Paris

Frankreich und sein Verhältnis zu Google

Vergangene Woche wurde Bruno Racine, Chef der Pariser Nationalbibliothek, in seinem begehrten Amt für weitere drei Jahre bestätigt. Kurz zuvor hatte er ein überraschendes Bewerbungsschreiben vorgelegt: Eine Streitschrift mit dem Titel "Google und die neue Welt“ (Plon). VON JOHANNES WETZEL

Bruno Racine

Bruno Racine © picture-alliance

Darin verteidigt er seine Forderung nach einer "anspruchsvollen Partnerschaft“ mit Google bei den Anstrengungen für eine Digitalisierung seiner Bibliotheksschätze. Eine Haltung, die ihm noch im August viel Kritik eingetragen hatte. Allen voran ging damals Racines Amtsvorgänger Jean-Noël Jeanneney, der sein Büchlein "Wenn Google die Welt herausfordert“ soeben in dritter, erweiterter Auflage vorlegte und dabei die mit der Farbe des Einbands signalisierte Alarmstufe von weiss über blau zu rot steigerte. Denn während Bruno Racine – wie das Wirtschaftsblatt "La Tribune“ damals ausplauderte – bereits mit Google Gespräche führte, sah die französische Buchwelt in dem Unternehmen noch ihren natürlichen Feind. Um nicht vom Leben bestraft zu werden, nahmen die Verantwortlichen inzwischen eine nuanciertere Haltung zu Google ein: Weder "Verteufelung“ noch Unterwerfung.
 
So drängte Kulturminister Frédéric Mitterrand am 22. März, einen Tag vor Racines offizieller Vertragsverlängerung, im "Conseil du Livre“ – einer 2008 eingerichteten unregelmässig tagenden, interprofessionellen und interministeriellen Instanz, die als "Parlament des Buches“ mit vierundzwanzig Mitgliedern alle Akteure der Branche versammelt – auf eine Vereinbarung mit Autoren und Verlegern in der Absicht eines "echten digitalen Alternativangebots zu Google“. Konkret sollen die im 20. Jahrhundert veröffentlichten, aber nicht mehr verfügbaren Titel – man schätzt ihre Zahl auf fünfhundertausend bis eine Million – digital auferstehen. Dafür will Mitterrand einen Teil der 750 Millionen Euro ausgeben, die ihm kürzlich von Staatspräsident Nicolas Sarkozy im Rahmen einer gewaltigen Staatsanleihe für Digitalisierung des französischen Kulturguts zur Verfügung gestellt wurde. Die rechtlichen Grundlagen dafür soll unter Berücksichtigung des von Google oft missachteten Urheberrechts  ein globales Abkommen zwischen Staat, Verlagen und Autoren schaffen.  Eine zeitraubende Verhandlung über jeden einzelnen Titel entfiele dann. Ausserdem müsse über den Zugang zu diesen elektronischen Büchern, die kommerzielle Verwertung und die Aufteilung der Einnahmen Einigkeit erzielt werden. Eine Arbeitsgruppe soll bis Juli ein Abkommen vorlegen.

"Wir werden die Kontrolle über unser kulturelles Erbe behalten“, hatte Sarkozy bei der überraschenden Ankündigung des Geldsegens Mitte Dezember erklärt. Das sei auch eine Frage der "nationalen Identität“. Dann könne man mit privaten Anbietern – gemeint ist Google – auf Augenhöhe verhandeln. Bruno Racine erklärt ganz ähnlich, die Finanzierung erlaube nun eine "Partnerschaft ohne Komplexe“ und ohne Google ein "Monopol“ einzuräumen. Kulturminister Frédéric Mitterrand hatte immer schon vor der "Verteufelung“ von Google gewarnt. Vor dem "Conseil du Livre“ erklärte er nun, die Inhalte müssten zwar von den "öffentlichten und privaten Akteuren beherrscht“ werden. Aber die Bedeutung von Google auf dem Sektor des digitalisierten Buches sei nicht zu leugnen und der Dialog mit Google daher von Interesse. Insbesondere könne Google helfen, die Sichtbarkeit französischer Inhalte kultureller Art im Internet zu verbessern. Voraussetzung seien Urheberschutz und ein für den Staat befriedigendes  Verfahren. Bis Ende Juli soll der Vorschlag für ein Gesetz konkret werden, das den Verlegern die Beherrschung der Preise auch für elektronische Bücher garantiert. In diesem Zusammenhang bestätigte Mitterrand auch noch einmal, sich für einen reduzierten Mehrwertsteuersatz auf elektronische Bücher einsetzen zu wollen. Die Ausweitung der Buchpreisbindung auf ebooks ist dagegen ungewiss. Die französische Aufsichtsbehörde für den Wettbewerb meinte in einer vom Kulturminister angeforderten Stellungnahme, für eine solche Maßnahme sei der Markt noch zu wenig entwickelt.

