Medienwandel in der Schule

Auf dem Weg zum digitalen Klassenzimmer

Spätestens seit dem Vorstoß von Apple, gedruckte Schulbücher durch Tablets zu ersetzen, richtet sich auch in Deutschland die Aufmerksamkeit verstärkt auf digitale Lösungen für den Unterricht. VON MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

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Während Bildungs- und Haushaltspolitiker noch zögern, haben Verlage und Start-Ups bereits vorgesorgt: mit interaktiven E-Books für die Schule, Portalen für häusliches Lernen und Lösungen für das Unterrichtsmanagement.

Der digitale Wandel ist in den meisten Schulen noch nicht angekommen. Wie aus einer Studie der Cornelsen Schulverlage hervorgeht, verfügt das heutige Durchschnittsgymnasium in Deutschland über 50 Klassenräume und hat 950 Schüler – davon sind nur drei Räume mit Computern, 36 Plätze mit Desktops und 15 Plätze mit Notebooks ausgestattet. Für alle Klassen stehen im Schnitt 17 Beamer und sechs Whiteboards zur Verfügung.

Nur wenige Schulen in Deutschland – Bildungsexperten sprechen von „Avantgarde-Schulen“ – sind heute schon komplett mit interaktiven Whiteboards ausgestattet, die Zahl der Laptop- oder iPad-Klassen ist überschaubar (deutschlandweit gibt es etwa 30 iPad-Klassen). An Real- und Gesamtschulen, und erst recht an Hauptschulen, sieht es erheblich schlechter aus. Und es sieht derzeit nicht danach aus, dass sich an der Ausstattung der Schulen grundlegend etwas ändert.

Wer die Geräte und die Inhalte finanziert, ist eine offene Frage. In einigen Regionen wurden Mittel aus dem Konjunkturpaket II für die Anschaffung digitaler Unterrichts-Hardware abgerufen, in anderen damit der Putz der Schulgebäude erneuert. Es gibt also nicht nur schulische, sondern auch geographische Unterschiede bei der Ausstattung mit digitalen Medien. Eindeutige Signale aus der Politik gibt es nicht, und seit 2006/2007 werden von der Kultusministerkonferenz keine offiziellen Zahlen mehr zu den Ausgaben für digitale Medien mehr veröffentlicht.

Druck der Technologieanbieter

Bisher sind es vor allem mächtige Technologieanbieter, die Schulen und Kommunen umwerben – die Whiteboardhersteller Smart und Promethean, Microsoft und natürlich Apple, das mit dem iPad und seiner Textbook-Software iBooks Author den Markt für digitale Schulmedien erobern will (zunächst nur in den USA).

Schon lange vor der Apple-Initiative haben sich die Inhalteanbieter Gedanken gemacht, wie sie dem Technologietrend begegnen und mit welchen Lösungen sie die wachsende Nachfrage nach elektronischen Inhalten befriedigen. Dabei sind Konzepte und Produkte entwickelt worden, die
1.    die veränderten Nutzungsgewohnheiten von Schülern und Lehrern reflektieren,
2.    die dem Bedürfnis nach einer offenen, unkomplizierten und verlagsübergreifenden Lösung entgegenkommen.

Gemeinsame Lösung "Digitale Schulbücher"

So ist auch die Lösung „Digitale Schulbücher“ entstanden, die aus einer gemeinsamen Initiative von 27 Bildungsverlagen hervorgegangen ist und im Schuljahr 2012 / 2013 starten soll. Die Basisversion, die auf der Website www.digitale-schulbuecher.de zunächst Informationen zum Projekt bereitstellt, ist in Hannover auf der Didacta vorgestellt worden.

Das offene, format- und geräteunabhängige Modell ermöglicht nicht nur allen am schulischen Bildungsprozess Beteiligten, digitale Unterrichtsmedien zu nutzen, sondern erfüllt auch noch eine weitere Funktion – als Schwungrad für die Digitalisierung der Klassenzimmer. Es steigert die Bereitschaft von Schulen und Lehrern, tatsächlich auch digitale Medien im Unterricht einzusetzen. Damit der Übergang zur Nutzung elektronischer Schulbücher nicht zu einer Überforderung führt, werden im Rahmen von „Digitale Schulbücher“ zunächst nur einfache E-Books, ohne multimediale Anreicherung oder interaktive Funktionen, genutzt. (Die Inhalte werden über die Server der beteiligten Verlage bereitgestellt und können nach Aktivierung eines mit dem Kauf erworbenen Freischaltcodes im virtuellen Buchregal von „Digitale Schulbücher“ genutzt werden.)

