Gastspiel

Das Prinzip Verlag

Der eine schreibt etwas, der andere nimmt Geld in die Hand, um es zu vermarkten: Warum Autoren Verlage brauchen. Von Zoe Beck.

Zoe Beck

Zoe Beck © picture alliance / Frank May

Mir gefällt Paragraf 1 des deutschen Verlagsgesetzes: "Durch den Verlagsvertrag über ein Werk der Literatur (…) wird der Verfasser verpflichtet, dem Verleger das Werk zur Vervielfältigung und Verbreitung für eigene Rechnung zu überlassen. Der Verleger ist verpflichtet, das Werk zu vervielfältigen und zu verbreiten." Was nichts anderes bedeutet als: Einer schreibt etwas, und der andere nimmt Geld in die Hand, um das Geschriebene zu vermarkten. Das leuchtet mir ein, und ich weiß auch nicht, was an diesem System falsch sein soll.

Trotzdem wird man dauernd gefragt: Wozu hast du noch einen Verlag? Da gibt es Autorinnen, heißt es, die furchtbar reich werden, weil sie sich selbst verlegen. Und Autoren, ganz unbenommen, die nie auf einen grünen Zweig kommen, obwohl sie einen Verlagsvertrag haben. Die Anschlussfrage lautet: Würdest du ohne Verlag nicht sehr viel mehr Geld verdienen?

Nein, das würde ich nicht. Mein Verlag zahlt für jedes meiner Bücher einen Garantievorschuss, der es mir ermöglicht, das jeweilige Buch überhaupt zu schreiben. An dieser Stelle wirft man mir gern vor, ich würde nur für Geld schreiben, aber warum? Ich werfe anderen Berufstätigen auch nicht vor, dass sie mit ihrer Arbeit Geld verdienen. Schreiben ist mein Beruf. Ich lebe davon.

Der Verlag geht in Vorleistung und erweist mir ein nicht unerhebliches Vertrauen. Er glaubt nämlich, dass ich in der Lage bin, mehr als nur formatiertes Papier abzugeben. Umgekehrt ist es aber auch eine Vertrauensfrage, und das wird gern in der Diskussion vergessen: Ich übergebe meine Arbeit einem Team, das sich um "Vervielfältigung" und "Verbreitung" kümmern soll. Wird dieses Team das richtige Marketing machen? Und Pressearbeit? Und davor: Bekomme ich ein gutes Lektorat?

Auf dem Weg zur Veröffentlichung kann vieles Unmut bereiten. Wird es besser, wenn ich mich alleine darum kümmere? Ich denke nicht. Hätte ich ein Buch, das ich selbst herausbringen möchte, würde ich jemand suchen, der es lektoriert. Und am allerwichtigsten: jemand, der mir sagt, wie ich es vermarkte. Cover, Titel, Werbetexte. Vertrieb, Marketing, PR. Die Ausgaben, die ich dadurch hätte, wären erheblich. Denn selbst verlegen heißt, dass ich Verlegerin bin, die "für eigene Rechnung" all das tun muss.

Ich könnte alternativ auch darauf verzichten, ein Team zu bilden, und einzig meine Arbeitskraft als multitalentierter Mensch einsetzen. Spart Geld, aber keine Zeit, wodurch ich weniger Zeit für anderes habe, wie zum Beispiel Geldverdienen. Und spätestens hier beißt sich die Katze in den Schwanz.

Texte professionell zu veröffentlichen kostet Geld. Ein Publikumsverlag stellt dieses Geld zur Verfügung. Dass ich möglicherweise andere Entscheidungen treffen würde, ist eine andere Sache. Dass sich Verlage verändern müssen, weil sich der Markt verändert, die nächste. Aber es ändert sich nichts daran, dass ich ein Expertenteam brauche, um das bestmögliche Produkt aus meinem Text zu machen und ein breites Publikum zu erreichen. Ob sich dieses Expertenteam Agentur nennt oder aus Freiberuflern besteht oder in einem Verlag arbeitet – das Prinzip bleibt gleich. Ich will und ich muss im Team arbeiten. Sich gegenseitig ernst zu nehmen hilft da ebenso wie die Anerkennung vor der jeweiligen Arbeit.

