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18.01.2012Douglas
Der Strich durch die Rechnung
Erst die vielbeachtete Vorstellung der Jahreszahlen mit dem Ergebnis-Einbruch bei Thalia, dann die Bestätigung: Ja, Douglas sucht Gespräche mit Finanzinvestoren, damit die Gründerfamilie Kreke ihre Anteile erhöhen kann. So weit, so gut. Jetzt darf spekuliert werden. Die Krekes wollen das Unternehmen von der Börse nehmen, lautet ein Szenario. Das hätte den Charme, dass lästige Berichtspflichten wegfielen und ruhiger gearbeitet werden könnte. Ohne Blick auf den Dividendenhunger der Aktionäre – dafür mit Blick auf die (oft kurzfristigen) Ziele der Finanzinvestoren. So leicht funktioniert ein De-Listing nicht. Die übrigen Eigner müssen mit attraktiven Angeboten dazu bewegt werden, sich von ihren Aktien zu trennen.
Ein anderes Szenario: Der Konzern wird zerschlagen, die Gründer behalten nur die Perlen und trennen sich vom Rest. Würde Thalia feilgeboten, wäre das für den stationären Buchhandel eine absurde Situation. Sowohl Deutschlands Nummer 1 als auch die Nummer 2 (Weltbild sucht ja ebenfalls einen Käufer) stünden mit vielen Hundert Filialen zur Disposition. Wer soll die ganzen Flächen eigentlich kaufen? Wollte sich ein Internetbuchhändler ins stationäre Geschäft wagen – Multichannel einmal anders herum quasi –, wäre das eine günstige Gelegenheit. Auch für ausländische Ketten bestünde die Chance, jetzt in Deutschland Fuß zu fassen. Dass dabei etliche Filialen auf der Strecke blieben, versteht sich von selbst. Herausgepickt würden natürlich nur die Filetstücke.
Welches Szenario auch immer eintritt: Eine schmerzhafte Erfahrung bleibt. Man hat sich verkalkuliert mit der extremen Expansion auf großen Buchhandelsflächen. Dabei waren die Annahmen für ein Gelingen nicht einmal falsch, es hätte ceteris paribus funktionieren können. Die rasante Entwicklung des Online-Buchhandels hat jedoch den Strich durch die Rechnung gemacht.
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1. Betroffener 18.01.2012 10:19h
Und wieviele hundert Angestellte werden dabei "auf der Strecke bleiben": wieviele bei Thalia (=Nr.1) und wieviele bei Weltbild/Hugendubel/Weiland (=Nr.2) ?
Allerhöchste Zeit für uns (und für Verdi!), damit wir uns wappnen. Sonst werden das sehr schlimme Zeiten für uns angestellte Buchhändler!
2. Der freundliche Buchhändler 18.01.2012 10:30h
Irgendwie verstehe ich nicht ganz, warum ein feilbieten von Thaliabuchhandelsfilialen für den den stationären Buchhandel eine absurde Situation darstellt? Es sei denn, der stationäre Buchhandel in Deutschland bestünde nur aus Thalia Filialen. Und warum davon ausgehen, das ein Käufer (bzw. Mieter, denn wer kauft sich schon dermaßen viele Flächen an??) die Filialen automatisch als Buchhandlungen weiterführt!?! es handelt sich um Einzelhandelsflächen. Und diese könnten auch zum Verkauf von Klamotten, Elektronik oder was auch immer umgewandelt werden. Letztlich passiert im Buchhandel nichts anderes als in anderen Branchen auch. Wenn sich eine Geschäft oder eine Filiale nicht rentiert, wird sie/es geschlossen.
3. koelner 18.01.2012 12:46h
es hätte ceteris paribus funktionieren können. Die rasante Entwicklung des Online-Buchhandels hat jedoch den Strich durch die Rechnung gemacht.
So, nun ist es der Online Handel schuld. Sicherlich ein Aspekt, aber sicherlich nicht die ganze Wahrheit. Vielleicht war es auch, eine verfehlte Unternehmenspolitik, die es eben immer auf das schnelle Bestsellergeschäft und Zentraleinkauf abgesehen hat und sich auch vornehmlich in teuren Einkaufszentren eingemietet hat, wo die Mieten den eine Kostenteil darstellen, die Werbekostengemeinschaften aber genau so hoch sind.
Oder die verfehle Unternehmenspolitik, die eine Menge Geld in die Entwicklung eines eigenen EReaders gesteckt hat, der sicherlich nicht rentabel ist. Freude darf allerdings auch in den zahlreichen Key Account Abteilungen aufkommen. Wenn die ganze Kraft in die intensive Betreuung und Unterstützung von individuellen Sortimenten gesetzt worden wäre, nein, was hätte man da für Umsätze erzielen können? Spannende Zeit, wo so viel in Bewegung ist.
4. René Kohl 18.01.2012 14:59h www.kohlibri.de
Zum Glück hat Wikipedia Deutschland heute noch auf:
"ceteris paribus" = unter sonst gleichen Bedingungen...
