Gastspiel von Michael Schikowski

Dialektik des Digitalen

Gedruckte Bücher können nicht auf Knopfdruck aus dem Verkehr gezogen werden. Irgendwo wird sich immer noch ein Exemplar finden. Ein Vorteil, den kein E-Book aufwiegen kann. Meint der Sachbuch-Blogger Michael Schikowski.

Michael Schikowski

Michael Schikowski © privat

Im Jahr 2009 stellte man bei Amazon fest, dass man ein E-Book vertrieben hatte, an dem man keine Rechte besaß. Es handelte sich − Ironie der Geschichte − um George Orwells "1984", und Amazon reagierte dann auch gleich wie in der von Orwell geschilderten Welt: Jeff Bezos entschuldigte sich kurz und der Text wurde von der Zentrale per Knopfdruck auf dem Kindle ­gelöscht. Das heißt, "auf dem Kindle", ist vielleicht falsch.

Wenn der Lizenzgeber der E-Books − aus was für Gründen auch immer − dem Lizenznehmer das Konto sperrt, über das sie verwaltet werden, wird man auch auf diejenigen Bücher nicht zugreifen können, die bereits gekauft wurden. Man stelle sich vor, auf seine Bücher nur dann Zugriff zu haben, wenn man im Sinne eines internationalen Konzerns brav war und neue dazukauft.

Die Begriffe, die wir uns im Umfeld der Digitalisierung arglos zu gebrauchen angewöhnt haben, sind vielleicht schon längst dabei, uns und auch die Kunden zu foppen. Nicht alles, was man auf dem Reader hat, ist auch wirklich drauf, das E-Book ist gar kein Buch − und nun ist das, was man so landläufig als Eigentum versteht, nichts weiter als ein mehr oder weniger fragiler Zugang.

Es sind aber nicht allein diese unscharfen Semantiken, die zu Irrtümern in der Sache führen. Auch die Sache selbst wird prinzipiell missverstanden, wenn man Buchkultur − wie das sehr häufig in der Debatte zur Digitalisierung geschieht − als medien- und vermittlungsunabhängig ansieht. Die Buchkultur in Deutschland ist ein soziales Phänomen, das sich dem Medium Buch und der Vermittlung durch Familie, Schule und Universität verdankt. Buchkultur ist keine medienunabhängige Textkultur und kein sich irgendwie individuell bildender Habitus. Und es ist eben diese soziale Basis, die auch die Grundlage der Digitalisierung bildet.

Hinzu kommt: Die Vorstellung einer vorgeblichen digitalen Allzugänglichkeit der Digitalisate manipuliert die bisherige Publikationsgeschichte. In dieser Lesart scheinen nämlich paradoxerweise die gedruckten Exemplare eines Buchs für seine Verknappung zu sorgen. Das Buch ist danach nur an dem Ort einsehbar, an dem sich mindestens ein Exemplar befindet. Im Vergleich zur Allzugänglichkeit als Digitalisat wird das gedruckte einzelne Buch anscheinend zu etwas Elitärem.

Die mit viel Enthusiasmus verbreitete Vorstellung, dass neuere Entwicklungen alles andere in den Schatten stellen, ist nur zu naheliegend. Auf längere Sicht betrachtet, könnte sich aber zeigen, dass das Neue die Vorteile des Alten nur noch deutlicher vor Augen führt. Eine Dialektik des Digitalen.

Wer ein Buch in welcher Auflage auch immer druckt, stellt mit der Verbreitung des Buchs Öffentlichkeit her. Selbst eine kleine Auflage ist im Unterschied zum E-Book, das per Knopfdruck aus dem Verkehr gezogen werden kann, eine kaum zurücknehmbare Veröffent­lichung. Irgendwo wird sich immer noch ein Exemplar finden, auch jenseits von Amerika, auch in politisch schwierigen Zeiten und nach 500 Jahren! Wer wirklich sichergehen will, muss Bücher machen.

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12 Kommentar/e

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  • Galbadon

    Galbadon

    Das gilt aber auch für das digitale Buch - irgendwo, auf irgendeinem Rechner, wird es noch eine Datei geben (es sind ja nicht alle bei Amazon und nicht alle lagern ihre Bücher nur in der Cloud). Und die ist im Zweifelsfall auch rascher verbreitet als das gedruckte Buch.
    Gefährlicher ist das schon der technologische Fortschritt, der alte Formate nicht mehr lesbar macht.
    Dennoch, im digitalen Buch liegt der Triumpf der Backlist - und so ist es keine Frage ob gedruckt oder digital, beides hat seine Existenzberechtigung.

