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"Die Google-Falle"

23.06.2010Reaktion auf Digitalisierungs-Vorhaben der Österreichischen Nationalbibliothek

"Die Google-Falle"

Vergangene Woche hatten wir gemeldet, dass in den kommenden sechs Jahren mit Hilfe des Google-Bibliotheksprogramms 400.000 Bände aus der Österreichischen Nationalbibliothek online zugänglich gemacht werden sollen. Nun äußert Benedikt Föger, Vorsitzender des Österreichischen Verlegerverbands und Vizepräsident des Hauptverbands des Österreichischen Buchhandels in einem offenen Brief mit der Überschrift "Die Google-Falle" seinen Unmut.

Hier der offene Brief im Wortlaut:

"Seit Monaten verhandeln die österreichischen BuchverlegerInnen gemeinsam mit den europäischen KollegInnen sehr erfolgreich mit Google, um eine bestmögliche Vereinbarung im Interesse ihrer AutorInnen und des Urheberrechtes zu erreichen. Die Zusammenarbeit der Österreichischen Nationalbibliothek mit Google widerspricht der Wahrung dieser Interessen – sowohl was den Umgang mit dem kulturellen Erbe als auch den künftigen Schutz von geistigem Eigentum betrifft.

Die Österreichische Nationalbibliothek wird im Rahmen einer Public Private Partnership in den nächsten Jahren als eine der weltweit ersten Nationalbibliotheken ihren gesamten historischen Buchbestand digitalisieren und den BenutzerInnen online im Volltext zur Verfügung stellen. Bei dem Kooperationspartner handelt es sich um die Firma Google, die gleichzeitig versucht, eine Urheberrechtsverletzung zu legalisieren und salonfähig zu machen, die im weltweiten Kulturbereich einzigartig ist.

Abgesehen von der unerlaubten Vorgehensweise, urheberrechtlich geschützte Bücher einzuscannen, war einer der Haupteinwände gegen das Google Book Settlement, die Unzulänglichkeit und Fehlerhaftigkeit der Google-Datenbank. Dass nun eine der größten und wichtigsten wissenschaftlichen Einrichtung der Republik genau dieser Firma die Aufgabe überträgt, “den Aufbau innovativer Services für Wissenschaft, Forschung und Unterricht zu ermöglichen”,  zeugt von großer Uninformiertheit oder grober Fahrlässigkeit.

Google wird aber nicht deshalb zum Monopolisten über das weltweite Wissen, weil das sein erklärtes Ziel ist, sondern weil es seinen Konkurrenten und der Politik an Know-how, Willen und Durchsetzungskraft fehlt. Es greift zu kurz, Google wegen seiner Fähigkeiten zu verdammen, dazu ist es auch schon viel zu sehr Teil unserer Realität geworden und nicht nur der virtuellen. Es gilt aber, die Politik nicht aus ihrer Verantwortung zu nehmen was die Digitalisierung unseres kulturellen Erbes betrifft. Und es geht nicht an, das mit einem Vertragspartner zu tun, der die rechtsstaatlichen Grenzen nicht respektiert und vor allem die Rechte der geistigen Eigentümer mit Füßen tritt."

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Schlagworte:
Google, Digitalisierung

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6 Kommentar/e

1. Sebastian 23.06.2010 20:46h http://sebmos.at/

Es werden im Rahmen dieses Deals keine urheberrechtlich geschützte Bücher indexiert. Ist das so schwer zu kapieren für die Damen und Herren der Verlage?

2. Markus Gross 24.06.2010 07:52h

Nein, selbst Verleger können das verstehen, echt!
Aber warum eine Institution wie die Österreichische Nationalbibliothek ausgerechnet mit einer Firma wie Google, denen das Urheberrecht (und damit geltende Gesetze ob sie Ihnen passen oder nicht) wurscht sind, die auch in anderen Bereichen die individuelle informationelle Selbstbestimmung verletzen wollen (immerhin ein Grundrecht) einen Vertrag schließen will und ausgerechnet ein solch fragwürdiger Konzern wie Google einen solchen gewichtigen Auftrag bekommen soll, das ist unverständlich und empörend.

3. Joachim Losehand 24.06.2010 10:48h http://www.losehand.at/

Und wie sollte man einen solchen Boykott rechtstaatlich bzw. gesetzeskonform begründen?

Abgesehen vom wissenschaftlichen und bibliothekarischen Desiderat der Bestandserschließung und -konservierung durch Digitalisate?

Sollten man warten, bis es einen weiteren Anbieter mit ähnlicher Finanzkraft und Expertise in Europa gibt?

4. Sebastian 24.06.2010 11:42h

Es ist eine der Aufgaben der Nationalbibliothek, seine Infos öffentlich zugänglich zu machen. Google tut das, und zwar gratis. Da hat die ÖNB keinen "Auftrag" verteilt (was implizieren würde, dass die ÖNB etwas dafür zahlt).

Was das damit zu tun hat, dass Google angeblich Urheberrecht wurscht ist, ist eine andere Frage. Darf jetzt niemand Werbung bei Google schalten, weil Google sich nicht ums Urheberrecht kümmert? (Was natürlich falsch ist, aber wer würde sich denn um Fakten bemühen?)

5. Markus Gross 24.06.2010 13:37h

Wer spricht von Boykott? Die Österr. Nationalbibl. MUSS aber doch keinen Auftrag an Google geben. Außerdem arbeitet die EU an einer Lösung - ja, da erwarte ich von einer mit öffentlichen Mitteln fínanzierten Institution mehr Gespür. Warten schadet niemandem.

Ob jemand bei google werbung schaltet oder nicht ist nicht mein Problem. Für mich jedenfalls spielen solche Dinge eine Rolle. Deshalb schalte ich keine Werbung bei google, führe kein google mailKonto und habe meinen account bei Facebook geschlossen. Sie finden in meiner Buchhandlung auch kein Buch von Helene Hegemann etc.

Ja, manchmal muss man vielleicht Kompromisse schließen, aber bei diesen Dingen muss das niemand.

6. Sebastian 24.06.2010 14:34h http://sebmos.at/

Die österreichische Nationalbibliothek hat die Aufgabe, die Bücher der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen. Nach diesem Deal wird sie die Aufgabe um ein paar Zehnerpotenzen besser erfüllen, weil viel mehr Menschen drauf Zugriff haben.

Und nochmal: Es ist kein Auftrag an Google. Es ist eine Zusammenarbeit. Jemand anders (die EU) kann genau so mit der ÖNB zusammenarbeiten.

Wenn Sie persönlich kein Konto bei Gmail oder Facebook haben, keine Google-Suche verwenden etc. ist das Ihr gutes Recht. Aber warum der Staat das nicht darf, haben Sie noch nicht erklärt.
Wo ja klar ist, dass die ÖNB durch den Deal ihre Aufgabe wesentlich besser erfüllt als davor.

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