Meinung

Argentinien: Die Erschließung der Pampa

Die Übersetzerin Silke Kleemann erklärt, warum es sich lohnt, beim Gastland vor allem auf das Angebot kleinerer Verlage zu schauen.

Übersetzerin Silke Kleemann

Übersetzerin Silke Kleemann © privat

Der Ehrengastauftritt auf der Buchmesse bringt alljährlich große Aufmerksamkeit für die Literatur des eingeladenen Landes. Nun kommen die Autoren vom Río de la Plata zu uns. Aus Argentinien ist traditionell relativ viel übersetzt worden, Borges und Cortázar müssen nicht die einzigen Namen sein, die man kennt. Trotzdem ist die argentinische Literatur auf dem deutschsprachigen Buchmarkt weiterhin ein Randphänomen, auch wenn einzelne übersetzte Titel immer wieder auf Bestenlisten gelangen und der Zauber von Tango, Pampa und "Mi Buenos Aires querido" durchaus massentauglich ist.

Nun erhalten wir einen derart umfassend noch nie dagewesenen Einblick in die vielfältige Produktion der argentinischen Schriftsteller – weit über die Klischees hinaus. Neben den bekannten Autoren bei großen Verlagen gibt es außergewöhnlich viele Veröffentlichungen in kleineren Häusern. Und ein Blick in deren Programme lohnt sich besonders, denn dort finden sich einige der interessantesten neuen Namen: Félix Bruzzone, Mariana Enríquez, Fabián Casas.

Im Fall Argentiniens, mit einer qualitativ sehr guten literarischen Produktion in einer unglaublichen Breite, entscheidet sich, ob und wo ein Autor in deutscher (oder an­derssprachiger) Übersetzung ver­öffentlicht wird, nicht unbedingt beim Pokern um die höchsten Lizenzgebühren. Oft geht es einfach darum, getragen von der persönlichen Begeisterung für Texte und Autoren, eine Auswahl zu treffen.


Einige Dinge erschweren den Weg über den großen Teich jedoch auch im Jahr der massiven Überfahrt. So ist es nicht gerade von Vorteil, wenn ein Autor be­reits verstorben ist und sein Werk also nicht mehr auf Lesereisen bewerben kann. Ungüns­tig ist es auch, wenn die Veröffentlichung schon zu lange zu­
rückliegt oder der überdurchschnittliche Umfang eines Buchs die Übersetzungs- und Produk­tionskosten in die Höhe treibt. Und es gibt Genres, die bislang durch die Raster der Rezeption gefallen sind: Essays, Philosophie, Sachbücher.

Um auch Autoren vorzustellen, die in eine oder mehrere der oben genannten Kategorien fallen, ist der besondere Einsatz von idealistischen und oft an der Grenze zur Selbstausbeutung arbeitenden Verlegern, Herausgebern und Übersetzern gefragt. Beispielhaft genannt und empfohlen sei der Argentinien-Band der Zeitschrift "Die Horen", mit dem passenden Titel "Der Vorabend aller Pracht". Eine Anthologie mit Auszügen aus klassischer und neuer Prosa, Lyrik und einem Text der in Argentinien viel gelesenen, bei uns noch unbekannten Essayistin Beatriz Sarlo. Erstmals auf Deutsch zu lesen gibt es zudem einen Auszug aus dem monumentalen, fast 1 000 Seiten starken Roman "Adán Buenosayres" des bereits verstorbenen Leopoldo Marechal, der als Einzelpublikation wohl keinen Weg auf den deutschen Buchmarkt finden wird.
Andere Anthologien beschäftigen sich mit weiteren Randgebieten innerhalb der argentinischen Literatur: "Die Nacht des Kometen" bei der Schweizer Edition 8 stellt 14 Frauenstimmen verschiedener Generationen vor, und "Neue Argentinische Dichtung" bei Luxbooks wagt eine Auswahl aus der mit rund 1 200 Neuerscheinungen pro Jahr ungeheuer aktiven Lyrikszene.

Solche Sammelwerke sind neben den Titeln einzelner Autoren für die Erschließung der Pampa (und all dem, was das Land eben sonst noch ausmacht) unerlässlich. Mögen viele Leser auch über dieses Jahr hinaus die Peripherie im Auge behalten und der Literatur aus Argentinien ihren Platz in der prominenten Nische sichern.

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