Jörg Sundermeier (Verbrecher Verlag) über die Folgen des LKG-Brands

"Mindestens 25.000 unserer Bücher sind vernichtet"

Der Verbrecher Verlag verliert bei dem Großbrand eines Außenlagers der LKG einen Teil seiner Bücher, jetzt geht es ums Schadensbegrenzung. Ein Gespräch mit Verleger Jörg Sundermeier über schockierte Autoren, Versicherungen, finanzielle Engpässe - und das Krisenmanagement der LKG. VON INTERVIEW: HOLGER HEIMANN

Jörg Sundermeier: Leiter des Verbrecher Verlags in Berlin

Jörg Sundermeier: Leiter des Verbrecher Verlags in Berlin © Cordula Giese

Wie viele Bücher aus dem Verbrecher Verlag sind betroffen?
Mindestens 25.000 unserer Bücher sind vernichtet.


Wie viele Titel sind das?
Es sind mindestens 35 Titel, möglicherweise aber auch 73 Titel betroffen. Die Bestände werden derzeit noch gesichtet. Man weiß bisher, was definitiv verbrannt ist. Daneben gibt es auch Schäden durch die Löscharbeiten, durch Dämpfe und Ruß – wie umfangreich diese sind, ist noch nicht genau zu beziffern.

Beherbergte das Außenlager den Großteil Ihrer gesamten Buchbestände?
Zum Glück ist das aktuelle Programm nicht betroffen. In dem Außenlager hatten wir alles in allem 65.000 Bücher – ausschließlich Backlisttitel, die jüngsten knapp ein Jahr, die ältesten fünf bis sechs Jahre alt; entsprechend variiert auch der Umfang der Bestände pro Titel.

Wurden diese Titel noch nachgefragt?
Es gibt einige Titel, die zugegebenermaßen zwar weniger nachgefragt wurden, dennoch hängt unser Herz auch an ihnen. Daneben handelt es sich bei den vernichteten Büchern aber durchaus auch um Titel, die noch immer gut verkauft wurden; darunter zum Beispiel der erste Band der Mühsam-Tagebücher, ein Gedichtband von Georg Kreisler oder der Roman „Winkler, Werber“ von Enno Stahl  aus dem Vorjahr. In diesen Fällen wurde der Bestand restlos oder nahezu restlos vernichtet und wir werden mit Sicherheit nachdrucken.   

Haben Sie die Aufträge zum Nachdruck schon vergeben?
Ich bin noch dabei, mir einen Überblick zu verschaffen, was ich aus meinem Handlager bedienen kann. Aber einige Druckaufträge sind schon raus, etwa für Christian Y. Schmidts "Im Jahr des Tigerochsen", dessen Nachfolgeband "Im Jahr des Hasendrachen" gerade erschienen ist. Der Autor geht mit dem aktuellen Buch auf Lesereise und natürlich muss dann auch der zuvor herausgekommene Band verfügbar sein.

Wie viele Titel werden Sie nachdrucken?
Das ist noch offen und hängt vor allem von der abschließenden Analyse durch die LKG ab.

Wie haben die Autoren reagiert?
Ich habe alle Autoren informiert, die definitiv betroffen sind. Die waren zum Teil betroffen und sogar geschockt. Für einige ist es sehr hart, denn es wird Bücher geben, wo es sich wirtschaftlich nicht lohnt, nachzudrucken. Die sind dann schlichtweg nicht mehr verfügbar. Die Bücher sind nun mal die Kinder der Autoren, jetzt sind sie weg.

Die Bestände sind versichert. Wie gravierend trifft der Brand Ihren Verlag ökonomisch?
Es betrifft uns nicht existenziell. Aber das Geld, mit dem jetzt die Nachdrucke finanziert werden müssen, ist nicht in meinem Jahresetat eingeplant. Da kommt mithin ein finanzieller Engpass auf uns zu. Und ohnehin ist klar: Bis die Versicherung alles geprüft hat, wird noch einige Zeit vergehen.

Haben Sie mit der Versicherung gesprochen?
Das erledigt die LKG für uns, die man ohnehin für das Krisenmanagement nur loben kann.

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13 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Andre Thiele

    Andre Thiele

    DER Alptraum für jeden Verleger.

    Dem Kollegen Sundermeier und allen betroffenen Verlagen drücke ich fest die Daumen, dass es am Ende ohne Lieferengpässe und Finanzeinbußen abgeht.

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Gute Bücher verkaufen sich. Das ist entscheidend.

  • Verleger

    Verleger

    @ Frau Bergmann:
    1. Nein, das ist schlicht nicht wahr. Es gibt definitiv auch gute Bücher, die sich NICHT verkaufen, und es gibt definitiv schlechte Bücher, die sich - warum auch immer - gut verkaufen.
    2. (und wichtiger) Was soll der Kommentar hier - bei diesem Thema??

