Meinung

Kinder- und Jugendbuch: "Ritsch-ratsch-raus"

Über Kinder-Themen wird mit Verve gestritten. Doch Kinderliteratur bleibt außen vor. Von Monika Osberghaus.

© Birgitta Kowsky

Die Kinderseite in der Wochenzeitung "Die Zeit" hat einen perforierten Rand. "Ritsch-ratsch-raus" steht darüber – so kann man Kindern schnell "ihre" Seite rüberreichen. Ähnlich umstandslos vollzog sich im Mai auch der Umzug der "Zeit"-Kinderbuchseite mit ihrem renommierten Luchs-Preis vom Feuilleton hin zur KinderZeit im Wissensteil. Viele Autoren, Illustratoren und Verlage protestierten, die Luchs-Jury trat zurück, aber nichts half: Ritsch-ratsch – raus war die Kinderliteratur.
Seitdem sind ein paar Kinderbuchseiten am neuen Ort erschienen, denen man den Versuch, zugleich erwachsene und kindliche Leser zu erreichen, leider allzu deutlich anmerkt. Die Texte bewegen sich zwischen Inhaltsangabe und Empfehlung, in einem Ton, der Kinder kaum fesseln wird. Von der neuen Luchs-Jury war zu erfahren, mit welchen Hunden oder Kindern ihre Mitglieder zusammenleben, aber kaum etwas über die Kriterien, die sie anlegt, und gar nichts über die Umstände, unter denen sie sich neu finden musste. Bis auf einen Kommentar in der "Süddeutschen Zeitung", die ihre Kinderbuchseite häufig im Sportteil druckt, blieb der Vorgang außerhalb der Branche unbemerkt.
Nur ein Sturm im Kinderbuch-Wasserglas? Ist es denn so wichtig, wo eine Rezension erscheint und an wen sie sich wendet? Ja – denn damit tolle Kinderbücher entstehen, müssen die Erwachsenen, die sie machen, vermitteln, beurteilen und kaufen, sich kritisch mit ihrer Qualität auseinandersetzen. So, wie es auch die Akteure der Erwachsenenbelletristik tun. Und zwar im Feuilleton, wo gerade die Streitdebatten besonderen Unterhaltungswert haben.
Eine ähnliche Auseinandersetzung über Kinderliteratur findet kaum statt. Die meisten Redaktionen räumen ihr nur wenig Platz ein, den sie für nette Empfehlungen nutzen. Ausnahmen wie jüngst die kritischen Stimmen zu Cornelia Funkes neuem Bestseller bestätigen diese Regel nur. Der sachlich unmotivierte Umzug bei der "Zeit" ins Bedeutungslosere sowie die Tatsache, dass zur Buchmesse weder die "Süddeutsche Zeitung" noch die "Zeit" in ihren Literaturbeilagen Platz für Kinderbücher hatten, sind in diesem schwachen Umfeld bedrückende Signale.
Ich ärgere mich über diese Entwicklung – gerade, weil ich von der Kritik- zur Verlagsseite gewechselt bin und nun von hier aus dem Schweigen lausche, das sich über so viele interessante oder ärgerliche Bücher senkt und nur gelegentlich von wohlwollendem Gemurmel unterbrochen wird. Wir brauchen die differenzierende, erwachsene, streit­lustige Diskussion über Kinderbücher!
Über sämtliche Kinder-Themen wird neuerdings leidenschaftlich gestritten – nicht nur in Elternzeitschriften und Familienforen. Die Kinderliteratur aber bleibt außen vor oder wird wie im Fall der »Zeit« weiter auf Abstand gebracht. Angesichts der Tatsache, dass das Geschäft mit Kinder­büchern zunehmend von den Gepflogenheiten des Massenmarkts bestimmt wird, ist es jedoch umso nötiger, sich kritisch mit ihnen auseinanderzusetzen. Aber zu vielen Menschen, die sich professionell mit Kinderliteratur befassen, fehlt es einfach an Streitlust. Und solange dies so bleibt, wird es immer zu viele Redaktionen geben, die das Thema nicht ernst nehmen müssen. Schade.

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2 Kommentar/e

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  • Stephanie Krawehl

    Stephanie Krawehl

    Liebe Frau Osberghaus, Sie haben ja soooo recht! Als Mutter einer 17-jährigen Tochter kann ich Ihre Kritik nur unterschreiben, besonders was die Milchmädchenrechnung der Zeitungen angeht - wenn für Kinderliteratur kein Platz gelassen wird, wer werden dann die Erwachsenen sein, die zukünftig die Erwachsenenliteraturkritiken lesen? Viele Grüße aus Hamburg, Stephanie Krawehl

  • Jutta Wilke

    Jutta Wilke

    Liebe Frau Osberghaus,
    danke für diesen Artikel. Auch wenn ich befürchte, dass auch Ihre Worte wieder ungehört bzw. ungelesen verhallen, so waren sie doch richtig und wichtig.
    Gerade die Ritsch- Ratsch- Rausnahme der Kinderbücher aus dem Feuilleton der ZEIT und der Umgang mit den Protesten hat doch gezeigt, welchen Stellenwert Kinderliteratur in diesem Land hat.
    Selbst die Verleihung des Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreises, des höchsten Preises für Kinderliteratur, den dieses Land zu bieten hat, ist viele Redaktionen keine Zeile, bestenfalls eine Randnotiz wert.
    Die aus Protest gegen die ZEIT-Entscheidung zurückgetretene LUCHS-Jury wurde stillschweigend und ohne Benennung der Gründe ersetzt, kaum jemand hat das überhaupt noch wahrgenommen, es wurde schlicht und ergreifend nicht mehr thematisiert.
    Und das, obwohl hunderte von Kinder- und Jugendbuchautoren, darunter so namhafte wie Andreas Steinhöfel, Jutta Bauer oder Bart Moeyaer gegen diese Entscheidung protestierten.
    Bart Moeyaert bekam auf seinen offenen Brief laut eigener Auskunft nicht einmal eine Antwort.
    Mit viel Mühe und Aufwand werden jedes Jahr die nominierten Titel für den Deutschen Kinder- und Jugendliteraturpreis seitens des AKJ (Arbeitskreis für Jugendliteratur) der Öffentlichkeit vorgestellt.
    Will man etwas über diese Titel erfahren, das über die vom AKJ liebevoll gestalteten Leseproben hinausgeht, muss man sich schon der zahlreichen privaten Webseiten und Blogs bedienen, in den renommierten Feuilletons finden diese Titel kaum eine Erwähnung.
    Als Autorin, als fünffache Mutter und vor allem als Leserin weiß ich, dass es ganz wunderbare Bücher gibt. Die Bücher sind da, allein es fehlt die Information für Eltern und Lehrer, es fehlt das Interesse, diese Bücher auch bekannt zu machen, vorzustellen, den Erwachsenen, die diese Bücher letztendlich für die Kinder kaufen sollen, eine Entscheidungshilfe an die Hand zu geben, die über die Wühltische in den großen Buchhandelsketten hinausgeht.

    Ich fürchte nur, solange in einem Interview ein Kinderbuchautor weiterhin gefragt wird: "Warum schreiben Sie nur für Kinder?", solange wird sich an dem Stellenwert der Kinderliteratur in diesem Land auch nichts ändern.

    Liebe Grüße
    Jutta Wilke


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