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25.02.2010Verband

Wohin entwickelt sich der Börsenverein?

Die Debatte ist eröffnet: Haben sich die föderalen Strukturen im Verband überlebt? Oder sollen sie zugunsten regionaler Vielfalt und Besonderheiten überleben?

Die Reforminitiative des nord­rhein-westfälischen Landesverbands im Börsenverein, dessen Vorstand eine Fusion mit dem Bundesverband anstrebt (siehe Börsenblatt 7 / 2010), hat eine intensive Debatte über das Für und Wider dieser Idee ausgelöst. Während Befürworter des Düsseldorfer Vorstoßes die Zeit für or­ganisatorische Verschlankung und Sen­kung von Kosten wie auch Beiträgen für gekommen halten, warnen Kritiker vor einem Verlust regionaler Identität und Mitglieder­nähe und bezweifeln, dass sich auf dem von NRW vorgeschlagenen Weg überhaupt signifikant niedrigere Beiträge erreichen lassen.

»Der Bundesverband in Frankfurt nützt mir mit meinen Problemen als kleiner Sortimenter nichts«, klagt der Bremer Buchhändler Tilman Sieglin auf Anfrage von boersenblatt.net. Seine Erfahrung nach dem Zusammengehen von Bremen-Unterweser mit Niedersachsen: Der Verband finde »in Bremen faktisch nicht mehr statt. Die Entfremdung nimmt mit der Entfernung zu.«

Dem Fusionsgedanken gegenüber vorsichtig aufgeschlossen zeigt sich die Sortimenterin Ursula Hilberath aus Mülheim an der Ruhr. Unabdingbar sei, »dass die exzellente Arbeit des Landesverbands NRW im Bundesverband weitergeführt wird«. Eine erste gemeinsame Sitzung beider Vorstände habe immerhin gezeigt, »dass wir durchaus auf Augen­höhe verhandeln können«.

Viel zu schnell« geht das Vorpreschen der Nordrhein-Westfalen dem Geschäftsführer des baden-württembergischen Verbands. »Wa­rum redet man nicht erst einmal mit den Kollegen?«, fragt Johannes Scherer Richtung Düsseldorf. Aus seiner Sicht ließen sich Synergie­effekte »auch durch die Bildung größerer Einheiten unter den Kollegenverbänden« erzielen. Für nicht glaubwürdig hält Scherer das Inaussichtstellen deutlich sinkender Mitgliedsbeiträge. »Da würde ich gern die Rechnung einmal nachprüfen wollen und ihr meine eigenen Zahlen entgegenhalten.«

Die Sorge um Identitätsverlust ist für Regine Lemke, Geschäftsführerin des Landesverbands Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen, der entscheidende Einwand gegen Fusionen. »Wir haben hier in 20 Jahren schon so etwas wie ein Wir-Gefühl aufgebaut. Unsere Mitglieder kommen zu den Hauptversammlungen, sie kennen die Ehrenamtlichen. Wenn unser Ehrenamt wegfallen würde, wäre das sehr schädlich für die Identität in SaSaThü.«

Als »überfällige Entwicklung« hat hingegen Thieme-Verlagsleiter Martin Spencker die angestoßene Reform der Verbandsstrukturen begrüßt. Dem »Buchreport« sagte Spencker, die Egoismen der in den Landesverbänden tätigen »Funktionäre« hätten eine gut abgestimmte Arbeit zwischen dem Bundesverband und den Ländern verhindert. Im Abbau föderaler Strukturen sieht Spencker die Chance, »die Handlungsfähigkeit des Gesamtverbandes weiter zu stärken«. Ähnlich denkt die Münchner Verlegerin Rosemarie von dem Knesebeck: »Ich bin der Meinung, dass es auch für den Börsenverein an der Zeit ist, zu strafferen Organisationen überzugehen.«

Anders argumentieren Johanna Hahn und Detlef Bluhm, die die Geschäfte des Landesverbands Berlin-Brandenburg führen. Nicht Ballast würde bei dem Fusionsvorhaben abgeworfen; über Bord ginge vielmehr »die politische Dimension der Verbandsarbeit, die nicht nur, aber überwiegend für kleinere und mittlere Unternehmen an die Existenz der Landesverbände geknüpft ist«. Die Berliner fragen, wohin sich der Börsenverein ohne die »demokratischen Entscheidungsprozesse« in den Landesverbänden entwickeln würde: »Bleibt er ein Gesamtverein, der für alle Branchenteilnehmer spricht, egal ob es sich um ein kleines oder großes Unternehmen handelt, um eine Buchhandlung oder einen Verlag? Wer wird darin den Ton und die Richtung angeben?«

Geben Sie Ton und Richtung der Debatte an und diskutieren Sie mit!