    Wir gehören im Übrigen ebenfalls zu den betroffenen Verlagen, halten uns aber mit einer offiziellen Stellungnahme noch zurück, weil wir erst die endgültige Analyse der Gutachter abwarten wollen. Fakt ist: Hier geht es um die Existenz, ums nackte Überleben für viele Verlage. Denn nun fehlt der tägliche Umsatz, der Nachdruck so vieler Titel ist nicht finanzierbar (auch weil der Tagesumsatz fehlt - Teufelskreis), und bis die Versicherung wirklich zahlt, ist es vielleicht für einige schon zu spät.

    Eine große Bitte daher an die Buchhändler: Informiert euch über die betroffenen Verlage, zeigt Solidarität, vertröstet ggf. Kunden wegen kurzzeitiger Lieferengpässe und fragt vor allem erst einmal im Verlag nach, wenn ein Titel offziell von KNV als "vergriffen" oder "nicht lieferbar" gesetzt ist - es könnte sich um einen "Brand"-Titel handeln und daher noch Exemplare am Handlager sein.

    Irgendwie hatten wir auch auf stärkere kollegiale Reaktionen von Verlegern und Buchhändlern gehofft - aber niemand scheint (so mein Gefühl) die Katastrophe als das wahrnzunehmen, was sie ist: als Super-GAU.

  • Hugo

    Hugo

    @ verleger
    Über viele Kommentare von Frau Bergmann kann man sich schlicht gesagt nur wundern, was da leider manchmal an Un-(Schwachsinn) abgesondert wird und meist am Thema vorbei. Leider

  • Frischhaltefolie

    Frischhaltefolie

    @ Hugo @ verleger

    "Über viele Kommentare von Frau Bergmann kann man sich schlicht gesagt nur wundern, was da leider manchmal an Un-(Schwachsinn) abgesondert wird und meist am Thema vorbei."

    Das ist mir auch schon aufgefallen.....

  • Shine bright like a Diamond

    Shine bright like a Diamond

    Interessant ist, das sich bei Themen wie Amazon, eBook und böse Filialisten die Gemüter der Sortimenter geradezu überschlagen und Millionenfach kommentiert wird, während in diesem Fall nur wenig Resonanz aus dem Sortiment kommt. Eigentlich erstaunlich, da sich das Sortiment doch die Liebe zum Buch, die Bewahrung der Kultur und die absolute "Kompetenz" beim Thema Buch auf die Fahne geschrieben, dies geradezu verbissen verteidigt und nicht müde wird, es Gebetsmühlenartig zu wiederholen. Eigentlich sollte Herr Sundermeier vom Verbrecher Verlag doch Tonnenweise Solidaritätsbekundungen von "kulturbeflissenen" Sortimentern bekommen (schließlich sind Bücher(!) verbrannt), ähnlich wie Herr Schrör vom Verlag Die Neue Sachlichkeit mit seinem Amazon-Boykott!?
    Es scheint so, als tritt der Buchhändler nur auf den Plan, wenn es gegen den bösen Amazon zu wettern gilt und um den eigenen Speck (sprich Umsatz!) geht!?!

  • Kleine Sortimenterin

    Kleine Sortimenterin

    Natürlich sind wir im Buchhandel von dem Brand betroffen
    und hoffen für alle Verlage, daß Sie ohne größeren Schaden
    weiter produzieren können. Bislang war aber die Nachrichtenlage eher dünn und die Ausmaße nicht
    bekannt.
    Wie wäre es, wenn Sie einen Brief verfassen, den wir
    in den Läden auslegen mit den betreffenden Verlagen
    und so für die Aufmerksamkeit sorgen. Wenn wir den
    Kunden sagen, in einem Lager hat es gebrannt, dann
    wird er antworten, die waren doch versichert - oder?
    Einen Solidaritätsbrief will ich gerne an die Kunden
    weitergeben.

  • Amazonkunde

    Amazonkunde

    Solange Amazon noch liefert, ist alles in Butter.

  • Kein-Amazonkunde

    Kein-Amazonkunde

    Werter Amazonkunde,
    machen Sie eigentlich auch auf Seiten von Amazon so schön Werbung für Buchhändler, wie hier im umgekehrten Fall?

  • Silvia Horn

    Silvia Horn

    Wir sind 2010 selbst von einem Brand und Löschwasser zerstört worden und wissen, wie schlimm das ist:
    Wir wünschen gute Nerven, Optimismus, und Durchhaltevermögen...
    Wir denken an Sie!
    Silvia Horn

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich habe alle betroffenen Verleger eingeladen, sich hier dem Publikum zu präsentieren und ihre Bücher auf eigene Rechnung zu verkaufen.

  • Student

    Student

    Ich weiß gar nicht was hier gegen die Sortimenter gewettert wird - was bringt es, wenn sie hier ihr Beileid bekunden? Das ist zwar nett, bringt die Bücher aber auch nicht zurück. Kaum einer wird schadenfroh hinter der Ladentheke sitzen und denken "HAHA"!

  • H-Milch

    H-Milch

    @ Student

    "Ich weiß gar nicht was hier gegen die Sortimenter gewettert wird - was bringt es, wenn sie hier ihr Beileid bekunden? Das ist zwar nett, bringt die Bücher aber auch nicht zurück."

    Dafür sind die Sortimenter groß im jammern, zetern und meckern. Am liebsten über den bösen bösen Amazon ;-)

    • ...

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