Meinung

Arme deutschsprachige Autoren

Warum der Deutsche Jugendliteraturpreis Übersetzungen bevorzugt. Und warum das fatal ist. Von Otfried Wolfrum.

"Für Bücher aus dem Englischen steigen die Chancen auf einen Preis um das 20-fache" Otfried Wolfrum, Leiter des Laetitia Verlags

"Für Bücher aus dem Englischen steigen die Chancen auf einen Preis um das 20-fache" Otfried Wolfrum, Leiter des Laetitia Verlags © Cordula Giese

Ein renommierter deutscher Verlag lässt für die Originalausgabe eines harmlosen Kinderbuches ein Autorenpseudonym und ein Verlagspseudonym in das Impressum drucken. Staatliche Zensur gibt es bei uns gottlob nicht mehr, weshalb also dies? Ganz einfach: Es geht um den Deutschen Jugendliteraturpreis.

Der Coup gelingt: Das Buch wird 2005 ausgezeichnet, aus 100 eingereichten Kinderbüchern ausgewählt. Und auch wenn im Vorwort des angeblichen Übersetzers etwas anderes steht – es gibt weder den kanadischen Originalverlag, noch das einsam bei Toronto lebende und mit Foto abgebildete Autorenpaar, noch den überwältigenden Bestsellererfolg in Kanada und den USA. Und erst recht keinen Übersetzer.

Kaum eine Chance für deutsche Autoren

Ein Blick auf die Vergabestatistik des Preises erklärt, warum es sich gelohnt hat, dem Buch eine solche Übersetzungsgeschichte anzudichten: Deutsche Autoren haben, zumindest in den »literarischen« Sparten, kaum eine Chance, unseren Staatspreis zu erhalten. Sie wurden von den Kritikerjurys beim Kinderbuch in acht Jahren nur einmal und beim Jugendbuch seit fünf Jahren überhaupt nicht mehr ausgezeichnet.

Nicht anders sieht es bei den Nominierungen aus: Rund 90 Prozent der nominierten Titel sind Übersetzungen, allein 60 Prozent aus dem Englischen und Holländischen. Ein Verlag ist also gut beraten, vorzugsweise Bücher aus diesen Sprachen einzureichen, die Chancen für eine Auszeichnung dürften etwa um das 20-fache steigen. In anderen Ländern kennt man das nicht. Alle wichtigen Kinder- und Jugendbuchpreise, und das gilt weltweit, sind den eigenen Autoren, der eigenen Sprache vorbehalten.

Aber die Benachteiligung der deutschsprachigen Kinder- und Jugendliteratur geht noch weiter. Beim Jugendliteraturpreis dürfen die deutschsprachigen Originalwerke erst im Vorjahr erschienen sein, es müssen also Novitäten sein. Für die Übersetzungen hingegen gilt dies nicht. Die Originalwerke können gegebenenfalls mit über Jahre hinweg verkauften Lizenzen, Rezensio­nen, (nationalen) Preisen und – idealerweise – mit Bestsellerplatzierungen punkten.

So war es eigentlich gar nicht anders zu erwarten, dass das oben beschriebene Buch tatsächlich einen Preis bekommen hat. Der Fall zeigt, dass es weniger um die Qualität als um die Herkunft eines Buches geht. Weshalb sollten deutschsprachige Autoren auch so viel schlechter sein als angloamerikanische oder holländische?

Folgen für das Lizenzgeschäft

Die Folgen sind massiv. Für deutsche Verlage fällt der Deutsche Jugendliteraturpreis als wichtigstes Verkaufsargument im Lizenzhandel praktisch weg. So wurden 2008 sage und schreibe nur sechs Kinder- und Jugend­bücher ins Englische übersetzt, während schätzungsweise 300 Lizenzen aus dem angloamerikanischen Bereich eingekauft wurden.

