Literaturfest München

"Wir haben viele gut erzählte Romane"

Gejammert werden sollte nicht – und wurde nicht. Das Literaturfest München wurde vielmehr von einer positiv eingestellten Diskussionsrunde eröffnet: Die aktuelle Lage der deutschen Literatur sei gar nicht so schlecht.  VON SABINE SCHMIDT

Ein festlich gestimmtes Publikum strömte in den Carl-Orff-Saal im Gasteig – etwa 500 Gäste hörten zu, während auf der Bühne diskutiert wurde. Dabei waren Claudia Baumhöver, Gründerin des Hörverlags, Thea Dorn, Autorin und Moderatorin der SWR-Fernsehsendung „Literatur im Foyer“, der Schriftsteller Matthias Politycki und Hubert Winkels, Autor und Literaturkritiker. Amelie Fried moderierte die Runde und achtete darauf, dass das selbst auferlegte Jammer-Verbot eingehalten wurde.

Letztes Jahr zum Auftakt wurde das Literaturfest München von Ilija Trojanow kuratiert, in diesem Jahr hat Matthias Politycki seinen Part übernommen und lädt bis zum 18. November Autoren nach München ein – unter dem Motto „Die Welt auf Deutsch“. Das Ziel der Veranstaltungsreihe ist es, Schriftsteller und ihre Bücher vorzustellen. Und das Ziel der Eröffnungsveranstaltung war eine Standortbestimmung: Wo steht die deutsche, die deutschsprachige Literatur?

Während die weniger tiefgründige, dafür aber launige Runde tagte, war es draußen zwar schon dunkel, im Saal aber war ein gefühltes zartes Morgenrot. Zwar gehe ein überregionales Feuilleton mehr und mehr verloren, das den Literaturkanon der jeweils neuen Saison so verbindlich festlege, dass jeder halbwegs Gebildete sich auf gehaltvolle Partyplaudereien ordentlich vorbereiten könne, so Winkels. „Wir haben aber viele gut erzählte Romane“ und mit einer Literatur „zwischen Eugen Ruge und Sibylle Lewitscharoff“ sei er insgesamt zufrieden.

Thea Dorn beklagte zwar, dass uns das Bildungsbürgertum in den letzten Jahren mehr und mehr abhanden gekommen sei. Politycki entdeckte es dafür auf der Bühne: „Hubert, die alten Säcke sind doch wir“, sagte er zu Winkels und outete sich und sein Gegenüber als ein wenig angestaubte, aber doch noch sehr lebendige Buchkonsumenten und -produzenten und fügte hinzu: „Es gibt Junge – das ist ein nachwachsendes Naturprodukt.“ Baumhöver stimmte zu – und verwies auf die jungen Kollegen, die den Weg zu den social media kennen und der zurzeit von der digitalen Revolution verunsicherten Branche auf die Sprünge helfen können. Und auch Thea Dorn ist nicht wirklich bange: „Solange wir noch keine Roboter sind, sondern Menschen, die an der Realität leiden, wird es auch Schriftsteller und Leser geben.“

Die Fragen, wie die Buchbranche auf die Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft – als Stichworte waren etwa die Trivialisierung des Lesergeschmacks genannt oder, dazu passend, die Marketingstrategien, mit denen Bücher zu Bestsellern gemacht werden sollen – konnten in einer Stunde natürlich nicht geklärt werden. Eine Standortbestimmung der aktuellen deutschen Literatur „zwischen Vampirromanen, Schoßgebeten und klüpfelnden Krimikommissaren“ (Fried) steht auch noch aus. Die Gesprächsrunde aber gab Stichworte und Anregungen.

Vom 10. bis zum 27. November bietet das Literaturfest München rund 140 Veranstaltungen rund ums Buch.

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2 Kommentar/e

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  • H. Kraft

    H. Kraft

    Zu Beginn vom Literaturfest in München war dies doch eine gut besuchte Veranstaltung mit der Frage nach der
    ,Standortbestimmung der deutschen Literatur`.
    Ja, dies war eine sehr gute Frage. Denn es gibt bisher am Anfang des 21. Jahrhunderts kein richtiges Schema nach dem ,Wie` ? und auch ,Was`?
    Die deutsche Literatur der Gegenwart ist gekennzeichnet von einem Suchen und Bewältigen der Probleme. Aber oft gibt es nach der Veröffentlichung von manchen Büchern anscheinend noch mehr Probleme und Fragen.
    Dabei soll die Literatur etwas den Lesern helfen, das eigene Leben und Dasein zu gestalten und zu meistern.
    Literatur kann aber auch die Gedanken beflügeln. Lassen wir uns daher von alten und neuen Texten anstecken, diese wieder einmal wieder neu zu lesen.
    Oftmals zeigt schon ein kleines Gedicht einen Weg zum Humor im Alltag (z. B. Gedichte von Eugen Roth).
    Es wird also in der nahen Zukunft spannend sein, welches
    Spektrum an Literatur sich in Büchern zeigen wird.
    Und immer trifft der Leser/die Leserin im Buchhandel die
    Auswahl. Darauf sollten sich Schreibende und Verlage
    einstellen.
    H. Kraft

  • H. Kraft

    H. Kraft

    Zu den nächsten Planungen zum Literaturfest in München wäre es einmal gut, wenn Leser und Leserinnen bei manchen Veranstaltungen sich mehr zu Wort melden könnten. Dies ist dann als ein aktiver Austausch in der Meinungsbildung zur gegenwärtigen Literatur in Deutschland zu sehen.
    Solche möglichen Literaturgespräche in Einbeziehung des
    Lesers (der Leserin), die ja aktive Kunden in den Buch-
    handlungen sind, könnte ich mir z. B. im Literaturhaus in
    München vorstellen.
    Im Miteinander können sich dann auch oft neue Tore der
    Kommunikation öffnen.
    Kunden, Buchhandlungen und Verlage könnten dann
    vielleicht dabei auch gemeinsam vom Austausch im
    Zusammenspiel mit der Literatur profitieren.
    Lesungen mit Schriftstellern und dazu noch eingeladene
    Leser/Leserinnen würde dann einen literarischen Esprit
    ergeben. Nach vorne ist also alles möglich und offen zur
    Gestaltung.
    H. Kraft

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