Thema RATGEBER 2010
Verlagsempfehlungen zum Thema Ratgeber 2010
11.03.2010Interview mit "Zeit"-Chefredakteur Giovanni di Lorenzo
"Auf Qualität setzen, nicht auf den schnellen Effekt"
Gedruckte Ratgeber haben in den vergangenen Jahren viele Käufer verloren. Was wollen Sie Ratgeberverlagen mit Ihrem Vortrag "Zukunftsszenario 1.0 – Print gewinnt" mit auf den Weg geben?Giovanni di Lorenzo: Ich möchte eine Ermutigung in diese Richtung loswerden, die lautet: Nicht aus Angst vor dem Tod Selbstmord zu begehen. Das heißt, trotz der Konkurrenz durch das Internet weiter selbstbewusst die Fahne von Print hochzuhalten.
Aber nicht alle Printprodukte werden sich in die Zukunft retten können ...
Giovanni di Lorenzo: Nein, einige sind sogar sehr massiv davon betroffen. Aber es ist auch nicht wahr, dass alle gleichermaßen unter den neuen Medien leiden. Ich werde versuchen, bei dem Vortrag zehn Gebote zu formulieren, die man beachten sollte, wenn man zu den Problemen, die es schon gibt, nicht zusätzlich neue schaffen will – etwa durch gezielte Markenschwächung.
Haben Sie ein Beispiel dafür?
Giovanni di Lorenzo: Damit würde ich gerne bis zum Vortrag warten. Ich glaube, dass eine ganze Reihe von Verlegern und Geschäftsführern in den vergangenen Jahren einen ganz großen Fehler gemacht haben. Sie geben unseren Kunden, die für Zeitungen und Bücher eine Menge Geld ausgeben, seit zehn Jahren das Gefühl, "schön, dass wir euch noch haben, aber das modernere Medium ist eigentlich ein anderes". Das Problem ist allerdings, dass wir immer noch nicht wissen, wie wir dieses tolle, superneue Medium monetarisieren können.
Welche Online-Strategie verfolgt "Die Zeit"?
Giovanni di Lorenzo: Die Online-Redaktion macht uns im Moment große Freude, weil sie im Bereich der Visits sehr zugelegt hat. Und weil sie dies tut, obgleich sie auf etwas verzichtet, das viele Konkurrenten gerne tun: Etwa auf Bildergalerien nackter oder halbnackter Frauen. Wir schauen nicht, wer den Wiesnausschnitt des Jahres hat. Die große Wette ist, dass mit einem Qualitätsangebot, das gut zu der Marke "Zeit" passt, auch Klicks generiert werden können.
Was ist in naher Zukunft geplant?
Giovanni di Lorenzo: Ich glaube, dass das iPad für uns in naher Zukunft sehr interessant werden kann. Wir sehen in diesem Bereich wirklich eine reale Perspektive für unsere sehr kostenintensiven Inhalte – denn Qualitätsjournalismus kostet viel Geld – endlich auch einen Return zu haben. Allerdings ist es wichtig, dass wir nicht den Webfehler der Online-Einführung wiederholen. Hier haben wir Millionen Menschen daran gewöhnt, dass nahezu jeder Inhalt kostenlos zu bekommen ist. Dieser Prozess ist nun nicht mehr reversibel. Das sollten wir bei den Apps bitte unterlassen.
Leser können "Die Zeit" als E-Paper für sieben Euro im Monat bestellen. Funktioniert Paid Content auf diese Weise?
Giovanni di Lorenzo: Es ist ein wachsendes Segment. Ich glaube, dass wir mittelfristig eine schwarze Null auch bei Online schreiben werden. Aber zunächst einmal geht es darum: Wenn ein neues Medium auf den Markt kommt, so wie das iPad, dann dürfen nicht die Fehler der Vergangenheit wiederholt werden. Das iPad gibt uns die Chance, das Blatt in einer weniger aufwendigen Form relativ wirklichkeitsnah abzubilden. Das geht mit dem iPhone immer noch sehr schwer, weil die Seiten zu groß sind, aber beim iPad kommen wir dem Blatt schon sehr nahe.
Vergangene Woche hat der Zeit-Verlag eine Corporate Publishing Tochter mit Schwerpunkt Wissenschaft und Hochschulen gegründet. Das heißt, neue Geschäftsfelder werden ausprobiert ...
Giovanni di Lorenzo: Ich glaube, um den Qualitätsjournalismus der Zukunft abzusichern, müssen wir auf vielen neuen Geschäftsfeldern experimentieren und diese nach Möglichkeit auch etablieren. Die Versuche dürfen aber nicht zum Selbstzweck werden, sondern müssen zielgerichtet eine Antwort auf die Frage finden, wie wir das ganz hohe qualitative Angebot absichern, das wir in Deutschland bei einer Reihe von Medien noch haben. Dann sind all diese Versuche nicht nur legitim, sondern auch begrüßenswert – bei einer klaren Trennung von Geschäft und journalistischem Inhalt. Online macht uns Konkurrenz, das ist etwas, was wir auf jedem Feld erleben. Umso besser ist es, wenn man eine unverwechselbare Identität im Kernangebot hat.
Ist das auch ein Modell für die Ratgeberverlage?
Giovanni di Lorenzo: Ich weiß nicht, ob die Ratgeberverlage das so gerne hören, aber in letzter Zeit ist bei den Konsumenten dieser Sparte oft eine Produktenttäuschung zu spüren. Auch hier ist es mittelfristig Erfolg versprechender, wenn man auf Qualität setzt und nicht auf den schnellen Effekt.
Aber gerade mit diesem Qualitätsmaßstab werben die Ratgeberverlage...
Giovanni di Lorenzo: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe, aber bei dem einen oder anderen Buch, das ich in den Händen hielt, hatte ich das Gefühl, die Titel versprechen sehr viel mehr, als der Inhalt hält. Und vor allen Dingen: Oft wird eine bestimmte Tour zu Tode geritten.
Interview: Sabrina Gab
