Gastspiel

Von der Unsichtbarkeit

Übersetzungen fallen nicht vom Himmel – auch wenn Verleger, Buchhändler und Kritiker oft so tun. Von Isabel Bogdan.

Vor Kurzem war Harry Belafonte in Deutschland, um seine Autobiografie vorzustellen ("My Song", Kiepenheuer & Witsch), unter anderem im Hamburger Rolf-Liebermann-Studio. Christian Brückner las den deutschen Text, Christoph Amend moderierte. Harry Belafonte lauschte konzentriert, als Christian Brückner ein Stück auf Deutsch vortrug, verstand aber offenbar kein Wort. Als Brückner fertig war, sagte Belafonte: "Wow, das klang toll, wer hat das denn geschrieben?", und die drei Männer scherzten ein wenig darüber, dass ein Text von Harry Belafonte eben toll klingt, zumal dann, wenn Christian Brückner ihn vorträgt, und machten einander Komplimente.

Nun ist der deutsche Text ja in der Tat nicht von Harry Belafonte. Dennoch kam keiner der drei auf die Idee, dass dies der Moment gewesen wäre, um die Urheber des deutschen Textes zu nennen, nämlich Kristian Lutze, Silvia Morawetz und Werner Schmitz. Was ja die naheliegende und einzig richtige Antwort auf die Frage "Wow, who wrote that?" gewesen wäre.

Ich will hier gar nicht so sehr diese drei Männer an den Pranger stellen, sondern halte die Situation für symptomatisch. Dass zwischen dem fremdsprachigen Autor und dem deutschen Publikum noch jemand eine beträchtliche Menge Arbeit und Kompetenz in ein Buch gesteckt hat, wird nach wie vor allzu oft übersehen. Und zwar von Lesern, Buchhändlern, Verlagsmitarbeitern und Rezensenten gleichermaßen – selbst von professionellen Literaturkritikern liest man immer wieder epische Lobeshymnen über die wunderbar poetische Sprache einer Autorin, als hätte sie auf Deutsch geschrieben. Es muss ja nicht immer gleich eine große fundierte Übersetzungskritik sein, aber sobald von der Sprache eines solchen Buchs die Rede ist, müsste der Übersetzer doch zumindest Erwähnung finden.

Aber wie kommt das? Warum sind wir so unsichtbar? Bei keinem Hörbuch wird der Sprecher vergessen. Er steht groß auf dem Cover, er wird bei jeder Erwähnung des Hörbuchs genannt, keine Buchhändlerin und kein Blogger würde es versäumen, seinen Namen zu nennen. Den Namen des Übersetzers kennen sie nicht mal, er steht allzu oft irgendwo im Kleingedruckten.

Selbst in der Verlagswerbung liest man: "… ist jetzt bei uns auf Deutsch erschienen". Ach ja? Uns ist eine Übersetzung erschienen, Halleluja? Nein, ist sie nicht! Die Übersetzung ist doch nicht vom Himmel gefallen. Da hat jemand monatelang Herzblut und Hirnschmalz hineingesteckt. Und als Leserin möchte ich wissen, wer das war, denn ich weiß, dass ich die Übersetzungen mancher Kollegen sehr gern lese und von anderen lieber die Finger lasse. Genauso, wie ich manche Autorinnen gern lese und andere nicht.

Dabei könnten Verlage den Namen des Übersetzers doch beispielsweise auch als Marketinginstrument einsetzen; warum passiert das so selten? Warum kennen Leser fast keinen Übersetzernamen? Es gibt natürlich auch Ausnahmen. Ein paar Verlage schreiben den Übersetzer inzwischen vorne aufs Cover – hervorragend! Auch gibt es natürlich Kritiker, die die Leistung des Übersetzers in ihren Besprechungen angemessen unterbringen.

Wir Übersetzer tun ebenfalls, was wir können. Wir gehen raus, erzählen vom Übersetzen, machen Lesungen. Übrigens können wir auf Lesungen etwas, was Autoren nicht können: Wir können von dem Buch, das wir vorstellen, einfach hemmungslos begeistert sein.