Torsten Casimir

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Schlagworte:
Verbandsreform

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10 Kommentar/e

1. Ernst Kassierer 25.02.2010 11:28h

Hallo Herr Casimir, waren Sie im Urlaub? Der Vorstoß aus NRW ist doch schon fast zwei Wochen alt. Warum ruft das BB erst jetzt zur Debatte auf?

2. Ruth Klinkenberg 25.02.2010 11:51h

Als langjährig ehrenamtlich Arbeitende auf Landes-und Bundesebene empfinde ich Herrn Spenckers Vorwürfe gegen die 'Funkfionäre' in den Landesverbänden ziemlich unerträglich, obendrein ungerecht . Überhaupt habe ich bei einigen, die jetzt wieder mal die schnelle Abschaffung der Landesverbände fordern den Eindruck, daß sie nicht wirklich registrieren, was in den Landesverbänden in Hinsicht Fort-und Ausbildung, politischer, kultureller und insgesamt die Mitglieder unterstützender Arbeit geleistet wird. Daß das nur mit Büros des Bundesverbandes und obendrein erheblich verminderter Beiträge geleistet werden kann, ist ja nicht nur merkwürdig gerechnet, es grenzt auch schon an Irreführung.

3. Torsten Casimir 25.02.2010 12:31h

@ Ernst Kassierer: Die Debatte läuft, seit wir in Heft 7 wie auch online ausführlich berichten. Sie sehen das im Leserforum unseres aktuellen Heftes und an diversen Online-Kommentaren. Gut, dass jetzt die Basis der Diskutanten noch breiter wird! Aufrufe wie der obige kommen vermutlich noch öfters: bitte künftig nicht mehr als Indiz für Urlaube werten;-)

4. Gabriele Schink 25.02.2010 17:37h

Ich bin dafür, einen neuen Weg für eine genau so mitgliedernahe und basisorientierte, dabei aber verschlankte Organisation zu suchen. Denn im jetzigen System geht zu viel wertvolle Zeit mit Abstimmungsaufwand verloren, das können sich Unternehmen nicht mehr leisten und Verbände auch nicht. Finden kann man einen neuen Weg nur, wenn man sich die Mühe macht, die bisherigen Aufgaben unter quantitativen und qualitativen Gesichtspunkten nanalysiert, durchrechnet und abgleicht. Das sollte erst einmal wertfrei geschehen. Ich glaube keineswegs, dass man schon jetzt sagen kann, dass eine Reform im Detail so oder so aussehen muss. Und deshalb möchten wir auch nicht jetzt schon eine neue Struktur schaffen bzw darüber abstimmen lassen.Wir möchten, dass unsere Mitglieder uns den Auftrag geben: Ja, macht Euch die Mühe, nach neuen Möglichkeiten zu suchen und Annahmen zu belegen. Um dann einen nächsten Schritt zu tun.Mit Eile hat das wenig zu tun, wie ich meine.Mit Sorgfalt, Gründlichkeit und Kreativität. um so mehr. Mitgliedernähe ist uns auch in NRW ein Hauptanliegen, das beweist ein Blick auf unsere homepage www.buchnrw.de. und unsere Aktivitäten. Biemand wird ernsthaft glauben können, dass wir all dies Engagement aufgeben wollen! Im Gegenteil, ich hätte gern "den Rücken frei", all dies ohne blockierende Gremienarbeit tun zu können. Und Mitbestimmung kann man auf unterschiedliche Weise gestalten, das scheint mir eher eine Folge des Wollens als eine der Organisationsform. Das NRW-Geschäftsstellenteam wäre daher froh, einen neuen Weg testen zu können.

