Interview mit Georg Reuchlein

"Die Bücher werden in Deutschland einschlagen"

In den USA ist der erotische Roman "Fifty Shades of Grey" ein Mega-Bestseller - jetzt ist der erste Teil der Trilogie auf dem deutschen Markt. Goldmann-Verleger Georg Reuchlein über das Geheimnis von Orchideen auf dem Buchcover, den Hunger nach gefühlvollen Geschichten und darüber, warum das Buch kein Porno ist. 

"Dieses Buch ist schärfer als Porno", titelte die "Bild" über "Fifty Shades of Grey". Einverstanden?
Reuchlein: Ich bin mit der Einordnung nicht einverstanden, weil es kein Porno ist. In der Pornographie geht es nur um die sexuelle Erregung, das ist nicht das Thema der Autorin E. L. James. Ich lese das Buch als einen großen modernen Liebesroman, in dem es um Sinnlichkeit, Begehren und Leidenschaft geht.
 
Warum zeigen Sie dann den Bild-Artikel auf der Goldmann-Website?
Reuchlein: Wir haben diese Schlagzeile in der Bild-Zeitung nicht gemacht, wir zensieren sie auch nicht. Aber wir wollten die Öffentlichkeit über den Vorabdruck in der Bild informieren.
 
Im prüden Amerika ist das Buch ein Mega-Besteller. Die Deutschen können sich offener mit Erotikliteratur eindecken. Erwarten Sie trotzdem den gleichen Erfolg in Deutschland?
Reuchlein: Absolut, denn hier kommt es nicht darauf an, ob ein Land prüde oder freizügiger ist. Ich sage nicht, dass in den Romanen Erotik nicht vorkommt - aber so wenig, um ein weltbekanntes literarisches Beispiel zu nehmen, Nabokovs "Lolita" Pornographie ist, so wenig ist die Shades-Trilogie ein Porno. Deswegen werden die Bücher in Deutschland genauso einschlagen. Das bisherige Feedback der Leserinnen deutet in die Richtung. Die Leser hungern nach Geschichten, in denen es um große Gefühle geht.
 
In den USA hat sich die Trilogie als E-Book bestens verkauft. Kann das Buch auch hier zu einem E-Book-Bestseller werden? 
Reuchlein: Ich erwarte in Deutschland sowohl bei den digitalen Ausgaben als auch bei den gedruckten eine ähnliche Erfolgsgeschichte wie in den USA. Jedoch wird das gedruckte Buch hierzulande eine größere Rolle spielen, weil wir eine andere Buchhandelslandschaft als in Amerika haben. Das ist der entscheidende Grund, warum in den USA der Anteil von E-Books an den Umsätzen höher ist.
 
Sie starten den ersten Band mit einer Auflage von 500.000 Exemplaren. Wirklich?
Reuchlein: Das stimmt, allen Ernstes. Wir haben schon vor Auslieferung so viele Vorbestellungen bekommen, dass wir mehrfach nachdrucken mussten. Wir sind in der Zwischenzeit in der fünften Auflage - mit 500.000 Exemplaren. 
 
Orchideen auf dem deutschen Cover, Handschellen bei den Amerikanern. Warum illustrieren Sie einen Erotikroman mit Blumen?
Reuchlein: Die amerikanischen Umschläge sind für mein Empfinden zu kalt. Sie sind zu einseitig erotisch aufgeladen; und sie sind mir ein Touch zu männlich. Deshalb arbeiten wir mit subtileren Covern, die gefühlsbetonter und weiblicher sind.

Interview: Kemal Calik

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6 Kommentar/e

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  • Bookaddicted.de

    Bookaddicted.de

    Ich kann "Shades of Grey. Geheimes Verlangen" wirklich nur wärmstens empfehlen. Innerhalb von 24h hatte ich es "inhaliert". Hier finden Sie meine Rezension, falls Interesse besteht: http://bookaddicted.de/?p=1050

  • Mme Serafina

    Mme Serafina

    Ein Buch, in dem ein Paar (ab etwa Seite 200/500) etwa alle fünf Seiten kopuliert, könnte schon als Porno durchgehen. Mum-Porn, wie es in den USA ein wenig uncharmant heißt.

    Das ist kein Problem für mich. Jeder soll die Erotika lesen, die ihm gefallen - oder eben auch nicht. Der Held ist superreich, viril und sieht bestens aus? Wen kümmert es schon, dass er ein wenig besitzergreifend ist? [Ironie!] Sind das nicht alle Männer?

    Schwierig wird es, wenn beschönigend von Erotik (der wir täglich begegnen, ob wir es wollen oder nicht) gesprochen wird und sehr junge Menschen diese Story lesen, ohne selbst bisher nennenswerte Erfahrung mit ihrer eigenen Sexualität gemacht zu haben.

    Der Vergleich mit Nabokov ist schon gewagt. Vermutlich stimmt hier nur das wahre Alter der Protagonistinnen überein.
    Eine erwachsene Frau (gilt auch für Männer) probiert sich selbstverständlich aus und genießt, was ihr gefällt. Aber die Heldin ist eine Jungfrau, die vermutlich nur aus rechtlichen Gründen in dem Buch 21 Jahre alt ist. Jedenfalls verhält sie sich die meiste Zeit wie 17.