  • Renate Rothe

    Renate Rothe

    Danke für diesen Artikel, Herr Schikowski, ich werde mir mit Freuden Ihren letzten Satz zu Herzen nehmen

  • Sebastian Köppl

    Sebastian Köppl

    Der Artikel geht weder hinreichend auf die problematischen Aspekte noch auf die partiellen Vorteile des E-Book ein. Dennoch ist es gut, dass in der gegenwärtigen Euphorie einige kritische Punkte angesprochen werden.Im Übrigen gilt ja die Warnung an die Fachreferate in den Bibliotheken, sich nicht allzu schnell auf das E-Book festzulegen und ggf. bei parallelenAngeboten "...beide Formen zu erwerben, da beide gewisse Vorzüge haben, die nicht selten unverzichtbar sind" (Umstätter, Lehrbuch d. Bibliotheksmanagements,2011, S.86) .
    Sebastian Köppl

  • Bettina Gähle

    Bettina Gähle

    Ich finde beide Erscheinungsformen gut, sowohl Print als auch Digital, beide haben ihre Daseinsberechtigung.

    Ich finde es klasse, dass ich wählen kann in welcher Form ich lesen (und manchmal auch lernen) möchte!

    In Forschung, Lehre und Wissenschaft, und auch in vielen Unternehmen und öffentlichen Institutionen sind eBooks, eJournals & Co. seit Jahren selbstverständlich - und auch nicht mehr wegzudenken!

    Ich lese nach wie vor gerne Printausgaben, und ein gut gemachter Bildband in hoher Papierqualität ist in gedruckter Form natürlich schöner anzusehen als auf einem Tablet-PC.

    In unserem Haushalt gibt es aber ebenfalls Reader (nein, kein Kindle, der Neueste ist ein Tolino, mit dem wir übrigens sehr zufrieden sind) und ein Tablet, und auf beiden ist schon eine beachtliche Bibliothek gespeichert.

    Für unterwegs und für den Urlaub ist es einfach praktisch, sich vorab schon ein paar Wunschtitel auf den Reader oder das Tablet zu laden, das bedeutet weniger Gepäck,
    und wenn dann auf Reisen der Lesestoff ausgeht und keine Buchhandlung weit und breit in der Nähe ist, dann ist man dank W-Lan in wenigen Minuten wieder versorgt!

  • André Förster

    André Förster

    @ Bettina Gähle
    Ich finde es immer wieder großartig zu lesen oder zu hören, dass E-Reader bzw. E-Books gerade im Urlaub so praktisch seien, weil man dann nicht so viel Gepäck hat. Wer bitteschön, liest im Urlaub mehr als ein, zwei Bücher, es sei denn, der Urlaub ist einfach zu langweilig. Im Übrigen werden ja Gewicht und Volumen von mindestens zwei mittleren Taschenbüchern wiederum vom Mitschleppen des Readers/Tablets kompensiert. Dieses Geschwätz von der Entlastung des Urlaubsgepäcks wird auch nicht durch ständige Wiederholung stichhaltiger.

  • Merfelle

    Merfelle

    @ André Förster

    Obwohl Sie (offenbar) kein Buch im Urlaub lesen, scheinen es andere dagegen ja zu tun. Und vielleicht lesen sie auch zwei oder drei Bücher (nicht zu fassen, was!?). Und es soll ja auch Taschenbücher geben, die mehr Seiten haben und dicker sind als eine "mittlere" Ausgabe (Unglaublich, oder!?). Und da spielt der Reader/Tablet dann durchaus eine Rolle, was Gewicht und Platz angeht. Bleibt also festzustellen: Alles von sich selbst ausgehendes und über einen Kamm scherendes Geschwätz ist nicht stichhaltig.

  • Enkelin

    Enkelin

    @ 5 - Herr Förster,
    der einzige, der hier dumm schwätzt, sind Sie! Werden Sie mal 75 Jahre alt und fahren in Urlaub. Meine Oma ist körperlich nicht mehr gut beieinander, aber geistig 100% fit! Die alte Dame preist die E-Reader als die beste Erfindung seit des Buchdrucks. Die leiht sich E-Books in erster Linie aus der städtischen Bücherei und freut sich, dass sie nicht mehr schleppen muss.
    Auch für mich mit meinen 30 Jahren ist das Gewicht ein gewichtiges Argument! Und Ihre Unterstellung, das jemand, der im Urlaub mehr als ein Buch liest, einen "langweiligen" Urlaub hat, ist einfach nur dämlich. Ich hatte noch nie einen langweiligen Urlaub, bin aber trotzdem in der Lage, in zwei bis drei Wochen circa 10 Bücher zu lesen.

