Literarisches Leben
29.07.2010Kommentar
Beruf Lektor: Träume sind Schäume
Auf Augenhöhe mit namhaften Autoren sein, gemeinsam Bleibendes schaffen. Junge Menschen müssen träumen dürfen. In der Branche weiß jeder, dass auf den Lektor so einiges wartet, darunter viel Organisations- und Verwaltungskram. Alles nicht so sexy. Ganz zu schweigen davon, dass Prosa nur einen kleinen Teil des Buchmarkts ausmacht. Auch Kochbücher und Gartenratgeber müssen lektoriert werden. Die Wandlung des Lektors vom Partner des Autors zum Produktmanager wird häufig beklagt. Schlecht für das Produkt, sprich: Buch, sieht die Sache aber erst aus, wenn die Arbeit am Text wegen der ganzen Managerei unter den Tisch fällt. Nicht immer kann man sich dieses Eindrucks erwehren.
Eine Studie hat jetzt beleuchtet, was Lektorsein heute bedeutet. Und so sieht’s aus: Der typische Lektor ist weiblich, knapp über 40, hochgebildet und schlecht bezahlt. Dank regelmäßiger Überstunden bringt er im Jahr 21 Manuskripte zur Druckreife. Zwar führt die Betreuung der Autoren die Liste der am häufigsten ausgeübten Tätigkeiten an, aber was sich hinter "Betreuung" verbirgt, wurde nicht ermittelt. Immerhin, auf Platz 2 steht die Arbeit am Manuskript. Der Wunsch, die Literatur zu fördern, rangiert bei den befragten Lektoren übrigens weit unten, sie sehen sich eher als Diener des Verlags. Willkommen in der Realität!
Mehr über die Studie lesen Sie in Börsenblatt Heft 30, Seite 24.
Inhalt/Datei/en zum Herunterladen:
Bericht zur Studie aus Börsenblatt Heft 30.pdf (202.90 Kb)



1. Klaus Siblewski 29.07.2010 14:49h
Liebe Frau Schwietert,
von welcher Studie sprechen Sie?
Woher wissen Sie, dass jeder zweite in Deutschen Seminaren davon träumt, Lektor zu werden?
Was halten Sie für "hochgebildet" in Zusammenhang mit dem Beruf des Lektors?
Offen gestanden, stellen sich mir nach der Lektüre Ihres Artikels noch eine Reihe weiterer Fragen von ähnlicher Grundsätzlichkeit, aber ich will es erst einmal bei diesen Fragen belassen.
2. Dr. Diethard Sawicki 29.07.2010 14:56h
Sehr geehrter Herr Siblewski,
in der heutigen Ausgabe des Börsenblatts wird eine bei UVK erschienene Studie zum Berufsbild des Lektors von Walter Hömberg vorgestellt. Darauf bezieht sich der Kommentar.
Mit freundlichen Grüßen,
Diethard Sawicki
3. Lektor 29.07.2010 14:57h
1. Können Sie auf diese Studie verlinken? Wäre prima.
2. Viel Arbeit und wenig Bezahlung - das kann ich nur bestätigen. Bei allen Vorteilen von Tarifverträgen: Freunde und Verwandte sind immer wieder verblüfft, wie wenig in diesem Geschäft zu verdienen ist, zumal Lektorate/Bereiche bei zunehmender Arbeit pro Kopf zunehmend die Kontrolle über Strukturen und Prozesse im Verlag verlieren ... und das, obwohl sie die meiste Verantwortung für das Vorantreiben von Buch-/Medienprojekten tragen.
3. Interessant, dass überwiegend Frauen in den Lektoraten wurschteln. Sagt die Studie auch etwas über Geschlechterverhältnisse auf den Führungsebenen aus?
4. Leser 29.07.2010 16:14h
Ohne gehässig wirken zu wollen, aber in einem Text über Lektorate 2 Fehler einzubauen ist irgendwie...nicht lektoriert ;)
Ansonsten ist die Arbeit eines Lektors allerdings nicht zu unterschätzen!
5. Sabine Schwietert, Redaktion 29.07.2010 16:46h
@ Leser: Würden Sie mir bei der Fehlersuche helfen? Ich korrigiere dann noch rasch. @ Lektor: Die Studie ist unter dem Titel "Lektor im Buchverlag" in der UVK Verlagsgesellschaft Konstanz erschienen.
