Biographie über Hannelore Kohl

"Abends bin ich mit ihr spazieren gegangen"

In langen Gesprächen kurz vor ihrem Selbstmord hat Hannelore Kohl dem Journalisten Heribert Schwan viel Persönliches anvertraut. Zu ihrem zehnten Todestag hat er nun ein Buch über sie und insbesondere die dunklen Seiten ihres Lebens geschrieben ("Die Frau an seiner Seite", Heyne). Für boersenblatt.net hat Sabine Schmidt den Autor in Köln getroffen. VON INTERVIEW: SABINE SCHMIDT

Heribert Schwan

Heribert Schwan © WDR/ Heyne

Einen Cappuccino und ein Stück Obstkuchen hat Heribert Schwan im Restaurant des Dom Hotels bestellt. Aber der 66-jährige Publizist und Dokumentarfilmer, der seit anderthalb Jahren pensioniert und im Unruhestand ist, kommt nicht zum Essen: Er geht ganz im Erzählen auf – und in den Erinnerungen an eine Frau, die er sehr geschätzt hat und deren Schicksal ihm spürbar nahe geht.

Wann haben Sie Hannelore Kohl zuletzt gesehen?
Drei Tage vor ihrem Tod am 5. Juli 2001. Damals sollte ein Spielfilm über die Kohls gedreht werden, und Hannelore war mit der Besetzung nicht einverstanden. Das war das Letzte, worüber wir gesprochen haben.

Sie waren mit Hannelore Kohl in den Monaten vor ihrem Tod oft zusammen. Wie kam es dazu?
Ich habe schon 1987 einen Dokumentarfilm über sie gedreht, dadurch kannten wir uns ganz gut. Und ich hatte eine Biographie über ihren Mann geschrieben, die ich aktualisieren wollte, nachdem er 1998 die Bundestagswahl verloren hatte. Ich schlug ihm dann auch vor, dass er seine Memoiren schreiben solle. Er kannte mich und vertraute mir, und er wollte, dass ich ihm dabei helfe. So ganz war das damals nicht möglich, weil ich noch beim WDR tätig war. Aber ich habe dann mit einem Team von Wissenschaftlern und Publizisten an den Memoiren mitgearbeitet. Deshalb war ich ab Frühjahr 1999 häufig in Oggersheim, an freien Tagen und an Wochenenden.

Wie oft waren Sie dort?
Von 1999 bis 2001 waren es etwa 50 Termine, meist über zwei bis drei Tage. Ich hatte einen Schlüssel für das Haus und habe im Keller an den Akten gearbeitet, meist war Helmut Kohl nicht dabei. Mittags habe ich mit Hannelore gegessen, abends bin ich mit ihr spazieren gegangen, manchmal stundenlang. Vor allem im Frühjahr 2001, als es mit ihrer Krankheit immer schlimmer wurde, hatte ich eine enge Verbindung zu ihr.
Sie sprechen von Hannelore, nicht von Hannelore Kohl. Waren Sie mit ihr per du?
Nein. Sie war sehr auf Distanz bedacht, und ich habe das akzeptiert. Wenn sie weinte, habe ich oft gedacht: Nun nimm sie doch in den Arm. Aber ich habe es nicht gewagt.

Worüber haben Sie mit ihr gesprochen?
Über sehr, sehr vieles: über das, was sie erlebt hat, als sie 1945 als Zwölfjährige mit ihrer Mutter von Leipzig in den Westen floh; über die für sie oft sehr schwierigen Jahre als Kanzlergattin; über ihren Mann; über ZNS – ihre Stiftung für Hirngeschädigte, auf die sie sehr stolz war; die Parteispendenaffäre; über die beiden Söhne, von denen sie sich oft allein gelassen fühlte. Oft hat sie in Rätseln oder Andeutungen gesprochen, vieles habe ich erst im Nachhinein verstanden, als ich das, was sie mir erzählt hat, mit zwei Psychotherapeuten diskutiert habe.

