Literarisches Leben

Michael Roesler-GraichenMichael Roesler-Graichen© Nicole Hoehne

09.02.2011Kommentar

Ein Riese überschätzt sich

Apple vergrätzt mit seiner Closed-Shop-Geschäftspolitik die Verlage – und könnte sich damit vielleicht verrechnet haben, meint Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen.

Es liegt schon etwas Verbissenes  darin, mit welcher Konsequenz Apple seine One-and-Only-Strategie durchsetzen will – zuletzt auf dem iPad, dem lang er­warteten Hoffnungsträger der Zeitungs- und E-Book-Anbieter. In dem Augenblick, in dem vielversprechende Abo-Umsätze winken und sich Chancen für ein innovatives Kundenmarketing auftun, pocht Apple auf seine App-Store-Hoheit. App-Transaktionen, die an Apples Kaufmodul vorbeigeleitet werden, darf es demnach auf dem schicken Tablet nicht geben. Um nicht mit seiner App ausgesperrt zu werden, muss man als Verlag künftig zumindest die Option für einen App-Store-Kauf anbieten. Das sind fast nordkoreanische Freiheitsgrade, die Apple seinen Partnern gewährt. Man fragt sich, ob das Unternehmen nicht doch seine Position überschätzt, wenn es an den Umsätzen der Verlage um jeden Preis mitverdienen will und damit Marktteilnehmer systematisch gegen sich aufbringt.
 
Es ist nur eine Frage der Zeit, bis andere Tablet Computer mit ausgereifter Software und ohne Zwangsbindung an einen Hersteller-Store auf den Markt kommen. Unter den rund 80 Mitbewerbern auf dem Gerätemarkt gibt es einige Modelle, die dem iPad Paroli bieten können und eine interessante Alternative sein dürften. Die Zukunft – das haben die Diskus­sionen um digitale Anbieter in den vergangenen Jahren immer wieder bewiesen – gehört den offenen Systemen. Deshalb arbeiten große Verlagsgruppen wie Random House und Holtzbrinck an unabhängigen E-Book-Plattformen, die für alle Anbieter und Nutzer zugänglich sind – unabhängig vom jeweiligen Gerät.

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16 Kommentar/e

1. KatjaG 09.02.2011 10:48h KatjaG

"Nordkoreanische Freiheitsgrade" - was für ein dämlicher Blödsinn! Die Verlage wollen eine Leistung gratis haben - eine perfekte Plattform, die sie ja selbst hätten schaffen können, wenn sie nicht so irrsinnig rückständig wären - und weil das wirtschaftlich natürlich völliger Bödsinn ist (es käme der Enteignung von Apple gleich, ein Recht auf freien Ipadzugang zu haben), versuchen sie's jetzt politisch. Das ist viel eher die Nordkorea-Variante: Freie Wirtschaftsunternehmen durch politische Ränke unter Druck setzen zu wollen. Haben die Zeitungsverlage denn je freien, unbezahlten Anzeigenraum für alle zur Verfügung gestellt (= ihr Plattform"monopol")? Nein! Also bitte erst nachdenken, bevor man zum dümmlichen Lobbyisten der Zeitungsverlage wird, die einfach nur durch eigene Verschlafenheit dem Untergang entgegenwanken.

2. Johannes 09.02.2011 11:59h http://www.lesen.net Johannes

Danke Katja, wollte gerade ähnliches schreiben.

3. Michael Roesler-Graichen 09.02.2011 12:12h http://www.boersenblatt.net Michael Roesler-Graichen

Geschätzte Kommentatoren,

das sind ja starke Worte.

Ihre Reaktionen zeigen, dass Sie den Kern meiner Argumentation nicht verstanden haben: Die Zwangskopplung von Gerät und Geschäftsmodell (App Store) wird dazu führen, dass viele Anbieter ihre Apps auf andere Plattformen platzieren werden. Die, die mit Apple zufrieden sind, können ja gern dort bleiben. Ich wiederhole noch einmal: Apple tut sich mit dieser Geschäftspolitik keinen Gefallen. Sie werden es sehen.

Michael Roesler-Graichen

4. Johannes 09.02.2011 12:30h http://www.lesen.net Johannes

Das mag ja sein. Aber sie prangern Apple eine Geschäftspolitik an (und über das Wording - "pochen auf die App Store Hoheit", "nordkoreanische Freiheitsgerade" - wird hier schon ein klar negatives Bild gezeichnet), die marktwirtschaftlich völlig in Ordnung geht; bis die Verlage ins Schlingern gerieten und nach staatlichen Subventionen und günstlichen Gesetzen (Leistungsschutzrecht) schrieen, wurde hier nach exakt dem gleichen Muster gewirtschaftet.
Anders gesagt: Sie messen mit zweierlei Maß beziehungsweise übernehmen die Argumentationsmuster der Branche. Das mag hier in Ordnung sein - das Böbla ist nun einmal ein Lobbyorgan und hat wohl auch in gewisser Weise auch die Interessen der Industrie zu artikulieren -, ist aber halt in meinen Augen nicht gerade die reine Lehre des Kommentierens.