Also ja, ich finde das Prinzip Verlag gut. Keineswegs rückwärtsgewandt und schon gar nicht zukunftsuntauglich. Die Wiederbelebung des Verlags als Ideenschmiede ist es, was wir brauchen. Dies jedoch nicht nur auf Lektorats-, sondern auch auf der Marketingebene. Das Verlagsgesetz regelt in Paragraf 1 das Grundsätzliche, seit 100 Jahren. Es ist immer noch gut so.

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12 Kommentar/e

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  • anderer Leser

    anderer Leser

    Danke, Zoe Beck!

  • Elisabeth Simon

    Elisabeth Simon

    ja, danke Zoe Beck, das ist es im Grunde, den trotz Internet etc, die Vermarktung wird immer wichtiger, ein Autor will gelesen werden und der Verlag hilft ihm dazu. auf allen Ebenen

  • Karsten Sturm

    Karsten Sturm

    Einfach nur: "Bravo!"

  • Leserin

    Leserin

    Nicht jeder Verlag hat das Glück, ein großer Verlag zu sein und nicht jeder Autor(in), ein bekannter und meistgelesener zu sein. Und dennoch befruchten sich kleinere Verlage und unbekannte Autoren im Rahmen ihrer Möglichkeiten zum Wohle der Leserschaft gegenseitig. Ein wirklich gelungener Artikel, Frau Beck

  • Jürgen Ludwig

    Jürgen Ludwig

    Herzlichen Dank!
    Dies stärkt auch kleinere Verlage - soll aber auch deutlich machen, was ein Verlag ist! Als Abgrenzung zu den Dienstleistern (DKZ). Leider läuft man als kleinerer Verlag immer in Gefahr, mit diesen Beutelschneidern über einen Kamm geschert zu werden.

  • Jeanine Krock

    Jeanine Krock

    Den Beitrag sollte man als Handout immer bei sich führen. Erspart viel überflüssiges Gerede. Dank, Zoë Beck

  • Kerstin Schulz

    Kerstin Schulz

    Vielen Dank für diesen Kommentar, Frau Beck!
    Dass das Verlegen bei einem Verlag viele Vorteile hat, dass die Verlage aber auch selbst dazu beitragen müssen, ihre Position und Aufgabe zu kommunizieren - und vor allem: zu erfüllen, und dass es in der Debatte um das Selbstverlegen auch ein fruchtbares Miteinander geben kann, zeigte eine Podiumsdiskussion, die vor 10 Tagen in der gemeinnützigen Körber-Stiftung stattfand.
    Wer sich das Gespräch ansehen möchte, hier ist der Link zum Videostream (kostenfreier Download):

    http://www.koerber-stiftung.de/mediathek/player/se lbst-ist-der-autor.html?tx_smskoerbermediathek_pi1 %5Bcmd%5D=main&cHash=8fb042d8846350f40106ea34c c257622

    Grüße aus Hamburg

  • Thinkabout

    Thinkabout

    Du schreibst vom Vertrauen, das der Verlag Dir erweist, indem er Deine Arbeit bevorschusst. In der Tat! Ich bin nicht Autor bzw. habe noch nichts veröffentlicht, aber genau davor hätte ich riesigen Respekt: Dieses Vertrauen zu rechtfertigen.
    Dir gelingt das regelmässig. Wunderbar.