5. H. Kraft 26.02.2010 00:25h

Im Text heißt es u. a.: ,Wer wird dann
die Richtung angeben?`.
Werden die föderalen Strukturen in den
einzelnen Landesverbänden aufgegeben, so
entsteht dann schließlich ein zentraler Börsen-
verein. Ist dies wünschenswert?
Gewiss, eine Überverwaltung, die wir ja fast in
allen Bereichen schon haben, wäre sicher
im Buchhandel übertrieben.
Föderal heißt ja, sicher auch Meinungen zu
bilden und so dann im Gesamtzusammenhang
zu konkreten Vorschlägen über die Landesver-
bände hinaus zu neuen Positionen zu kommen.
Ein Bundesverband, so wie der Börsenverein
sich ja nach außen zeigt, kann nur aus dem
Ganzen agieren, wenn die Landesverbände
geschlossen hinter ihm stehen.
Die Landesverbände sind doch bisher in ihrer
ganzen Bandbreite gut aufgestellt.
Was über Jahre gut war und ging, sollte man
doch nicht abrupt beenden wollen.
Man sollte doch eigentlich bei den ganzen
Erörterungen die folgenden drei Fragen
bedenken: Wie entwickelt sich der Buchhandel
in naher Zukunft?
Wie kann oder was kann eine
Buchhandlung in einer größeren Stadt
tun, um wieder mehr Kunden und
Kundinnen zu gewinnen?
Werden kleinere Buchhandlungen
mit ihren ,Nischen` überleben?
Dies sind doch drängende Fragen.
Sie sind aber doch nur konstruktiv zu lösen,
wenn eine ausgewogene Verbandstätigkeit
im Börsenverein auch innerhalb der Landes-
verbände möglich ist und gepflegt wird.
So ist und wäre es sicher zu wünschen, wenn
man sich beratend zur Seite stehen würde.
Es ist niemand geholfen, wenn nur
gegenseitige Auseinandersetzungen an der
Tagesordnung sind.
Es wäre auch zu überlegen, wie sich die
Buchhandlungen mehr in die Landesverbände
einbringen könnten.
H. Kraft, München






6. einerdersiebenZwerge 26.02.2010 09:41h

Ich finde den Zeitpunkt dieser Debatte hoch interessant : Wie vielleicht einige Buchhändler der Basis wissen, brodelt es in einigen Landesverbänden auf´s Heftigste ! Und ausgerechnet in diesem Moment kommt eine Debatte auf, die Landesverbände de facto abzuschaffen ?
Auch interessant, über welche Känale diese Debatte läuft !
Wer da wohl, welche Strippen zieht ?

7. Dietrich zu Klampen 26.02.2010 17:59h www.zuklampen.de

Warum das Kind mit dem Bade ausschütten?

Der Landesverband NRW will die Beiträge senken. Das ist löblich. Dazu muss er sparen. Klar. Alles, was die Zentrale in Frankfurt auch oder besser machen kann, sollte man ihr überlassen. Warum sollte die Geschäftsstelle nicht auf ihre wesentlichen Aufgaben zurückgeschnitten werden? Niedersachsen fährt ganz gut damit. Eine kleine Geschäftsstelle (Geschäftsführerin, Assistenz, Azubi) kümmert sich sehr effizient um die Mitglieder, die Politik und die Weiterbildung.
Um das zu erreichen, muss man doch die Landesverbände nicht gleich auflösen!
Übrigens kann ich mich dem Urteil meines Kollegen Sieglin über den Zusammenschluss der Landesverbände Niedersachsen und Bremen nicht anschließen: Immer wenn ich in der letzen Zeit versucht habe, die Geschäftsführerin des fusionierten Landesverbandes anzurufen, war sie in Bremen.

8. Ruth Klinkenberg, Berlin 26.02.2010 20:06h

Liebe Frau Schink,
ich möchte gern daran erinnern, daß wir ja keine Kunden einer Dienstleistungsfirma sind, sonder freiwillige und beitragszahlende Mitglieder - und damit als Mitglieder letzlich auch diejenigen, die entscheiden müssen, wohin die Verbandsreise gehen soll, welche Aufgaben zu erfüllen sind. Und das geschieht nun einmal auch in Gremien, wo und wie denn sonst? (Auch wenn Sie die Gremienarbeit als "blockierend" empfinden.)
Gremium: beratende oder beschlussfassende Körperschaft. Duden, Herkunftswörterbuch
<daß der NRW-Verband gute Arbeit leistet ist doch unbestritten, gerade deshalb sollte er sich seine Eigenständigkeit bewahren.