Dies trifft besonders kleine und mittlere Autorenverlage. Aber wichtiger noch: Wer könnte für die Ziele des Preises – also für die Förderung des öffentlichen Interesses, für die Begegnung und die Auseinandersetzung mit der Kinder- und Jugendliteratur – mehr leisten als der Autor selbst, in seiner Sprache? Die Vergabepraxis der Juroren arbeitet damit den Zielen der Auszeichnung entgegen. Es ist Zeit, der Familienministerin nahezulegen, die Ausschreibung des Preises internationalen Standards anzupassen.

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22 Kommentar/e

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  • susanne lux

    susanne lux

    was ist das denn??
    man kann sicher darüber streiten, ob es immer "die besten" bücher sind, die beim jugendliteraturpreis prämiert werden. und darüber, wie eng die grenzen der verschiedenen sparten gezogen werden sollten.
    aber auf die idee, ausländische literatur würde bevorzugt, man müsse also durchschnittliche, deutsche titel nur als übersetzung "verkleiden", und schon habe man einen gewinner kreiert - darauf muss man erst einmal kommen!.. der zitierte titel aus dem jahre 2005 hat doch nicht gewonnen, weil irgendjemand wirklich geglaubt hätte, es handele sich hier um ein übersetztes buch, sondern weil gerade dieses spiel zwischen realität und fiktion so witzig und einzigartig war.
    und natürlich können übersetzte bücher nicht in dem jahr eingereicht werden, in dem das orginal erschienen ist, sondern nur dann, wenn sie auf dem deutschen markt erscheinen. würde ja auch gar keinen sinn machen.
    ich halte es für kompletten unsinn, dass deutschsprachige kinder- und jugendliteratur benachteiligt wird. wenn man sich darüber gedanken machen will, warum die übersetzungen den markt dominieren, dann sollte die denkrichtung doch wohl eher in richtung autorenpflege seitens der verlage gehen. es bedarf eben einiges an mut, geduld und betreuung, um junge autoren zu begleiten und aufzubauen. solange das in deutschen verlagen vernachlässigt wird, solange wird die qualität im deutschen kinder- und jugendbuch übersetzt aus dem ausland auf den einheimischen markt kommen müssen. und wenn's dann gut übersetzt ist, habe ich überhaupt kein problem damit!

  • Christoph Holzapfel

    Christoph Holzapfel

    "Gelohnt"? Ich würde diese Maskerade ja eher Betrug nennen.

  • Simone R.

    Simone R.

    "Autorenpflege" - das ist das Stichwort.
    Für die Verlage ist es natürlich bequemer, Bücher anzukaufen, die in ihren Heimatländern schon erfolgreich waren - und diese dann zum Jugendliteraturpreis einzureichen.
    Risikominderung eben...

  • Ulf Cronenberg

    Ulf Cronenberg

    Bei dem im Artikel zitierten Buch, das angeblich zwei Kanadier geschrieben hatten – es geht um "Die Kurzhosengang" –, wusste allerdings jeder, dass Andreas Steinhöfel und Zoran Drvenkar das Buch geschrieben hatten. Von daher hatte der vorgegebene fremdsprachige Hintergrund überhaupt nichts damit zu tun, dass dieses Buch den Jugendliteraturpreis gewonnen hat, sondern es ist einfach ein besonders gutes Kinderbuch.

    Die oben geäußerte Meinung ist in keinster Weise fundiert. Jeder Erwachsene, der "Die Kurzhosengang" gelesen hat, hat auch gemerkt, dass das mit den Autoren und dem angeblichen Übersetzer im Vorwort fingiert war, dass das gar kein Buch aus dem Ausland ist.

    Beim Deutschen Jugendliteraturpreis 2009 waren übrigens neun deutsche und zwölf ausländische Titel durch die Kritikerjury nominiert. Die Preise der verschiedenen Sparten teilten sich je zwei deutsche und zwei ausländische Titel. Die Aussage im Artikel, dass 90 % der Nominierungen Übersetzungen sind, ist einfach falsch.

