Deutscher Bibliotheksverband

Monika Ziller: "Misstrauen wäre fehl am Platz"

Bibliotheken treiben die Digitalisierung von Inhalten voran, und treten dabei Verlagen manchmal gehörig auf die Füße. Trennt Bibliotheken und die Buchbranche heute mehr – als sie vereint? Ein Interview mit der neuen Vorsitzenden des Deutschen Bibliotheksverbands. Über die Zweckehe mit der Buchbranche und deren Zukunft, über ihre Haltung zum Urheberrecht – und die Aufgaben einer modernen Bibliothek. VON INTERVIEW: TAMARA WEISE

Monika Ziller

Monika Ziller © privat

Sie haben sich für Ihre Amtszeit viel genommen, Verlage und Buchhandlungen finden in Ihrem jetzt veröffentlichten Programm jedoch keine Erwähnung. Warum?
Ziller: Das liegt wohl an der Neigung, Selbstverständlichkeiten leicht zu übersehen. Tatsache ist: Es gibt sehr lebendige Kooperationen, etwa beim Welttag des Buches und beim Vorlesewettbewerb – und zwar unabhängig davon, dass wir auf Verbandsebene manchmal unterschiedliche Ziele verfolgen.

Welche Rolle spielt für Sie die Buchbranche noch?  
Ziller: Kreative, Verlage, Buchhandlungen und Bibliotheken bilden bei der Wissensvermittlung eine Kette. Durch die digitalen Verbreitungsformen haben sich die Tätigkeiten aller stark verändert – was zu Verunsicherungen führt. Ich denke, wir sollten gerade jetzt wieder stärker zu einem gemeinsamen Handeln finden.

Bei welchen Themen?
Ziller: Der Börsenverein könnte uns zum Beispiel dabei unterstützen, auskömmliche Erwerbungsetats zu sichern. Aber ich sehe auch gute Chancen, gemeinsam praktikable Lizenzmodelle für digitale Inhalte zu entwickeln.

Sie befürworten Open Access-Projekte – und das nach eigener Aussage vorbehaltlos. Gibt es tatsächlich nichts, was Sie stört?
Ziller: Open Access heißt freier Zugang zu Wissen – daran kann einen nichts stören. Die Schwarz-Weiß-Debatten, wie sie nach der Berliner Erklärung 2003 geführt wurden, sind vielfältigen Modellen gewichen. Sogar  traditonelle Wissenschaftsverlage wie Springer Science  + Business Media haben Open Access als Geschäftsmodell aufgenommen. Wichtig dabei ist, dass der Autor sein verbrieftes Urheberrecht ausüben kann und über die Publikationsform selbst entscheidet.

Halten Sie wissenschaftliche Verlage für ein Auslaufmodell?
Ziller: Grundsätzlich nein – aber es gibt keine Garantien, dass einmal etablierte Geschäftsmodelle für immer Bestand haben. Da bin ich mit der Bundesjustizministerin völlig einer Meinung.

Sie fordern, dass die nächste Novellierung des Urheberrechts dem Aspekt des offenen Zugangs zu Information stärker Rechnung tragen müsse. Das heißt?
Ziller: Bildung und Wissenschaft werden seit Bestehen der Urheberrechtsgesetzgebung privilegiert - daran kann sich im digitalen Umfeld nichts ändern. Man sollte auch nicht vergessen, dass die Schüler und Studierenden von heute, die neuen Autoren, Verleger und Buchhändler von morgen sind. Deutschland muss wettbewerbsfähig bleiben - die Bildungs- und Wissenschaftspolitik spielt dabei eine zentrale Rolle. Zurzeit finden wir im Urheberrecht nur halbherzige Regelungen, und das obendrein in einer Sprache, die kein Laie versteht. Fest steht: Privates Raubkopieren und Informationskompetenz in der Schule durch eine Norm zu regeln, funktioniert nicht. Hier sehe ich vor allem den Staat in der Pflicht: Er muss mit gesetzlichen Regeln für Bildung und Wissenschaft – und einem angemessenen Vergütungsausgleich für die Kreativen – neue Balance schaffen.

Was wäre angemessen?
Ziller: Was Bildung und Wissenschaft dient, sollte in einer verständlichen Schranke im Rahmen des Urheberrechts geregelt werden, ohne dass die Primärvermarktung verhindert wird.


„Bibliotheken profilieren sich als Marktplätze der Wissensgesellschaft“, sagen Sie. Inwiefern können sie das überhaupt sein?
Ziller: In vieler Hinsicht. Bibliotheken - angefangen bei den Öffentlichen und wissenschaftlichen Bibliotheken bis hin zur Nationalbibliothek - sind sowohl Anbieter im Kulturbereich, die selbst Dienstleistungen und Produkte schaffen, als auch Hauptkunden anderer Kultur- und Kreativbranchen - und sie unterstützen die Aktivitäten dieser Wirtschaftszweige.