6. Leser 29.07.2010 18:32h
Geht man auf der einen Seite davon aus, dass Lektoren größtenteils keine Kinder haben und zudem Geisteswissenschaftler sind, dann scheint es mir doch recht abenteuerlich, 2000 Euro Netto als ein schlechtes Gehalt zu betrachten.
7. C. R. 29.07.2010 19:55h
Liebe Frau Schwietert,
ich glaube, da tun sie den jungen Studenten Unrecht - wobei ich eh nicht bestätigen kann, dass mindestens jeder zweite Germanistik-Student vom Lektorat träumt. Eher befand ich mich mit meinem Berufswunsch deutlich in der Minderheit.
Die Studenten von heute sind weit entfernt von einem Berufswunsch-Optimismus, eine rosarote Brille hat da kaum noch jemand auf.
Ich gestehe, dass mir dieser kleine Unterton in ihrem Kommentar nicht so behagt.
Liebe Grüße
8. Lektor 30.07.2010 00:30h
@Leser: Die Behauptung, dass Lektoren größtenteils keine Kinder haben und überwiegend Geisteswissenschaftler sein sollen, halte ich für spekulativ. Vielleicht belehrt uns die Studie hierzu ebenfalls. In meinem Kollegen-/Kolleginnenkreis haben die meisten Kinder.
Wir sprechen ja nicht nur von Belletristik-Lektoraten, sondern offenbar auch von Fachmedienverlagen (die Autorin: "Ganz zu schweigen davon, dass Prosa nur einen kleinen Teil des Buchmarkts ausmacht. Auch Kochbücher und Gartenratgeber müssen lektoriert werden."). Hier bringen Lektoratsmitarbeiter häufig neben dem verlegerischen Know-how vertiefte thematische und Zielgruppenkenntnisse aus einem ersten Beruf mit (hierunter NATURwissenschaftler!!!). Insofern hielte ich ein Netto-Gehalt von 2000 Euro (für eine Vollzeitstelle) für angemessen, nicht aber für abenteuerlich!
9. Leser 30.07.2010 11:16h
@Lektor. Diese Behauptung fußt auf dem Ergebnis der zitierten Untersuchung. Ich bin jetzt einfachmal davon ausgegangen, dass diese Untersuchung stimmig ist. Dass in den Fachverlage die Gehälter deutlich höher sind, ist mir schon klar und das ist auch gut so. Zudem schrieb ich nicht, dass das Gehalt abenteuerlich ist, sondern ich bezog die auf die Behauptung, dass 2000 Euro im Median eine schlechte Entlohnung sei. Das ist sie nicht, bezogen auf die bereits zitierten Ergebnisse der Untersuchung .
10. Christina Müller 30.07.2010 12:27h
Liebe Frau Schwietert,
dass Germanistikstudenten meist wenig von Verlagsrealitäten wissen, ist sicher richtig, aber ein überlegen-mitleidiger Kommentar wie "Junge Menschen müssen träumen dürfen" hilft da ganz sicher nicht weiter. Ich habe selber Germanistik mit dem Berufsziel Verlag studiert und kannte bis zu meinem ersten Praktikum schlicht keine dortigen Berufe außer "Lektor". Die meisten Tätigkeiten im Verlag tauchen weder in den Berufslisten beim Arbeitsamt noch in anderen Informationsquellen für Studierende/Schüler etc. auch, ganz zu schweigen von den meist sehr niedrigen Gehaltskategorien, in denen man sich im Verlag bewegt. Die meisten Verlage sind ohnehin sehr verschwiegen, was dieses Thema betrifft (siehe den Artikel über Volontariate im Börsenblatt). Woher sollen also Germanistikstudenten, die im Studium ja ohnehin nicht auf bestimmte Berufe hin ausgebildet werden und erst im (schwer zu ergatternden) Volontariat praktische Fähigkeiten erlernen, wissen, was sie im Verlag erwartet? Dass Studiengänge wie Buchwissenschaften oder Buch- und Medienpraxis angeboten werden, ist ja noch nicht so lange der Fall...
11. Ausstudierter 31.07.2010 08:23h
Ich kann mich Ihnen, Frau Müller, nur anschließen. Weder Überlegenheit noch Mitleid sind hier angebracht, liebe Frau Schwietert! Immerhin handelt es sich bei diesen angeblich träumenden jungen Menschen um die Zukunft unserer Branche. Wenn ich mir eine Frage erlauben darf: Wie sieht Ihre Laufbahn eigentlich aus?