  • Gina Mayer

    Gina Mayer

    Ich kenne weder das genannte Buch, noch hab ich das oben erwähnte Procedere verfolgt. Aber mir als Autorin erscheint es jedes Jahr aufs Neue absurd, dass der wichtigste deutsche Kinder- und Jugendliteraturpreis zum Großteil an Übersetzungen vergeben wird. (Selbst wenn die 90 %-Aussage übertrieben ist, so dominieren auch beim Schnitt zwölf zu neun die fremdsprachigen Werke).

    Es wäre sicherlich sinnvoll, neben den vorhandenen Kategorien eine weitere für Übersetzungen einzurichten. Ansonsten sollte der deutsche Jugendliteraturpreis aber eben deutsche Literatur und deutschsprachige Autoren fördern – so wie auch die großen britischen und US-amerikanischen Auszeichnungen nur Originalausgaben und keine Übersetzungen berücksichtigen. Das hat nichts mit Protektionismus oder gar Nationalismus zu tun, sondern einfach nur mit einem gesunden Selbstbewusstsein. Und damit, dass man den Verlagen, die es wagen, ungewöhnliche und anspruchsvolle deutsche Autoren zu publizieren, den Rücken stärkt.

  • Elke Jäger

    Elke Jäger

    Das war doch ein Spaß! Zu raten, wer dahinter steckt. Wer schreibt denn immer Fußnoten!

  • Heike Brillmann-Ede

    Heike Brillmann-Ede

    Danke, Herr Wolfrum, für Ihren Artikel! Diese Diskussion wird schon seit Langem an vielen Enden geführt. Ich bin für Bündelung und ein Podium, das mehr Transparenz schafft: Denn eines wollen wir alle -- GUTE Literatur für Kinder und Jugendliche. Da ist die Provinienz von Autor/Autorin erst mal zweitrangig. Was aber über die Jahre auffällt, IST die starke Präsenz prämierter Bücher aus dem Ausland. Und zu fragen ist doch: WARUM? Was sind denn die Kriterien, die für hopp oder topp sprechen? Schreiben dt-sprachige AutorInnen weniger innovativ? Weniger rasant/packend/unter die Haut gehend/aufrüttelnd etc.? Marschieren sie an den richtigen Themen vorbei? Sind sie stilistisch schlechter? Oder profitieren fremdsprachige Bücher auch davon, dass sie schon in ihrer Heimat hoch gelobt wurden? Und hier mit viel Werbetetat ins Bewusstsein gerückt werden (müssen)? Rein menschlich gesehen ruhen wir uns doch alle gerne aus, ist das Terrain erst einmal abgesteckt -- und übersehen dabei vielleicht, was AUF dem Teller liegt. Davon nicht ganz frei sind manchmal auch die sog. ExpertInnen!

