Kindermedienkongress der Akademie des Deutschen Buchhandels

"Was zu viel ist, rauscht vorbei"

Tablets, Fernseher & Co: Wie werden Kinder durch Medienkonsum beeinflusst? "Reizüberflutung bei kleinen Kindern gibt es nicht", erklärte der Psychologe Prof. Dieter F. Braus heute beim Kindermedienkongress der Akademie des Deutschen Buchhandels in München. "Das Hirn schaltet ab. Was zu viel ist, rauscht vorbei." Diese beruhigende Nachricht gilt allerdings nicht für die (Vor-)Pubertät. VON NICOLA BARDOLA

Denn Kinder mit Fernseher im eigenen Zimmer und Internet-Flatrate lernen schlechter als andere. Der Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie in Wiesbaden plädierte für Mäßigung, betonte die Bedeutung der Vorbildfunktion der Erzieher und stellte seine Thesen unter das Motto Plutarchs: "Das Gehirn ist nicht ein Gefäß, sondern ein Feuer, das man entzünden muss." Im Gegensatz zu polarisierenden Bestsellerautoren verteufelte der Psychologe in seiner differenzierten Einführung nicht digitale Innovationen, sondern zeigte aufgrund wissenschaftlicher Erkenntnisse, wie der Medienkonsum die Entwicklung in Kindheit und Jugend positiv beeinflussen kann. Fest steht: Die digitalen Medien wirken anregend, auch wenn sie viele Defizite aufweisen. Dass beispielsweise die immer gleiche Schrift für alle Bücher in E-Readern langweilt, bedeutet einen Vorteil von Print, der sich seinerseits ausbauen lässt. Vor- und Nachteile digitaler Inhalte werden sich erst in den nächsten Jahren deutlicher zeigen, befanden viele Teilnehmer beim dritten Kindermedienkongress der Akademie, der unter dem Thema "App und jetzt? Die Zukunft der Kindermedien zwischen Cash Cow Print und digitaler Innovation" stand.

Ausschließlich das Anregende und Innovative neuer Apps betonte die Autorin und Consultant Louise Carleton-Gertsch. "Wir haben Feen im Haus!", habe ihre Tochter gejubelt, als sie die App "Fairy Magic Inlifesize" auf dem iPad entdeckt hatte. "3D Enchandted Reality" heißt ein neues Schlagwort aus den USA, das vor allem dank der iPad-Kamera fasziniert, die die Umgebung – das Kinderzimmer - filmt und Kulissen und Feen der App mit den Anwendern verbindet. "Diese App für 89 Cent ist der Anfang großer Entwicklungen", prognostizierte Carleton-Gertsch.

Paula Peretti, Verlagsleiterin bei Baumhaus und Boje plädierte für "transmediales Erzählen". Sie glaubt, dass Characters heute noch meistens zunächst dank Print beliebt werden müssen, um danach digitalisiert zu werden, betonte aber zugleich: "Eine Lektoratskonferenz kann heute gar nicht mehr ohne einen Kollegen aus dem digitalen Bereich stattfinden". Peretti präsentierte das Buch "The Fantastic Flying Books of Mr. Morris Lessmore", das zuvor als Film einen Oscar gewann, dann zur App wurde und nun auf Papier erscheint. Auf die Frage, "Lohnen sich Apps für Kinder auf Basis von deutschem Buch-Content?" kam die ernüchternde Antwort: "Meistens nein" von Thomas Bleyer, Geschäftsführer bei Ravensburger Digital, der das Thema in einem von vier Round Tables vertiefte und Trotzdem-Strategien entwickelte: Suche nach "one hit wonders" wie "Schlaf gut", Entwicklung von Serienprodukten wie "Pixi"; "Gamification" der Buch-Inhalte oder einfach Raus aus der "99-cent-hell" App Store (und den Fokus auf die E-Book-Stores setzen, wo weniger Wettbewerbsdruck herrscht", so Bleyer. Denn die Bereitschaft für gute Inhalte mehr zu bezahlen sei außerhalb des App-Stores höher.

Auch die Orientierung im App-Store bleibt anhaltend schwierig. Till Weitendorf präsentierte neue Entwicklungen beim digitalen Buchladen für Kinder Tiger Books, wo inzwischen in einem Store drei Vertriebsplattformen mit animierten Büchern erschlossen sind. "Es wird entscheidend sein, in welchem Umfeld Bücher präsentiert werden", sagte Weitendorf und wies auf Features hin, die in Tiger Books lesefördernd wirken – "in einer Printwelt, die zuspitzt", wie der Unternehmensberater Ehrhardt F. Heinold konstatierte, "und in einer digitalen Welt, die ausufernd experimentiert."

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2 Kommentar/e

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  • franz wanner

    franz wanner

    Wenn man große Probleme nur oft genug teilt, wirken sie nur noch niedlich und klein? Oder haben dann nur mehr Beteiligte dasselbe große Problem?
    Schön, wenn bei Kindern eine Überhitzung und Überlastung ausgeschlossen ist. Wer zwei Liter in ein 1-Liter-Glas zu kippen versucht, wird auch erleben, dass 1 Liter vorbeirauscht!
    Aber dies scheint mir nicht das Problem zu sein.Ich sehe zwei andere Probleme.
    a) jenes, welches hier den Lesern nahegebracht wird
    b) und jenes, dass nicht nur Zeit und Inhalte bei schon abgefüllten Kinderhirnen verschwendet wird, sondern dass die Kinder auch hätten ganz andere Dinge tun können.

  • Goldlöckchen

    Goldlöckchen

    Genauso wirkt Reizüberflutung: Das Gehirn schaltet ab, was die Informationsaufnahme betrifft. Und wenn die Reizüberflutung nicht endet, bleibt es auch abgeschaltet. Und schlimmer noch - ein Selektieren der Reize, die vorbei rauschen, ist nicht möglich. Und das soll beruhigend sein? Bei allem Verständnis für das Marketing - wenn PR als Wissenschaft ausgegeben wird, müssen wir uns als Gesellschaft fragen, ob wir das wirklich für unsere Kinder wollen, dass sie nur noch als Zielgruppe gesehen und behandelt werden.
    Lustig war auch eher die "immer gleiche Schrift auf E-Readern", das ist, genauso wie beim Buch, wohl eine Frage der Qualität der Herstellung als technisch vorgeben. Sinnvoller wäre doch hier, zu fordern, dass sich die Typografie neuen Herausforderungen stellen muss, um die Erfahrungen von 500 Jahren auch im E-Bereich weiter einzubringen und entwickeln.
    Keine Perspektiven also, nur mal wieder Kaffeesatzleserei und Multimedia.

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