Schlagworte:

16 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Gerriet

    Gerriet

    Der letzte Satz ist interessant und wirkt für mich ein bisschen wie eine Selbstdistanzierung. "Wir" Übersetzer können - anders als die Autoren - hemmungslos begeistert sein, weil das Buch ja nicht "von uns" ist. Aber es geht doch gerade darum, dass das (übersetzte) Buch eben AUCH eine Schöpfung der Übersetzer ist.

    Ansonsten: volle Zustimmung. Den Büchern fehlt vielleicht etwas die "Behind-the-scenes"-Kultur, die bei DVDs heute selbstverständlich ist.

  • Frank

    Frank

    Bei Amazon z.B. werden immer schön alle Beteiligten angegeben.

  • Freie Lektorin

    Freie Lektorin

    Ich kann diesem Artikel nur in vollem Maße zustimmen. Wie so oft in der Arbeitswelt wird fleißigen kompetenten Menschen zu wenig Wertschätzung entgegengebracht.

    Und es gibt noch weitere Textfeiler im Hintergrund, die nur allzu selten Erwähnung finden und doch oft ihren Beitrag leisten, dass man das Letzte aus einer Übersetzung herauskitzelt: die Lektorin/der Lektor.

    Viele Leser wissen gar nicht, dass eine Übersetzung noch einmal lektoriert wird.
    Und oft werden Lektor und Übersetzer vom Berufsbild her gleichgesetzt.

    Es gibt noch viel zu tun. Packen wir`s an!

  • levendel

    levendel

    Die Frage, die sich viele Autoren (und freie Lektoren, freie Übersetzter...) inzwischen stellen: Sind Verlage unsere Freunde? Und die Antwort fällt häufig, siehe die Debatten über eBook, Amazon... negativ aus. Aktuell wird viel darüber nachgedacht, ob es nicht auch ohne die Verlage geht, die ihre Kernkompetenzen vernachlässigen, ihren Werbeetat in einige wenige Großprojekte stecken (siehe heute: Rowling), die Honorare drücken und das Lekotorat outsourcen. Dafür soll ich mich als Schaffer eines Werkes mit knapp 10 Prozent vom Ladenpreis zufriedengeben? Früher fragte man, was die Verlage ohne die Autoren wären, heute lautet die gängige Einstellung: was seid ihr Autoren ohne uns Verlage? Eine harte Frage, und die Antwort wird womöglich den Verlagen nicht gefallen. Die Zeit wird es zeigen...

  • Christian Baumann

    Christian Baumann

    Ich war total begeistert, als ich vor ca. 2 Jahren zu einer Lesung von Simon Beckett war, und dieser als Vorleser für die deutschen Fassungen "seinen" Übersetzer dabei hatte.

  • leser

    leser

    @2 Frank:
    bei Amazon wird genau das angegeben, was der Verlag bei der VlB-Meldung angibt, nicht mehr und nicht weniger.
    Amazon erbringt da keinerlei Eigenleistung, hat vielleicht nur ein paar Felder mehr, die aus der vorhandenen Datenbank angezeigt werden.

  • Julian

    Julian

    @ Frank, @ leser:

    Auch Amazon verschluckt häufig den Übersetzernamen (komischerweise, nachdem er in der Vorabmeldung oft drin war) und bedarf dann eines eingereichten Änderungswunsches nebst Nachweis, um ihn wieder anzuzeigen.

  • noch ein Leser

    noch ein Leser

    Warum nicht so viel mit Übersetzernamen geworben wird? Weil wahrscheinlich in vielen Fällen die Vergütung das Hauptkriterium ist. Ein Übersetzer, der Bekanntheit erlangt, möchte beim nächsten Mal eine angemessenere Bezahlung. Daher lässt man es gar nicht so weit kommen, und wenn, dann nimmt man lieber den nächsten billigen Unbekannten. (Ok, ist bestimmt nicht immer so, aber bestimmt immer öfter.)