  • Uwe-Michael Gutzschhahn

    Uwe-Michael Gutzschhahn

    Bleiben wir doch mal auf dem Teppich. Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist an keinem der wirklich guten deutschsprachigen Autoren vorbeigegangen. Andreas Steinöfel hat ihn bekommen, Jutta Richter hat ihn bekommen und so ließe sich die Reihe fortsetzen. Viele andere namhafte Autoren wurden zumindest nominiert. Wenn anglo-amerikanische Preise nur englischsprachige Originalausgaben berücksichtigen, dann liegt das doch daran, dass 95% der in den USA, Kanada, England etc. erscheinenden Bücher Originalausgaben sind. Wollen wir das für Deutschland? Ist es nicht eine Bereicherung der Literatur, dass in unserem kleineren Markt holländische, englische, französische Bücher eine ebenso wichtige Rolle spielen? Dem Leser ist es egal, ob er das Buch eines deutschen oder amerikanischen Autors liest, Hauptsache, es ist gut. Und fairerweise muss man sagen: Wenn man den ganzen internationalen Jugendbuchmarkt überschaut, gibt es schon eine Menge Bücher, die besser erzählt sind als der Durchschnitt deutschsprachiger Bücher. Übrigens: Im Bilder- und im Sachbuch lässt sich die Behauptung von Herrn Wolfrum gar nicht halten, denn hier haben wir in den letzten Jahren in Deutschland eine besondere Qualität erreicht. Für das Bilderbuch lässt sich diese Qualität seit Jahren international messen, zum Beispiel an der Zahl der deutschen Grafiker bei der Illustratorenausstellung während der Kinderbuchmesse in Bologna. Dort sind wir führend - nicht zuletzt durch die Kerner-Arbeit großartiger Professoren. Eines in der unguten Diskussion kann man gelten lassen: Deutsche Verlage sollten mehr Zeit darauf verwenden, Autoren zu fördern und zu pflegen, jedenfalls dort, wo ein eigenständiges Talent zu erkennen ist. Wenn ich aber das angucke, was ich regelmäßig als Literaturagent angeboten bekomme, dann lässt sich schwerlich behaupten, dass wir in Deutschland allzu sehr nach dem Ausland schielen. Für die Kin der- und Jugendliteratur gilt, dass wir kein Schlaraffenland sind, in dem literarische Milch und innovativer Honig fließen. Die alte Schule des englischen Erzählens um der Geschichte willen hat über Jahrzehnte Früchte getragen - und vielleicht auch, dass, zumal in den USA, Schreiben gelehrt wird - so wie in Hamburg und anderswo Illustration gelehrt wird. Ich glaube, wir tun gut daran, uns als Deutsche international zu messen, und wenn wir so gut sind wie Steinhöfel und Drvenkar in derm Buch "Die Kurzjosengang", dann muss uns um Literaturpreise nicht bange sein.

  • Uwe-Michael Gutzschhahn

    Uwe-Michael Gutzschhahn

    Übrigens noch ein kleiner Nachtrag: Wer sich eine Trennung deutschsprachiger und internationaler Bücher bei der Vergabe des DJLP wünscht, der muss nicht ganz bei Trost sein. Mann macht auch nicht die Olympischen Spiele in einer Extrakategorie für Deutsche, damit unsere Schmidts und Urmanns konkurrenzlos Platz 1 und 2 belegen? Was wäre das für ein Literaturpreis, der sich gegen internationale Konkurrenz abschotten muss, damit ein Deutscher Gold bekommt? Lächerlich.

  • Gina Mayer

    Gina Mayer

    Lieber Herr Gutzschhahn,
    hier geht es aber nicht um die Olympiade, sondern um den Deutschen Jugendliteraturpreis – der sich - meiner Meinung nach - auf die Förderung nicht übersetzter, deutsch-sprachiger Kinder- und Jugendliteratur konzentrieren sollte. So wie die meisten anderen renommierten, internationalen Literaturpreise, die dem olympischen Gedanken ja nun auch nicht entsprechen.
    Und noch eine kleine persönliche Anmerkung: Ich empfinde Ihren Ton als ausgesprochen rüde und beleidigend.

  • Gina Mayer

    Gina Mayer

    Korrektur: Ich meinte nicht die "anderen renommierten internationalen Literaturpreise" - sondern natürlich andere "nationale Literaturpreise" - die von einzelnen Ländern oder Sprachverbunden durchgeführt werden, um die jeweilige Kulturlandschaft zu fördern. (Also – um im Bild zu bleiben - Landesmeisterschaften, und keine Olympischen Spiele, die ja von allen Nationen gemeinsam veranstaltet werden)

