Medien

Haben digitale Medien einen Aufmerksamkeits-Bonus?Haben digitale Medien einen Aufmerksamkeits-Bonus?© Tobias Bohm

15.11.2012Konferenz Digitale Bildungswelten

Zwischen Vision und Illusion: der digitale Unterricht

Wie die digitalen Bildungswelten von morgen aussehen könnten, ist Thema der gleichnamigen Konferenz, zu der der Verband Bildungsmedien gemeinsam mit dem Münchener Zentrum für Lehrerbildung und der "Frankfurter Rundschau" heute und morgen nach Frankfurt eingeladen hat.


 

Diskuttierte eifrig mit und legte den Finger in die Wunde: Wolf-Rüdiger FeldmannDiskuttierte eifrig mit und legte den Finger in die Wunde: Wolf-Rüdiger Feldmann© Kai Mühleck

Digitale Bildungsmedien: Wer zahlt die Kosten?
Eine Vision dessen, was digitaler Unterricht bedeuten könnte, gibt es allerdings nicht – denn das Thema selbst ist in vielen Schulen und vor allem in den Kultusministerien noch gar nicht angekommen. Es gebe weder einen Ansatz für die Integration digitaler Medien in den Unterricht noch Budgets, sagte Wolf-Rüdiger Feldmann, Geschäftsführer der Cornelsen Verlage und zugleich stellvertretender Vorsitzender des Verbands Bildungsmedien. Statt in professionelle, qualitätsgeprüfte Unterrichtsmedien zu investieren, schwörten auch Vertreter der öffentlichen Hand auf kostenlos zugängliche Bildungsmaterialien im Netz – sogenannte Open Educational Resources (OER). Diese würden aber nicht selten große Unternehmen anbieten, die bestimmte Interessen verfolgten und außerdem die staatliche Unterrichtshoheit (nach Art. 7 Abs. 1 Grundgesetz) unterliefen. Sie würden meist ohne Genehmigung im Unterricht verwendet.

Schulbuch soll Leitmedium bleiben
Ob digitale Unterrichtsmedien überhaupt den Lernerfolg steigern, stellte Professsor Joachim Kahlert von der Fakultät für Psychologie und Pädagogik der Universität München in Frage. Bisher sei die Entwicklung vor allem von Hardwareanbietern getrieben, und die Euphorie, mit der manche Pädagogen digitale Medien fordern, sei durch empirische Befunde nicht gedeckt. Vielmehr sei Zurückhaltung beim Einsatz digitaler Medien geboten: Nicht der Unterricht müsse sich an die Medien anpassen, sondern die didaktischen Erfordernisse müssten der Entwicklung und dem Einsatz der digitalen Unterrichtsmedien zugrunde liegen.

Vor der Illusion, dass digitale Bildungsmedien das allein seligmachende Mittel für die Steigerung des Lernerfolgs seien, warnte auch Feldmann: Das Schulbuch werde auch künftig das Leitmedium sein, das durch einen (digitalen) Produktkranz ergänzt würde. In diesem Sinne sei auch das Angebot Digitale Schulbücher der Bildungsverlage zu verstehen, dass in einem ersten Schritt die digitale Entsprechung zum analogen Lehrwerk biete. In einer zweiten Phase sollen die digitalen Schulbücher multimedial angereichert und mit interaktiven Funktionen versehen werden.

© Kai Mühleck

Schwarmintelligenz versus Professionalität
Auch der zweite Tag der Schulbuchkonferenz war von emotionalen Diskussionen geprägt. Ein deutlicher Indikator dafür, dass der Gesprächsbedarf zwischen Ministerien, Lehrern, Eltern und Verlagen unverändert groß ist.

"Professionalität ist nicht kostenlos zu bekommen - auch nicht über Schwarmintelligenz", verdeutlichte Wolf-Rüdiger Feldmann noch einmal die Sicht der Verlage. Gerade im sensiblen Bereich der Schulbildung bedürfe es nicht nur einer aufwendigen redaktionellen Inhaltskontrolle, sondern auch eines umfangreichen Produktmanagements - beispielsweise wenn es darum geht, Schulbücher rechtzeitig zum angekündigten Zeitpunkt auf den Markt zu bringen.

