Medien

Literatur im TV: Erlebnis statt Kritik© Birte Cordes

17.02.2010Kommentar

Literatur im TV: Erlebnis statt Kritik

Mehr als ein Dutzend Literatursendungen flimmern über deutsche Bildschirme – doch die große Debatte über Bücher lösen sie nicht aus. Und es fällt kaum auf, wenn sich ein Format nach kurzer Zeit und mit schwindsüchtigen Einschaltquoten verabschiedet – wie jetzt die WDR-Sendung "west.art" mit Christine Westermann. Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen.

Wie lange ist es her, dass es ein TV-Literaturkritiker auf das Cover eines großen Nachrichtenmagazins geschafft hätte? An die Stelle von Kritikerpapst Marcel Reich-Ranicki sind Literaturmoderatoren getreten, die es weder mit seiner Verve, weder mit seiner rhetorischen Wucht noch mit der Schärfe seines literarischen Urteils aufnehmen können. Vielleicht ist es aber auch ungerecht, die singuläre Gestalt Reich-Ranicki zum Maßstab zu machen.

Ohnehin hat die Literaturkritik in den meisten Sendungen der vergangenen Jahre – auch befördert durch Elke Heidenreichs Erfolgsprodukt "Lesen!" – den Rückzug angetreten. An die Stelle des Urteils trat das Erlebnis, das als Kaufstimulanz ebenso taugt wie Lob oder Verriss – und sich mehr dem Zeitgeist anbiedert. Nun kündigt sich der nächste Schritt an: die Abkehr vom Buch, die Hinwendung zur Person – mit einer besonderen Vorliebe für den Skandal. Nur geschickten Moderatoren wie Denis Scheck ("druckfrisch") oder dem Duo Thea Dorn / Felicitas von Lovenberg (die abwechselnd "Literatur im Foyer" moderieren) gelingt der goldene Schnitt: geistreiche Konversation, das Interesse am Autor und scharfsinnige Kritik gewitzt miteinander zu verbinden.

Mehr zum Thema

Schlagworte:
Westermann, WDR, Büchersendung

Anzeige

4 Kommentar/e

1. René Wagner 17.02.2010 10:03h www.hoerbuchseminare.de

Vielleicht lohnt ein Blick ins Nachbarland - da scheint Literatur im TV zu funktionieren: http://bazonline.ch/kultur/fernsehen/TVKritik-Adrenalinschub-fuer-den-Literaturclub/story/10396435

2. Konrad Goehl 17.02.2010 15:19h

Eigentlich ist es als ein Wunder anzusehen, wenn eine Literatursendung wie etwa die von Thea Dorn, die ihren Sendeplatz nach der Mitternacht hat und inzwischen auch noch von 60 auf 30 Minuten gekürzt worden ist, trotzdem weiter ihren Zuschauerkreis behält. Es ist ein Erlebnis besonderer Art, zu beobachten, wie das öffentlich-rechtliche Fernsehen seinen Kulturauftrag erfüllt! Die Art, wie Denis Scheck auf seinem etwas besseren Sendeplatz die neuen Bücher im Hau-Ruck-Verfahren und anscheinend nach Maßgabe des jeweiligen Luftdrucks aburteilt, ist auch nicht geeignet, die Situation zu verbessern. Es ist doch klar, daß unter solchen Umständen nur noch die "Sex- und Scheiße-Autorinnen" sich auf dem Markt behaupten können.

3. Peter Bramböck 17.02.2010 17:45h

Das darf ja wohl nicht wahr sein: Unser Branchenorgan stellt seinem Redakteur Platz für einen Kommentar zur Verfügung, der meint, von mehr als einem Dutzend Literatursendungen im TV nur zwei als adäquat gelten lassen zu können! Ist Herrn Roesler-Graichenm eigentlich bewusst, dass sein Gehalt durch die Beiträge finanziert wird, die die Mitglieder des Börsenvereins entrichten? Und das sind Verlage, Zwischenbuchhändler und Sortimenter, mithin alles Firmen, die vom Verkauf von Büchern leben. Ihnen allen ist es egal, wodurch ihre Ware ins Gespräch kommt, Hauptsache, es wird möglichst viel von Büchern gesprochen und über sie. Fürs Publikum ist es sicherlich reizvoller, mit einem Lektüre-Erlebnis konfrontiert zu werden, wie es Elke Heidenreich und ihre Gäste so impulsiv wie vehement vermochten und andere ModeratorInnen vermögen. Bei allem Respekt vor der akademischen Kritik in den etablierten Feuilletons: Welche Leserquote hat sie eigentlich? Steht da nicht jedes TV-Literaturmagazin in absoluten Zahlen besser da? Und dient die Schärfe des literarischen Urteils nicht eher der Selbstdarstellung des Rezensenten als dem Wunsch, einem Buch zu Lesern zu verhelfen? Seltsam, dass mir bei diesem Gedankengang Herr Roesler-Graichen wieder in den Sinn kommt...

4. Mitdenkerin 19.03.2010 16:54h http://www.denkmitmir.de

Gut, dass sie "Druckfrisch" in Ihrem Artikel positiv erwähnen, gehört die Sendung doch zu den besten, die das deutsche Fernsehen derzeit zu bieten hat. Auch Herr Schecks Kritiken sind meist sehr treffend, auch wenn ich nicht immer seiner Meinung bin.

Kommentar schreiben

Wir bitten um sachliche Kommentare zum Thema.

Ihr Kommentar

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.