  • Doris Breitmoser, Arbeitskreis für Jugendliteratur

    Doris Breitmoser, Arbeitskreis für Jugendliteratur

    Der Deutsche Jugendliteraturpreis firmiert als solcher, weil er als einziger Staatspreis für Literatur vom Bundesministerium für Familie, Senioren,
    Frauen und Jugend vergeben wird. All jenen, die aus dem Namenszusatz "Deutscher" ableiten, dass der Preis ein Instrument der Förderung deutscher Autoren sei, denen sei die Lektüre der Ausschreibung empfohlen. Damit lässt sich dieses Missverständnis vermutlich rasch
    ausräumen. Denn klar und deutlich sind in der Präambel folgende Zielsetzungen formuliert:
    "Der Deutsche Jugendliteraturpreis soll die Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur fördern, das öffentliche Interesse an ihr wachhalten und zur
    Diskussion herausfordern.
    Mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis werden jährlich herausragende Werke der Kinder- und Jugendliteratur ausgezeichnet. Dadurch sollen Kinder und Jugendliche zur Begegnung und Auseinandersetzung mit Literatur angeregt
    werden. Zugleich soll die Öffentlichkeit, insbesondere Eltern und alle Vermittlerinnen und Vermittler, auf wichtige Neuerscheinungen der Literatur für Kinder und Jugendliche hingewiesen werden.
    Lesefähigkeit ist eine elementare Voraussetzung, um den heutigen und zukünftigen Anforderungen der Gesellschaft gerecht zu werden. Der Deutsche
    Jugendliteraturpreis soll deshalb auf die Bedeutung der Literatur innerhalb des vielfältigen Medienangebotes für Kinder und Jugendliche aufmerksam machen."

    Und in Punkt IV. der Ausschreibung heißt es ganz explizit:
    "Nominiert und ausgezeichnet werden können (...)
    - deutschsprachige Originalwerke lebender Autoren, Herausgeber und Illustratoren,
    - deutsche Übersetzungen von fremdsprachigen Werken lebender Autoren und Herausgeber."

    Der Deutsche Jugendliteraturpreis wurde 1956 ins Leben gerufen. Er war von Anfang an als internationaler Preis konzipiert. Dies entspringt einerseits dem historischen Kontext: Nach der Zeit des Nationalsozialismus war das Angebot an deutscher Kinder- und Jugendliteratur nur sehr begrenzt; Übersetzungen aus anderen Sprachen spielten in diesem Zusammenhang eine
    große Rolle und gaben wichtige Impulse für die Entwicklung der hiesigen Kinder- und Jugendliteratur. Daneben setzte man nach den Erfahrungen des zweiten Weltkrieges auf die
    völkerverbindende Kraft der Kinderliteratur: Schon früh sollten Kinder und Jugendliche über Bücher und Geschichten von fremden Ländern und Kulturen
    erfahren und so eine gewisse Weltoffenheit entwickeln.
    Beide Leitgedanken haben auch heute noch Gültigkeit und sind daher zentral bei der Ausschreibung und Vergabe des Deutschen Jugendliteraturpreises. Zum einen leisten Übersetzungen nach wie vor einen wichtigen Beitrag zu der Literatur, die in deutscher Sprache zugänglich ist, und bereichern diese. Zum anderen ist es gerade in einer globalisierten Welt wichtig, dass Kinder schon frühzeitig den Blick über den Tellerrand proben - u.a. mit Hilfe von Literatur.
    Der Ruf deutschsprachiger Autoren nach einer stärkeren Förderung ist berechtigt. - Diese kann jedoch nicht Aufgabe des Deutschen Jugendliteraturpreises sein, der aus Mitteln des Kinder- und Jugendplanes des Bundes gefördert wird und damit anderen Zielen verpflichtet sein muss.
    Der Arbeitskreis für Jugendliteratur und der Deutsche Literaturfonds haben die Dringlichkeit der Förderung deutschsprachiger Autoren erkannt und
    möchten dazu mit den Kranichsteiner Jugendliteraturstipendien einen Beitrag
    leisten. Am 18. März 2010 vergeben die beiden Partner auf der Leipziger Buchmesse erstmals zwei Jugendliteratur-Stipendien an deutschsprachige
    Autoren.

