Bücherliste zum Thema Reiseberichte

Lesestoff für Argonauten

Mehr Reise war nie: Die Kunst des Reisens und die Reise als Kunst – neue Reiseberichte und Bücher über die richtige Art der Welterkundung abseits der von Pauschaltouristen ausgetretenen Pfade sind Legion. Die interessantesten Novitäten finden Sie hier. VON KAI MüHLECK

Dass eine Reise mehr als ein lästiges Zwischenspiel zwischen Abflug und Landung ist, versucht der britische Journalist Dan Kieran in seinem Großessay „Slow Travel“ (Rogner & Bernhard, 250 S., 19,95 Euro, E.T. Ende März) zu vermitteln. Kieran berichtet, warum er Flugzeuge als Fortbewegungsmittel konsequent meidet. So fuhr er beispielsweise mit dem Schiff, im Zug und per Anhalter zu einer Hochzeit von Freunden in Polen. Der vermeintliche Zeitverlust entpuppt sich für ihn immer wieder als echter Glücksfall: Erst der Verlust der Kontrolle ermöglicht eine Entschleunigung, einen ungeahnten Freiheitsgewinn – mitunter auch Abenteuer und Freiraum für neue Bekanntschaften und inspirierende Naturbegegnungen. Seiner Philosophie des langsamen Reisens liegt ursprünglich ein Jux zugrunde: Mit Freunden beschloss er, auf einem früher in England häufig anzutreffenden Milchwagen durch das Land zu reisen. Bald stellte sich heraus, dass das Elektroauto (Reisegeschwindigkeit 15 bis 20 Kilometer pro Stunde) jeden Abend aufgeladen werden musste – etwa an Elektroherden unbekannter Dorfbewohner. Sein Essay ist zugleich ein Streifzug durch die Philosophiegeschichte und ein (nicht immer unpathetischer) Versuch, die Figur des Flaneurs wieder salonfähig zu machen.

Beinahe ein Klassiker für den postmodernen Individualreisenden ist Andreas Altmanns „Gebrauchsanweisung für die Welt“ (Piper, 224 S., 14,99 Euro). Der Titel, der in der vierten Auflage erschienen ist, gewährt tiefe Einblicke und erhellende Gedanken in Kopf und Herz des modernen Nomaden. Altmann, bestens bekannt als enfant terrible und Rebell gegen bürgerlichen Muff und Zwangskultur, begibt sich regelmäßig auf die Flucht vor den „griesgrauen Zeitgenossen Mitteleuropas“ und auf die „Suche nach Weltkino“ und „magischen Momenten“ auf allen Erdteilen. Auch bei ihm findet sich ein Lob der Eisenbahn und des langsamen Reisens: „Die Mutter aller Vehikel sind die Beine“, schreibt der immerjunge Altmann (Jahrgang 1949). Neben Warnungen vor allen Beamten dieser Welt und ausführlichen Gedanken zum Eros des Reisens, gibt es auch handfeste Tipps für Weltenbummler: Vom Umgang mit dem „Reiseblues“ bis zum „richtigen“ Umgang mit Drogen, dem Erlernen wichtiger Sprachen („1.000 Worte langen“), gilt es, nicht nur einen Führerschein zu besitzen und wo immer nötig zu lügen, dass sich die Balken biegen (um Bettlern und Polizisten zu entgehen), sondern auch, in anderer Hinsicht mobil zu bleiben, sollten einmal Kugeln durch die Luft sausen: „Versuchen Sie, sich einen beweglichen Körper zu bewahren! Um im Bedarfsfall zeitig in eine bleifreie Gegend zu gelangen.“ Aufrichtig, provokant und scharfkantig.

Neu in der „Gebrauchsanweisung …“-Reihe von Piper sind u.a. das beliebte Reiseland Kroatien, Rumäninen, Bruma/Myanmar und das neue Mekka für Camper: Die Insel Krk.

 

Jan-Rolf Janowski hingegen ist ein intimer Kenner der koreanischen Halbinsel: Mehr als fünf Jahre lebte der Autor im Land (vorzugsweise im Süden). In seinem „Fettnäpfchenführer Korea“ (Conbook, 320 S., 12,95 Euro) gibt er Langnasen Hilfestellung, sich dort nicht bis auf die Knochen zu blamieren: Löchrige Socken und Schweißflecken sind tabu, das Mitführen von Visitenkarten und vornehme Zurückhaltung hingegen angesagt. In 44 Kapiteln lässt er seine Helden Nico und Julia in große und kleine Fettnäpfe oder auch einmal mit Geschick neben diese treten. Er erläutert, was es mit dem koreanischen Universalwort „Aigu!“ auf sich hat und führt in Geschichte (Zeittafel) und Kultur des Landes ein, in dem auch Männer sich mit BB-Creme einreiben und im Nahverkehr mit einer aufladbaren Geldkarte gezahlt wird. Und er beruhigt: Wenn ein Koreaner in der U-Bahn ihnen die schwere Tasche entreißen will, geschieht es aus Höflichkeit. Gut zu wissen.