Pilotprojekte mit iPad-Klassen

Eine andere Frage ist, auf welchen Geräten mit den elektronischen Schulbüchern gearbeitet wird. Frank Thalhofer, der bei den Cornelsen Schulverlagen für das Strategische Marketing verantwortlich ist, testet unter anderem „mit einer Handvoll Schulen“ die Verwendung von iPads im Unterricht. „Aus Lehrersicht ist ein iPad natürlich sehr komfortabel, weil es sofort ‚on’ ist, wenn man es einschaltet. Man kann also sehr zeiteffizient mit den Geräten und Schülern arbeiten“, sagt Thalhofer. Als Content für die Schul-iPads eignen sich zum einen Apps (wie etwa die „Lernsnacks“) für die Stoffvertiefung am Nachmittag (auch während der Hausaufgabenbetreuung an Ganztagsschulen), zum anderen interaktive Schulbücher (in einer Testversion). Ab Schuljahr 2012/13 sollen dann in einem weiteren Schritt die „Digitalen Schulbücher“ an die iPads angepasst werden.

Ein erstes Feedback aus den Schulversuchen enthält auch die schon erwähnte Cornelsen-Studie: Demnach sind vor allem Lehrer, die schon mit Whiteboards arbeiten, vom Einsatz digitaler Schulbücher begeistert. Lehrer, die schon mobile Endgeräte (iPads, Laptops) in Klassen einsetzen, wünschen sich „enhanced textbooks“, die auch multimediale und interaktive Elemente enthalten.

In den Schulbuchverlagen – nicht nur bei Cornelsen, Klett und Westermann, sondern auch in Häusern wie dem Bildungsverlag Eins oder C. C. Buchner – wird schon seit Jahren an digitalen Medien für den Unterricht gearbeitet. Die bereits entwickelten Modelle und Prototypen gehen dabei weit über die 1:1-Umsetzung vom analogen auf das digitale Medium hinaus. Vor allem integrierte Lernpakete, in denen das elektronische Schulbuch in einen Funktionenkreis eingebettet ist, der alle Aufgaben rund um den Unterricht mitumfasst, bieten gegenüber dem bisherigen Wildwuchs an Unterrichtsmedien (inklusive unlizenzierter Schulbuchinhalte und ungenehmigt kopierter Arbeitsblätter) Vorteile.

Komplettpaket für den Unterricht

Das konnte man in Hannover beispielsweise am Stand des Klett Verlags besichtigen, der seinen "Digitalen Unterrichtsassistenten" präsentierte – eine Gesamtlösung für den multimedialen Unterricht, die Lehrwerk, Lehrerband, Lösungsheft und Zusatzmaterialien integriert. Auf alle Medien kann via Whiteboard oder Beamer zugegriffen werden. Im Sprachunterricht (etwa mit dem Französisch-Lehrwerk »Découvertes«) können so beispielsweise Hörszenen und Videos aufgerufen werden. Textstellen können markiert, Notizen angelegt werden, auf die die Schüler zu einem späteren Zeitpunkt auf ihrem Laptop zu Hause wieder zugreifen können. Links ins Internet, interaktive Übungen (etwa im Mathelehrwerk „Das Zahlenbuch 1“) und spezielle Einstellungen für den inklusiven Unterricht (von seiten des Lehrers) runden das Angebot ab.

 

Klett will sein Angebot an digitalen Unterrichtsmedien in den nächsten Jahren deutlich ausbauen und investiert deshalb in die Entwicklung neuer Konzepte und Geschäftsmodelle. Dazu zählt neben dem „Digitalen Unterrichtsassistent“ auch das Berliner Start-Up K.lab, dessen Geschäftsführer David Klett ist. Mit Meinunterricht.de hat K.lab eine erste Online-Plattform zur Unterrichtsvorbereitung für Lehrer geschaffen, die auch auf der Didacta in Hannover zu sehen war. Lehrkräfte finden auf der Website Unterrichtsmaterialien „renommierter Fachverlage und erfahrener Autoren“. In der Betaphase, bei der sich Lehrer und Lehramtsstudenten für einen Zugang bewerben können, stehen zunächst Inhalte für das Fach Deutsch in einer „Cloud“-Bibliothek bereit, die von jedem Arbeitsplatz und Gerät mit Internetanschluss aus genutzt werden kann. Auf einem virtuellen Schreibtisch können die Lehrer die ausgewählten Materialien sichten und eine komplette Unterrichtsstunde planen. In einer späteren Phase des Projekts soll die Bearbeitung dieser Materialien mit Hilfe eines Editors möglich sein. Auf dem Blog von Meinunterricht.de (www.meinunterricht.de/blog) können Lehrer Erfahrungen bei der Unterrichtsvorbereitung miteinander austauschen.

