Thema KINDER- UND JUGENDBUCH 2011

Verlagsempfehlungen zum Thema Kinder- und Jugendbuch 2011

Ulrich Störiko-Blume, avj-VorsitzenderUlrich Störiko-Blume, avj-Vorsitzender© Monique Wüstenhagen

02.09.2011Entwicklung des Buchmarkts

5 Thesen eines Kinderbuchverlegers von geringem Verstand

Ulrich Störiko-Blume, Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft von Jugendbuchverlagen (avj) und Leiter des Hanser Kinderbuch Verlags, stellt in Anlehnung an eine berühmte Kinderbuchfigur Leitsätze zum Weg der Jugendbuchbranche zur Diskussion: "5 Thesen eines Kinderbuchverlegers von geringem Verstand":

Morgen sind die Fragen von heute die Fragen von gestern. Aber sind deshalb die Fragen von heute veraltet? Bei der Gewichtung der Debatten in unserer Buchbranche kann man mitunter den Eindruck bekommen, wir beschäftigen uns lieber mit spekulativen Fragen der Zukunft statt Antworten auf die Fragen der Gegenwart zu geben. Analysten vom Branchenkenner bis zum Medienguru suggerieren, wir müssen uns für eine in erheblichem Maße unbekannte Zukunft rüsten, wir stehen an einer medialen Zeitenwende, und wer diese Kurve nicht kriegt, bleibt am analogen Straßenrand bankrott und unbeachtet liegen.

Exemplarisch zugespitzt der Vortrag von Ewan Morrison beim Edinburgh Festival vor wenigen Tagen: „Die digitale Revolution wird innerhalb von 25 Jahren das Ende der Bücher auf Papier bringen. Noch wichtiger, E-Books und E-Publishing wird das Ende ,des Schriftstellers’ als Beruf bedeuten.“ Und er zitiert dann Chris Anderson: „Jedes Gewerbe, das digital wird, wird früher oder später kostenlos.“ Wir gehen also demnächst unter und pleite.

Habt ihr die Botschaft gehört, ihr verstockten Lektorats-Heizer auf den Verlags-E-Loks? Eure teuren P-Bücher, immer in der falschen Menge disponiert, von einem irrwitzig aufwändigen System distribuiert, von verführten Buchhändlern reumütig remittiert, die brauchen wir bald nicht mehr. Versteht ihr nicht, dass euer Spiel in wenigen Jahren aus ist? Aus und vorbei! Und ihr treuherzigen Buchhändler, für euch ist es genauso vorbei. Wenn die P-Bücher von E-Büchern abgelöst werden, braucht man tatsächlich keinen stationären Buchhandel mehr, weder in A- noch in B- noch in C-Lage. Die geistigen Tankstellen könnten geschlossen werden, denn der Sprit kann zu Hause oder mobil aus dem unsichtbaren Netz bezogen werden.

Noch machen die E-Books 0,5% des Buchmarktes aus. Ja, auch Amazon hat klein angefangen. Deshalb ist der Hinweis auf die noch geringe Marktbedeutung zwar noch richtig, aber nicht allein ausschlaggebend. Nicht weil wir uns so wohl bei dem Gedanken fühlen und weil wir es wollen und weil unsere Vorstellungskraft so beschränkt ist, sind viele von uns von der Überlebensfähigkeit des P-Buchs überzeugt. Es sind viele kluge und humorvolle Hinweise auf das verblüffend einfache Erfolgsgeheimnis des P-Buchs gegeben worden, z. B. Umberto Ecos Vergleich des Buchs mit dem Löffel.

Wir sollten mit den richtigen Fragen nicht falsche Prämissen und falsche Schlussfolgerungen kombinieren. Ein Beispiel: Ob bei einem gedruckten Bilderbuch der Schneefall gemalt ist ob bei einer App die Schneeflocken nach einem Algorithmus über den Bildschirm rieseln – das macht doch nicht die Qualität des Bildes aus. Wenn es um bewegte Bilder geht, wird der Film jeder App überlegen sein. Wenn es um gut komponierte Bilder geht, hängt die Qualität von der Bildidee, dem Aufbau, der Farbigkeit, der Gestaltung ab. Und das gilt für beide Wiedergabeformen, ob gedruckt oder auf dem Bildschirm. Wenn das gedruckte Bilderbuch angeblich keine Zukunft hat – was ist denn dann mit unserer gesamten bildenden Kunst? Glaubt irgendjemand, dass in absehbarer Zeit niemand mehr in ein Kunstmuseum geht, weil da ja nur „statische“ Bilder hängen?

