Frankfurter Buchmesse: Börsenblatt-Talk

"Wenn wir uns gegenseitig zunicken..."

Ideen, die Mut machen: Die drei Sortimenter Brigitte Jacobsen, Gabriele Rubner und Paul Remmel stellten beim ersten "Börsenblatt-Talk" auf der Frankfurter Buchmesse im Gespräch mit Redakteur Stefan Hauck innovative Geschäftsideen vor.

Alle drei stehen für neu geründete Buchhandlungen, die mit ungewöhnlichen Konzepten um ihre Kunden werben. Auf dem Podium stellten die umtriebigen Existenzgründer diese den Zuhörern vor.

"Buch & Bohne" im Münchner Schlachthofviertel öffnete vor zwei Jahren auf 100 Quadratmetern, erzählt Brigitte Jacobsen. Neben Büchern gibt es dort – der Name weist darauf hin – auch ein Café (mit Fair-Trade-Kaffe). Und als i-Tüpelchen einen Ofen: Dort backt Inhaberin Marianna Geier täglich vor Öffnung des Laden einen Kuchen, manchmal auch zwei, für die Besucher. Man werde durch den Duft, der über die ganze Straße schwebt, quasi in den Laden "hineingezogen", freut sich die Buchhändlerin. Und jeden Tag gibt es, angepasst an die Saison, ein anderes Gebäck. Die Zutaten besorgt der Ehemann von Brigitte Geier, der auch die bunte und verspielte Website von „Buch & Bohne“ liebevoll pflegt. Kuchen, Café und eine Biedermeier-Couch sorgen für eine heimelige Atmosphäre und erhöhen so die Verweildauer. Dazu trage auch die Lage in einem bürgerlich geprägten Stadtteil mit vielen jungen Familien bei. Gegenüber findet sich ein Mütterzentrum und Turnverein, in der Nähe viele kleine "Lädchen". Die Mütter kommen mit ihren Kindern oder allein – wenn die Kleinen turnen – ins Café. In die Kinderabteilung des allgemeinen Sortiments lockt mittags ein „unglaublich beliebtes“ Kasperltheater, abends gibt es einmal im Monat Lesungen für Erwachsene. Die Autoren stammen meist aus dem lokalen Umfeld. Mit einem kleinen Vorstadttheater kooperiert "Buch & Bohne". Ein Zeichen für die Anerkennung der Buchhändlerinnen im Viertel: "Bücher, die wir nicht gelesen haben, werden kaum gekauft." Das sorge zwar für erheblichen "Lesestress", so Brigitte Jacobsen, der sich aber mehr als lohne.

Ein anderes Modell verfolgen die Zwillinge Andreas und Paul Remmel mit ihrer Bernstein-Verlagsbuchhandlung R2 (ebenfalls 100 Quadratmeter). Erst im vergangenen September bezogen die beiden ein "traumhaft schönes Fachwerkhaus" in Siegburg. Ihren Verlag hatten sie vor zehn Jahren in Bonn gestartet, "mehrere günstige Umstände" führten sie zurück in ihre Vaterstadt. Ihr Vater sei dort bekannt wie ein "bunter Hund", was für großen Zuspruch und einen gelungenen Start sorgte. Zudem gebe es nur eine Thalia-Filiale als Konkurrenz, laut Paul Remmel die "ideale Voraussetzungen" für eine zweite Buchhandlung vor Ort. Für ihre Kunden versuchen sie nach literarischen Perlen zu tauchen, das Ungewöhnliche abseits der Bestsellerlisten zu finden. Aber: Einfach Regale in den Raum zu stellen, reiche zukünftig nicht mehr für eine Buchhandlung aus. Und so sprudeln die Zwillinge vor Ideen für Neues: "Wenn wir uns gegenseitig zunicken", so Paul Remmel auf dem Podium, "dann machen wir das." So kann man etwa in der Buchhandlung heiraten, die Kommune gab kürzlich grünes Licht für das "externe Standesamt". Oder am "R2-Latschen" teilnehmen - wandern mit den Buchhändlern. Hier lägen schon  zahlreiche Anmeldungen vor. Und im ersten Stock des Fachwerkhauses wird die Goethe-Bibliothek der Siegburger Goethe-Gesellschaft, zu deren Gründungsmitgliedern die Remmels gehören, aufgestellt. In Planung sei ein Kultur- und Veranstaltungsprogramm. Und wenn eine Idee nicht zündet? "Was nicht funktioniert, klopfen wir in die Tonne." Obwohl man als Buchhändler lieber ein Buch auf die Theke lege, stehe man dem E-Book offen gegenüber. "Alles andere wäre Kamikaze", ist sich Paul Remmel sicher.

Der neu konzipierte Museumsshop (200 Quadratmeter) im Frankfurter Städl, der im November 2011 öffnete, bietet eine ähnliche Kombination wie "Buch & Bohne". Hier gibt es neben Kunstbüchern auch ein Café. Dazu eigens kreierte und produzierte Non-Books, so Gabriele Rubner, die mit aktuellen Ausstellungen oder Kunstwerken des Museums korrespondieren – darunter Postkarten, Tabletts, Untersetzer, Taschen oder Tassen. "Das Städl soll sich im Sortiment spiegeln", fasst die Buchhandelsleiterin das Konzept zusammen. Auch im Café: So serviert man dort etwa momentan schwarzen Kuchen – wegen der laufenden Schau "Schwarze Romantik". Mit diesem Mix möchte das Städl die Verweildauer der Besucher verlängern, den vielen Stammkunden immer etwas Neues bieten. Zwar gibt es an den Wänden Regale mit Kunstbüchern (rund 6.000 Titel sind vorrätig), quasi als "Kompetenztapete", sowie Regionales für Touristen. Im Raum verteilt befinden sich acht Thementische, die reflektieren sollen, was aktuell im Städl passiert. Für Weihnachten etwa setzt man auf Stilleben. Inzwischen habe man auch einen Online-Shop gestartet, und ein Versandkatalog wurde deutschlandweit an den Adressenpool des Museums verschickt. Ein weiterer Ausbau der Website werde derzeit überdacht. Vorstellen könne man sich auch einen Vertrieb der Non-Books, die allerdings auf das Städl "gebrandet" sind, an andere Sortimenter.

Der erste "Börsenblatt-Talk" stellte drei eindrucksvolle Beispiele vor, wie kleine Sortimente sich durch ungewöhnliche Ideen und lokale Vernetzung ein eigenes Profil schaffen und so Kunden erfolgreich an sich binden können. Zur Nachahmung empfohlen!

mg

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