9. Gabriele Schink 27.02.2010 16:41h

Der Landesverband NRW möchte nicht in Kürze verschmelzen, sondern erst einmal eine angemessene Zeit lang prüfen und testen, ob ein solcher Weg zu Verbesserungen in der Gesamtverbandsstruktur führt. Es gibt eine Menge guter Gründe, dies zu glauben. Es gibt genauso gute Gründe, dieses zu bezweifeln. Wir sind nicht bereit, einfach alle Zweifel über Bord zu werfen und unbedacht Bewährtes aufzugeben. Aber wir sind sehr wohl bereit, bisher Bewährtes aufzugeben, wenn sich Leistungen, Kommunikationsbühnen, Netzwerke, Lobbyarbeit usw usw. auf andere Weise besser und günstiger erbringen lassen. Ob das Sinn macht, muss sehr genau geprüft werden. Wir wollen verzichten auf alles, was heute dezentral unsinnig ist: Administration;Finanzbuchhaltung, IT; Controlling, zu viel Gremienaufwand. und und. Eine schlankere Organisation würde mehr Zeit schaffen für Mitgliederbesuche, Beratungen vor Ort, Regionale Treffen, Kampagnen: Dinge, die wir gerne und oft anbieten, die aber in einem Flächenland nur mit perfekter Organisation konsequent , dauerhaft und in verlässlicher Qualität ausgerichtet werden können. Dies zu tun scheint uns wichtiger als Zeit- und Personalressourcen mit der eigenen Verwaltung zu binden. Dennoch: auch unsere Mitglieder möchten ihre Meinung einbringen, Forderungen benennen, mitbestimmen. Auch hier gilt es, nach neuen Wegen zu suchen. Wie viele Führungskräfte der 2. Ebene oder Inhaber kleiner Unternehmen würden sich gerne engagieren, dies aber eher in Taskforce-ähnlichen Gruppen in überschaubarem Zeitrahmen als in jahrelanger Festlegung auf z.B.eine Vorstandsarbeit? Diesen Branchenteilnehmern könnte man mit einer neuen Organisation neue Möglichkeiten bieten. Nicht alle Argumente lassen sich hier ausbreiten, daher laden wir unsere Mitglieder ein, die Fragen in unsere Hauptversammlung einzubringen und dort zu stellen. Die vielen vielen positiven Zuschriften, die wir bisher bekamen, zeigen, dass unsere Mitglieder sich vorstellen können, dass man in neuer Organisationsform das Gute erhalten und das Überflüssige abwerfen kann. Vorausgesetzt man analysiert gründlich, man rechnet klug, man verhandelt fair und man sichert die Dinge vertraglich, die auch zukünftig für die regionale Arbeit unentbehrlich sind. Unsere Mitglieder sollen uns sagen, ob wir uns die Mühe machen sollen, das herauszufinden. Und dann ca. ein Jahr später die Ergebnisse bewerten. Und dann ggf. eine reversible Testphase genehmigen. Und erst dann muss entschieden werden. Kein Grund zur Aufregung also, aber viele Chancen, sich mit neuen, modernen und professionellen Verbandsstrukturen vertraut zu machen.

10. H. Kraft 28.02.2010 20:18h

Zu 9.)
Die in diesem Beitrag gemachten Überlegungen
sind nachvollziehbar.
Ob sie der Wirklichkeit und den Gegebenheiten
standhalten können, wird sicher diese Testphase
zeigen.
Es hätte einen Sinn, wenn die Überverwaltung,
die ja sich leider in allen Bereichen des Lebens
zeigt, damit reduziert werden könnte.
Jedenfalls nicht festhalten an alten Dingen um
jeden Preis, sondern vielleicht ein vernünftiges
Nachdenken.
Es soll ja sicher nicht der Börsenverein in seiner
ganzen Struktur auseinandergerissen werden.
Alleingänge sind manchmal nicht hilfreich, deshalb
wären Befragungen und Abstimmungen sinnvoll.
Trotz aller Denkweisen über festgefahrene
Strukturen geht es aber auch um das ,Anpacken
der Krise im Buchhandel`.
Dies sollte nicht übersehen werden.
In erster Linie sollten die Kunden und Leser
wieder in die Buchhandlungen zurückgeführt
werden.
Der Internetbuchhandel erweitert sich ständig,
doch manche Buchhandlungen in den
mittleren und größeren Städten verzeichnen
langsam einen Rückgang der Kundschaft
und kleinere Buchhandlung stehen dann
plötzlich vor dem wirtschaftlichen Ende.
Dies sind doch alarmierende Zeichen.
So etwas hätte doch einen Vorrang vor manchen
anderen Auseinandersetzungen.
Über den Strukturwandel im Buchhandel sollten
sich einmal die Landesverbände innerhalb vom
Börsenverein zusammensetzen, denn da wäre
sicher Bedarf da um auch nach handfesten
Lösungen zu suchen.
Kulturelle Werte kann ich nun mal schließlich nicht
,nur` über das Internet mir ausdrucken usw.,
sondern es sollte wieder mehr ein persönliches
Gespräch zwischen Buchhändler/Buchhändlerin
und den Kunden in den Buchhandlungen
gepflegt werden.
Da erlebe ich dann hautnah Kultur und darauf
kommt es doch an, dass wir unsere kulturellen
Werte erhalten.
Auch junge Menschen sollten wieder mehr für
das Lesen gewonnen werden.
Dies wäre für alle Buchhändler/Buchhändlerinnen
eine sich lohnende Aufgabe.
Setzen wir ein Zeichen am diesjährigen
,Welttag des Buches` - am 23. April 2010.
H. Kraft, München

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