Es wird uns nicht die vermeintliche Erkenntnis retten, dass Bücher eben „content“ sind, und wir sind so clever, dass wir ebendiesen Inhalt in allen Formen anbieten, die der geneigte Käufer sich wünscht. So verkündet These 4 der „55 Thesen zu 2025 – Szenarien für die Buchbranche der Zukunft“ zuversichtlich: „Die Umsatzrückgänge im Bereich gedrucktes Buch werden durch Umsatzwachstum im Bereich Paid-Content ausgeglichen.“

Ein solcher Mechanismus mag im Bereich der wissenschaftlichen und der Fachliteratur greifen – was die Publikumsverlage betrifft, egal ob sie Unterhaltung, Literatur, Bildbände oder Kinderbücher verlegen, muss doch einmal deutlich gesagt werden, dass das Konzept vom „content“ hier nicht greift. Das ist keine altmodische, trotzige Verteidigung von überkommenen Produktformen, sondern genauso einfach und komplex zugleich, wie etwa die Liebe nicht auf messbares Hormongebrodel zu reduzieren ist.

„Content“ mag beim Fachbuch tatsächlich den Kern der medialen Leistung bezeichnen, die lange Zeit nur in Buch und Zeitschrift erbracht wurde, heute zunehmend auch oder gar exklusiv online und digital. Aber was besagt das für die Literatur, insbesondere für die Kinderliteratur? Ja, die nachwachsenden Kleinen können intuitiv mit dem iPad umgehen, und das lernen auch die heute so junggebliebenen und weltgewandten Großeltern fix. Aber dies kann doch nicht bedeuten, dass man deshalb den Umgang mit dem gedruckten Buch nicht mehr pflegt.

Botho Strauß hat unlängst die Haltung der Politik zur großen Finanzkrise trefflich so charakterisiert: „Doch gehört es zu den verderblichen pädagogischen Usancen, das Niveau zu senken, um den Rezipienten dort abzuholen, wo er steht“, schrieb er in der FAZ vom 23. August 2011. Wir sollten mal darüber nachdenken, ob das, was er vom „Volk“ sagt, nicht auch für unsere Branche zutrifft:

„Das Volk ist verwöhnt, bequem, leicht reizbar und hypochondrisch. Auf dem Gebiet, vom dem sein Wohlergehen am meisten abhängt (gemeint ist: die Wirtschaft; U.S.), ist das Volk ein Stümper. Die Entscheidungsträger haben sich daran gewöhnt, zu ihm durch Gesetze und Regelwerke zu sprechen. Ein Wort, das vielleicht allgemein aufhorchen ließe, wurde von einem Politiker seit langem nicht vernommen.“ E-Buch oder P-Buch – zwei Seelen wohnen – ach! – in meiner Brust. Das ist das Ringen um die wichtigen Fragen unserer Branche. Nicht, dass es so endet, wie Botho Strauß es der Politik vorwirft: „An die Stelle der zwei Seelen ist der eine Hasenfuß getreten.“

Wir schauen uns die neuen digitalen Möglichkeiten an, wir nutzen die tollen Möglichkeiten des iPad, wir sind ständig online, wir probieren etwas Neues aus, versuchen aber dabei nicht unnötig viel Geld zu verbrennen – aber schließlich und am Ende dieses und des nächsten Tages werden wir uns damit beschäftigt haben, verdammt gute Bücher zu machen. Wie sangen die Rolling Stones einst: What can a poor boy do, but to sing in a rock ´n roll band?

