27.05.2010
Arbeitswelt Buch – Traum oder Trauma?
Eingeleitet wurde die vom Freundeskreis der Buchwissenschaft organisierte Veranstaltung mit einer Podiumsdiskussion zur Frage, ob „die Arbeitswelt Buch in Zeiten von Online und Internet überhaupt noch attraktiv für den Nachwuchs [ist]“. Den Referenten zufolge liege der Branche, die langsam zu einer Überalterung tendiere, viel an den jungen, qualifizierten Nachwuchskräften. Sich verstärkt um sie anzunehmen und sie auszubilden, haben sich viele auf die Fahnen geschrieben. So steht mit der Kampagne „ZukunftBuch“ des Börsenvereins die Nachwuchsfrage nach dem elektronischen Publizieren an zweiter Stelle, der Mediacampus hat einen eigenen Studiengang vor allem für bereits im Beruf Stehende initiiert, einige Verlage bieten verstärkt Volontariate an und auch vom AKEP wird ein breites Angebot zur Qualifizierung, Fort- und Ausbildung bereit gestellt. Man ist bemüht, den zukünftigen Mitarbeitern die Branche als lebendig und attraktiv zu vermitteln. Dass die Arbeitswelt Buch auch durchaus noch ihren Reiz hat, bestätigt die Zahl der Buchwissenschaftsstudenten, die wohl alle von einem guten Job in der Branche träumen – electronic publishing hin oder her.
Ein Berg von Anforderungen
Mit dem Kopf in den Wolken dürften dabei aber nur die wenigsten nach mehreren Semestern Studium stecken. Bei der naiv-idealistischen Vorstellung, dass es bei einem Job mit dem Buch nicht ums Geld Verdienen ginge, muss man also kaum Jemanden abholen, wie das laut Monika Kolb-Klausch bei vielen Azubis noch der Fall ist. So viel haben wir gelernt. Wenn nicht im Studium, so zumindest beim Studientag. Auch, dass es nicht ganz einfach werden wird, mit dem Berufseinstieg. Denn gefordert wird vom Nachwuchs Einiges. Das sind neben den gängigen „Soft Skills“ wie Teamfähigkeit, Stressresistenz, Flexibilität, Engagement und hohe Kommunikationsfähigkeit auch die von Ulrich Huse vorgestellten „Hard Skills“ wie betriebswirtschaftliches Wissen, technisches Know-how sowie das generelle Wissen rund um den Verlag. Und für zukünftige Sortimentsmitarbeiter vor allem Freundlichkeit. Sie wird nämlich von Kunden nach einer Befragung der Osiander-Buchhandlungen noch vor der Kompetenz von den Mitarbeitern gewünscht. Da heißt es wohl die Zähne zusammenbeißen und Lächeln, denn den ein oder anderen dürfte die Palette an Forderungen, die sich noch fortsetzen lässt, eher entmutigt haben. Das Problem aus Sicht der Studenten dürfte entsprechend weniger die Attraktivität der Branche sein, als viel mehr eine empfundene Diskrepanz zwischen dem Bemühen um junge, qualifizierte Leute und der tatsächlichen Schwierigkeit, einen Arbeitsplatz zu finden. Denn trotz des Interesses am Nachwuchs scheint das Konzept der Branche im Moment noch mehr auf Fort- als Ausbildung abzuzielen und die Bandbreite vom unbezahlten Praktikum bis hin zum Volontariat ohne Übernahmechancen ist nach wie vor an der Tagesordnung. So scheint nicht nur aus dem mehrfach erwähnten „Offenen Brief“ der Azubis nach der Interpretation von Monika Kolb-Klausch und Heinrich Riethmüller Verunsicherung zu sprechen, sondern auch aus Gesprächen vieler Studenten nach der Veranstaltung. Und wer die Erfahrung gemacht hat, nach vielen fehlgeschlagenen Bewerbungen um eine Festanstellung schließlich für eine Volontariatsstelle ein bis drei Mal vorgeladen zu werden, wie das laut Michael Schweins bei arsEdition vorkommen kann, und trotzdem nicht genommen wird, der könnte einer Traumatisierung relativ nahe sein. Trotz gutem Abschlusszeugnis und wertvollen Praktika in der Tasche.
Lichtblick
Dass man sich tatsächlich Mühe um den Nachwuchs gibt, zeigt sich in der Teilnahme der hochkarätigen Branchenmitglieder sowohl bei der Podiumsdiskussion als auch bei der Workshop-Leitung. Und dass es von den jungen, qualifizierten Leuten noch nicht genügend gäbe, liegt laut Ulrich Huse nicht daran, dass nicht gut genug ausgebildet würde, sondern noch zu wenig. Das trifft vor allem auf den Bereich des elektronischen Publizierens zu. Wer sich hier noch nicht fit genug fühlt, darf den Kopf nicht hängen lassen – denn trotz des Kreisens der aktuellen Diskussionen um immer wieder denselben Mittelpunkt des elektronischen Know-hows kommt es beim zukünftigen Job nach wie vor auch auf eine Kompetenz in allen anderen Fragen der Branche an. Nur wer die vorausgesetzte Basis an Wissen über einen Verlag mitbringt, kann darin auch neue Ideen verorten. Und ein Großteil an Qualifikation findet nach wie vor im Betrieb selbst statt. Das Fazit der Diskussionsrunde lautete, dass es sich bei der Buchbranche um eine der lebendigsten und damit attraktivsten handle. Das Fazit für die Studierenden, dass man traumatisiert erst recht nichts erreicht – also besser weiterträumen.