Warum haben Sie die beiden zu Rate gezogen?
Ich bin Historiker, habe Dokumentarfilme gedreht, Biographien und politische Bücher geschrieben – in Politik und Geschichte kenne ich mich aus, aber nicht mit der menschlichen Psyche.

Es hieß im Sommer 2001, dass Hannelore Kohl sich wegen ihrer Lichtallergie das Leben genommen hat. Glauben Sie das?
Nein, wie auch viele andere nicht. Namhafte Dermatologen haben sie untersucht und festgestellt, dass sie diese Krankheit nicht hatte. Ich glaube, nicht zuletzt nach meinen Gesprächen mit den Therapeuten, dass sie unter einer schweren Depression litt. Verursacht war sie durch die Kriegstraumata: 1944/45 hat sie sich mit elf Jahren um verwundete Soldaten gekümmert, Flüchtlinge versorgt und Tote geborgen, sie hat Furchtbares erlebt, und am Ende des Krieges hat ihre bis dahin wohlhabende Familie alles verloren.

Sie hat sich aber doch eingeschlossen, die Fenster verhängt, hatte große Schmerzen, konnte kein Licht ertragen.
Die Psychotherapeuten, mit denen ich gesprochen habe, vermuten, dass sie das tatsächlich so empfunden hat, dass die Krankheit aber nicht physisch, sondern psychisch war. Sie hätte eine Psychotherapie gebraucht, dazu haben ihr auch verschiedene Ärzte geraten. Die aber hat sie abgelehnt.

Wenn Sie meinen, dass die Ursache für ihren Selbstmord ihre lange zurückliegenden Kriegstraumata waren – worin sehen Sie dann den Auslöser?
In der Parteispendenaffäre ihres Mannes. Nachdem Helmut Kohl nicht mehr Kanzler war, wollte Hannelore ihr Leben in Berlin genießen, sie hatte dort eine Wohnung gekauft und sie liebevoll eingerichtet. Durch die Spendenaffäre war es aber mit ihren Träumen vorbei, es war nach 1945 der zweite dramatische Absturz in ihrem Leben. Sie wurde angespuckt in Berlin und als „Spendenhure“ beschimpft, obwohl sie mit der Affäre nichts zu tun hatte und auch nicht wusste, wer oder was dahinter stand. Sie hat ihren Mann angefleht, dass er die Namen nennt – wie wir wissen, vergeblich. Als dann Journalisten versuchten, ihre Söhne und schließlich auch ihre Stiftung in die Affäre hineinzuziehen, hat sie das nicht mehr ertragen.

Das, was sie Ihnen anvertraut hat, war sehr persönlich. Warum hat sie das ausgerechnet einem Journalisten erzählt – sie musste ja damit rechnen, dass Sie das öffentlich machen?
Ich habe mich das auch gefragt. Sicherlich hat sie mir das alles anvertraut, weil sie gelitten hat, aber es nur wenige Menschen zum Reden gab. Ihr Mann und ihre Söhne waren oft nicht da. Mit mir aber konnte sie sprechen, und ich war auch noch jemand mit politischem Sachverstand. Aber ich glaube auch, dass es Absicht war – dass sie mir das alles als ihr Vermächtnis erzählt hat: Sie wollte, dass es öffentlich wird.

Warum haben Sie dann das Buch jetzt erst geschrieben?
Ich hatte erst nach meiner Pensionierung ab Januar 2010 Zeit dafür. Dann habe ich mich allerdings beeilt, weil ich wollte, dass die Biographie zu Hannelores zehntem Todestag erscheint. Als ihr Vermächtnis. Als die Würdigung einer bemerkenswerten Frau. Und als Zeitzeugnis: das, was Hannelore Kohl 1945 erlebt hat, haben viele andere Frauen auch erlitten. Bei vielen von ihnen kommt das lang Verdrängte jetzt, im Alter, an die Oberfläche. Und ich habe von einigen, die mit diesen Frauen arbeiten, gehört, dass es gut ist, wenn die Geschichten öffentlich werden und die Opfer erfahren, dass auch Prominente ihr Schicksal teilen.

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