Informare! in Berlin

Wissen in der Community

Wie sieht Wissensmanagement in der vernetzten Welt aus? Welche Techniken der Informationsverarbeitung braucht man im digitalen Zeitalter? Welche Vertriebsmöglichkeiten für die Inhalte bietet das Internet? Das sind nur einige Fragen, die auf der Konferenz Informare! in Berlin (8.–10. Mai) diskutiert wurden. VON ROE

© digiprimo GmbH & Co.KG

Ein wesentlicher Faktor für die Bewertung von Wissen ist Vertrauen. In der analogen Welt ist die Seriosität von Wissensquellen, beispielsweise eines Buchs, mit der Person des Autors und mit dem Renommee des Verlags verknüpft. Doch wie sieht es in der digitalen Sphäre aus? Wie lässt sich "Vertrauen schaffen in die Wissensgesellschaft von morgen" – so der Titel der Podiumsdiskussion am zweiten Tag der Informare!

Im Internet vollzieht sich die Generierung von Wissen in einem vernetzten System mit Milliarden von Kontakten, in dem nahezu in Echtzeit Informationen recherchiert, bewertet und korrigiert werden. Dem Nutzer steht nicht eine Person, sondern ein (teilweise anonymes) Netzwerk gegenüber, das kollektives Wissen repräsentiert. Wie man dieser Herausforderung begegnet, diskutierten Sabine Graumann (TNS Infratest), Tilo Knoche (Ernst Klett Verlag), Jonathan Landgrebe (Suhrkamp), Thorsten Schilling (Bundeszentrale für politische Bildung) und Ralph Stengler (Initiative D 21, Präsident der Hochschule Darmstadt).

Natürlich wurde dabei auch die traditionelle Rolle, die der Verlag in der analogen Welt spielt, für die digitale Welt in Frage gestellt. Denn dort werde Wissen durch Communitys organisiert und kostenlos verbreitet. Das Beispiel der Musikindustrie habe zudem gelehrt, dass sich Inhalte wegen der nahezu unbegrenzten Möglichkeit der Verbreitung kaum schützen ließen. Verlage könnten ihr traditionelles Geschäftsmodell unter diesen Bedingungen nicht mehr beibehalten.

Suhrkamp-Geschäftsführer Jonathan Landgrebe sieht zwar die Probleme, meint aber, der Gedanke des Urheberrechtsschutzes werde nicht deshalb falsch, weil es das Internet gebe. Das Internet ändere nichts an den Grundsätzen. Die Frage des Moderators, ob Autoren heute auch ohne einen Verlag bekannt würden, erwidert Landgrebe mit einem Plädoyer für die besondere Funktion des Verlags: „Es ist die Form der Zusammenarbeit, des gemeinsamen Denkens und Entwickelns von Projekten, die den Verlag auszeichnet. Der Verlag bietet dafür das Umfeld.“ An diesen Grundprinzipien werde sich auch durch neue Publikationsmöglichkeiten im Netz nichts ändern.

Tilo Knoche, Mitglied der Geschäftsführung von Ernst Klett, appelliert an die Gesellschaft, sich für die Vielfalt der Publikations- und Vertriebsmöglichkeiten einzusetzen. Open Source solle neben bezahlten Inhalten stehen. Das sei auch eine Frage der Achtung vor der kreativen Leistung einzelner und zudem mit der Qualitätsdiskussion verknüpft. Das Urheberrecht müsse allerdings Modelle entwickeln, um die Produktion zu schützen.

Und, fügte Sabine Graumann von TNS Infratest hinzu, das Verlagsgeschäft müsse sich den elektronischen Medien anpassen und neue Geschäftsmodelle entwickeln. Daran knüpfte sich eine weitere Diskussion, zu welchem Preis und mit welchen (Micro-)Payment-Systemen im Netz Inhalte angeboten werden sollten. Auf die Frage des Moderators, ob Suhrkamp vielleicht schon 2013 Paul Celans Gedicht „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“ für 0,19 Euro zum Download anbieten könnte, wollte Landgrebe nicht weiter eingehen. Es sei doch eher Sache von Presseverlagen, Micro-Content zur Verfügung zu stellen. In der anschließenden offenen Diskussion meinte Michael Dreusicke (Paux), nicht der Content sei das Problem, sondern die Infrastruktur: Man müsse sich über die Kommunikation zwischen Inhalteanbietern und Kunden Gedanken machen.

In einem weiteren Konferenzteil ging es um das Thema Content-Anreicherung. Florian Stahl von der Universität Münster stellte das in Zusammenarbeit mit dem Oldenbourg Verlag realisierte studentische Projekt „Wissenschaftliche enhanced E-Books für mobile Endgeräte“ vor. Herausgekommen ist ein Format, das über die bekannten Features eines E-Books hinaus (Volltextsuche, Markieren, Annotieren etc.) mediale Inhalte einbindet. Ein farblich hervorgehobener Abbildungshinweis ist mit einem Link unterlegt, der beispielsweise eine Grafik mit einem Strukturdiagramm öffnet. Die darin enthaltenen Bezeichnungen sind wiederum aktiviert und erlauben den Sprung in ein anderes Kapitel. Bei Oldenbourg denke man nun darüber nach, das Buch ("Geschäftsprozesse für Business Communities") live gehen zu lassen, so Stahl.

Michael Dreusicke präsentierte in seinem Vortrag "Smart Content. Flexibilität und Nachhaltigkeit durch semantische und soziale Anreicherung" unter anderem das Konzept des (digitalen) "Werks als soziales Netz". Dabei könnten Kommentare in sozialen Netzwerken zu Annotationen des Lesers in den Buchinhalt eingebunden werden; gleichzeitig sei damit auch die Vernetzung mit anderen Nutzern möglich.

Das sind natürlich nur Ausschnitte eines wesentlich größeren, abwechslungsreichen Programms im "Moskau" an der Berliner Karl-Marx-Allee, das einmal mehr Arnoud de Kemp (digiprimo), Vera Münch und Ingrid Maria Spakler organisiert hatten.

Weitere Highlights waren:

  • die Podiumsdiskussion "Informationsstrukturen und Informationskompetenz" am ersten Konferenztag, an der unter anderen Börsenvereinsjustiziar Christian Sprang teilnahm;
  • die "lange Nacht der Suchmaschinen" am Abend des 8. Mai;
  • das Panel "Obi Wan Kenobi und das Future-Internet" – "im Stil einer Late Night Show;
  • das Informare! BarCamp am Abend des 9. Mai.
Heute, 10. Mai, gegen 17 Uhr, geht die Informare! zu Ende.

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1 Kommentar/e

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  • Frank Krings

    Frank Krings

    Ich habe auch zur Informare! im Buchmesse-Blog gebloggt: “Das schafft nur ein Cyborg” http://blog.buchmesse.de/2012/05/10/informare-2012 /

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