Medien
29.07.2010Interview
Trojanow: "Es gibt nicht genügend Literaturfestivals"
Was hat Sie am Konzept von „forum:autoren“ beim neuen „Literaturfest München“ überzeugt, so dass Sie als erster Kurator agieren werden?Ilija Trojanow: Es ist eine wunderbare Idee, jährlich einen anderen Autor einzuladen, der als Kurator nach eigenem Gutdünken ein Festival zusammenstellt. So ist jedes Jahr ein spezielles, eigensinniges und konzeptionell anders gelagertes Festival zu erwarten.
Welche Art von Autoren und von Literatur wollen Sie dem Publikum näher bringen? Welche Autoren konnten bereits fürs das erste „forum:autoren“ gewonnen werden?
Autoren, die nicht in die althergebrachten Kategorien von Nationalliteratur, von Herkunft und Heimat passen, sondern die neue Brücken schlagen, mehrsprachig denken und manchmal sogar schreiben. Autoren also, die einen freien Zugriff zu überraschenden, biografisch nicht zwingenden Themen haben. Ich nenne David Albahari, Aleksander Hemon und Dzevad Karahasan, die aus dem Gebiet stammen, das bis vor kurzem Jugoslawien hieß, die heute aber in Toronto, Chicago und Graz leben. Oder Hédi Kaddour, der als Tunesier einen großen europäischen Roman geschrieben hat. Und dann kommen die als Chamisso-Autoren inzwischen titulierten Sprachwechsler wie Ilma Rakusa, José Oliver oder Feridun Zaimoglu.
Wie wird das Mischungsverhältnis von fremdsprachiger und deutschsprachiger Literatur beim „forum:autoren“ konkret aussehen?
Ich würde sagen zwei Drittel fremdsprachige, ein Drittel deutschsprachige Autoren.
Welche Art von Veranstaltungen schwebt Ihnen beim „forum:autoren“ vor – es wird ja wahrscheinlich nicht nur Lesungen geben?
Lesungen im klassischen Sinne gibt es so gut wie nicht, sondern oft Gespräche, etwa zwischen Herta Müller und György Dragoman über Literatur, Geheimdienst und Repression, Es geht also um eine intensive Begegnung zwischen zwei Autoren, die ein gemeinsames Anliegen oder ähnliche ästhetische Positionen haben. Ansonsten gibt es innovative Reihen wie wortraga oder "eine Geschichte, die weitergeht". Da geht es darum, Literatur in ungewöhnlicher Form an ungewöhnlicher Stelle zu präsentieren.
Gibt es nicht in Deutschland eigentlich nicht schon genug Literaturfestivals?
Ich finde nicht, dass es genügend Literatufestivals gibt, es können sich nämlich die wenigsten Leute leisten, für einige Tage nach Hamburg, Köln oder Berlin zu fahren, wenn sie in den Genuss eines solchen Festivals kommen wollen. Zudem gibt es wenige Festivals mit konzeptueller Ausrichtung und noch weniger solche, die von Autoren für Autoren kuratiert werden.
Interview: Andreas Trojan
- 20.05.2010
- Veranstaltungen: München bekommt ein neues Literaturfest



1. H. Kraft 31.07.2010 00:32h
Ein sehr interessantes Konzept und Programm des Kurators und Schriftstellers I. Trojanow zum geplanten Literaturfest in München.
Es bleibt zu hoffen, dass dazu viele Bücherfreunde, begeisterte Leser/Leserinnen zu allen Veranstaltungen nach München kommen werden.
Sinnvoll wäre es, wenn Antiquariate, Buchhandlungen und Bibliotheken, die sich in München befinden, in dieses Literaturfest mit eingebunden wären.
Literatur ist in unserer hektischen Zeit nur weiterzugeben, wenn diese genannten Vermittler von Büchern und Informationen an so einem Literaturfest, welches ja auch ein Austausch von Begegnungen und Treffpunkten sein soll, beteiligt werden.
Das Buch muss in der Vielfalt der Medien in seinem kulturellen Wert erhalten bleiben.
Das Lesen und der Umgang mit Büchern soll wieder Freude bereiten und vor allem junge Leser und Leserinnen sind wieder zum Buch hinzuführen.
Gerade dazu kann von so einem Literaturfest eine gute Signalwirkung ausgehen.
Dem Literaturfest, welches in München vom 17. November bis 5. Dezember 2010 stattfindet, ist an dieser Stelle viel Erfolg zu wünschen.
H. Kraft, München
2. H. Kraft 31.07.2010 18:38h
Ergänzung:
Wichtig ist, dass durch dieses Literaturfest in München wieder mehr junge Leser und Leserinnen zum Buch finden werden.
Möge es durch das Zusammenwirken dieser genannten vielfältigen Veranstaltungen gelingen, dass dem Buch wieder eiin besserer Stellenwert innerhalb der vielen anderen Medien zukommen wird.
Der Umgang mit Büchern ist wieder im Elternhaus, in Schulen, durch Buchhandlungen und Bibliotheken neu zu vermitteln. Bücher gehören in unser Leben und der Computer und das Internet können eben ein Buch nicht ersetzen. Das haptische Verlangen (das in den Händen halten eines Buches) und das Erlebnis mit Büchern ist wieder zu erlernen und zu entdecken. Das Lesen in einem Buch bedeutet auch, dass ich dadurch eine innere Zufriedenheit und ein Glück erfahren kann. Dies wird aber nur dann möglich, wenn sich die Leser mit innerem Elan der Dichtung öffnen. Dazu bietet das Literaturfest in München sicher viele Möglichkeiten.
Den Verantwortlichen der Stadt München und in Bayern sowie den Organisatoren ist für die Planung und Durchführung des Literaturfestes schon jetzt zu danken.
H. Kraft, München
3. H. Kraft 01.08.2010 14:27h
Zur Festellung des Schriftsstellers und Kurators I. Trojanow, dass es zu wenige Literaturfestivals in Deutschland gibt:
Ich denke, dass es nur einen Sinn hat, wenn in einer Stadt mit einem literarischen Hintergrund, wie es z. B. in München, Frankfurt/Main oder in Stuttgart gegeben ist, ein solches Literaturfestival abgehalten werden kann. Auf der einen Seite ist zu auch klar zu sehen, dass immer gewisse Sponsoren für so ein Literaturfestival agieren müssen. Dazu kommt auch, dass gegenwärtig das Buch in unserer vielfältigen Medienlandschaft keinen leichten Stand hat. Die Literatur muss sich wieder den ihr zukommenden festen Platz bei den Lesern/Leserinnen sichern. Da genügt es eben auch nicht, dass bestimmten Trends in der Dichtung gefolgt wird. Die Leser möchten einmal andere Texte erkennen, als nur Bücher mit Sex und diesen ewigen politischen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen. Dies ist noch wahrlich keine Dichtung. Wo bleibt die Poesie, die auch einmal wieder in einem schönen Gedicht zu erkennen ist? Literatur kann auch wieder entdeckt werden. Wie schön und gut sind doch Texte eines Joseph von Eichendorff oder des Dichters Matthias Claudius? Unbekanntes ja, aber auch das Bewährte nicht vergessen. Es kommt auf eine gute Mischung und Präsentation der Bücher an. Es geht auch um das Finden des kleinen Glücks in dieser unserer Welt. Und dies ist mit einem Buch noch möglich.
H. Kraft, München