Angereicherte elektronische Medien gibt es seit einiger Zeit auch in den Programmen anderer Verlage: So hat Cornelsen vor gut einem Jahr für den Nachmittagsmarkt seine Online-Plattform „Lerncoachies.de“ für Schüler und Eltern gestartet, die neben zahlreichen Übungen die digitale Version des zugrundeliegenden Lehrwerks enthält – darunter die Lehrwerke„English G21“, „Super M“, „Zahlen und Größen NRW“ oder „Fokus Mathematik Bayern“. Das Angebot richtet sich an die Klassen 4 bis 6, ab Sommer 2012 sollen Angebote für Deutsch 4. Klasse sowie Mathe und Englisch 7. Klasse folgen.

 

Helfer für die Unterrichtsplanung

Für Lehrer ist schon seit 2010 der „Digitale Unterrichtsplaner“ im Programm, der neben dem PDF des Unterrichtswerks in der Lehrerfassung (zum Beispiel „Fokus Mathematik“) die Lösungen des Schülerbuchs, Animationen, Simulationen, interaktive Übungen und individuell editierbare Arbeitsblätter enthält. Der Unterrichtsplaner kann auf Whiteboards oder per Beamer eingesetzt werden (wie Kletts Unterrichtsassistent). Mit der Cornelsen-Software (die auf einer DVD-ROM geliefert wird) lassen sich nicht nur Unterrichtsstunden planen, sondern auch ein ganzes Schuljahr („Stoffverteilungsplaner“).

Cornelsen bietet für Lehrer zudem die im November 2010 übernommene kostenlose Lernplattform lo-net2. Mit ihrer Hilfe können Lehrer in den Schulen virtuelle Klassenräume einrichten und sich klassenübergreifend vernetzen. Über lo-net2 haben sie zudem die Möglichkeit, auf eine zentrale Dateiablage, eigene E-mail-Adressen und Aufgabenlisten zugreifen. Spezielle Online-Werkzeuge erlauben es ihnen zudem, selbst interaktive Übungen zu erstellen, aus den derzeit 30.000 verfügbaren Aufgaben auszuwählen und diese ihren Klassen oder Lerngruppen zuzuteilen. Jedem Schüler werden auf diese Weise Übungen, Tests und Vertiefungsaufgaben bereitgestellt, die seinem Lernniveau und Förderbedarf entsprechen.

 

Mit zwei neuen Online-Lernportalen ist der Langenscheidt Verlag in den digitalen Schulmarkt eingestiegen. Seit der Frankfurter Buchmesse ist bereits der „Deutschpirat“ (www.deutschpirat.de) im Netz, und am 15. Februar fiel auf der Didacta der Startschuss für den „Englischpirat“ (www.englischpirat.de). Beide Portale, die sich an Schüler der Klassen 3 bis 7 richten, bieten Rechtschreibübungen (Deutschpirat) bzw. Grammatik-, Vokabel- und Rechtschreibübungen (Englischpirat), die mit den im Unterricht verwendeten Lehrwerken kompatibel sind. Eine Reihe von integrierten Funktionen erlaubt Lehrern unter anderem das Editieren eigener Übungen, das Anlegen mehrerer Schulklassen mit bis zu 40 Schülern und Möglichkeiten zur individuellen Förderung von hochbegabten oder schwächeren Schülern. Zusätzlich finden Lehrer Möglichkeiten zur statistischen Auswertung und einen Einstufungstest zur automatisierten Erstellung des Lernfortschritts. Die Schüler können zahlreiche interaktive Funktionen nutzen und sich beispielsweise beim „Englischpirat“ auch kleine Audiodateien abspielen lassen.

 

Digitale Unterrichtsmedien sind auch bei der Westermann-Gruppe ein Thema: Ein hoher Prozentsatz an Grundschulen setzt beispielsweise das Leseförderprogramm Antolin (www.antolin.de) ein. Für den Geographie-Unterricht hat Westermann nun interaktive Wandkarten für Whiteboards entwickelt, die sich etwa für geographische Suchspiele (Beispiele: „Platziere bitte Freiburg im Breisgau auf der Deutschlandkarte“, „Bezeichne die deutschen Mittelgebirge“) nutzen lassen, wie man auf der Didacta sehen konnte.