  • Ulrike Bliefert

    Ulrike Bliefert

    @ Gutzschhahn
    Zu Ihrem Olympia-Vergleich:
    Sportliche Leistungen beinhalten den Wettkampf. Entsprechende Wettkämpfe finden im übrigen - wie es auch wünschenswert ist - auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene statt. Und zwar hübsch voneinander getrennt und nicht "in einem Topf". Außerdem setzt sich kein(e) Autor(in) an den Schreibtisch mit dem einzigen Ziel, besser oder gar "länger und schneller" als ihre kanadischen KollegInnen zu schreiben, vielmehr widmet sie oder er sich in der Regel den Themen und/oder der Problematik ihres oder seines Kulturkreises. D.h.
    Kinder- und Jugendliteratur trägt in hohem Maß zur Bildung und zur Sozialisation Heranwachsender in ihrem spezifischen Umfeld bei. Auch die Vorbildfunktion bzw. die Identifikationsmöglichkeit mit den betreffenden AutorInnen ist ein nicht zu vernachlässigender Aspekt.
    Nun herrscht im "Erwachsenenbereich" ohnehin das Vorurteil, dass Krimis von Jane Does oder Lara Larssons eher für Qualität bürgen als die deutschsprachiger AutorInnen, und dass historische Romane von Donna Garibaldis oder Karen McLaughlins verfasst sein müssen, um etwas zu taugen. Warum diesen Eindruck bei der jungen Leserschaft noch verstärken? Warum den Jugendliteraturpreis nicht in nationale und internationale Preisträger aufteilen?
    Es wäre m.E. - gerade im Hinblick auf die Zukunft - ausgesprochen wünschenswert, beim Lesenachwuchs ein explizite Interesse für muttersprachliche AutorInnen zu fördern. Vielleicht entstünde aus diesem Interesse heraus dann auch irgendwann einmal ein einheimischer Lehrstuhl für Kreatives Schreiben.
    Die Deutsche Filmakademie vergibt jährlich den Deutschen Filmpreis "Lola".
    Die Akademie hat sich zur Aufgabe gesetzt, mit aller ihr zur Verfügung stehenden Kraft den Deutschen Film qualitativ zu fördern und national wie international optimal zu vertreten.
    Als Konsequenz daraus zeichnet sie fremdsprachige DarstellerInnen bewusst nur dann aus, wenn sie nicht synchronisiert worden sind. D. h. die Leistung muss authentisch sein und darf nicht durch die Leistung Dritter (hier: Synchronisation) mitbestimmt worden sein.
    Das halte ich für eine absolut schlüssige und richtige Lösung.

  • Ulrike Bliefert

    Ulrike Bliefert

    @Doris Breitmoser

    In den 50er Jahren war die Öffnung gegenüber der Literatur und Kultur anderer Nationen ein absolutes Muss.
    Ich sehe die heutige Bedürfnislage jedoch eher umgekehrt: Meines Erachtens gilt es heute - im Zuge der Globalisierung - viel eher dafür zu sorgen, dass Jugendliche eben nicht dem Vorurteil aufsitzen, dass alles Anglophone automatisch besser (cooler) und schicker (hipper) ist.
    Einer Unterstützung zur "Öffnung ins Ausland" bedürfen unsere Kinder (kids) mit Sicherheit nicht mehr.

  • Ulrike Bliefert

    Ulrike Bliefert

    P.S.
    Dass ein Stipendium nicht mit einer nationalen Auszeichnung zu vergleichen ist, liegt auf der Hand. Ersteres dient der Förderung, Letzteres ist ein öffentliches Zeichen der Wertschätzung und somit ein wesentlicher wirtschaftlicher Faktor nicht nur für die oder den Preisträger.