1. Jacqueline Stumpf 07.06.2010 15:20h
„Traumatisiert erreicht man erst recht nichts – lieber weiter träumen.“
Aus diesem Schlussfazit lässt sich für einen arbeitssuchenden Buchwissenschaftler wohl kaum ein praktischer Rat ziehen. Dieser Artikel scheint die aktuelle Arbeitssituation am Buchmarkt, wie sie auf dem Studientag dargestellt wurde, beschönigen zu wollen. Dass der deutsche Buchmarkt (noch) nicht für die neuen Bachelor aus der Buchwissenschaft offen und bereit ist, war der allgemeine Anklang dieses Studientags. Träumen und in den Wolken schweben bringt niemanden weiter. Wer reale Berufschancen haben will, ohne ein Trauma davon zu tragen, muss sich über das Studium hinaus mächtig ins Zeug legen. Ob das der zeitintensive Bachelor heutigen Studenten zulässt, wird den zukünftigen Arbeitgeber wohl kaum interessieren. Also, lieber ackern statt träumen, damit man seinem Traum ein Stückchen näher kommt.
2. Julia M. 11.06.2010 22:45h
Für mich ist diese Diskussion unabhängig von Bachelor, Magister, etc. Am Ende meines (Magister-)Studiums muss ich feststellen, dass die (Einstiegs-)Chancen für angeblich so praxisorientierte Menschen wie uns Erlanger BuWis (was ja ständig betont wird) eher schlecht sind. Und zwar unabhängig davon, wie lange man studiert hat, wie viel Praxiserfahrung, Praktika u.ä. man aufweisen kann, ob man schon eine Ausbildung absolviert hat,...
Auch wenn die Branchenvertreter angeblich so viel für den Nachwuchs tun - für mich wirkt das alles sehr beschönigend dargestellt. Schlechtest bezahlte Volontariatsstellen, auf 1-2 Jahre befristet, meist ohne Chance auf Übernehme - das kann nicht sein, wofür man Jahre lang studiert hat.
Insofern passt der Vergleich mit der Träumerei schon - nur, dass es aus meiner Sicht die Branchenvertreter sind, die träumen, und die uns Studenten und Absolventen eine heile Welt vorträumen.
3. Julia Woitzik 13.06.2010 00:19h
Dass der von der Branche angeblich so verzweifelt gesuchte Nachwuchs potentiell vorhanden ist und in die Branche drängt, müsste schon allein an der Zahl der Bewerbungen auf die einzelnen (Volontariats-)Stellen sichtbar sein, aber warum klagen die Branchenvertreter dann über Nachwuchsmangel?
Die Branche selbst überlegt immerzu wie sie sich selbst attraktiver machen kann, doch ist das für mich falsch angesetzt. Die Probleme sind nicht der angebliche Nachwuchsmangel, oder die angeblich fehlende Attraktivität der Buchbranche für junge Leute, sondern eher die Arbeitgeber selbst. Diese wissen, so scheint mir, selbst nicht genau was sie vor allem mit den Buchwissenschaftlern anfangen sollen und was sie bei Einsteigern suchen, bzw. auch hier wird geträumt: Der Traum vom jungen, motivierten, höchst flexiblem Hochschulabsolventen mit mindestens 3-jähriger Berufserfahrung (wo diese Erfahrung allerdings herkommen soll, wenn man frisch von der Uni seinen ersten Job sucht, wird mir ein Rätsel bleiben).
Dass praktische Erfahrung eine unverzichtbare Eintrittskarte in den Markt ist, ist inzwischen jedem von uns BuWis klar geworden, aber trotzdem wundert man sich dann doch sehr, wenn man gerade am Studientag hört, dass auch mit abgeschlossenem Studium und Praktika in der Tasche noch ein unterbezahltes Volontariat quasi Pflicht ist. Denn genau dieses Volontariat kann man auch schon nach dem Abitur absolvieren, ohne zuvor 5 Jahre studiert zu haben, so wurde uns am Studientag mitgeteilt.
„Learning by doing“ ist die Devise, die vor allem in Einstiegsjobs gelten sollte und ein bisschen mehr Vertrauen in die Fähigkeiten und Vielfältigkeit von uns Buchwissenschaftlern wäre zu wünschen, damit die Ernüchterung des Studientag doch noch in die Erfüllung eines Traumes mündet. Ein Traum auf dessen Erfüllung man schwer hingearbeitet hat und auch verdient, da wir Erlanger Buchwissenschaftler sicher besser auf die Buchbranche ausgerichtet sind als viele andere Bewerber, die mit einem gewöhnlichen geisteswissenschaftlichen Abschluss in den Kampf um eine Stelle im Buchmarkt ziehen.