Gastspiel von Michael Lemling

"Geschärfter Befehl zum Selbstdenken"

Der Münchner Buchhändler Michael Lemling über Stellschrauben, an denen Sortimenter im Jahr 2013 drehen können – um der eigenen Buchhandlung ein unverwechselbares Profil zu geben und so im Stukturwandel in der Branche erfolgreich zu bestehen.

Die Buchbranche steckt im tief greifenden Strukturwandel. An ihren bislang Existenzen sichernden Rahmenbedingungen wird kräftig gerüttelt – und die konjunkturelle Großwetterlage ist auch nicht besonders rosig. Alles deprimierend? In den Branchenblättern gab es 2012 Untergangserzählungen im Wochentakt. Mit welchem Optimismus wollen wir also in dieses Jahr starten?

Die Erfolg versprechende Agenda 2013 für den deutschen Sortimentsbuchhandel kennen wir ebenfalls nicht. Die gibt es auch nicht, weil die entscheidende Frage für die Sortimenter lautet: Wie gebe ich meiner Buchhandlung ein eigenes, unverwechselbares Profil? Das Gute an der Frage ist, dass es zu ihrer Beantwortung mindestens 50 Stellschrauben im Betrieb gibt, an denen jeder Buchhändler täglich drehen kann. Zum Jahresanfang erteilen wir uns also einen "geschärften Befehl zum Selbstdenken". So wie Friedrich der Große dies 1770 von seinen preußischen Universitäten forderte, so verlangen wir es uns freiwillig für 2013 ab und suchen nach eigenen Antworten und Lösungen.

Über die großen Diskussionen der Rahmenbedingungen der Branche darf man die Arbeit am Selbstverständnis und an den Grundvoraussetzungen der eigenen Buchhandlung nicht vergessen. Die unsrigen sind:

■ Am Anfang steht unsere eigene Begeisterung für immer wieder neue Bücher. Diese Leidenschaft muss jeder im Laden haben, vom Auszubildenden bis zum Chef. Ohne sie geht nichts. Was nutzen den Großen Flächenkonzepte und Erlebniswelten, wenn sie kaum einen Buchhändler mehr auf den Platz stellen, der davon berichten kann? Wir schärfen auch 2013 unsere klassischen buchhändlerischen Tugenden (Lesen, Auswählen, Beraten, Verkaufen), stecken unsere Nasen in die Verlagsvorschauen und suchen die Trüffel.

■ Unsere Buchhandlung ist und bleibt eine BUCH-Handlung. Medienhändler und Content-Manager können wir nicht, wollen wir auch nicht. Unsere buchhändlerische Begeisterung gilt nach wie vor auch dem Buch als Objekt. Das ist unser Kerngeschäft, in das wir unsere Energien setzen. Was uns im vergangenen Jahr nicht selten als Ausweg aus dem stagnierenden Markt angepriesen wurde, ist doch das eigentliche Horrorszenario: Ramsch und Nippes, Plüsch und Plastik auf einem Drittel unserer Verkaufsfläche. Wenn der Buchhändler schon kein Vertrauen mehr in sein Hauptgeschäft hat, was sollen dann seine Kunden denken?

■ Unserem Selbstverständnis nach ist unsere Buchhandlung nicht nur Teil des örtlichen Einzelhandels, sondern auch aktiver Teil des Kulturlebens unserer Stadt. Die Buchhandlung ist Treffpunkt, Diskussionsforum, ein Ort für Gespräche über Literatur und ein kleines Literaturhaus aus eigener Kraft.

Daraus folgt nun vieles für unsere tägliche Arbeit am Lehmkuhl-Profil. Im Januar startet unsere Zusammenarbeit mit Arte, deren Monatsthemen wir im Laden und im Netz mit Buchempfehlungen begleiten werden. Im März beginnt unser Veranstaltungsprogramm, mit dem wir "unsere" Autoren und Bücher der Saison präsentieren, im Mai organisieren wir eine Verkaufsausstellung der großartigen Buch-Skulpturen Ivon Illmers (unser Beitrag zur Non-Book-Diskussion). Dann muss das nächste Kundenmagazin unserer Buchhandlungskooperation 5plus auf die Beine gestellt werden.

