Meinung

Covergestaltung: Die Zukunft gehört den Mutigen

Wer auf Massengeschmack setzt, erreicht vor allem eines: massenhaft Langeweile. Von Robert Schumann.

"Warum sollten sich Leser vor einer ungewöhnlichen Cover-Idee fürchten?" Robert Schumann, Buchgestalter bei der Agentur Buchgut in Berlin

"Warum sollten sich Leser vor einer ungewöhnlichen Cover-Idee fürchten?" Robert Schumann, Buchgestalter bei der Agentur Buchgut in Berlin © privat

Der wahrscheinlich beste Buchtitel der letzten Jahre war ein Bestseller. Das Cover für Stephenie Meyers "Twilight" ist gleichermaßen raffiniert, sinnlich und plakativ. Zwei zerbrechlich-blasse Hände halten uns einen strahlend roten Apfel entgegen. Schönste Klarheit, klügste Poesie. Offen gestanden ist Vampirromantik kein von mir bevorzugtes Lesegenre, aber hier flehte mich die blanke Unschuld an zuzubeißen. Wie eine (vermutlich) jungfräuliche Prot­agonistin einem blutfixierten Liebhaber gibt sich mir ein ganzer Roman hin. Das Versprechen, das Lesen dieses Textes sei wie der erste Sex, hätte mich zum ersten Mal All-Age probieren lassen.
Meine Begeisterung hielt sich nicht bis zur deutschen Ausgabe. Die gab dem Buch nämlich eine neue, konventionelle Hülle: Wir sehen einen hübschen Teenager, bewachsen mit femininer Ornamentik, ergänzt um verklärte Typografie, und wir lesen einen Titel, der jede Interpretation ausschließt: "Bis(s) zum Morgengrauen." Gute Nacht!
Trotz der Absatzgewissheit, mit der Carlsen die Lizenzveröffentlichung der in den USA spektakulär erfolgreichen Meyer-Bände übernahm, hielt es das Marketing für angebracht, den Auftritt abzusichern, dem Leser keine Interpretation abzuverlangen.
Das Cover, digital oder haptisch, verkauft das Buch. Es schafft Orientierung, leitet zunächst ins Genre, dann in den Text, schließlich zu der Besonderheit und damit zu dem Grund, das Buch überhaupt zu kaufen. Es ist Aufgabe der Buchgestalter, das individuell zu bedienen. Die Marketingabteilungen, verantwortlich für den Erfolg des Entwurfs, versuchen dabei eventuelle Geschmackshindernisse oder Verständnishürden zu umgehen. Folglich entstehen Cover oft nach Grundrezepten: Man nehme einen blauen Himmel (Leichtigkeit?) oder einen gelben Strand (Freiheit?), wahlweise einen weißen Flügel (Sehnsucht?), einen schwarzen (Bedrohung?) oder bunten (Exotik?), alternativ ein Gesicht (Schicksal?), eine Hand (Verzweiflung?) oder Füße (Humor?), kombiniere das mit geschwungener Handschrift (lebenslustig?), riesigen Lettern (wichtig?) oder zerstörter Typografie (morbid?), garniere mit Patina (für Männer?), Floralornamentik (für Frauen?), Blutspritzer (für Ehefrauen?).
Eine funktionierende Gestaltungsmechanik wird schnell kopiert, um ebenso erfolgreich zu sein. Der Markt sieht derzeit auf manchen Tischen gleichgestaltet /gleichgeschaltet aus.
Als im vergangenen Jahr, beispielsweise, erstmals Krimis bei Suhrkamp herauskamen, machte die Gestaltung der Cover deutlich, dass sie auch bei Heyne oder anderswo hätten erscheinen können. Suhrkamp verzichtete darauf, optisch eine eigene Krimikompetenz herauszustellen, sondern bewies Anpassungs-fähigkeit an den Markt und signalisierte nur, ebenso gut wie die anderen zu sein. Suhrkamp!
Die präsenten optischen Mittel der Buchtitel haben mittlerweile eine breitenwirksame Langeweile erschaffen, die zwangsläufig Lust auf anderes macht. Die durch gelungene Kreation herausragenden Titel haben damit mehr Erfolgschancen als bisher. Warum sollten auch Leser, die bereit sind, sich mit Texten auseinanderzusetzen, sich vor einer ungewöhnlichen Cover-Idee fürchten? Verlage brauchen nur den Mut, bei den Lesern wieder ein eigenes Bild im Kopf zuzulassen, statt es ihnen vorzugeben.

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7 Kommentar/e

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  • heinz

    heinz

    Für eigene Bilder im Kopf gibt es ja die Cover des Verbrecher Verlages. Geradlinig und schön.