  • Bettina Gähle

    Bettina Gähle

    @ André Förster

    Beispiel für den Urlaub gefällig?

    Letztes Jahr sind mein Mann und ich für 2 Wochen in die USA/Kalifornien geflogen:

    11 Stunden Hinflug, 10 Stunden Rückflug = viel Zeit zum Lesen!

    Wir haben ein paar Tage in San Francisco verbracht, und sind den Highway 1 entlang mit Zwischenstopps und Übernachtungen nach Los Angeles gefahren.
    Und auch unterwegs = immer wieder Zeit zum Lesen!

    Lesen "schaffen" wir auch genauso im Urlaub an der Nordsee.

    Da wir kein Hardore-Sightseeing betreiben (alles muss man nicht gesehen haben...), sondern uns auch im Urlaub entspannen wollen, bleibt auch immer Zeit zum Lesen.

    Vielleicht liegt's auch daran, dass wir es schaffen so viel zu lesen, weil wir die Bücher nicht auswendig lernen wollen...

    P.S.:
    Zur Zeit lese ich einen Krimi- auf dem Tablet.
    Und ich bin nicht mal im Urlaub:-)!

  • Bettina Gähle

    Bettina Gähle

    @ Enkelin

    Ich stimme Ihnen absolut zu!!!

    Als ich 1988-1991 meine Ausbildung zur Buchhändlerin machte, kamen so langsam die Hörbücher für Erwachsene auf (Deutsche Grammophon und Schumm's Sprechende Bücher beispielsweise).

    Was waren die verpönt!!!

    Aber in erster Linie verpönt bei den Buchhändlern, bei den Kunden ganz und gar nicht!

    Viele Buchhändler wollten in ihrem "Papierwahn" aber überhaupt nicht wahrhaben, dass es zum Beispiel Menschen gibt, die krankheits- oder altersbedingt über wenig Augenlicht verfügen oder gar blind sind- und nicht alles in Braille lesen wollen.

    Dass eine weitere große Zielgruppe gerne Hörlesungen und Hörbücher schätzt:
    Leute die aus beruflichen Gründen viele Stunden pro Woche im Auto verbringen müssen: Pendler und Außendienstler.

    Und, dass es einfach so Spaß macht ein Hörbuch mit tollen Sprechern zu genießen!

    In meiner Lehrbuchhandlung (Schmorl & von Seefeld in Hannover übrigens) war man zum Glück solchen Medien gegenüber offen und sie haben sich schon damals recht gut verkauft.

  • Versuch's mal mit Gemütlichkeit

    Versuch's mal mit Gemütlichkeit

    Also ich schätze den Buchhandel gerade wegen seiner Gemütlichkeit und Langsamkeit, das eigentlich immer alles noch so ist wie vor 30 Jahren und das es nicht ständig irgendwelche "Innovationen" gibt. Ich finde das gut. Man weiß, was man hat, wie es läuft und braucht sich nicht jedes Jahr auf irgendwelche Neuerungen einstellen. Der Alltag geht einem flott von der Hand (Bücher auspacken und wegräumen, Regale abstauben, bisschen als Geschenk einpacken, kassieren, Vorschauen angucken etc.), alles geht wie von selbst und man hat genug Zeit, in den Tag zu träumen. Abends schließt man seinen Laden ab und hat dann Feierabend. Finde ich nicht schlecht. Besser als Branchen, die schnell, innovativ, streßig, anspruchsvoll usw. sind. Das ist doch nix. Das macht einen nur kaputt. Da bleibt einem keine Zeit für die wichtigen Dinge im Leben. Freunde, Familie, Essen. Das ganze Karriere machen und Geld verdienen führt doch nur zu Streßkrankheiten. Das ist doch für Buchhändler nichts. Die schätzen noch das einfache und überschaubare arbeiten. Und vor allem ohne eBooks und solchen Sachen. Das elektronische Buch ist doch in zwei, drei Jahren out!

  • E-Leser

    E-Leser

    Naja, als seinerzeit so nach und nach vom Schriftrollenformat auf das Papierbuchformat umgestellt wurde, waren auch nicht alle Nutzer begeistert, wie folgendes Filmdokument aus alten Zeiten beweist:

    http://www.youtube.com/watch?v=brAlzKHYFnA

    ;-)

  • uwacm

    uwacm

    Selten so einen Quatsch gelesen. Elektronisch läßt sich ein Buch viel leichter in verschiedene Formate und auf verschiedene Trägermedien bringen; in WEIT größeren Stückzahlen, zu weit geringeren Kosten; es läßt sich leichter verstecken, physisch und durch kryptographische Verfahren; unbrennbar bis fast unkaputtbar machen, usw. usf.

    • ...

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