden. Der Etablierung des Hörbuchs stand nichts mehr im Wege. Bei aller euphorischer Diskussion über den neuen Bereich des Buchhandels in den Jahren danach meldete sich aber bei mir immer wieder eine leise Stimme: Das ist ja alles gut und recht, aber ist das im Endeffekt nicht das Gleiche wie meine vielgehörten Kinderkassetten? Von heute auf morgen war man in, wenn man Hörbücher rezipierte – aber warum dieser Rummel um etwas, das wir schon als Kinder gemacht haben? Schließlich war es damals schon eine gewöhnliche Alternative in der Freizeitgestaltung, Hörspiele und auch Lesungen auf Kassette anzuhören. Die Schallplatte mit „Peter und der Wolf“, einem  musikalischen Märchen von Sergei Prokofjew, in Vaters Plattenschrank, der normalerweise für Kinder ein absolutes Tabu war, war aber interessanterweise im Gegensatz dazu etwas viel Beeindruckenderes… Als ich vor ein paar Wochen in der Stadtbücherei aber ein Hörbuch, eine Erzählung von Heinrich Böll, auslieh und kurz darauf feststellte, dass im abgegriffenen Pappkarton keine CDs, sondern 3 Kassetten lagen, konnte ich mir mein eigenes Erstaunen nicht absprechen. Die Lesung musste ausfallen, denn leider habe ich in meiner Studentenwohnung kein passendes Abspielgerät mehr. Und nun, auf der von Frau Dr. Rühr organisierten Hörbuch-Tagung wurde darüber diskutiert, ob das Hörbuch im Angesicht des Downloads seinen Körper verliert. Aber welchen Körper denn eigentlich? Hat es denn jemals einen bestimmten Körper besessen? Die Teilnehmenden waren sich schnell einig, dass davon nicht die Rede sein kann. Handelt es sich doch um auditiv vermittelte Inhalte, die bereits oft ihr Trägermedium gewechselt haben, angefangen bei der Phonographischen Walze im 19. Jahrhundert über die Schellackplatte bis hin zur MC und CD – das weitere Glied in dieser Kette stellen wohl Server und Festplatten dar. So wenig Bedeutung der Träger für den Inhalt selbst hat, einmal abgesehen von der Abspieldauer oder der Tonqualität, so sehr prägt er doch uns Rezipienten allein schon in der Wahrnehmung. Das zeigt sich bereits in der Zuordnung von bestimmten Gattungen zu verschiedenen Trägermedien – so werden oft MCs eher mit Hörspielen in Verbindung gebracht als CDs, diese wiederum werden eher als typische Tonträger für Romanlesungen wahrgenommen. Die Frage, was für sie denn eigentlich ein Hörbuch sei, beantworteten bei einer von dem Vortragenden Prof. Dr. Konrad Umlauf initiierten Onlinebefragung von Mitarbeitern öffentlicher Bibliotheken mit der Antwort: Eine Lesung. An diesem Punkt stellt sich die interessante Frage, was wir dann künftig mit dem Download auditiver Inhalte verbinden. Vielleicht führt er zu einer Auflösung dieser eigentlich unlogischen Differenzierung und bezieht künftig alle Gattungen mit ein, nämlich neben der Lesung und dem Hörspiel auch noch das Feature und die Dokumentation, die wir aus wissenschaftlicher Sicht schon heute als etwas unter dem „Hörbuch“ Zusammengehöriges ansehen. Wie sinnvoll der Begriff Hörbuch selbst ist, davon sei einmal abgesehen. Links:Das Hörbuch im Kampf der Moderne

4 Kommentar/e

1. Sebastian Sabors 14.01.2010 17:43h

Hallo Sabine,
sehr schöne Zusammenfassung der wichtigsten Fragen der Tagung - Kompliment!
Lieben Gruß,
Sebastian

2. Katharina Hammann 18.01.2010 12:46h

Ein sehr interessantes Thema. Ich studiere Buchwissenschaft in Mainz und behandele in meiner Magisterarbeit den gleichen Gegenstand. Leider habe ich von der Tagung erst im Nachhinein erfahren. Gibt es irgendeinen Weg, an mehr und umfassendere Informationen zu den Vorträgen und Diskussionen zu kommen? Ich bin für jede Antwort dankbar!

Mit herzlichen Grüßen,
Katharina Hammann

3. krämer 18.01.2010 23:39h

Da muß doch aber ergänzend angemerkt werden, daß ein Hörbuch, zunächst nicht definiert ist über das physische Speicher-Medium, sondern, das Aufnahme-Organ: OHR.
Das ist das wesentliche, die Aufnahme über das OHR.
Das gewöhnliche Lesen heute ist für sich allein, die Buchstaben eines Papierbuches mit den Augen verfolgen, und somit es lesen.
Aber es gibt auch Vorlesung, und gab es vornehmlich, Lesen, war doch in guter alter Zeit, gemeinschaftliches Lesen, Vorlesung für dier Rund, und für die Vorlesung, für die Zuhörer, ist heute elektronisch das Hörbuch, kein home sapiens al dente, sondern, elekronischer Ersatz, statt eines Vorlesers, Vorleserin, gibt es das elektronische Medium, Hörbuch oder sonst was, dem die Zuhörer lauschen.
Das Hörbuch ist eine Konserve, es ist nicht Life wie es mal große Hörspiele im Rundfunk gab,
ja, nicht ein Hörbuch, sondern ein Hörbuch, dem eine Gruppe von Zuhörern lauscht, DAS ist ist Lesung, das Hörbuch, wie da ein Professor behauptet, als solches, ist keine Lesung, sondern, die Abspielung, und das lauschen, vornehmlich einer Gruppe, und nicht ein einzelner homo sapiens.

4. Sabine Hafner 19.01.2010 19:34h

Liebe Katharina,

auf der Tagung wurde angekündigt, dass noch ein Tagungsband in unserer Online-Reihe "Alles Buch" auf unserer Erlanger BuWi-Homepage unter
http://www.buchwiss.uni-erlangen.de/forschung/publ ikationen/online-reihe-alles-buch.shtml
erscheinen soll. Ein guter Ansprechpartner wäre sicherlich auch Axel Kuhn in Mainz, der auch als Vortragender an der Tagung teilgenommen hat.

Herzliche Grüße und viel Erfolg bei deiner Arbeit!


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