Was wollen Lehrer?
Etwa 30 Prozent der Lehrer nutzen bereits digitale Medien für ihren Unterricht. Ein Teil der Lehrer, das wurde in der Diskussion deutlich, fühlt sich durch digitale Lehrbücher, die sich nicht bearbeiten lassen, von den Verlagen geradezu entmündigt. Gefordert seien stattdessen frei kombinierbare Lehrmodule (idealerweise verschiedener Verlage), die den Lehrer bei der Konzipierung einer Unterrichtsstunde unterstützen. Diese im Podium umstrittene Ansicht stützte Christian Fey (Uni Augsburg): In einer aktuellen Studie seines Fachbereichs habe sich gezeigt, dass Lehrer immer stärker Inhalte verschiedener Lehr- und Arbeitsbücher, Internetquellen und weiterer Medien frei kombinieren würden.

 

Jörg Meyer-Scholten (Kultusministerium Hessen)Jörg Meyer-Scholten (Kultusministerium Hessen)© Kai Mühleck

Ausgebremst: Unterfinanzierung der Schulen und überarbeitete Lehrer bremsen Digitalisierungstrend
Die "Neuen Medien" sollen in der Schule nicht nur präsent sein, sondern auch an Schulen erlernt werden können, forderte Jörg Meyer-Scholten vom Hessischen Kultusministerium. Um mit dem Tempo der Digitalisierung Schritt halten zu können, seien die Schulen in Hessen darum deswegen in der Pflicht, selbst viel stärker entsprechende Konzepte und Kompetenzen individuell für ihren Standort zu erarbeiten als in anderen Bundesländern. Das eine Folge dieses Konzepts, vor allem in Verbindung mit starken Kürzungen im Haushaltstopf für die Schulen, eine zerklüftete Schullandschaft entsteht, ließen die Berichte anwesender Lehrer wenig Zweifel. Gleichzeitig wurde deutlich: Von den Schulen ist der Auftrag alle Schüler mit (zeitgemäßen) technischen Geräten (Devices) zu versorgen, mit Sicherheit nicht zu leisten. Gibt es entsprechende Kooperationen mit Unternehmen, dienen diese nicht selten der Eigenwerbung der Konzerne. 

Versiert mit Smartphone, Tablet & Co.: Christine Hauck (Cornelsen)Versiert mit Smartphone, Tablet & Co.: Christine Hauck (Cornelsen)© Kai Mühleck

Praxis: Fallbeispiele
Die Schulbuchverlage bieten bereits mehr digitale Lernmedien als dem Großteil der Lehrer bekannt ist - und werden sich einem entsprechenden Markt auch nicht verschließen. In einem erstem Fallbeispiel stellte Christine Hauck (Cornelsen) ein Onlineportal für Schüler vor. "LernCoachies.de" soll Schülern am Nachmittagin Anlehung an verfügbare Schulbücher individualisierbaren Lernmöglichkeiten bieten - mit Kontrollfunktion für den Lehrer. Das Projekt sei gerade in der Testphase.

Thomas Michael (Westermann): Thomas Michael (Westermann): "Geodaten sind der Rohstoff des Jahrtausends"© Kai Mühleck

Ein weiteres Projekt präsentierte Tilo Knoche (Klett). In die "Digitale Zeitreise" lassen sich Whiteboardelemente mit Lehrermaterialien, Tafelbildern und Notizen verbinden. Einzelne, interaktive Elemente lassen sich kopieren und Schülern als Hausaufgabe mitgeben

Thomas Michael (Westermann) zeigte, welche Möglichkeiten sich am Beispiel Kartografie für den Unterricht ergeben: Geo-Daten, virtuelle Globen und interaktiven Karten sind hier die Stichworte, die mittelfristig die Kartenräume der Schulen seiner Ansicht nach ersetzen werden. "Karten waren früher ein Produkt. Heute wird dieses Produkt in Frage gestellt", erläuterte er den spannenden Wandel. 

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