Ciao
Johannes

5. Karl Dieter 09.02.2011 13:50h Karl Dieter

Die Gratis-Mentalität der Verlage ko*** mich einfach nur an! Verlage wollen die Leistungen von Apple in Anspruch nehmen, aber im Gegenzug nichts dafür zahlen. So geht's ja nun nicht! Ich kann nur hoffen, dass dieser Gratis-Mentalität der Verlage so bald wie möglich ein Ende gesetzt wird!

6. Markus Gross 09.02.2011 15:01h Markus Gross

Ein viel größeres Problem sehe ich in den Versuchen von Apple, den Inhalt bestimmen zu wollen, also zu bestimmen welche Bilder oder dann auch Nachrichten, Artikel, Meinungen veröffentlicht werden dürfen.
Solange das so ist, kommt für mich eine Verbindung zu irgendeinem Apple Gerät oder Programm oder Vertrag überhaupt nicht in Frage, weder privat noch beruflich.

7. Michael 09.02.2011 15:09h Michael

Der Erfolg des Appstores basiert ja zu Großteil auch auf dem einfachen und schnellen Kauf von Billig-Apps ohne sich über Zahlungswege, Registrierungen und ähnliches Gedanken machen zu müssen. Das hat einfach etwas mit Kundenfreudlichkeit zu tun und nicht mit Diktatur. Googles Modell ist "offen" und trotz deutlich höherer Stückzahlen verkaufter Android Geräte wird deutlich weniger Content verkauft. Woran liegt das denn?

Die Kunden möchten sich nicht für jede gekaufte Zeitung bei irgendeinem anderen Verleger registrieren, Kundenkonten anlegen, Krditkartendaten hinterlegen u.s.w. Die Apps die das aktuell im Appstore tun bekommen genau mit dieser begründung regelmäßig schlechte Kritiken. Woran liegt das?

Vielleicht sollte sich die Verlagsbranche einfach mit dem Gedanken anfreunden, demnächst eben nicht mehr jeden Kunden zu kennen, sondern sich auf die "anonyme" Verkarktung ihres Contents konzentrieren. Die Musikindustrie schafft das ja z.B. auch und macht trotzdem noch gute Geschäfte. Stellen Sie sich mal vor Sie müssten sich im iTunes Store bei jedem Musik-Label separat anmelden mit Kundenkonto, Passwort, Zahlungsdaten u.s.w. Wie wäre das wohl das Interesse?

8. Schelm 09.02.2011 15:14h Schelm

Apples Stück vom Kuchen kann man als Anbieter ohne Probleme einpreisen. Viele Nutzer werden für den dort gebotenen Komfort bereit sein, mehr zu bezahlen. Entsprechend günstiger könnten dann die Inhalte auf Android-Geräten sein. Ich sehe nicht ganz das Problem (in Bezug auf die Abrechnungsmodelle, in Bezug auf die Inhaltezensur von Apple schon).

Gruß in die Runde!

9. saguenay 09.02.2011 15:14h saguenay

Ob Apple sich mit seinem Verhalten verrechnet oder nicht, sei dahingestellt. Falls ja, ist dies Apples Problem und braucht einen selbst nicht zu kümmern. Falls nein ebenso, denn ein Unternehmen hat das Recht, seine Produkte und Dienstleistungen auf die ihm geeignet erscheinende Art und Weise zu vermarkten.

Dass aber diejenigen, die die Entwicklung verschlafen haben jetzt gerne mit staatlicher Hilfe auf den fahrenden Zug aufspringen wollen und jammernd nach dem grossen Bruder aus der Politik rufen, hat weit mehr mit den angesprochenen nordkoreanischen Verhältnissen zu tun, als Apples Geschäftspolitik (die man deshalb noch lange nicht mögen muss). Offenbar sind Unternehmen ab einer gewissen Grössenordnung der Ansicht, es bestehe eine Art öffentlicher Verpflichtung, sie aus jeder durch Inkompetenz, Lahmheit und schlichte Dummheit verursachten Misere wieder herauszuholen.