Mit den örtlichen Machern des Krimifestivals und der Bücherschau junior sprechen wir über Kooperationen, mit der Pressestelle eines Theaters über neue Formen der Zusammenarbeit. Unsere Homepage muss neu gestaltet, eine hauseigene Bestenliste noch erfunden werden. Das kommende Jahr kann nur gut werden.

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7 Kommentar/e

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  • Onkel Klaus

    Onkel Klaus

    Diese Stellschrauben sind doch nicht wirklich neu, oder? Das wird doch schon seit Jahren wiederholt. Fakt ist: 2013 wird ein sehr schweres Jahr für den Buchhandel. Ob diese Stellschrauben reichen werden?

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich finde gut, dass hier Inhalte im Mittelpunkt stehen. Wenn man die passenden Inhalte zu seiner jeweiligen Zielgruppe findet und präsentiert, dann weiß man wenigstens, wo man steht. Und so ein Fundament ist die Grundlage überhaupt von jeder Perspektive.

  • Stefan Grabowski

    Stefan Grabowski

    Naja, der Rat "besinnt Euch auf das, was Euch von den anderen abgrenzt" ist nun nicht wirklich neu oder typisch für den Buchhandel. Das kann man jedem Selbständigen ohne Risiko (und leider so pauschal auch ohne Nutzen) an die Hand geben...

  • Mario Max

    Mario Max

    Lieber Michael, schön, wie Du das Wesentliche auf den Punkt bringst: Ohne die BEGEISTERUNG für, die LUST auf und die LEIDENSCHAFT an der Literatur, an gut erzählten Geschichten und gut transportierten Sach-Informationen geht es nicht. Unsere KundInnen erwarten zu Recht in den Buchhandlungen Emotionen (das kalte Netz kennt nur vorgefertigte smilys), denn nur diese Emotion schafft Atmosphäre. Und für diesen Mehrwert gehe ich gerne vor die Tür und spüre das Wetter, spüre das Leben draußen! Ihr seid eine großartige Buchhandlung aus eben diesem Grund! Ich freue mich über/auf Euch in 2013! Hart arbeiten werden wir müssen, ja. Aber das ist auch gut! Sehr herzlich, Mario

  • franz wanner

    franz wanner

    nette Worte: Aber leidensfähigkeit gehört zur Leidenschaft wohl auch dazu.
    Jede der 50 Stellschrauben kostet auch Geld und von der begeisterten Zielgruppe der Leser kann jeder Anekdoten erzählen, aber keiner (über)leben.
    Der Buchhandel ist nur der Mittler zwischen Kunde und Verlag. Wenn Käufer und Verlage sich nicht oder anders arrangieren, kann der Händler sich selbstredend auch irgendwie anders begeistern... nur handeln muss er trotzdem. Mit was auch immer.

  • Ulrich Dombrowsky

    Ulrich Dombrowsky

    Wer schon die Überschrift nicht versteht "Befehl zum Selberdenken" wird vergeblich auf "neue Tipps" warten. Es geht in Lemlings Gastspiel um den Weg, den Lehmkuhl sich für 2013 vorgenommen hat. Wer Phantasie besitzt, kann sich für seinen Laden das abgucken, was passt - thematisch und finanziell. Wer Arbeit und Geldausgeben scheut, wird weiter im eigenen Saft schmoren. Lemling erfindet das Rad nicht neu; das ist auch gar nicht nötig. Wir alle wissen, worauf es ankommt: Auf uns selbst!

  • Sophie von Lenthe

    Sophie von Lenthe

    Was Ulrich Dombrowsky und Michael Lemling sagen, stimmt genau: Jede Buchhandlung muss ihr eigenes Profil finden und dafür investieren: Energie, Mut, Neugier und ja, auch Geld, sind gefragt. In meiner Buchhandlung bin ich - @Michael Lemling - übrigens sehr glücklich über meine Nonbook-Abteilung. Die Artikel werden allerdings von mir genau so mühevoll ausgesucht wie die Bücher und die Kunden sind begeistert. Das kann also auch Teil des Profils sein - fern von Nippes, Plüsch und Plastik.

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