  • Hartwig Schulte-Loh

    Hartwig Schulte-Loh

    Spannend, aber leider unbeantwortet, bleibt die Frage, ob und wie ein Ebook-Cover aussehen wird;also etwas, dass in einer kurzen Wahrnehmungsphase eine Kaufentscheidung beeinflusst. Das bloße Bild ist dem Medium nicht angemessen. Es braucht zumindest Bewegung und Ton. Ein Trailer ist zu komplex. Bin gespannt wohin die Reise geht.
    PS: Die Mutigen sind meist die Ersten, die erschossen werden.

  • Nele

    Nele

    Besonders schlimm sind außerdem die späteren Harry Potter Cover von Carlsen. Einfach nur hässlich, "spoilerisch", unlogisch und viel zu kindlich.

    Zu Twilight: Das amerikanische Cover ist auch deshalb geschickt gewählt, weil es die Leser vergessen lässt ein Jugendbuch zu lesen.

  • Plamen Tanovski

    Plamen Tanovski

    Schwarz ist der Tag, an dem das Cover wichtiger geworden ist als die Innentypografie. Als Floge dessen haben Umschlag und Buchseiten absolut keine typografischen Berührungspunkte mehr, was zu einem Gefühl des Schreckens und der Entfremdung führt, wenn man das Buch zum ersten Mal aufmacht.

  • Wolfgang Heinzel

    Wolfgang Heinzel

    Dieser Beitrag hätte- bzw. ist wahrscheinlich auch - vor zehn oder zwanzig Jahren ähnlich lautend erscheinen können. Man kann immer trefflich über Cover streiten. Fakt ist, dass ein Cover heute im Gegensatz zur frühen Buchkunst Werbung ist. Je populärer das Design, desto größer die angesprochene Kundengruppe, je elitärer desto eingeschränkter.

  • marionschwehr

    marionschwehr

    Dass die Cover alle gleich aussehen, um den Massengeschmack zu treffen, ist übel, aber leider doch nur ein Symptom dafür, dass es zwischen den Buchdeckeln auch nicht besser aussieht. Auch hier variieren die Texte, die immer gleichen Geschichten und imitieren die erfolgreichen Plots. Langweilige Massenware, mit der die Verlage glauben, nichts falsch machen zu können! Das ist erstens falsch (denn so verlieren immer mehr Leute, die Lust zu lesen) und zweitens das eigentlich Problem!

  • HD Schellnack

    HD Schellnack

    Es ist auch eine Frage, was man mit seinem Geld macht. Wer beim Cover auf die stets gleichen Stockphotos setzt, und entweder stumpfen Seriencharakter hervorkehrt oder an den gerade aktuellen Coverlook der Konkurrenz andockt, um auch einen schwedischen Krimi in den Markt zu pushen... der muss und darf und kann umdenken.

    weissbooks hat in seinem allerersten Jahr gezeigt, wie prägnant sich nahezu LEERE Umschläge aus der bunten nichtssagenden Flut von Fertighaus-Covergestaltung abheben können, wenn es nur mit dem richtigen, entschlossenen Gestus gemacht wird.

    Da man ein Buch anders als Musik oder Film nicht mal eben kurz antesten kann, sondern sich auf den Text einlassen muss, sich Zeit nehmen muss (und zumal gute Bücher nicht konsumfreundlich, sondern sperrig, kratzbürstig, schwierig sein können und auch müssen), ist das Cover DIE Chance, neugierig zu machen, zu verführen, zu verwirren. Diese Chance zugunsten von visuellem Einheitsbrei zu vertun, ist schlechtes Marketing - und so tragen sich nicht wenige Verlage einfach auch selbst zu Grabe, mit zu großem Programm, zu wenig klaren Schwerpunkten und einer visuellen Identität, die keine ist. Es gibt doch ohnehin zu viel Angebot - in diesem Schwarm auch noch wie alle anderen aussehen zu wollen, ist eine Logik, die mir erst einmal jemand erklären müsste.

    Da heißt es, vom Album-Artwork der letzten Dekaden zu lernen und zu verstehen, dass ein Cover die Musik darunter eben auch verkauft und kommuniziert - und zwar durch Kongenialität, durch Angemessenheit, durch den Versuch, dem auditiven Medium Musik ein visuelles Pendant zu verleihen. Nichts geringeres sollte ein Buchcover anstreben. Es sollte nicht die Hauptdarsteller oder Handlung abbilden, es sollte kein Wischiwaschi-Getty-Stockphoto von einer Rose mit Trajan-Typographie sein... es sollte das Buch erfassen, umfassen, übersetzen, ins Auge bringen, intuitiv verstehen und verständlich machen.

    Es gibt hier viele gute Beispiele, aber nur wenige, die akut aus deutschen Verlagen kommen. Rothfos/Gabler haben hier lange Zeit die große Ausnahme dargestellt (und ihr früherer Stil ist heute der meistgeklaute und an sich zum Klischee geronnen), manche Cover der Beck-Belletristik auch... aber alles in allem ist Deutschland eine Wüste in dieser Hinsicht. Leider.

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