Wäre eine derartige Versorgungsmentalität bereits in der Vergangenheit usus gewesen, hätte Gutenberg sich mit Sicherheit nicht durchsetzen können, und wir würden heute noch Bücher handschriftlich beim Kopisten um die Ecke vervielfältigen lassen - oder wir würden immer noch in zugigen Höhlen sitzen, weil der Verband der Faustkeilhersteller sich konsequent gegen jede Art von technischer Neuerung gestemmt hätte.

Mag sein, dass Apple sich hier überschätzt. Gleiches gilt mit Sicherheit aber auch für die Verlage, die offenbar noch nicht ganz realisiert haben, dass die Welt sich nicht ausschliesslich um sie allein dreht.

10. Hendrik 09.02.2011 15:18h Hendrik

Die in diesem Artikel geäußerte Kritik an Apple ist unlauter. Das iPad ist genau wie iPhone und ursprünglich der iPod u.a. so erfolgreich, WEIL es Endgerät mit Vertriebskanal (iTunes) verbinden und dem Kunden nicht nur eine intuitive Bedienoberfläche bietet, sondern auch ein intuitives Shopping der Inhalte, ob Musik, Videos oder Apps.

Apple hat auf eigenes Risiko eine Geräteplattform entwickelt, welche von den Verlagen KOMPLETT kostenfrei genutzt werden möchte. Das Geschäftsmodell der Verlage: Die iOS-App ist KOSTENLOS und der Content, d.h. die einzelnen Tages-,Wochen- oder Monatsausgaben werden über die Webseite an den Endkunden verkauft. Heißt: Apple bietet die kostenlose App schön über seinen Appstore an, stemmt den millionenfachen Download und die Appstore-Infrastruktur... und verdient NULL an der Sache. Der Verlag hingegen steckt 150,-€ Absogebühr plus 150€ Werbeumsatz pro Kunden in seine Tasche und lacht sich über Apple kaputt, die ihm so eine schöne neue Medienplattform und digitalen Vertrieb komplett kostenfrei ermöglichen.

Der Kunde ärgert sich derweil, weil er soviel bezahlt wie vorher fürs Papier und nun noch bei zig Verlagen unterschiedliche Kreditkartendaten und Nutzernamen und Passwörter einpflegen muß. Die Kostensenkung durch digitalen Vertrieb aber steckt der Verlag zu 100% ein.

Ich halte diese Kritik an Apple nicht nur für falsch, sondern auch für symptomatisch: Das wahre Monopol sind unsere Mediengroßbetriebe, die lange Zeit aufgrund der hohen Einstiegskostenbarrieren für mediale Verbreitung ein sorgenfreies Leben führten. Wie bei der Musik verschwindet mit dem physischen Träger (Papier) ein komplettes Geschäftsmodell, dessen Erhaltung aber nicht Apples Pflicht ist.

Schaut man sich an, auf welchen hinteren Rängen (meist kostenlose!) Zeitungsapps im Store stehen, ist der Hinweis, die Verlage hätten das iPad mitaufgebaut, geradezu lächerlich. Und so bekommt man auch eine Antwort auf die Drohung, wie gefährlich die neue Schmollhaltung der Verlage für Apples iPad ist: gar nicht.

Werden Sie doch glücklich mit dem Web, welches hauptsächlich ja wegen seines fehlenden zentralen Abrechnungsmodells kommerziell nicht zieht. Oder mit Android, der berühmten "freien" Plattform, auf der jedes Kid so "frei" ist, sich die Inhalte ebenso kostenlos freizuknacken! Und bitte: Android Honeycomb ist in wenigen Wochen auf dem Markt: Wer zwingt Sie zu Apple ? Das Problem der Verlage ist ihre Gier: weder mit Android, noch im Web werden sie je richtig verdienen. Statt Apple 30% abzugeben, wollen sie weiterhin 100% haben und dafür auf fremdem Ticket reisen. Das ist das verzweifelte Schreien einer untergehenden Branche - GUT wie ich finde!

11. Hendrik 09.02.2011 15:50h Hendrik

...und noch was: "Ein Riese überschätzt sich". Überschätzen tun sich in der Regel eher Zwerge, nicht aber Riesen. Und somit paßt die korrigierte Überschrift vor allem auf den Autor, wenn er droht:

"Apple tut sich mit dieser Geschäftspolitik keinen Gefallen. Sie werden es sehen"

Um so mehr sich die Medienbranche wehrt, desto übler wird ihr Niedergang. Arrangieren Sie sich besser mit der neuen Zeit und den neuen Taktgebern ! Ohne iTunes gäbe es heute so gut wie gar keine Musikbranche mehr, weil kommerzielle Musik sonst längst zu 95% in der Piraterie untergegangen wäre. Die Musikindustrie hat zwar 40-60% an Aufgeblasenheit verloren, aber es gibt sie noch.