    Gute Role Models sehen anders aus. Und macht euch nichts vor, die jungen Frauen werden es lesen! Schließlich haben sie schon Bella und Edward geliebt, sind jetzt ein bisschen älter ... Ein Schelm, der keinen Plan dahinter erkennt.

    Wirklich unschön: BDSM geht anders als das Buch es uns weismachen will. Vor allem aber ist es keine Perversion, keine Ausgeburt schlechter Kindheitserlebnisse, die man heilen muss oder kann!

    Was kommt danach?

    Homosexuelle lassen von ihrem Tun ab, weil sie die hingebungsvolle Liebe einer zarten Jungfrau erfahren?

    Ich gönne der Autorin den Erfolg, sie hat ja offensichtlich einen Nerv getroffen. Die Chuzpe, diese handwerklich haarsträubend zusammengezimmerte Story zu einem 'modernen Liebesroman' zu machen, möchte ich aber - bei allem Respekt für Herrn Dr. Reuchlein - auch mal haben.

  • Matthias Lätzsch

    Matthias Lätzsch

    Mal wieder ein wenig Untergang des Abendlandes und viel Lärm um nichts, doch die Kundenkontakte sind mir lieb und recht und reinlesen werde ich auch ;-)

    PS: Es ist doch faszinierend wie viel Skandall sich heute noch um geschriebenes, gedrucktes darf man ja nicht mehr sagen, aufbauen kann.
    Un doch ist unsere Buchwelt sehr klein. Sagte doch heute ein 17 Jähriger zu mir: "Das Internet ist voll von Meldungen über Videospiele, von Büchern hört man ja gar nichts"

  • Bookaddicted.de

    Bookaddicted.de

    @Mmf Serafina

    Bzgl. Ihres Kommentars:

    "Schwierig wird es, wenn beschönigend von Erotik (der wir täglich begegnen, ob wir es wollen oder nicht) gesprochen wird und sehr junge Menschen diese Story lesen, ohne selbst bisher nennenswerte Erfahrung mit ihrer eigenen Sexualität gemacht zu haben."

    Warum ist das jetzt problematisch, weil es in einem Buch steht? Man kann online so viele Schweinereien einsehen, ohne Altersüberprüfung und nix, die noch 1000x schlimmer sind als das, was in "50 Shades" steht, und das interessiert leider auch niemanden.

    Aber ich habe mich in der Tat im Buchladen auch selbst gefragt, was passieren würde, wenn beispielsweise eine 13-jährige in den Laden käme und ob meine Buchhändlerin der das Buch auch verkaufen würde. Verboten wäre es ja nicht ... Oder?

  • André Thiele

    André Thiele

    Ich finde es etwas irritierend, wie das Börsenblatt sich zum Werbemedium für ein Porno-Buch macht, dessen Erfolg doch, so sagen die "Experten", ohnehin garantiert ist.

    Glaubt die Redaktion, daß die Buchhändlerinnen und Buchhändler zu ungeschickt sind, von solch einem "Top-Seller" auch ohne werbenden Hinweis des BB zu erfahren?

    Abgesehen davon: Ladies, gentlemen - gedruckter Porno ist tot. Das Internet hat in dem Segment gewonnen.

    Je mehr der Buchhandel sich dem Internet angleicht, desto schlechter wird es ihm insgesamt gehen. Nicht einmal der Hyper-Super-Top-Erfolg dieses einen Buches wird ihn vor dem Imageverlust bewahren, der bei den Lesern droht, die beim Lesen nicht ans Kopulieren denken und beim Kopulieren nicht ans Lesen.

    Ich freue mich über jeden Euro, der in die Kassen des Buchhandels gespült wird. Aber der mittlere Buchhandel, also das Rückgrat des Buchgeschäfts in Deutschland, sollte, wenn die Leser dort Interesse an Ponographie haben, sich solide Fachkenntnisse in Dingen pornographischer Literatur aneignen und dieses Bedürfnis - schmunzel! - qualifiziert bedienen - und nicht in hoffnungsloser Hast dem erhofften schnellen Verkauf hinterherrennen, der ihn dem Internethandel ähnlicher macht.

  • Leser

    Leser

    "Ich bin mit der Einordnung nicht einverstanden, weil es kein Porno ist.
    ...
    Wir haben diese Schlagzeile in der Bild-Zeitung nicht gemacht, wir zensieren sie auch nicht. Aber wir wollten die Öffentlichkeit über den Vorabdruck in der Bild informieren."

    der arme Herr Dr. Reuschlein, da muss er gegen seine Überzeugungen den Bild-Artikel zitieren, um seiner Informationspflicht nachzukommen.
    Dieser selbstlose Einsatz für Meinungs- und Informationsfreiheit ist gar nicht hoch genug zu bewerten!

    warum sagt er nicht einfach: "klar doch haben wir das auf die Homepage gestellt, denn was fördert einen Verkaufserfolg mehr als eine Hinweis auf Schweinkram in Deutschlands größtem Revolverblatt"?

    • ...

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