Neu aufgelegt und vor allem aktualisiert wurde der „Fettnäpchenführer China“ der Reihe.

Weniger exotisch ist der kulturelle Crashkurs des Briten Diccon Bewes. „Der Schweizversteher“ (Malik, 288 S., 16,99 Euro) beschreibt die Eidgenossen als Kokosnüsse mit harter Schale, die aber zu Freunden fürs Leben taugen. Bewes, den es aus beruflichen und Herzensgründen nach Bern verschlagen hat, bereiste das Land bergauf bergab mit der Bahn, um zu erfahren, wie sich der „geistige Inselstatus“ der Schweiz erklären lässt. „Der Sommer in der Schweiz kann eine einzige monatelange Wander- und Grillsaison sein. Praktisch alle verbringen jeden freien Augenblick auf einem Berg oder an einem See, was unausweichlich mit einem Essen unter freiem Himmel endet“, hat er dabei herausgefunden. Neben Heidi, Geld, Käse und Schokolade soll vor allem eins typisch für den Charakter der 7,8 Millionen Landesbewohner sein: Kastanientüten mit einer Seitentasche für die Schalen. Tipps für die Reise über den Röstigraben (in die Romandie) und die Fahrt mit der Seilbahn („Schweizer können nicht Schlange stehen. Nutzen sie den Schweizer Sidestep“) und eine Analyse zum „Swinglish“ ergänzen seine teils heitere, teils durch harte Fakten unterfütterte Landeskunde.

Frech, schnell und unterhaltsam kommt das neueste Experiment der Bloggerin und Journalistin Christine Neder daher: „40 Festivals in 40 Wochen“ (Schwarzkopf & Schwarzkopf, 176 S., 14,95 Euro). Von einem Oktoberfest in den USA (Gäste sind fast nur dickliche Renter) bis zu La Tomatina, von Wacken bis zum Mule Day: Ihre Suche nach „kleinen Abseitigkeiten“ mag sich nicht mit der Verve und schonungslosen Härte eines Andreas Altmann messen lassen – aber die stets kontrollierten, kleinen Abenteuer sind spritzig geschrieben. Und gegen Altmann wirken ohnehin viele Grünschnäbel (Neder ist 27 Jahre) geradezu früh vergreist und spießig, obgleich die kleinen Dramen bei Neder wie der vergessene Kauf von Batterien oder die Sorge, ob der Freund Paul das Experiment bis zum Schluss duldet, gut geschrieben und meistens urkomisch sind. So wird sie wegen Wildpinkelns auf dem ukrainischen KazanTip vom Gelände verbannt und verpasst in der Schweiz ein Dinner mit Amy Macdonald und Chris deBurgh. Amüsant.

Sprachlich schlichter aber ungleich handfester war das Experiment von Thomas Bauer. In: „Ostwärts. Zweitausend Kilometer Donau.“ (Wiesenburg, 204 S., 24,80 Euro) beschreibt Bauer sein Experiment aus dem Jahr 2007: Obwohl er erst dreimal zuvor in einem Kajak saß, paddelte er die Donau von Donauwörth bis zum Schwarzen Meer hinunter um die neuen EU-Länder kennenzulernen. Kein Wunder, dass er mehrfach beinahe kentert (u.a. in der Wachau). Kurz vor Bratislava muss er sein Kajak anderthalb Kilometer über einen Waldweg schleppen. Einmal übernachtet sein Paddelboot in einem eigenen Zimmer in einem Luxushotel. Ohne relevante Sprachkenntnisse schlägt er sich durch Ungarn, Kroatien, Rumänien und Bulgarien und erlebt dabei auch Kurioses. Am Ende stehen die Erkenntnis: „Die Donau enthält Welten.“ Außerdem lernt er, dass die Donau die Nichtdauer jedes einzelnen Moments zu repräsentieren vermag. Die neueste Auflage kommt ohne DVD in den Handel.