  • Ulf Cronenberg

    Ulf Cronenberg

    Die Behauptung, dass die letzten 5 Jahre von der Kritikerjury in der Sparte Jugendbuch kein deutsches Buch Preisträger war, stimmt. Aber wenn man halt weiter zurückgeht, dann kommen auf einmal einige deutsche Titel:
    2004: "Marsmädchen" von Tamara Bach
    2003: "Prinz William, Maximilian Minsky und ich" von Holly-Jane Rahlens (die zumindest seit schätzungsweise 20 Jahren in Deutschland lebt, aber noch englisch schreibt)
    2002: "Ich habe einfach Glück" von Alexa Hennig von Lange
    2000: "Blueprint" von Charlotte Kerner

    Das relativiert dann doch etwas die Aussage, dass in den letzten fünf Jahren kein Jugendbuch, das nicht übersetzt wurde, ausgezeichnet wurde. Und beim Kinderbuch stimmt die Aussage ("einmal in sieben Jahren") nicht, weil Andreas Steinhöfel ja für "Rico, Oskar und die Tieferschatten" 2009 und "Die Kurzhosengang" (das ja nicht übersetzt ist) 2005 den Preis gewonnen haben.

    Ich kann nur für mich sagen, dass ich die Weltoffenheit des Preises richtig finde – sie ist vom Leser und nicht von den Autoren her gedacht, und das ist eine legitime Zielsetzung. Es geht um Leseförderung, nicht um Autorenförderung. Das mögen die Autoren bedauern – für den jugendlichen Leser ist es gut, weil der Horizont geöffnet wird.

  • Ulrike Bliefert

    Ulrike Bliefert

    Gegen Leseförderung wird kaum jemand ernsthaft Einwände erheben wollen.
    Dennoch sollte die Anregung, den Deutschen Jugendliteraturpreis in die Sparten "Originalsprachiges Werk" und "Übersetztes Werk" aufzuteilen, m.E. nicht mit dem Hinweis abgetan werden, dass dem noch nie so war und deshalb auch in Zukunft nicht so sein kann. Die Zeiten haben sich seit 1956 geändert; allein schon dahingehend, dass die Heranwachsenden in Bereich Wirtschaft heutzutage einen völlig anderen Stellenwert einnehmen und entsprechend - als Zielgruppe - exzessiv umworben werden (Von den Werbe- und Merchandising-Etats der USA kann ein Deutscher Verlag nur träumen...).
    Ich kann von daher nicht recht nachvollziehen, wieso eine Preisvergabepraxis nicht diskutiert und gegebenenfalls - den herrschenden Bedingungen entsprechend - modifizert werden sollte.

  • Otfried Wolfrum

    Otfried Wolfrum

    @ Ulf Cronenberg 11.3.2010

    Die 9 Kritiker-Juroren haben es jedenfalls nicht gemerkt. Deren Beurteilung des Preisbuches liest sich so: "Mit viel Ironie und Witz (...) erzählt das kanadische Autorengespann (...) Andreas Steinhöfel hat diesen Schatz gehoben und (...) übertragen."
    Meine Aussage, dass rund 90% der nominierten Kinder- und Jugendbücher Übersetzungen sind, ist nicht "einfach falsch", sondern einfach richtig. Zwischen 2005 und 2009 gingen von insgesamt 59 Nominierungen 51 an Übersetzungen. Das sind genau 86,4%. - Ich wiederhole, dass es hier nicht um Bilder- und Sachbücher geht.

  • Otfried Wolfrum

    Otfried Wolfrum

    @ Uwe-Michael Gutzschan 14.3.2010

    Es stimmt einfach nicht, das der Deutsche Jugendliteraturpreis an keinen wirklich guten deutschsprachigen Autor vorbeigegangen ist. Das hieße im Umkehrschluss: Kein guter deutscher Autor seit fünf Jahren außer Andreas Steinhöfel. In der Schweiz, in Österreich und überall anderswo fand man fähige Autoren, seltsamerweise nur nicht bei uns.
    Selbstverständlich gibt es sie, das weiß ich aus langjähriger Erfahrung. Aber es bedarf auch der Unterstützung. Ausgrenzung und Diskriminierung der eigenen Literatur jedoch widerläuft, das sei wiederholt, fundamental den Zielen des Preises.