Aufgrund ihrer besonderen Verbohrtheit sehe ich die Printbranche dagegen komplett untergehen. Musik kauft man eher spontan, die Printverlage aber müssen die Kunden individuell binden und ansprechen. Mit dem an iTunes verlorenen Endkundenkontakt ist jeder Anbieter nur noch einer von Millionen und ein Sandkorn in der Masse aller getakteten Publikationen. Plötzlich muß man sich in Qualität, Preis und Leserorientierung(!!) einem freien Wettbewerb stellen und ist jederzeit aussortierbar. Da macht es sich dann nicht mehr so gut, wenn zB Redakteure locker gegen die Volksmeinung anschreiben können, weil ihr Gehalt nur zu 3% von täglichen Zeitungsverkäufen abhängt, zu 97% aber durch langlaufende Abos, Inserate und Werbung schon bezahlt ist. Das ganze wird elementaren Einfluss auf die "veröffentlichte Meinung" haben. Die alte Komfortzone ist weg!

12. Michael Dreusicke 09.02.2011 16:21h http://www.paux.de Michael Dreusicke

Der Kommentar eines Börsenblatt-Redakteurs scheint mir dann hilfreich, wenn seine Kenntnisvorsprung die Sichtweise seiner Leser bereichert.
Dass es - wie hier - auch mal andersherum sein kann, ist ein interessantes neues Format :)

13. KatjaG 09.02.2011 18:13h KatjaG

This is a clash of cultures ...

14. Hartwig Keller 10.02.2011 14:36h Hartwig Keller

Dank an Herrn Roesler-Graichen für den nordkoreanischen Vergleich für die Zwangs-Koppelung von Geschäftsmodellen!

Ach, es war gar nicht die Rede vom VlB und libreka?
Oh, sorry, da habe ich was durcheinandergebracht...

15. Alexander Vieß 12.02.2011 15:14h http://aviess.posterous.com/ Alexander Vieß

Schon richtig, "nordkorenische Zustände" oder die an anderer Stelle gerne genannte "Zensur" sind auch imho denkbar unpassende Beschreibungen eines zumindest im kapitalistischen Sinne völlig legitimen Geschäftsmodells. Was mich aber nervt, ist dieser liberalistisch (im Sinne von FDP, nicht im Wortsinne) geschulte Reflex, grundsätzlich Apple zu verteidigen, weil es sich ja "nur" um ein Geschäftsmodell handelt. Diese Geschäftsmodelle haben verdammt große Auswirkungen -- und zwar durchaus auch auf das Wissen und die Infomation, die durch Unternehmen wie Apple, Amazon, Google etc. organisiert und distributiert wird. Es will mir einfach nicht in den Kopf, wie solche Praktiken (auch hier in den Kommentaren) gerade von denen verteidigt werden, die sich sonst für Transparenz, offene Daten und Netzneutralität einsetzen.

Wohlgemerkt: Die Leistungschutzrechtdebatte ist an Absurdität kaum zu übertreffen und auch die aktuellen Forderungen sind Augenwischerei. Sie sind dies aber vor allem und zunächst in dem Sinne, dass die Abhängigkeit von einem System, nämlich dem Apples, geradezu herbeigebetet wurde. Man muss sich das nur mal vor Augen führen: Da waren mit dem Marktstart des iPads Hoffnungen verbunden, allein dieses eine Gadget würde die Medienhäuser und damit gleich den Journalismus in toto retten. Da war keine Rede von einem Journalismus, der auf wohlbezahlte, ordentlich recherchierende und dementsprechend ausgebildete Journalisten setzt. Und es wurde -- ich spreche hier von dem Gros der Zeitungsverlage -- auch nicht in offene Standards, klare, sichere und einfache Zahlungsmöglichkeiten oder meinetwegen auch nur in alternative Plattformen wie Android invesitiert. Diese technische Kurzsichtigkeit ist das Problem. Ohne sie hätten die Verlage nämlich jetzt die Möglichkeit einfach so Apple die lange Nase zu zeigen.

16. Wolfgang Tischer 12.02.2011 16:28h http://www.literaturcafe.de Wolfgang Tischer

Man stelle sich vor, Verlage würden die Forderung aufstellen, dass Sie künftig bei Hugendubel, Thalia und Co. ihre Bücher über ein eigenes Kassensystem und eigene Kassierer verkaufen wollen, um einen bessern Kontakt mit Endkunden zu bekommen.

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