Interview mit Urs Engeler

"Die herkömmlichen Wege funktionieren nicht mehr“

Lieber rough statt klein & fein: Der Verleger Urs Engeler über sein neues Verlagskonzept, das auf Digitaldruck und Direktvertrieb via Internet setzt – bei Erfolg versprechenden Titeln jedoch auch den Buchhandel mit ins Boot holen will.

Urs Engeler

Urs Engeler © Katrin Hage

"Glücklich, wer einst sagen kann / es war rough auf meiner Bahn“ – so begrüßt der Dichter Christian Filips sein erstes, bei Urs Engeler verlegtes „Roughbook“ („Heisse Fusionen“) mit einem Ständchen. Mit der Reihe im fast quadratischen Westentaschen-Format beschreitet Engeler in Zeiten der Krise neues Terrain: Neben dem neu gegründeten Engeler Verlag, in dem in unregelmäßiger Folge Bücher mit größerem ökonomischem Potenzial über den Buchhandel vertrieben werden, verlegt Engeler unter dem Label „Rough Books“ Broschuren, die ihre Leser direkt via Internet finden sollen. Halbjährliche Verlagsprogramme wird es nicht mehr geben, nach guter alter Manufaktur-Art wird Engeler einfach Buch nach Buch produzieren. Und siehe da: Die Arbeit scheint ihm wieder Spass zu machen.  

 

Als wir vor einem Jahr über Ihren Verlag sprachen, haben Sie das Wort „Schließung“ bewusst vermieden. Nun soll es weiter gehen...
Urs Engeler:
Das ist die Crux des Wörtchens: Wenn man „Weitermachen“ sagt, denken alle, es geht weiter wie bisher (lacht). Das ist es eben nicht! Es ist alles anders. Es bleibt nichts beim alten. Ich habe seit langer Zeit den Eindruck gehabt, dass die konventionelle Form des Büchermachens, die Form, wie Verlage üblicherweise zu arbeiten versuchen...

Vorschauen im Halbjahresrhythmus...
Engeler:
... Vertreter in den Buchhandel schicken, Presseexemplare versenden, all diese Dinge sind mir zunehmend so ärgerlich, frustrierend und lästig geworden, dass ich buchstäblich jeden Spass am Büchermachen verloren habe. Nur hat es mir lange an Konsequenz gefehlt, zu sagen: So, jetzt ziehe ich meine Schlüsse da raus und mache die Sachen so, wie ich sie gut finde – und schere mich nicht mehr um die Standards, die Buchhändler oder Rezensenten für notwendig erachten. Dummerweise brauchte es die schwierige Entwicklung mit dem Mäzen – aber ich habe mich die letzten Jahre nur noch durchgebissen, eigentlich ging es schon länger kaum mehr. Dann kam der Bruch. Aber im Moment des Bruchs kann man nicht gleich hergehen und sagen: So, jetzt mach’ ich alles anders! Die Konzepte hatte ich da zwar schon mehr oder weniger alle im Kopf. Aber wieder eine Lust zu spüren, auch dazu fähig zu sein, Spaß zu empfinden – das hat schon einige Zeit gebraucht. Zufall, dass es jetzt ein Jahr her ist. Aber dieses „Trauerjahr“ brauchte ich tatsächlich. Jetzt fühlt sich die Sache so an, wie ich es mir gewünscht habe. Es macht wieder Spaß, Bücher zu machen.

Sie arbeiten parallel auf mehreren Feldern?
Engeler: Momentan gibt es eigentlich vier Verlage: Zunächst Engeler Editor, der Verlag ist ja nicht geschlossen worden; es erscheinen zwar keine neuen Bücher, aber die Backlist muss ja bewirtschaftet werden. Engelerbücher sind keine Bestseller, aber sie sind Longseller. Die Zeitschrift „Zwischen den Zeilen“ habe ich aus dem alten Verlag herausgelöst, die erscheint separat. Und neu gibt es jetzt die Roughbooks, die ohne ISBN funktionieren und folglich im klassischen Buchhandel nicht ohne weiteres erreichbar sind. Und schliesslich gibt es einen neuen Engeler Verlag, der Anfang Juli sein erstes Buch veröffentlichen wird. Das ist der „konventionelle“ Verlag, der mit dem Buchhandel rechnet. Dort werde ich nur wenige Bücher machen, von denen ich annehme, dass sie auch fürs Sortiment ökonomisch interessant sind. Dann geht die Rechnung auch für mich auf. Der erste Titel wird „Hinter dem Bahnhof“ sein, der Zweitling von Arno Camenisch, einem Schweizer Autor, der as neue Hoffnung der Schweizer Literatur gilt. Sein erstes Buch „Sez Ner“ hat hier mehr als 4000 Exemplare verkauft hat, es ist mein erfolgreichstes Buch überhaupt. So etwas sprengt den Rough-Rahmen. 