    Übrigens, Herr Gutzschan, es heißt "Kärrnerarbeit großartiger Professoren" und nicht "Kerner-Arbeit". Ein Kerner ist ein Leichenhaus, und dass Professoren an der Bestattung der Jugendliteratur arbeiten, können Sie wohl nicht gemeint haben.

  • Dr. Wolfgang Bittner

    Dr. Wolfgang Bittner

    Dem Verleger Dr. Wolfrum ist für sein offenes Wort zu danken. Vor einigen Jahren hatte ich als Mitglied im Bundesvorstand des Verbandes deutscher Schriftsteller in der Akademie Remscheid zusammen mit dem Arbeitskreis für Jugendliteratur eine Tagung zum Thema "Deutsche Kinder- und Jugendliteratur chancenlos im 'German Open'?" durchgeführt. Ich habe mir damit kaum Freunde gemacht, und leider hat sich an der Nominierungs- und Vergabepraxis trotz sachlich fundierter Kritik nichts geändert. Was da Jahr für Jahr abgefeiert wird, ist ein Trauerspiel, das viele deutschsprachige Autorinnen und Autoren sei langem stirnrunzelnd beobachten. Allerdings wagt sich kaum jemand dazu kritisch zu äußern, weil er oder sie damit Gefahr liefe, in Misskredit zu geraten. Die Behauptung, wer von den deutschen Autorinnen und Autoren den Preis verdient, habe ihn erhalten (diese Aussage ist nicht neu) ist eine an Ignoranz und Arroganz kaum zu überbietende Unverschämtheit, die sich gern Vermarkter, Organisatoren und sogar Wissenschaftler leisten, die damit eigene Interessen verfolgen oder einfach nur naiv sind. Was ist zum Beispiel davon zu halten, wenn auf der Auswahlliste von 2007 ein sogenannter Biss-Roman der US-amerikanischen Autorin Stephenie Meyer erscheint (die übrigens für ihr anti-emanzipatorisches Gehudel auch mit dem Buxtehuder Bullen belohnt wurde)?

  • Ulf Cronenberg

    Ulf Cronenberg

    @ Otfried Wolfrum
    Immerhin hat sich da ja beim Deutschen Jugendliteraturpreis 2010 etwas geändert. In der Sparte Jugendbuch sind 50 % deutsche Originalausgaben, im Kinderbuch sind es (je nachdem ob man die "Bibel" als fremdsprachige Übersetzung wertet (oder nicht) 16 bzw. 33 %.
    Und wieso soll es nicht auch um Bilderbücher gehen? Da schneiden die original deutschen Titel ja nicht schlecht ab - ebenso bei den Sachbüchern.
    Dennoch: Ich halte daran fest: Der Deutsche Jugendliteraturpreis ist vom Leser her gedacht, nicht vom deutschen Verleger oder Autoren aus. Das ist eine legitime Zielsetzung … – und ich finde sie gut. Es geht dazu, Kinder und Jugendliche zum Lesen zu bringen, Diskussionen anzustoßen. Und als Juror des Deutschen Jugendliteraturpreises muss ich einfach noch mal sagen: Es spielt in der Juryarbeit absolut keine Rolle, ob ein Buch eine Übersetzung oder ein deutsches Originalwerk ist - es kommt allein auf die Qualität an, wie sie die Richtlinien des Preises vorgeben. Wäre ja noch schöner, wenn ich im Kopf haben würde, dass Übersetzungen zu bevorzugen sind. Das überhaupt kein Kriterium!

  • Ulf

    Ulf

    Entschuldigung für die zwei Fehler im Kommentar vorher. Es muss natürlich heißen:
    "Es geht darum, …" und
    "Das ist überhaupt kein Kritkerium!"

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