Das heißt, es hätte gelingen können, wenn der Online-Handel nicht so stark zugelegt hätte?
Meine Interpretation: Der Online-Handel hat in Deutschland so stark zugelegt, weil die Filialisierung der Buchhandels-Landschaft diese so eingeebnet hat, daß für diejenigen, die nicht so gerne im Buchkaufhaus einkaufen, vielerorts keine Alternative blieb.
Wäre die Filialisierung noch schneller vorangeschritten, wäre Amazon noch stärker geworden.
"ceteris paribus" wird in meinem Wortschatz einen schönen Platz bekommen in der Ecke: Annahmen, die wir in der digitalen Welt vergessen können.
5. Bastian 18.01.2012 15:18h www.kulturklassiker.de
Gibt es irgendwelche Hinweise, dass die Spekulation "Thalia Verkauf" zutreffend sein könnte? Immerhin wurde in einer früheren Meldung zwar von einem Gewinneinbruch geschrieben und trotzdem blieben am Ende wohl 5 Millionen Euro über. Wenn sich also nichts geändert hat, dürfte es doch keinen Handlungsbedarf geben? Zumal Douglas angeblich in ruhigere Gewässer ohne Rendeiteerwartungen will.
6. Stefan Weidle 18.01.2012 15:55h weidleverlag.de
Ich denke, der rückläufige Trend bei Thalia hat auch damit zu tun, daß die Kunden schlicht wegbleiben, weil sie merken, was passiert ist: Es geht dort nicht mehr ums Buch. Ich habe von mehreren Lesern gehört, daß sie etwa die albtraumhaft häßliche neue Filiale am Bonner Marktplatz nicht mehr betreten, weil sie nicht durch Plüschtiere und Schrottwichtelmaterial waten wollen, um an Bücher zu gelangen. Außerdem finden sie bei den Büchern dann nur das, was überall herumliegt oder -steht. Das aber kann man auch online kaufen, Beratung findet ohnehin nicht statt. Solange sich das Stöbern nach Unbekanntem bei Thalia nicht lohnt, wird der Abwärtstrend bestehen bleiben. Merke: You can't fool all of the people all the time.
7. Dieter Schöneborn 19.01.2012 08:41h
Der Analyse von René Kohl kann man sich nur anschließen. Weil der Faktor Mensch in den Filialunternehmen weitgehend abgeschafft wurde, hat der Online Handel seinen Vorspruung ausbauen können. Wenn die mathematisch kalkulierte Empfehlung bessere Ergebnisse zeitigt als die persönliche Empfehlung eines belesenen Buchhändlers, warum sollte man dann noch den Weg in solche Gemischtwarenläden auf sich nehmen?
8. Henning M. 20.01.2012 18:13h
Ich möchte "kölner" zustimmen: ob Thalia, Hugendubel oder Weltbild - solange die standartisierten Sortimente immer weniger zum Stöbern einladen, zum Suchen und Finden vielleicht auch des Besonderen und Unerwarteten, wird sich der Abwärtstrend des Filialbuchhandels fortsetzen.
9. Mitarbeiter 21.01.2012 13:48h
Langweilige Standardisierung des Sortiments gibt es tatsächlich vielerorts, ist aber auch abhängig vom (fehlenden) Engagement der Buchhändler vor Ort; die positiven Ausnahmen werden allerdings seltener.
10. Urgestein 21.01.2012 17:28h
Der Online-Buchhandel nimmt auch deshalb immer mehr zu, weil es der gesamten arbeitenden Bevölkerung auch nicht anders geht als den Kollegen im Buchhandel:
Immer weniger Menschen erledigen immer mehr Aufgaben an ihrem Arbeitsplatz, sitzen mitunter von früh bis spät am Schreibtisch oder wo auch immer,
und haben somit nur noch selten Zeit in Ruhe einkaufen zu gehen.
Da ist es einfach bequem noch schnell in der Mittagspause oder abends eine Bestellung online zu tätigen und sich die Ware z. B. an den Arbeitsplatz liefern zu lassen.
11. ganz nah dran 24.01.2012 22:04h
Es gab mal das Sprichwort: Schuster bleib bei deinem Leisten. Heute gibt es einen Haufen unfähiger nur nach der Dividente schielender Möchtegerne, die in diesem Falle halt noch ne Buchhandlung zu ihrem Imperium dazu kauften obwohl sie von Buchhandel kaum oder keine Ahnung haben. Dann wollte man die Nummer 1 sein, koste es was es wolle und natürlich auch in jedem Jahr einen Zuwachs von mindesten 4-5% besser wären 10%. Nun sind es nur noch 1-2% also überlegt man wie kriegt man das ganze wieder los oder wo sind die Rosinen und alles andere wird platt gemacht. Leidtragende wie immer die Angestellten und garantiert keiner der Familie Krekel.