  • Heike Reissig

    Heike Reissig

    Harry Belafonte hat ja die Frage gestellt, wer den deutschen Text, der von Christian Brückner vorgelesen wurde, geschrieben hat. Er, der Originalautor, hat also im Grunde gefragt: Wer hat meinen Text denn ins Deutsche übersetzt? Schade, dass seine Frage nicht beantwortet wurde. Ein Blick ins Buch hätte genügt. Aber immerhin, einige wenige Verlage nennen ja inzwischen auch den Übersetzer auf der Titelseite. Bleibt zu hoffen, dass das irgendwann zur Selbstverständlichkeit wird.

  • Werner Richter

    Werner Richter

    @1: Sie hat schon recht, als Übersetzer kann ich "mein" Buch hemmungslos loben und dafür werben, denn dabei werde ich ja ausdrücklich nicht die deutsche Fassung, sondern alles andere (Idee, Story, Stil, Witz, whatever) hervorkehren - extrovertierte Naturen hängen vielleicht noch ein verschmitztes "Und auf Deutsch klingt's auch nicht übel" dran (hoffentlich zu recht).

    Und @2: bevor hier der Versandhandelsriese Amazon, der an sich überhaupt keine gute Nachricht für deutschen Buchhändler und Verlage ist, allzu sehr hochgelobt wird: Zu Anfang wurde dort kein einziger Ü-Name genannt, dann haben sich ein paar von uns entrüstet - dabei wurde erst mal feste gemauert ("gibt’s nicht, geht nicht"), aber zugleich kam in einem Antwortschreiben zufällig heraus, dass die Ü-Namen eh schon immer im Datensatz vorlägen (falls sie der Verlag bei der VLB-Meldung mitliefert, stimmt, @6), es gebe nur sogenannte "Darstellungsprobleme" - und tatsächlich sind wir dort ja bis heute "Autoren", was zwar zutrifft, die Nutzer/undinen aber dennoch in die Irre führt.

    Diesen Streit mussten jedenfalls wir vom Zaun brechen - und gewinnen -, denn den Verlagsjustiziaren wäre das am Mercedesauspuff vorbeigegangen. Denn wie Isabel Bogdan, so meine ich, richtig vermutet, übt sich hier die ganze Branche (Autoren, Verleger, Buchhändler, Rezensenten, ja auch viele Leser) im kollektiven Augenverschließen, und hier könnte wiederum Leser @8 richtig liegen.

  • Chris Wendel

    Chris Wendel

    Die Schuld ist nicht nur bei den Verlagen zu suchen ... Outsourcingagenturen, die sich derzeit auf dem Literaturübersetzungsmarkt breit machen, weigern sich stetig, die Übersetzer literarischer Werke zu nennen, um deren Abhängigkeit Vorschub zu leisten. Leider legen viele "neue" Autoren Verlagen bereits übersetzte Manuskripte vor, weil sie sich davon versprechen, ihre Texte so besser zu plazieren. Dabei greifen sie sehr gerne auf Agenturen zurück. Die Übersetzer haben dabei wie immer das Nachsehen. Gerade erst vor einigen Tagen wurde ich als Literaturübersetzerin (in dem Fall von Verlagsseite) damit konfrontiert, dass man von mir eine Übersetzung innerhalb kürzester Zeit haben möchte. Der Preis, den man mir dafür zahlen wollte, reichte jedoch an die untere Schmerzgrenze nicht heran. Dies wurde dann noch mit dem Spruch übermittelt, dass man meine Arbeit ja nicht geringschätzen wolle. Es liegt bei uns wirklich vieles im Argen ...

  • Anke

    Anke

    Ein toll geschriebener Artikel. Danke, mehr davon.
    Es sollte auch mehr Lesungen mit Autor_in und Übersetzer_in geben - und natürlich mehr Workshops, auf denen ein professioneller Auftritt geübt werden kann!

  • Konstanze

    Konstanze

    Bei der im Artikel angeführten Situation frage ich mich auch, warum man nicht den Namen des Übersetzers genannt hat.