Wie funktioniert das Konzept Roughbooks?
Engeler:
Ich versuche, den Aufwand so klein wie möglich zu halten – und doch so viel wie möglich zu erreichen. Das beginnt schon mit der Herstellung: Der Digitaldruck erlaubt es, schnell zu sein, verursacht niedrigere Kosten und bringt mittlerweile auch Bücher hervor, die man gern in die Hand nimmt. Buchgestaltung ist ja nach wie vor wesentlich für mich. Das eigenartige Format hat mit Optimierung beim Papier zu tun. Das roughe ist in dieser Hinsicht eine Vereinfachung: viele Umwege nicht mehr gehen, auf vieles verzichten, sich aufs Wesentliche beschränken.

Sie verzichten auch auf die ISBN-Nummer?
Engeler:
Die allein würde das Buch schon einen Euro teurer machen...

Die ersten vier Roughbooks hatten noch eine...
Engeler: Damals, noch zu Engeler Editor Zeiten, im vergangenen Jahr, wusste ich schon: Ich experimentiere hier mit einem Format, was noch nicht ganz dort angekommen ist, wo ich hin will, raus aus alten Zusammenhängen und Selbstverständlichkeiten, rein in neue Erfindungen.

Wie ist das Ganze kalkuliert? In Ihrer Mail schreiben Sie: 50 Bestellungen garantieren Zukunft...
Engeler:
Ich gehe von einer Erstauflage von 200 Exemplaren aus. Bei vielen Lyrik-Bänden ist man froh, wenn man die tatsächlich erreicht. Der Endpreis berechnet sich dann recht einfach: 25 Prozent sind der Druckkostenpreis, dazu 25 Prozent Autorenhonorar, 25 Prozent bekommt der Verlag. Und die 25 restlichen Prozente heißten: Ein nächstes Buch machen! Ich nenne das: Die Ermöglichung. Wenn ich sie bekomme, mache ich ein neues Buch daraus, bekommt sie jemand anderes –ein Rezensent, wenn ich ein Freiexemplar verschicke, oder ein Buchhändler, wenn er auf meinen Vorschlag eingeht, die roughbooks in Fortsetzung zu bestellen – entsteht vielleicht eine Besprechung, oder ein Leser stößt mit der Nase in seiner Buchhandlung darauf. 50 Bestellungen zum vollen Preis reichen also aus, die Herstellungskosten der gesamten Auflage zu erwirtschaften.

Sie schließen den Weg übers Sortiment auch für die Roughbooks nicht per sé aus?
Engeler:
Nein, denn natürlich braucht es auch gute Buchhandlungen, und die brauchen gute Verlage. Der Internetvertrieb ist kein Dogma. Es muss pragmatisch funktionieren. Ich habe mich auch mit e-Books beschäftigt, bin jedoch an einigen technischen Sachen gescheitert. Gedichte auf dem e-Book – das ist gar nicht so einfach... Aber billiger als für 8,75 Euro kann ich das auch nicht als Datei verschicken. Warum dann nicht gleich ein Buch in die Hand nehmen?

Wie erfahren die Leser von den Büchern? Die Sache soll ja kein exklusiver Geheimzirkel sein...
Engeler: Ich bin noch ganz am Anfang, mir auf direktem Weg mein Publikum zu suchen. Ein Weg ist die e-Mail: Ich habe zirka 3000 Adressen in meiner Datei. Wer mich nicht kennt, den kenne ich halt auch nicht. Aber das passt mir: jetzt weiss ich, wer mir nur schmeichelt und wer die Bücher zur Hand nimmt. Was bereits jetzt ziemlich gut funktioniert, sind Fortsetzungsbestellungen. Wenn 50 beieinander sind, ist der Grundbetrieb ja bereits geregelt.

Sehen Sie die Gefahr einer weiteren Marginalisierung für Indpendent-Verlage, wenn Ihr Beispiel Schule macht?
Engeler:
Mehr oder weniger spüren wir ja alle, dass die herkömmlichen Wege nicht mehr funktionieren. Oder schlecht funktionieren. Dass wir etwas anderes versuchen müssen. Das ist der Generalnenner. Und verschiedene Leute werden verschiedenes ausprobieren. Man schaut sich bei diesen Experimenten neugierig zu. Manches findet man für sich selbst nützlich, anderes nicht. Vielleicht entsteht da so etwas wie eine kleine pragmatische Avantgarde. Wie können wir wieder Land gewinnen? Ich will mir ja nicht selbstgenügsam eine kleine Insel bauen. Ich will mit Leuten in Verbindung bleiben, mit ihnen arbeiten.

Fördermodellen stehen Sie skeptisch gegenüber?
Engeler: Ich hatte bereits einen Mäzen, und ich bin sehr dankbar dafür, dass er meine frühere Arbeit überhaupt erst ermöglicht hat. Dennoch ist die Abhängigkeit von Geld, das man nicht selber verdient, sehr schwierig, wie ich im letzten Jahr gesehen habe. Das möchte ich nicht noch einmal erleben.

Und was, bitte, hat es mit der Holderbank auf sich, die sie auf Ihrer Website erwähnen?
Engeler
(lacht): Das ist die Schweizer Gemeinde, in der ich wohne. Ich fühle mich hier außerordentlich wohl – die beste Form von Bank, die ich bisher kennengelernt habe. Die anderen haben sich ja, wie wir inzwischen wissen, eher als Bad Bank erwiesen.

 

Interview: Nils Kahlefendt

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