Ein sprachliches Feuerwerk bietet – der reißerischen Umschlagsgestaltung zum Trotz – Christoph Zürcher in seiner Reportagesammlung „Wie ich Kannibalen, Taliban und die stärksten Frauen der Welt überlebte: Die letzten wahren Abenteuer“ (orell füssli, 218 S., 19,95 Euro). Der Ressortleiter Gesellschaft der „NZZ am Sonntag“ hat 80 Reisen in 30 Länder auf allen Kontinenten unternommen. Seine hinreißenden Reportagen thematisieren außergewöhnliche und mitunter lebensgefährliche Unternehmungen wie die Teilnahme an einem „Ultra-Marathon“ im brasilianischen Regenwald. Größte Motivation für den Lauf durch den Dschungel: Nach Einbruch der Dämmerung müssen die Teilnehmer damit rechnen, dass ein Jaguar sie zur Abendspeise erwählt. Zürcher beschreibt auf herrliche Weise, wie schlecht er sich bei den meisten Aufgaben anstellt: Ob er bei der Suche nach dem Grab von Dschingis Kahn vom Pferd fällt oder mit seinem Suzuki in einem mongolischen Fluss versinkt oder wenn er beim Urmenschen-Fitnessworkshop der Paläo-Bewegung auf urkomische Weise beim Erklettern eines Baumes scheitert (während ein Jetski in der Nähe vorbeidonnert) – seine Sammlung bietet verblüffende Einblicke am Fließband und höchstes Lesevergnügen. Sprachliche Juwelen funkeln auf jeder Seite: „Zwei Kinder rollen einen Autoreifen an mir vorüber. Das kann nichts Gutes bedeuten. Unser Auto ist das Einzige hier“, kommentiert er in brenzliger Situation in Äthopien trocken.

Unfreiwillig komisch und lehrreich ist der Bericht der Weltreise des 1914 in Sarajevo erschossenen österreichischen Thronfolgers Franz Ferdinand von Österreich-Este: „Die Eingeborenen machten keinen besonders günstigen Eindruck: Tagebuch meiner Reise um die Erde 1892-1893“ (Kremayr & Scheriau, 286 S., 24 Euro). Eine Ironie des Schicksals, dass der dem Jagdfieber verfallene Hochadlige, der in seinem Leben mehr als 250.000 Wildtiere schoss (darunter Fliegende Fische, Elefanten, Tiger, Hirsche und Adler – an manchen Tagen bis zu 2.000 Möwen), selbst durch eine Kugel sein Ende fand. Ignoranz und Vorurteile (so freut er sich über ein Erdbeben in Japan und beklagt sich immer wieder über die Hässlichkeit anderer Völker und deren Musik) wechseln sich mit überraschenden Handlungen ab (er lässt sich in Japan einen Drachen auf die linke Schulter tätowieren und beklagt die Zerstörung der kanadischen Urwälder, beim Anblick des Himalaya beginnt er zu jodeln). Der Urgroßvater des Herausgebers von Frank Gerbert musste dem Monarchen als Gewehrstativ dienen. Der Band enthält bislang kaum bekannte Fotografien von der Reise, die zum Großteil auf einem Panzerkreuzer stattfand. Eine wahre Fundgrube.

Eine Fundgrube in anderer Hinsicht ist Vito von Eichborns Beschreibung „Mein Mallorca“ (mare, 144 S., 18 Euro). Es ist, als säße man in der Finka des Verlegers (einer umgebauten Mühle auf Mallorca) und hörte ihm zu, wie er die Insel und deren Bewohner beschreibt. Ein von Anekdoten und literarischen sowie historischen Streifzügen zusammengehaltenes Panoptikum von Dieter Bohlen bis zum Wurstkönig Hans Abel, von mallorquinischer Küche bis katalanischen Universalgenie Ramon Llull (1232-1316). Enthält auch Tipps für Umsiedler.

An Jugendliche richten sich zwei Mitmachbücher:

Mit „Dies ist kein Reiseführer“ (160 S., 7,99 Euro, erscheint im Mai) setzt Carlsen seine bereits etablierte Reihe fort. Tipps gegen Liebeskummer und Sonnenbrand, gut verdaubare Portionen Weltwissen (was sind Roaming-Gebühren?) und natürlich eine Menge Ermunterung um aktiv zu werden sind enthalten. Eignet sich vor allem zur Selbsterforschung und zur Beschäftigung mit dem Urlaubsland – auch, wenn es Balkonien heißt.

 

Bastei Lübbe hält mit „Ich war hier!“ (128 S., 10 Euro) entgegen. Grafisch verspielter ist der Mitmach-Faktor hier noch höher: „Kleckse etwas von dem, was du gerade trinkst auf diese Seite“ und setzt auf die Interaktion mit Menschen, denen man unterwegs begegnet: Diese sollen in das Buch zeichnen oder Tipps für Ausflugsziele geben.

 

Mehr zum Thema Reisen lesen Sie in unserem Börsenblatt Spezial Reise & Sprachen (Heft 10), das heute erschienen ist.

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