Diskussionsrunde

ACTA-Panik in Europa – berechtigt oder übertrieben?

Eigentlich haben es alle satt: Das Schwarz-Weiß-Denken, die Shit Storms und Schlammschlachten zum Thema ACTA. Was bleibt, wenn die Rauchwolken abgezogen sind? Ergebnisse einer Diskussionsrunde des Börsenvereins auf der Leipziger Buchmesse. VON SL

Live-Diskussion über digitale Inhalte

Live-Diskussion über digitale Inhalte © Tobias Bohm

Dietrich zu Klampen, Verleger

Dietrich zu Klampen, Verleger © Tobias Bohm

Verleger Enno Lenze (links) und Heike Rost, Journalistin

Verleger Enno Lenze (links) und Heike Rost, Journalistin © Tobias Bohm

Die Fronten zwischen ACTA-Befürwortern und Gegnern sind verhärtet. "Sprechen wir überhaupt noch die gleiche Sprache?" fragt sich Verleger Dietrich zu Klampen. Den meisten Leuten scheint heute gar nicht mehr klar zu sein, wie wichtig es für Autoren ist, einen Verlag zu haben. Stattdessen nehme die Diskussion im Netz Formen an, die jeder Sachlichkeit entbehren. "Wenn behauptet wird, dass Urheberrechtsverletzer schärfer bestraft wird als ein Kinderschänder, dann steige ich aus", sagt zu Klampen.

"Die Diskussion im Netz ist an Zynismus, Unverschämtheit und Ignoranz nicht mehr zu überbieten", meint auch Heike Rost, die als Journalistin und Fotografin arbeitet. "Da werden Urheber im Internet aufgefordert, etwas Anständiges zu arbeiten, wenn sie Honorare erhalten wolle. Und wenn die Nutzer nicht bezahlen, dann sollen die Kreativen eben von Harz IV leben." Erst kürzlich bekam sie zu hören, Fotografie sei nichts weiter als die fotomechanische Kopie der Realität. Dafür könne man doch kein Geld erwarten. Bei einer derart dreisten Argumentation sei bei ihr Schluss mit lustig.

Missverständisse und Mythen

Eine wichtige Feststellung in der Runde: Es ist weniger der Inhalt von ACTA, der die Gegner in Rage bringt, sondern die Vorstellung davon, wie ACTA instrumentalisiert werden könnte. Und dort, wo man der Phantasie freien Lauf lassen kann, entstehen leicht Missverständnisse. Eins davon geht so: Die armen Autoren sind mächtigen Konzernen, der “Content Mafia“ ausgeliefert, die sie für einen Hungerlohn schuften lassen. "Ja, solche Missstände gibt es“, meint zu Klampen. "Gegen solche Konditionen vorzugehen ist wichtig, da muss man aufstehen und was machen, das ist eine Sache für die Gewerkschaft." Aber: Das sei nicht der Grund, das Urheberrecht abzuschaffen. "Ich sage als Anwalt der Autoren: Wenn Autoren jahrelang an einem Buch arbeiten, wenn Verlage ein Manuskript verbessern, warum sollen sie nicht gerecht bezahlt werden?" Gegen die Missbrauchsfälle bei der Bezahlung der Autoren vorzugehen, stehe auf einem ganz anderen Blatt.

Enno Lenze, Mitglied der Piratenpartei, war als Doppelagent in der Runde präsent: Er ist Mitglied der Piratenpartei und gleichzeitig Verleger. Als er eine kleine Geschichte aus seinem Verlagsleben erzählt, wird deutlich, wie schwer die beiden Rollen miteinander zu vereinbaren sind: Als Pirat verficht er das Recht auf die Privatkopie – selbst wenn der Nutzer nicht weiß, ob ein Download nun aus einer legalen Quelle stammt oder nicht. Als Verleger, so erzählt er, griff er selbst zum Telefon, als er Inhalte seines Verlags auf einer fremden Seite entdeckte. "Ich hätte schriftlich abmahnen können. Aber mit einem Anruf war´s auch getan", stellt er heraus. "Aber wie wäre es", wirft Moderator Torsten Casimir (Chefredakteur Börsenblatt) ein, “wenn nicht nur dieses eine Mal, sondern ganz oft 'Privatkopien' gezogen werden?" Die Geschäftsgrundlage gerät dann ins Wanken – auch bei Piratenverlegern.  