 

 

5 Thesen zum Weg der Jugendbuchbranche von ihrer heutigen Form in eine zukünftige will ich zur Diskussion stellen:

1) Was in der Belletristik gilt, trifft auch für das Kinder- und Jugendbuch zu: Der als Buch gedruckte Roman wird noch lange die vorherrschende mediale Angebotsform bleiben. Irgendwelche Bücher erscheinen irgendwo (das ist der „long tail“), die besten Bücher der besten Autoren erscheinen bei den besten Verlagen, und die kauft man bei den besten Buchhandlungen.

2) Für das Geschäft mit dem Kinder- und Jugendbuch braucht man Partner außerhalb des Buchhandels: vor allem Kindergärten, Schulen, Bibliotheken. Wer solche Beziehungen nicht pflegt, wird nur einen unterdurchschnittlichen Kinder- und Jugendbuchanteil am Umsatz erzielen. Wer im unabhängigen Sortimentsbuchhandel nicht mindestens 15% Umsatzanteil mit Kinder- und Jugendbuch erwirtschaftet, wird auf Dauer kein Wachstum generieren können.

3) Wer über der Pflege des Booms der All-Age-Bücher die Bilderbücher und die erzählenden Kinderbücher aus den Augen verliert, vernachlässigt seine zukünftigen Kunden.

4) Für die mittelständischen Buchhändler wie für die mittelständischen Verlage liegt die Chance im Profil, das sich unterscheidet von den Internet-Versendern und den großen Buchhandelsketten; diese werden den Fokus auf wenige Spitzentitel verschärfen, mit diesen noch größere Umsatzanteile bestreiten, die Sortimentsbreite weiter einschränken, die Beratungsqualität senken und immer mehr Non-book-Artikel anbieten.

5) Wenn die Digitalisierung der Lehrmittel die Schulen erreichen wird (womit in absehbarer Zeit zu rechnen ist), wird das Monopol der P-Bücher fallen. Daraus aber den Schluss zu ziehen, gedruckte Bücher können nicht überleben, wäre ein fataler Irrtum. Die Fähigkeit, das Lesen von P-Büchern als Genuss zu erleben, kann und muss gefördert werden. Wenn man damit nicht bei den Kinder anfängt, erhöht man die Quote der Nichtleser.

Ulrich Störiko-Blume

Schlagworte:
Thesen zum Buchmarkt

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2 Kommentar/e

1. Sabine vom Bruch 09.09.2011 18:06h http://www.xing.com/profile/Sabine_vomBruch

Wäre es nicht wichtig, das Lesen noch mit dem gedruckten Buch zu lernen genauso wie das Rechnen nicht mit dem Taschenrechner gelernt wird, sondern mit dem Abakus, allein schon damit nichts vom Leselernvorgang ablenkt? Auch wenn ich mir als freie Sachbuchlektorin sehr bewusst bin, dass die Zukunft in der digitalen Erschließung von Sachinhalten liegt, möchte ich gerade für Kinder im Grundschul- bzw. Leselernalter eine Lanze für das haptische Erlebnis des Vor- und Zurückblätterns, des Lesens mit dem Finger brechen. Dies schreibe ich nicht als Pädagogin, sondern als jemand, die Kindern gern vorliest.

Sabine vom Bruch
Freie Lektorin

2. Chräcker 29.09.2011 14:55h

Nun ja, Sabine, unabhängig von den haptischen und uns gewohnten persönlichen Vorlieben: einen e-Bookreader nimmt man auch "in die Hand" und zum blättern macht man auch Finger-Hand-Armbewegungen. Die sind nur im Ablauf anders als beim Papierbuch, aber nicht wirklich unkomplizierter.

Die viel beschworene bessere Haptik eines Papierbuches hat eher etwas mit unserer persönlichen Gewöhnung zu tun. Frage ich meinen Sohn, ob er von der "haptischen Wertigkeit" lieber einen geklebten Papierstapel mit Plastikbeschichtung aussen dran in die Hand nehmen würde, oder ein Metallgehäuse in einem Lederschutzumschlag... er würde letzteres als haptisch wertvoller ansehen.

Lesen lernen muß man mit beiden Buchstabenanzeigemedien übrigens gleich, da hinkt etwas der Vergleich mit dem Rechnen.

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