Was macht Bibliotheken hier besonders?
Ziller: Sie motivieren Menschen, Ideen zu entwickeln und ihre Kreativität zu entfalten. Sie sind ein anregender und sicherer Arbeits- und Lernort - und sie haben Mitarbeiter, die in der Schulung und Beratung für die Nutzung und Erschließung von Informationstechnik und Informationsvermittlung ausgebildet sind. Bibliotheken können durch die Schaffung von Zugang zu Informationen, Datenbanken und Angeboten Kleinbetriebe vor Ort unterstützen - Hochschulbibliotheken arbeiten gemeinsam mit Wirtschaftsunternehmen in Forschungsprojekten.

Genügt das, um sich als Marktplatz zu bezeichnen?
Ziller: Marktplätze sind ja nicht nur Handelsplätze, sondern auch Treffpunkte, Orte der Kommunikation. Hier werden Informationen und Neuigkeiten ausgetauscht. Das trifft auch für Bibliotheken zu: Sie sind kommerzfreie Treffpunkte und Orte des lebenslangen Lernens. Zudem: Bibliotheken sind auch potentielle Kunden von kulturellen Angeboten und Produkten, die lokal oder auch überregional, ja sogar international geschaffen werden.

Wie geht es den Bibliotheken derzeit – finanziell?
Ziller: Die Krise der Öffentlichen Haushalte, vor allem der kommunalen Haushalte, bedroht vor allem die Etats der Stadt- und Gemeindebibliotheken. Im April 2010 waren mehr als die Hälfte dieser Bibliotheken von sogenannten Haushaltskonsolidierungsmaßnahmen betroffen, knapp 40 Prozent hatten weniger Mittel für den Einkauf von Büchern und Medien. Die wissenschaftlichen Bibliotheken leiden eher unter stagnierenden Etats - was angesichts steigender Kosten für elektronische Ressourcen ebenfalls ein Problem ist.

Die Bibliothek 2020: Wie stellen Sie sich diese vor?
Ziller: Rundum vital – und deshalb lasse ich den Konjunktiv jetzt mal beiseite. Meine Vision: In der deutschen Bildungsdiskussion hat sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass wir ein dichtes Netz an attraktiven Orten des Lernens, des neugierigen Stöberns und Entdeckens, der Kommunikation brauchen - eben gute Bibliotheken. Menschen aller sozialen Schichten finden hier unabhängig von Einkommen, Herkunft oder sozialem Status freien Zugang zu Wissen, in allen Formen - gedruckt oder digital. Und sie werden dabei von gut ausgebildeten Mitarbeitern unterstützt. Auf die Angebote von Bibliotheken können sie vor Ort oder per Internet gleichermaßen komfortabel zugreifen. . Denn Bibliotheken sind aktiver Bestandteil des "Social Web", machen zahlreiche mobile Angebote.

Was wünschen Sie sich von der Buchbranche – um das zu erreichen?
Ziller: Dass sie die Bedeutung von Bibliotheken für Bildung und Kultur offensiv unterstützen. Bei allen strittigen Diskussionen darf nicht aus dem Blick geraten, dass wir seit jeher eng und vertrauensvoll kooperieren. Bibliotheken kaufen nach wie vor für mehrere Milliarden Euro Bücher und stellen sie Menschen zur Verfügung, die sonst vielleicht gar keinen Zugang dazu hätten. Mein Credo: Wir sollten weiterhin gemeinsame Modelle erarbeiten, neue Lizenzmodelle wie bei der Onleihe – und vom Misstrauen Abstand nehmen. Und worauf es in diesem Kontext aus meiner Sicht noch ankommt: faire Preise.


Monika Ziller,
Vorsitzende des Deutschen Bibliotheksverbands (dbv) bis 2013, ist seit 2001 Direktorin der Stadtbibliothek Heilbronn; außerdem engagiert sie sich im Vorstand der Stiftung Lesen. Der dbv bündelt die Interessen von knapp 2.000 Mitgliedern.

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1 Kommentar/e

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  • andreas kreimendahl

    andreas kreimendahl

    Hallo,

    das muss echt weh tun, wenn man meint, dass die benutzende Konsumerschaft, an ein demokratisches Kopiermodell mit Bezahlen hält. Man sollte das Eigentums-recht verschärfen. Der Musikindustrie hat es den Kopf gekostet. ich habe daran kein Interesse. Wenn die Blibliotheken alles für lau haben wollen, dann sollen sie das auch für sich beanspruchen und keine Leihgebühren etc. nehmen!

    Es ist geistiges Eigentum der Autoren sprich Verlage und ich finde, dass das Gesetz sehr gut ist und eigentlich verschärft werden sollte. Wir werden keine Bibliotheken dann mehr beliefern. Ganz einfach! Soll der Verband Andere melken gehen!

    • ...

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