Und, ja, auch ein Piratenmitglied muss so manchen Shit Storm, also eine massive Beleidigungswelle im Netz, über sich ergehen lassen. Lenze ("Ich bin da reingewachsen") empfiehlt: Legen Sie sich eine Filterfunktion zu. Kommentare von Leuten, die man nicht kennt, sollte man einfach ignorieren. Auf keinen Fall zurückbellen, sondern sachlich argumentieren. Ansonsten gelte, möglichst viele Leute in der Szene zu kennen. "Denn wen man persönlich kennt, beleidigt man nicht so schnell."

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6 Kommentar/e

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  • Stefan G.

    Stefan G.

    "Es ist weniger der Inhalt von ACTA, der die Gegner in Rage bringt, sondern die Vorstellung davon, wie ACTA instrumentalisiert werden könnte. Und dort, wo man der Phantasie freien Lauf lassen kann, entstehen leicht Missverständnisse."

    Wenn man sich die Entwicklungen der letzten Jahre anschaut, dann wird jedes Instrument, dass man missbrauchen kann auch früher oder später im Interesse des Profits Einzelner missbraucht. Das ist keine Frage von Phantasie, sondern von Erinnerungsvermögen.

  • Leser

    Leser

    "Ergebnisse einer Diskussionsrunde des Börsenvereins auf der Frankfurter Buchmesse."

    mal ne dumme Frage? ist nicht grade in Leipzig Messe?

  • Redaktion

    Redaktion

    @ Leser Klar, stimmt genau. Wir haben das korrigiert.

  • aviess

    aviess

    Kurzer Hinweis auf einen bedenkenswerten Blogpost von Enno Lenze zu den Begrifflichkeiten, die echte Debatte unmöglich machen: http://enno-lenze.de/raubkopierer-sind-so-unpassen d-wie-content-mafia/295/#

  • Messebesucher

    Messebesucher

    Etwas am Rande und wohl doch bereits im Blick: Nicht nur diese Diskussion nimmt im Netz Formen an, die mit face-to-face-Diskussionen nicht mehr vergleichbar sind. Das, was ich da auf der Messe gehört bzw. gesehen habe war, bezogen auf die "Gesprächsführung" in Blogs zum Thema, vergleichsweise freundlich-konventionell. Wir haben es hier mit einer gänzlich anderen Art von Kommunikation zu tun, anscheinend losgelöst von bisher geltenden Normen. Spannend bleibt, welche Normen sich für den zeitgenössischen Kanal der Netzdiskussionen entwickeln werden. Auf Schlammschlachten im Netz hätte ich persönlich wenig Lust. Das ist ein wenig wie überrepräsentierte Nacktheit auf der Bühne: Für einige Zeit ganz interessant, dann wird es aber auch bald öde. Vielleicht erleben wir hier in greifbarer Zukunft eine neue "Neue Sachlichkeit". Ich hoffe nicht, dass das Netz aufgrund der verlockenden Anonymität und des virtuellen Publikums zu einem Meckerkanal verkommt - erfahrungsgemäß führt diese Art eher destruktiver Kommunikation selten zur Lösung von Herausforderungen.

  • Realist

    Realist

    ACTA mag eine Menge Vorteile mit sich bringen, aber für wen ist doch die Frage!? Das die Leute, die daraus Profit schlagen dafür sind, ist völlig verständlich... Aber für was ACTA noch alles eingesetzt werden könnte... Das ist die andere Frage... Denn ich glaube, dass der mehr dahinter steckt, als nur den Urhebern unter die Arme zu greifen... Es kann automatisch auch dazu genutzt werden, bestimmte Probleme, die der Staat evtl. als welche ansieht, jedoch die Verbraucher nicht, aus der Wetl zu schaffen... Ich finde es undemokratisch in vielerlei Hinsicht!

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