12. Lektor 31.07.2010 10:52h
Entschuldigung, aber was hat Frau Schwieterts Biografie mit der Problematik zu tun??? Ich weiß nicht, wo hier Überlegenheit oder Mitleid "schwingen"??? Die Kommentatorin weist lediglich auf eine Studie hin, die Ideal und Wirklichkeit des Lektorenberufs (über das Berufsbild müsste man noch diskutieren, da jeder Verlag dieses mit unterschiedlichen Kompetenzen und Tätigkeitsprofilen belegt) untersucht. Jeder, der auch nur eine Spur Ahnung davon hat, wie es in den Kernbereichen der Verlage/Medienunternehmen derzeit aussieht (damit meine ich Lektorate, Bereiche, Redaktionen oder wie man diesen Kern auch immer benennen möchte), kann viele der Studienaussagen bestätigen! Buchhändler werden ja auch stets gebetsmühlenartig als "Zukunft der Branche" stilisiert. Wer an solche Floskeln hängt, der glaubt am Ende noch an den Weihnachtsmann...
13. Andrea Krug, Verlag Krug & Schadenberg 04.08.2010 23:22h www.krugschadenberg.de
Liebe Frau Schwietert,
nein, Sie haben unrecht - der typische Lektor ist nicht weiblich - die typische Lektorin hingegen sehr wohl. Ich ärgere mich wieder über die sprachliche Ausblendung von Frauen. Es ist nicht nur unhöflich - es ist ignorant und diskriminierend. Ich möchte Sie bitten, das zu bedenken und künftig zu ändern.
Freundliche Grüße - Andrea Krug
14. Lektorin 05.08.2010 08:49h
In dem Zusammenhang "der typische Lektor ist weiblich" ist auch der Artikel im Böbla v. 30. Juli interessant. Er konstatiert, dass fast zwei Drittel der befragten Lektorinnen und Lektoren weiblich sind und bebildert den Artikel mit zwei großformatigen Fotos und einem Cartoon. Und was sehen wir auf diesen Abbildungen? Drei Lektoren. Männliche!!! Einem guten Lektor oder einer guten Lektorin wäre das nicht passiert.
15. Besserwisserin 05.08.2010 22:16h
Liebe Frau Krug,
Sind das dann nicht zwei unterschiedliche Berufsbezeichnungen: Lektor und Lektorin?
*in/innen dürfte nun nicht im Sinne des Lektors sein, denn "es" verzögert den Lesefluss.
(schön zum Thema nebenbei:
http://www.spiegel.de/kultur/zwiebelfisch/0,1518,293425,00.html )
zum Thema:
Vielleicht ist das Träumen auf die Studenten zurück zu führen, die vom Abitur direkt ins Studium gehen (dürfen).
Schönen Abend!
16. Rosemarie Leonhardt 10.08.2010 17:31h www.weidling-verlag.de
zu 3 an Lektor und alle anderen
Warum regt sich niemand in der Runde über die "wurschtelnden Frauen" auf? Hiermit möchte ich das ausdrücklich nachholen und auf die ausgesprochen "blöde Gehässigkeit" in diesem Satz hinweisen. Wenn schon Injurien dann etwas geistvollere bitte.
17. Altschneider 12.08.2010 13:48h
@ Andrea Krug:
Huch, ich habe es gerade im Print gelesen - und musste das gleich mal recherchieren. Interessant, weil ich diese Diskussion oft mit den Autoren führen muss.
Offenbar fehlt da jedes Sprachverständnis: der Satz: "die typische Lektorin ist weiblich" ergibt doch überhaupt keinen Sinn. Jede Lektorin ist weiblich, ob nun typisch oder nicht. Der kritisierte Satz hingegen sagt aus, das von allen Lektoren die überwiegende Mehrheit weiblich ist, was also ist daran falsch. Da hat wohl jemand Sexus und Genus verwechselt und kommt mit generischen Formen nicht klar. Hier zu unterstellen, Frauen würden "ausgeblendet" und das als diskriminierend darzustellen, ist nicht nur sachlich falsch sondern sexistisch. Wenn nicht einmal Lektoren die Sprache vor ideologischem Missbrauch schützen, wer denn dann. Unglaublich.