Interview mit Bernhard Kempen

"Aus Recht wird Zwang"

Die Forderungen nach einem Zweitverwertungsrecht sind populär, missachten aber die Persönlichkeitsrechte der Autoren und bringen Verlage langfristig in Schieflage. Kritisiert Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands.

Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands

Bernhard Kempen, Präsident des Deutschen Hochschulverbands © picture-alliance / dpa

Ein Zweitverwertungsrecht für Wissenschaftler – das klingt doch im ersten Moment verlockend: Ein Autor kann, auch wenn er die Rechte für eine Publikation an einen Verlag überträgt, selbst darüber bestimmen, ob er ein Werk nach spätestens sechs Monaten an anderer Stelle nicht-kommerziell veröffentlicht. Würde eine solche Gesetzesvorschrift den Autor nicht unabhängiger vom Verlag machen?
Kempen: Die Frage ist, wie dieses Recht ausgestaltet sein soll und wie es in der Praxis gehandhabt wird. Verstehen die Hochschulleitungen es nämlich als Einladung, ihre Wissenschaftler zur Zweitverwertung zu drängen, verkehrt es sich womöglich in sein Gegenteil: Es könnte sich als Eingriff in die privatautonome Gestaltungsfreiheit von Wissenschaftlern entpuppen. Aus dem Recht würde dann ein Zwang. Und das geltende Urheberrecht schützt auch die negative Publikationsfreiheit – das Recht, ein Werk nicht zu veröffentlichen.


Können Hochschulen denn ihre Professoren zwingen, das Zweitverwertungsrecht auszuüben? Immerhin handelt es sich doch um ein Recht …
Kempen: So argumentiert ja auch die Forschungsallianz. In Wahrheit wird es aber anders laufen. Die Hochschulleitungen werden darauf achten, dass Wissenschaftler von ihrem »Recht« auch Gebrauch machen, beispielsweise durch Zielvereinbarungen bei Neuberufungen oder Wiederverhandlungen.

Die Initiatoren eines Gesetzes zur Zweitverwertung argumentieren damit, dass auf diese Weise die Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse gefördert würde. Sie sprechen von einer »faktischen Monopolstellung« einzelner Zeitschriften und Verlage – auch durch exorbitant hohe Bezugspreise. Ist ein »barrierefreier Zugriff« auf die Ergebnisse wissenschaftlicher Arbeit nicht ein nachvollziehbares Motiv?
Kempen: Es ist ein Gerücht, dass wir ein Problem mit der Verbreitung hätten. Alles, was durch Verlage publiziert wird, ist auch öffentlich zugänglich. Hier wird mit Scheinargumenten gearbeitet, um das eigentliche Motiv zu verdecken: Kosten zu sparen. Die Hochschulen und Forschungseinrichtungen sagen sich: »Wenn das unsere Leute veröffentlichen, dann müssen wir das nicht mehr bezahlen.« Dabei werden aber zwei wichtige Dinge übersehen:
1. Verlage spielen eine wichtige Mittlerrolle in der Wissenschaft. Viele wissenschaftliche Projekte gäbe es nicht, wenn nicht Verlage die Initiatoren wären. Und ob Server von Universitäten dasselbe zu leisten imstande wären – dahinter würde ich ein dickes Fragezeichen setzen.
2. Wissenschaftler müssen über ihr eigenes geistiges Eigentum verfügen können. Sie tragen auch die individuelle Verantwortung dafür, sie müssen für die Richtigkeit einstehen und setzen unter Umständen ihre Reputation aufs Spiel.

Rechnen Sie damit, dass die Initiativen Gesetz werden?
Kempen: Das lässt sich derzeit nur schwer einschätzen, zumal die Anhörungen dazu noch nicht stattgefunden haben. Ich bin gespannt, wie die Bundestagsabgeordneten diese Vorstöße bewerten. Die Lage in den Fraktionen ist sehr uneinheitlich – und erweckt manchmal den Eindruck, dass das notwendige Wissen um den Zweck des Urheberrechts fehlt. Denn wer den möglichst kostenfreien, globalen Zugang zu Inhalten fordert, bringt die Verlage in Schieflage und trägt dazu bei, dass sie nicht mehr in Projekte investieren. Die Wissenschaft würde langfristig ausbluten.

