Kommentar von Torsten Casimir, Chefredakteur Börsenblatt

Dem Buch die Hauptrolle

Seckbach ist Thema der Woche. Aber worum geht es eigentlich? Jedenfalls nicht um alte Zöpfe und neue Köpfe. Und schon mal gar nicht um die bis zur Verblödung gehypte Frage nach dem Überleben des Buches.

Torsten Casimir

Torsten Casimir © Werner Gabriel

Die Debatte um Seckbach ist eine Identitätsdebatte. Trivialisieren wir sie nicht zur Querele! Welche Begriffe binden die Buchbranche noch zusammen?

Wenn Auszubildende jetzt anmahnen, dem Buch weiter die Hauptrolle im Ensemble der vielen Unterrichtsthemen zuzubilligen, mag man mäkeln: Was "Buch" denn heute meine? Totes Holz? Dateien? Ein Prinzip? Das alles ist Zeug für Oberseminare, aber leider unbrauchbar für Identitätssucher. Merkwürdigerweise jedoch haben die Schüler ihre richtigen Fragen am falschen Beispiel formuliert. Wer unverstellt hinschaut, sieht in Seckbach das Buch wie eh und je im Zentrum stehen. Zahlreiche Sonderveranstaltungen widmen sich ihm, die "Paschen Lounge" zelebriert es sogar architektonisch.

Gleichwohl: Ein konstruktiver Umgang mit der Schülerklage wäre der Versuch, das Unbehagen zu verstehen, das sich in ihr äußert. Warum lassen wir die Schultern hängen, kaum dass sich abergläubische Elektronikerzirkel zum Totengedenken für Print versammeln? Wo bleibt das Selbstbewusstsein, das sich mit dem Buch verbindet? Diese Botschaft richtet sich nicht an eine Schule, sondern an jeden und jede, die mit Büchern handelt.

Klar wird neue Medientechnik wichtiger. Aber die Befassung mit ihr darf nicht in einen Minder-wertigkeitskomplex kippen. Sonst machen uns Autoren von "Slow Media Manifesten" vor, wie man über die Modernität des Buches spricht, ohne sich dem Wandel zu verweigern. – Worum es also in der Seckbach-Frage geht? Auch um die Furcht vor Bedeutungsverlust.

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2 Kommentar/e

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  • Ulrich Dombrowsky, Buchhandlung Dombrowsky Regensburg

    Ulrich Dombrowsky, Buchhandlung Dombrowsky Regensburg

    Torsten Casimir bringt auf den Punkt, was den BriefschreiberInnen nicht oder nur unzulänglich gelungen ist: anfänglich fiel es auch mir schwer, die Botschaft des Briefes zu verstehen. Wie auch immer: es ist wichtig, dass ein offenes Gespräch über die klaren oder diffusen Probleme gepflegt wird. Und da freuen sich die Auszubildenden sicher, wenn sie auch mal die Geschäftsführerin persönlich kennen lernen können.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Vor ein paar Jahren wurde von verschiedenen Seiten Diskussion angestoßen, dass im Börsenverein die Vorherrschaft des Wortes Buch gebrochen und durch eine zeitgemäßere Formulierung ersetzt werden sollte. Das hatte überhaupt nichts mit einem Abgesang auf das Buch zu tun, sondern sollte reflektieren, dass das Leitbild des Börsenvereins und die Realität der Mitglieder an diesem Punkt zunehmend auseinander klaffen.

    Der Anteil des Buch-Umsatzes am Verlagsumsatz ist rückläufig, Zeitschriften, Anzeigen, Veranstaltungen, Dienstleistungen, Lizenzerlöse und natürlich auch elektronische Medien nehmen an Bedeutung zu. Gleiches gilt auch beim Sortiment, vermute ich.

    Sicher, die Identität hängt stark am Buch. Aber für die Zukunft ist es wichtig, dass der Perspektivwechsel zum Informationsdienstleister gelingt. Und damit bekommt das Buch seinen Platz zugewiesen, einen bedeutenden, aber eben einen Platz.

    Leider hat sich der Vorstand des Börsenvereins diesem Wechsel im Leitbild nicht anschließen können. Der Begriff Buch wird als Hostie weiter vorangetragen, die Umbenennung der Buchhändlertage in Buch-Tage war nur einer der offensichtlichsten Schritte dieses Beharrens.

    Dabei müssen wir Mitglieder aus den buchfernen Segmenten für den Verband gewinnen und im Verband halten, müssen Fachkompetenz in anderen Zweigen gewinnen und vermitteln und die Mitglieder nach außen auch bei diesen buchfernen Themen kompetent und anerkannt vertreten können.

    Es ist kein entweder oder. Wir müssen beides tun. Das Buch ist Herkunft. Hier liegt unsere Tradition, hier gründet die Identität. Die Aura des Buches ebnet uns die Wege in der Lobbyarbeit. Diese Aura ist nicht unvergänglich. Wir müssen sie pflegen und kultivieren. Und es ist auch diese Aura, die für viele Auszubildende Anlass für die Wahl unserer Branche war. Wir alle haben vermutlich einmal mit dem Ideal begonnen, dass das Buch eben mehr ist als nur ein Konsumgut. Und im Laufe der Jahre haben wir alle gelernt, dass ohne konsumiert zu werden das Buch eben gar nichts ist. Die wirtschaftliche Realität hat unsere Ideale abgeschliffen. Aber sie hat sie sicherlich nicht falsch gemacht.

    Es ist wichtig, dass die junge Generation unserer Branche sich mit den Idealen, mit dem Kulturgut Buch und den daraus erwachsenden Verpflichtungen und Vornehmlichkeiten befassen und uns diese plakativ und unbequem immer wieder vor die Nase halten. Von wirtschaftlichen Zwängen und nacktem Realismus werden wir ihnen so oder so bei jeder Gelegenheit die Ohren voll heulen, bis auch sie abgeschliffen sind.

    Im übrigen muss auch nicht jeder Konflikt sofort produktiv und konsensorientiert abgeleitet werden. Ein offener Brief darf auch geschrieben werden, ohne dass daraus gleich Poodiumsdiskussionen, Arbeitsgruppen und Gremienarbeit wird. Meist ist es ja für die eine Seite mit dem offenen Wort getan und wenn die andere auch noch darüber nachdenkt, dann muss man sich gar nicht mehr wünschen.

    Auf dass die Azubis ab und zu ordentlich auf den Putz hauen und den älteren ans Schienbein treten. Und dass wir das aushalten, ohne gleich die beeindruckende Arbeit von Frau Kolb-Klausch in Frage zustellen, die das Thema Aus- und Fortbildung im Börsenverein richtig zum Kochen gebracht hat.

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