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4 Kommentar/e

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  • shhh

    shhh

    Hm. Wie wäre es, wenn man für das ganze Geld, das solche Aktionen kosten, erst mal ausreichend gut ausgebildete Lehrer einstellt? Wäre das nicht wichtiger als "digitale Lösungen"? Alle ernsthaften Studien, die sich damit beschäftigen, haben gezeigt, dass der wichtigste Faktor für Lernerfolg der Lehrer ist. Nicht das Whiteboard.

    Davon abgesehen finde ich es ziemlich ignorant davon auszugehen, dass man von allen Schülern verlangen kann, dass sie ein iPad oder anderes digitales Lesegerät haben und unbegrenzten Internetzugang zu Hause. Sorry Leute, aber aus irgendeinem Grund ist das z.B. in Hartz IV nicht inbegriffen (ja, dazu gibt es ein Gerichtsurteil. Fernseher sind drin, internetfähige Computer nicht).

    Oder wollen wir Bildung nur noch für die, die es sich leisten können?

  • Michael Lemster

    Michael Lemster

    Ich finde die Möglichkeiten faszinierend aus dem ökonomischen Blickwinkel der Branche. Ich bezweifle aber, dass die Schulen organisatorisch in der Lage sind, den Wechsel auf digitales Lernen in der Breite zu bewältigen und im wahrsten Wortsinn zu administrieren. Jeder, der Schulkinder hat, weiß, dass dort die IT-Einrichtung meist in beklagenswertem Zustand ist. Die knappen Ressourcen der (ohnehin zuwenigen) Lehrer sollten den Schülerinnen und Schülern gelten und nicht den Maschinen. Und die knappen finanziellen Ressourcen z.B. der Anschaffung von Klosettdeckeln - das ist kein Witz! Ich kenne mehr als eine Schule persönlich, wo sowas fehlt und die Toiletten nur zum Spicken aufgesucht werden.

  • Wilfried Stascheit

    Wilfried Stascheit

    Die Übertragung von Büchern ins Internet ist es nicht, wenn dann so (einfach mal gucken, trotz der Tonprobleme)
    http://www.youtube.com/watch?v=Optk-gYgFo8
    Es geht nicht in erster Linie um Digitalisierung/Pdfisierung von Schulbüchern, sondern die raumsprengenden und menschenverbindenden Möglichkeiten des Netzes direkt zu nutzen. Das ist zuallererst auch eine methodisch-didaktische Frage, am wenigsten ein Geldproblem.

  • Silke Bicker

    Silke Bicker

    Wenn das “digitale Klassenzimmer” tatsächlich kommt, dann mit dem Haken, dass der digitale Augen-Stress zunehmen wird. Das bestätigten mir einige Verkäufer der entsprechenden Firmen auf der Didacta.

    Dazu ist die Schrift vieler junger Erwachsener heute schon kaum noch leserlich zu nennen. Das wird dann noch schwerer. Mal abgesehen von den sonstigen Vorzügen der Handschrift in Bezug auf Konzentration, Merkfähigkeit beim Lernen und Kreativität.

    Letztens erhielt ich die Anfrage für einen Vortrag. Bei der Frage, ob ich meinen eigenen Beamer mitnehme, bekam der Veranstalter die Antwort: Habe keinen und werde auch keinen dafür benötigen. ??? Ohne Powerpoint? JA – nur mit Flipchart, Stift, fachlichen Wissen und ta-da- meiner persönlichen Ausstrahlung:-).
    Den Auftrag hab ich erhalten und nun ist mein Auftraggeber beglückt, weil das so gut ging und die Teilnehmer ganz Ohr und Auge waren.

    Bei Lehrern geht es ja auch über alle Sinneskanäle. Bruchrechnung am Whiteboard und an real teilbarer Schokolade, nach getaner Denkleistung wird sie genussvoll verdrückt!

    Noch etwas:
    Viele Schulen und auch Hochschulen haben die “guten alten Tafeln” komplett abgeschafft. Aber wehe, wenn die neuen Whiteboards mal versagen oder kein Strom zur Verfügung steht. Das kommt durchaus vor. Ein Bekannter von mir arbeitet als Lehrbeauftragter an der hiesigen FH und kennt mittlerweile viele dieser kleinen Stories. Was macht man als Lehrer, wenn die Technik versagt und kein “altertümliches” Mittel mehr zur Verfügung steht?

    • ...

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