    Auf etwas möchte ich, als Megaphon einiger Emotionen mir bekannter Autoren, hier noch hinweisen: Du schreibst vom Respekt, den man im Team für die Arbeit der anderen haben muss. Autoren werden oft als Diven angesehen, wenn sie Abänderungen an Manuskripten auf Anregung der Verlage nicht vornehmen wollen. Genau so, wie Schreibende ihre Arbeit kritisch begleitet sehen sollten, so wäre es oft wünschenswert, dass Autoren Einwände oder Vorbehalte von Autoren bei der Vermarktung auch zumindest bedenken sollten: Ich kenne da Beispiele zur Covergestaltung... um nur ein scheinbar kleines Element, das aber ja bekanntlich enorm wichtig ist, anzufügen.

    Verlage und Autoren brauchen einander. Wenn sie das auch wissen, wird wirklich eine Teamarbeit daraus, sollte man meinen - und wir kriegen noch mehr wirklich gute Bücher zu lesen!

  • Thorsten Nesch

    Thorsten Nesch

    Nicht alle AutorInnen können von ihrem Vorschuss leben. Ich wäre heute kein Schriftsteller, wenn ich nicht jahrelang gejobbt hätte, um mir das Schreiben zu finanzieren. Ich fange damals wie heute nicht erst an, einen Roman zu schreiben, wenn ich vorher dafür bezahlt werde. Auch wenn das seit vier Jahren mein Beruf ist – das hat sich nicht geändert bei mir.

    Bereits in den 90er Jahren habe ich mich selbst verlegt. Das war viel teurer als heute, weil man auf jeden Fall 400 Bücher drucken lassen musste, die man dann wiederum nicht einfach in den Buchhandlungen auslegen durfte.
    Beides hat sich durch Ebooks drastisch geändert.

    Da ich mehr Romane schreibe, als von Verlagen veröffentlicht werden, biete ich sie selber zum Download an, parallel, einträchtig neben meinen verlegten Romanen, ohne das finanzielle Risiko einer gedruckten Auflage. Das ist wunderbar.

    Ziel ist aber nicht das Selbstveröffentlichen sondern der Verlag.
    Die Selbstveröffentlichung als Alternative ist heute nur attraktiver als früher.

  • De Toys

    De Toys

    ein verlag ist ein verlag ist ein verlag? oder: ce n'est pas ein verlag? egal wie rum, es gibt mehr gründe für oder gegen das verlegen in einem verlag als nur das für oder gegen, denn es geht um den zweck der INHALTE des werkes: will ich z.b. "nur" seicht unterhalten (entspannung vom alltag) oder eine revoluion bzw. einen skandal entfachen, will ich eine bestimmte zielgruppe erreichen oder einfach nur möglichst viele leser haben? mir gefällt die möglichkeit sehr, bestimmte "ausgewählte" texte als PDF kostenlos im internet "zur verfügung" zu stellen, denn dadurch lassen sich INFORMATIONEN schnell verbreiten und dank stichwort-suchmaschinen gezielt von jenen entdecken, die genau das suchen! insofern ist die digitale revolution eine immerwährende immer neu aufzufrischende revolution der immer neu hinzukommenden inhalte. und verschafft mir als autor UND meinen lesern die totale unabhängigkeit (zeitlich, finanziell und logistisch) vom buch als druckwerk. gruß aus ddorf, vom tom P.S. um mißverständnissen vorzubeugen: ICH LIEBE & KAUFE BÜCHER!!! und bin froh, wenn "das richtige" buch "zufällig" vor meiner nase auftaucht :-)

  • Kalle Witzig

    Kalle Witzig

    Guten Tag Frau Beck!
    Verwandt mit dem Beck-Verlag? Bitte - war nur ´n kleiner Scherz!
    Nennen Sie doch mal den Verlag, für den Sie schreiben und dann gleich auch mal die Kriterien, die ein Autor für einen Vorschuss erfüllen muss. Welche voraussetzungen gelten zudem für den jeweiligen Publikumsverlag? Ich kann mir vorstellen, die Leser hier interessieren sich für Fakten, die sie noch nicht kennen.

    Viele Grüße
    Witzig

  • Kalle Witzig

    Kalle Witzig

    Korrektur 4. Zeile v. oben: Voraussetzungen

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