Interview: Michael Roesler-Graichen

 

Zweitverwertungsrecht
Im Interesse einer ungehinderten Verbreitung wissenschaftlicher Erkenntnisse fordert die Forschungsallianz – der unter anderen die DFG und die Max-Planck-Gesellschaft angehören – ein sogenanntes Zweitverwertungsrecht für wissenschaftliche Autoren: Es soll ihnen das Recht einräumen, Werke nach Ablauf einer Frist (sechs Monate) nicht-kommerziell auf dem Server einer Universität oder einer Forschungseinrichtung zu publizieren. Entsprechende Anträge zum Dritten Korb des Urheberrechtsgesetzes haben die Bundestagsfraktionen der SPD und der Linken eingebracht.

 

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3 Kommentar/e

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  • Leser

    Leser

    Danke für den Absatz der es auf den Punkt bringt:
    "Verlage spielen eine wichtige Mittlerrolle in der Wissenschaft. Viele wissenschaftliche Projekte gäbe es nicht, wenn nicht Verlage die Initiatoren wären. Und ob Server von Universitäten dasselbe zu leisten imstande wären – dahinter würde ich ein dickes Fragezeichen setzen."

    Diese drei Sätze sollte der Börsenverein in allen deutschen Universitäten plakatieren lassen!

  • Schreiber

    Schreiber

    "In Wahrheit wird es aber anders laufen."

    Ist Herr Kempen Astrologe oder Wissenschaftler?

  • Petr Karlovsky

    Petr Karlovsky

    Herr Kempen ist Jurist, daher ist ihm die Publikationskultur in den Naturwissenschaften fremd. Es ist kennzeichnend, dass Angriffe auf Open Access ausschließlich in naturwissenschaftsfremden Medien erscheinen. Um sie zu entkräften, reicht es, die Stellungnahmen der wissenschaftlichen Akademien oder der DFG zu lesen. Manche Argumente erledigen sich aber von selbst, wenn man aufmerksam liest. Dies gilt für den Verweis auf negative Publikationsfreiheit: Ist damit gemeint, dass das Publizieren in einem klassischen Verlag mit der Ausübung des negativen Publikationsrechtes vereinbar ist, die Veröffentlichung der gleichen Arbeit auf einem Universitätsserver jedoch nicht?

    Die Rolle von Verlagen bei der Verbreitung wissenschaftlicher Ergebnisse ist unbestritten, das mit dem klassischen Verlagswesen konkurrierende Open Access-Modell ist für diese Aufgabe jedoch weitaus besser geeignet. Open Access-Verlage wie BioMed Central werden von den Autoren finanziert, für die Leser sind die Beiträge kostenfrei. Der Erfolg ist so groß, dass klassische Verlage sich gezwungen sehen, auch für ihre kostenpflichtigen Zeitschriften Open Access anzubieten. In Europa verlangen sie für Open Acces zu einem Artikel (typischerweise 5 bis 20 Seiten) von den Autoren 2000 bis 3000 EUR, die wir in meiner Arbeitsgruppe auch zähneknirschend zahlen, wenn es keine gute Open Access-Alternative gibt und unsere Universität mit dem Verlag keinen Vertrag über Open Access hat. In den USA haben die großen Wissenschaftsförderer die Wissenschaftsverlage bereits gezwungen, die von ihnen finanzierten Arbeiten für PubMed Central gebührenfrei freizustellen. So stark können die Wissenschaftsförderer in Europa noch nicht auftreten.

    Es gibt keinen Grund, warum ein Wissenschaftler die Leserschaft seiner Arbeiten auf die Abonnenten einer Zeitschrift einschränken würde. Die Verbreitung seiner Ergebnisse hat für ihn einen hohen Stellenwert, ihre freie Verfügbarkeit für Kollegen und Kolleginnen in allen Ländern und Lagen ist seine beste Option. Für die konstruierte Situation, dass er von seiner Universitätsleitung gezwungen würde, das Recht auf freie Verbreitung seiner Publikation gegen seinen Willen zu nutzen, gibt es nur ein Szenario: Wenn er persönliches Interesse am Wirtschaftsgewinn des Verlages hat. Dass dieser erheblich sein kann machte Gerhard Fröhlich/Universität Linz mit seiner vielfach zitierten Aussage deutlich: "Die Journalbranche hat Gewinnraten wie der Waffen- und Drogenhandel". Eine rücksichtslose Gewinnmaximierung zusammen mit der Open Access-Konkurrenz leitete die gegenwärtige Krise der Zeitschriftenverlage in den Naturwissenschaften ein. Ein Zweitverwertungsrecht wäre ein wichtiger Schritt in Richtung Open Access, die Verlagslobby wird sich aber vehement wehren.

    Petr Karlovsky, Göttingen

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