Nachruf

Wie gutes Übersetzen geht

Der Sachbuchübersetzer Friedrich Griese ist gestorben. Ein Nachruf von Christina Knüllig, Lektorin und Herausgeberin.

Warum ist eine Übersetzung gut und eine andere nicht? Als Faustregel für den Leser, die Leserin gilt: Wenn man nichts bemerkt. Wenn die Worte schon im Kopf sind und man sich das Gelesene gut merken kann. Wer einmal Übersetzungen in Auftrag gegeben hat oder professioneller Vielleser im Kundenauftrag ist, der weiß, was möglich ist. Von holprigen 1:1-Versionen bis hin zu Makellos-Meisterlichem ist alles drin. Noch nach Jahren des Übersetzungslektorats sollte ich mein Erweckungserlebnis haben. Friedrich Griese hat es bewirkt.

Als Mitübersetzerin eines launig erzählten Wirtschaftssachbuchs über das Ende von Lehman Brothers fragte ich eines Abends den versierten Hauptübersetzer Griese um eine Kostprobe. Zu sehen, wie er vorging, war mein Ziel. Wir würden Begriffe abklären müssen. Das Übliche. Kollegial und reaktionsschnell schickte er mir sogleich das Gewünschte – ein Word-Dokument, das ich – noch im Stadium der Unschuld – öffnete und las. Aber was war das? Friedrich Griese, dieser Fuchs, hatte den Text noch einmal neu erfunden. Er war zu seinem Autor geworden, aber dadurch wurde nichts überdeckt. Im Gegenteil.

Während meine Übersetzung durchaus gelungen war, schließlich hatte auch ich Pointen und schöne Treffer gelandet, schien mein Text wie der einer begeisterten Amateurin. Ich war dem Autor gefolgt: hinauf auf seine Höhen und in seine Tiefen nicht minder. Griese dagegen war ganz am Text und ganz er selbst. Er war zugleich unter und über ihm, hatte ihn durch seine Hallräume geführt und ihn nun entlassen. Das Bild eines behänden Eisläufers kam mir in den Sinn. Unter den Kufen nichts als ein hauchdünner Wasserfilm, der ihn mit dem Grund des Originals verband. Mehr war nicht nötig. Der Läufer war schnell, er war elegant und er brach nie ein.

Friedrich Griese hinterlässt uns, den Lesern, ein großes Werk. Im Laufe seines 40-jährigen Schaffens hat er über zweihundert Titel buchstäblich bis zum letzten Tag ins Deutsche übersetzt. Aus vielen Sprachen, dem Englischen und Französischen, dem Polnischen und Italienischen. Seine Felder waren die populäre Naturwissenschaft, die schwierige deutsche Geschichte, doch liebte er auch die Poesie, die feine Ironie und das Lakonische. Stanislaw Lem, Jacques Monod, Elisabeth Badinter, Tadeusz Borowski, Daniel Goleman, Paul Krugman, Fritz Stern oder Wojciech Kuczok ("ein Juwel", so die Kritik) gehörten zu den Autoren – um nur die wenigsten zu nennen.

Was bleibt? "Seine" Bücher, ihr erzählerischer Schwung, der Leser umschmeichelt und Übersetzer animiert. Zartheit und Drastik im Ausdruck. Und schließlich die Frage: Wie geht gutes Übersetzen? Friedrich Griese hat einmal gesagt: "Wendig muss man sein, den Gegner im Auge behalten. Mal muss man schmeicheln, mal drängen." Übersetzen sei Nachmachen und Neubauen, Kniffe und Tricks inklusive. Friedrich Griese hat den übersetzerischen Tanz der Anverwandlung zur Perfektion gebracht.

 

Aktuelle Neuerscheinungen in Übersetzung von Friedrich Griese:

  • Veronica Buckley: Madame de Maintenon. Die geheime Frau Ludwig des XVI (Suhrkamp)
  • Robert Service: Trotzki (Suhrkamp)
  • John Hirst: Die kürzeste Geschichte Europas (Hoffmann und Campe)

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2 Kommentar/e

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  • Eva-Maria Prilisauer

    Eva-Maria Prilisauer

    Liebe Verfasserin dieses brillanten Nachrufes, obwohl selbst Übersetzerin und Coach der künftigen LiteraturübersetzerInnen ist mir niemals der Vergleich mit dem Eislauf in den Sinn gekommen.
    Ein schönes Bild, das wirklich stimmt und stimmig ist. Das Eis beim Übersetzen kann sehr dünn werden, man/frau darf trotz der scharfen Kufen niemals einbrechen. Sonst würde das Original zerstört werden, es muss ja durchscheinen. Die Eisfläche muss deswegen auch immer sauber bleiben. Unreinheiten sind tunlichst und raschest aus dem Weg zu räumen. Wie den Eiskunstläufer bei einer gelungenen Pirouette erfasst uns bisweilen ein starkes Schwindelgefühl. Sich in die entgegengesetzte Richtung drehen kann auch uns helfen, den passenden Duktus wiederherzustellen. Und wenn wir schließlich ohne Sturz und Kratzer an das Ende unserer Arbeit kommen, dann winkt zwar nur gelegentlich ein Applaus, aber ein Gefühl der Zufriedenheit und Erschöpfung über ein rundes "Produkt" lassen uns das Urteil der "Preisrichter" mit Gelassenheit erwarten. Die Preisgelder sind nie entsprechend, das wissen wir wie die enttäuschten Sportler, wenn kein 5,9 oder 6,0 aufgezeigt wird. Verkaufszahlen und Kritiken können uns bisweilen trösten. Und die Genugtuung, dass viele, viele, viele Millionen Menschen auf der Welt ohne uns nur einen Bruchteil der Weltliteratur lesen könnten.
    Friedrich Griese ist nicht mehr, seine Übersetzungen werden ihn noch lange überleben. Und wie man übers Eis läuft, ohne es zu zerkratzen hat er in vollendeter Weise vorgemacht. In diesem Sinne: Vorbilder leben weiter! EMP

  • David Ward

    David Ward

    Als heute vor 30 Jahren Tschernobyl uns mit dem Wort Havarie bekannt machte, war ich gleichzeitig mit und auf den Vorschlag von Fritz Griese im Übersetzer-Kollegium Straelen. Ich habe viel von ihm und mit ihm zusammen gelernt. Von seinem Tod erfuhr ich heute, als ich -- durch das Radio auf den Jahrestag aufmerksam gemacht -- ihn durch Google suchte. Ich bin dankbar für die Wochen, die wir zusammen arbeitend verbringen konnten. Er war ein hervorragender Übersetzer und ein guter Mensch. Ruhe sanft, Fritz.

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