Wie die befriedigenden Modalitäten auszusehen hätten, war Mitte Januar in einem Bericht des früheren Fernsehchefs Marc Tessier über die Digitalisierung des schriftlichen Kulturguts dargelegt worden. Tessier war ausdrücklich beauftragt zu prüfen, ob die Zusammenarbeit mit einem privaten Anbieter wie Google opportun sei und wie sie gegebenenfalls auszusehen hätte, um freie Verfügbarkeit des digitalisierten nationalen Kulturguts, die einwandfreie Konservierung der Dateien, die Sichtbarkeit und den Zugang zu französischen Inhalten im Internet zu garantieren. Außerdem sollte er die finanziellen Fragen klären. Tessier stellte insbesondere die quantitative Überlegenheit von Google gegenüber der französischen, seit 1997 von der Nationalbibliothek aufgebauten Digitalbibliothek Gallica fest: Google hat seit 2004 bereits zwölf Millionen Bücher aus Bibliotheksbeständen digitalisiert. Gallica verfügt über knapp eine Million nicht mehr urheberrechtlich geschützte Werke, darunter 200 000 Bücher. Zugleich beklagte der Tessier-Bericht die Laufzeit der Exklusivitätsklauseln, die Google mit Bibliotheken ausgehandelt hatte: Die Stadtbibliothek Lyon, die in Frankreich eine Vorreiterrolle spielte (und Frankreichs zweitgrösste Bibliothek ist), hat Google die Vermarktungsrechte für die 500 000 zu digitalisierenden Bücher exklusiv für 25 Jahre überlassen. Tessier forderte eine Beschleunigung der Digitalisierung im französischen und europäischen Rahmen – und eine fairere Partnerschaft mit Google. Fair bedeutete vor allem, dass die digitalen Dateien in vollkommener Transparenz und ohne Exklusivrechte zwischen den Partner ausgetauscht und dabei das Urheberrecht berücksichtigt werden. Mitterrand stimmte umgehend zu.

Der Nationalbibliothek wurden bereits 140 Millionen Euros aus dem 750-Millionen-Jackpot zugesprochen. Bruno Racine will mit dieser Summe vordringlich die besonders vom Zerfall bedrohte Presse digitalisieren. "Aber," so erklärt der BNF-Präsident, "alle schriftlichen Dokumente sollten eines Tages digital verfügbar sein.“ Nicht digitalisierte Dokumente und Sprachen, die nicht in Digitalisierung investieren, würden marginalisiert.
 
Unterdessen sind allerdings Gallica ("Schon der Name gefällt mir nicht, das klingt nach Asterix“, so der Kulturminister) und Europeana unter Beschuss geraten. Bruno Racine widmet "Glanz und Elend von Europeana“ ein eigenes Kapitel. Das europäische Portal, im November 2008 in Betrieb genommen, ist Zugang zu mehreren europäischen Digitalbibliotheken und verzeichnet fünf Millionen, zur Hälfte von Frankreich gelieferte Dokumente. Die wenigsten sind allerdings Bücher. Bei Abfassung dieser Zeilen ist Goethe bei Europeana allenfalls auf Französisch oder Ungarisch, nicht aber auf Deutsch zu finden. "Bei Google hingegen schon“, bemerkt Bruno Racine boshaft. "Die europäische digitale Bibliothek existiert“, spottet er – "bei Google.“
 
Schließlich kommt Bewegung in die zweite Front, die Google in Frankreich eröffnet hat. Während Google den baldigen Start seiner Online-Buchhandlung für ebooks ankündigte, versprach Kulturminister Mitterrand einen zinslosen Kredit in Höhe von 500.000 Euro, mit dem die gemeinsame Vertriebsplattform für digitale Bücher gefördert werden soll. Die vom deutschen Vorbild libreka! stimulierte Forderung wird nicht nur vom Minister und im Tessier-Rapport erhoben, sondern auch von Buchhändlern einerseits, Verlegern andererseits: Buchhändlerverband SLF (Syndicat de la Librairie) und die Vereinigung der Kulturkaufhäuser (Syndicat des Distributeurs de Loisirs Culturels, SDLC) wünschten Mitte Januar in einem gemeinsamen Manifest die Errrichtung einer nationalen, unabhängigen E-Book-Plattform, die die drei gegenwärtig konkurrierenden Plattformen Numilog (Hachette), ePlateforme (Editis) et EDEN (Gallimard, Fammarion, La Martinière) ersetzen sollte und paritätisch von Verlagen und Buchhändlern verwaltet würde. Hachette-Chef Arnaud Nourry fand das damals absurd und konterte mit dem Vorschlag einer gemeinsamen Plattform, die nur von den Verlegern betrieben würde. Mit dem inzwischen offen ausgebrochenen Kampf zwischen den beiden Giganten Hachette und Editis dürfte die Realisierung einer wie auch immer konzipierten gemeinsamen Plattform in weitere Ferne gerückt sein.

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