    Wenn ich aber ein Buch lese und mich an der Sprache erfreue, dann lobe ich den Autor, weil ich davon ausgehe, dass dieser die Basis für diesen schön übersetzten Text geliefert hat.

    Ich als Leser, der das Originalmanuskript nicht vor sich hat, bin aber nicht in der Lage zu beurteilen, inwieweit Höhepunkte und Schwächen eines Textes auf Autor oder auf Übersetzer zurückzuführen sind.

    Wenn überhaupt, dann erkenne ich bei sehr holprigen Übersetzungen (die man inzwischen leider immer häufiger findet - Zeitmangel? Oder die Beschäftigung von nicht professionellen Übersetzern?), dass an dieser Stelle eine schlechte Übersetzung vorliegt, weil ich die Wortwahl 1:1 ins Englische übertragen kann - und es dann erst einen Sinn ergibt.

    Ich bin mir sicher, dass es Übersetzer gibt, die den Originaltext mit ihrer Umsetzung veredeln, aber ohne einen direkten Vergleich der beiden Varianten kann ich das nicht beurteilen - und gehe dann in meiner Rezension eben nicht auf diesen Aspekt eines Buches ein ...

  • Martin Lutze

    Martin Lutze

    Super Artikel! Ich habe ihn mit Interesse gelesen, zumal ich aus den Erzählungen von Kristian L. weiß, wieviel sprachliches Gefühl, Hintergrundwissen, Intuition, Einfühlsamkeit, Phantasie, Erfahrung und Ausdauer ein Übersetzer braucht. Manchmal gelingt es ihm sogar ein schlecht geschriebenes Buch sprachlich aufzuwerten. Da ich sozusagen an der Quelle sitze, habe ich einige Übersetzungen von K. gelesen und war begeistert, wie meisterhaft er einen Text aus einem uns fremden Milieu in unsere Gedanken, Gefühls- und Erlebniswelt übertragen kann. Das ist eine große Leistung, die bei vielen überhaupt noch nicht ins Bewusstsein gedrungen ist.

  • Toni Gielessen

    Toni Gielessen

    Ich kann nicht genug betonen, wie wichtig eine zumindest ordentliche Übersetzungleistung ist! Ich bin selbst Übersetzer, aber im "Commercial"-Umfeld, also für Firmen, Werbeagenturen etc. Ein Traum wäre es, ein Buch aus dem Amerikanischen zu übersetzen. Wie ich aber höre, wird dies sehr schlecht bezahlt und der Mensch muss schließlich leben! Ich bin unbedingt dafür, den Übersetzer stets zu nennen - in meinem Bereich ist man völlig "undercover" unterwegs, der Name des Übersetzers wird praktisch nie genannt. Dabei ist eine gute Übersetzung an sich eine Neuschöpfung, die mit sehr guter Bezahlung und Anerkennung belohnt werden sollte.
    Das Übersetzungsagentur-Dumping-Unwesen greift sehr um sich, aber inzwischen erkennen einige Firmen den enormen Qualitätsunterschied - wenn man 3 Cent pro Wort bezahlt, bekommt man eben auch nur eine entsprechende (Billig)-Leistung! Mein Kompliment an die (vielen) Literaturübersetzer, die mit ernormer Mühe und hohem Aufwand bei der Arbeit sind!

  • Torsten Lager / Bücherstube Fuhlsbüttel

    Torsten Lager / Bücherstube Fuhlsbüttel

    Zwei Anmerkungen noch:
    1. Man mache einmal Abfragen nach Übersetzern im VlB und bei KNV (Buchkatalog.de). Da hat KNV doch so manche Übersetzung entdeckt, von der der Verlag offensichtlich nichts wusste. ;-)
    2. In der ZEIT war ja im Sommer ein wunderbarer Literaturkanon. Interessante Auswahl, gute Besprechungen und - kein einziger Übersetzer wurde genannt. Mein Vorschlag, zum 30.09. in einem Sonderartikel diese Scharte auszuwetzen, blieb unbeantwortet...

    • ...

      Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • ...
      Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld

    nach oben